Neu in der SWMH-Tasche: Die "Kreiszeitung Böblinger Bote". Fotos und Montage: Joachim E. Röttgers

Neu in der SWMH-Tasche: Die "Kreiszeitung Böblinger Bote". Fotos und Montage: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 401
Wirtschaft

Die Portfolio-Bereinigung

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 05.12.2018
Das Prinzip ist eiskalt: Der Stuttgarter Medienkonzern SWMH kauft kleinere Verlage und macht sie Stück für Stück platt. Auf der Strecke bleiben die Beschäftigten – und die zweite Meinung. Lehrstücke aus Esslingen und Böblingen.

In ihrer Not haben sie sich an die Frau gewandt, die ihnen immer versichert hat, sie wäre auf ihrer Seite. Das war beim Verkauf der "Eßlinger Zeitung" (EZ) anno 2016 so, der, so sagte sie, zu ihrem Wohl war. Und das war ein Jahr zuvor so, als sie auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtet haben, damit eine neue Druckmaschine angeschafft werden konnte. Zur Arbeitsplatzsicherung. Und jetzt hat ihnen Christine Bechtle-Kobarg gesagt, sie würde gerne helfen, könne es aber nicht, weil sie nichts mehr zu sagen habe. Leider, leider könne sie keine Hoffnungen machen. Mit dem größten Bedauern.

Das war in der vergangenen Woche, als Mitarbeiter des Bechtle-Verlags vor ihrem Zimmer standen, dem Herausgeberbüro im ersten Stock in der Esslinger Zeppelinstraße 116. Dort residiert die Ex-Verlegerin immer noch, mit Titel, ordentlicher Altersversorgung, und ohne Befugnis.

Die Ex-Verlegerin hilft. Beim Spenden für Weihnachten

Sie haben ihr einen Brief übergeben, aus dem hervorging, dass fast ein Viertel der Belegschaft, sprich: mehr als 60 Beschäftigte, zum 28. Februar 2019 gekündigt werden. Etwas Schlimmeres hätte ihnen nicht passieren können, schreiben sie und erinnern daran, dass die Rotarierin auch in diesem Jahr wieder an der Spitze der EZ-Spendenaktion steht, die Menschen unterstützen will, mit denen es "das Schicksal nicht gut meint", etwa, weil es "im beruflichen Umfeld Probleme gibt".

Die alte Rotationsmaschine, Baujahr 1934, steht vor dem Verlagshaus in der Esslinger Zeppelinstraße. Für eine neue haben die Drucker auf Weihnachtsgeld verzichtet.
Die alte Rotationsmaschine, Baujahr 1934, steht vor dem Verlagshaus in der Esslinger Zeppelinstraße. Für eine neue haben die Drucker auf Weihnachtsgeld verzichtet.

Die Menschen, die vom Schicksal der Kündigung betroffen sind, arbeiten in der Bechtle Druck & Service GmbH & Co. KG (BDS) sowie der Bechtle Weiterverarbeitungs GmbH & Co. KG. Beides sind Tochtergesellschaften des Bechtle-Verlags, der seit zwei Jahren zur Südwestdeutschen Medienholding SWMH gehört. Viele arbeiten seit Jahrzehnten in dem Traditionsbetrieb, dem Ministerpräsident Winfried Kretschmann noch im vergangenen Jahr ein Loblied zum 150. Geburtstag gesungen hat. Viele waren bis vor Kurzem stolz darauf, ein "Teil der Firma" zu sein.

Das sind sie nicht mehr. Sie sind enttäuscht, wütend und frustriert, weil sie immer alles mitgetragen haben: Verzicht auf Lohnerhöhungen, 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich, Gehaltskürzungen. Dafür haben sie immer hochwertig gedruckt. Für die Edelmarken Rolf Benz und Duravit bis zum katholischen Sonntagsblatt.

Das Aus, sprich: die Schließung beider Betriebe, hat ihnen einer der vielen SWMH-Geschäftsführer am 6. November verkündet. In wenigen Minuten erklärt Carsten Huber das Esslinger Akzidenzdrucken für nicht mehr zukunftsfähig, entschwindet grußlos nach Möhringen, wo er als Schwarzwälder Zögling des ehemaligen Ober-Geschäftsführers Richard Rebmann offenbar für solche Schmutzarbeiten ausgeguckt wurde. Am nächsten Tag wird die "Eßlinger Zeitung" den Unter-Geschäftsführer Andreas Heinkel sagen lassen, es handele sich hier um eine "Portfolio-Bereinigung" sowie um eine Fokussierung auf das Kerngeschäft. Brav aufschreiben darf das EZ-Chefredakteur Gerd Schneider. Jetzt sind die Hinausgekehrten endgültig stinksauer – aber machtlos.

Kein Tarif, kein Betriebsrat, kein Sozialplan

Jetzt rächt sich, dass beide Unternehmen tariflos und ohne Betriebsrat sind. So steht kein Sozialplan zur Debatte, nur die vage Andeutung von Heinkel, mit einem freiwilligen Abfindungsprogramm wolle man "der Verantwortung für die Beschäftigten gerecht werden". Wie viel sie ihm wert ist, beziffert er nicht; konkret ist nur eine Zahl, die allerdings von kurzer Haltbarkeit ist. Laut Gewerkschaft Verdi ist eine tägliche Anwesenheitsprämie von 30 Euro ausgelobt, für jeden, der zur Arbeit erscheint. Zusätzlich zum Lohn. So wolle die Firma einem zu hohen Krankenstand vorbeugen, erläutert Verdi-Sekretär Uwe Kreft, um das Weihnachtsgeschäft in Gänze mitnehmen zu können. Den KollegInnen sei empfohlen worden, berichtet der Gewerkschafter, "nochmals richtig ranzuklotzen". So würde mehr für die Abfindung übrig bleiben.

Sie wäre nicht die Tochter ihres Vaters, hat Christine Bechtle-Kobarg (links) einst gesagt, wenn sie nicht das Wohl ihrer Mitarbeiter bedacht hätte. Otto W. Bechtle (rechts) ist 2012 gestorben.
Sie wäre nicht die Tochter ihres Vaters, hat Christine Bechtle-Kobarg (links) einst gesagt, wenn sie nicht das Wohl ihrer Mitarbeitenden bedacht hätte. Otto W. Bechtle (rechts) ist 2012 gestorben.

Kreft zieht daraus einen Schluss mit Perspektive: Offenbar hat die SWMH genügend Geld, um außertarifliche Lohnerhöhungen zu bezahlen, wenn der Kittel brennt. Warum sie also nicht gleich in das Arsenal des Arbeitskampfs einpreisen? Sprich, statt sich den Hintern auf der Straße abzufrieren, wird zum Beispiel vor Wahlen eine Anwesenheitsprämie für die JournalistInnen gefordert, die dafür nicht zu streiken brauchen. (Allerdings würden damit auch einige Titelautoren der "Stuttgarter Nachrichten", die sich als Streikbrecher betätigt haben, wie Kreft weiß, eines niederen vierstelligen Betrags verlustig gehen.)

38 Kilometer weiter westlich, in Böblingen, schlägt der Stuttgarter Pressekonzern dieselbe Gangart an. Auch dort ist die Gelegenheit günstig. Die "Kreiszeitung Böblinger Bote" (KRZ BB) erreicht noch eine Auflage von 14 000 Exemplaren. Verleger Paul-Matthias Schlecht erzählt seinen Angestellten seit Jahren, das Geld werde immer knapper, was sich seit 2015 in der verspäteten Auszahlung des Weihnachtsgeldes bemerkbar macht. Gespart wird an der Instandhaltung der Gebäude, den Druck- und Versandmaschinen, nur nicht an Versprechen, dass die Sippe das Unternehmen weiter führen werde. Noch im Dezember 2016 behauptet er gegenüber Kontext, er werde "alles tun, dass der familiäre Charakter der Kreiszeitung vollinhaltlich, umfänglich und betriebstechnisch erhalten bleibt".

Auch in Böblingen schlummern wieder Synergie-Potenziale

Ein Jahr später ist Schluss damit. Am 5. Dezember 2017 übernimmt die SWMH den Verlag komplett, Schlecht verabschiedet sich in den auskömmlichen Ruhestand und schafft es noch, seinen dafür nicht ausgebildeten Sohn Jan-Philipp (34) als Chefredakteur zu installieren. Um wenigstens diese familiäre Kontinuität zu wahren, musste zuvor der langjährige Redaktionsleiter Otto Kühnle gekündigt werden. Für die neuen Besitzer dürfte diese Personalie zumindest vorübergehend verkraftbar sein, haben sie doch Größeres im Sinn, wie SWMH-Geschäftsführer Herbert Dachs betont. Er will "Kompetenzen bündeln, Marktchancen nutzen und gemeinsam strategische Ziele entwickeln". Und dann natürlich: "Synergie-Potenziale unter Berücksichtigung der Eigenständigkeit der KRZ" ausschöpfen.

Von Schlecht zu schlechter: Beschäftigte der Böblinger Kreiszeitung protestieren gegen den Ausverkauf. Unterstützt von Verdi-Sekretär Uwe Kreft (im roten Anorak).
Von Schlecht zu schlechter: In Böblingen protestieren Beschäftigte gegen den Ausverkauf, unterstützt von Verdi-Sekretär Uwe Kreft (im roten Anorak).

In der Praxis sehen diese Synergien im Lichte der Autonomie dann so aus: Im März 2018 gibt der neue, von der SWMH eingesetzte Geschäftsführer Bodo Kurz bekannt, dass in einer ersten Welle 33 Beschäftigte gekündigt werden. Druckerei und Versand sind überflüssig, in Möhringen sind genügend Kapazitäten vorhanden, auch für die Amts- und Kirchenblätter der umliegenden Gemeinden, die zum Ärger des einen oder anderen Pfarrers jetzt eben verspätet eintreffen. Mit Rausschmissen hat Kurz Erfahrung. Als kalter Sanierer hat er ein Jahr zuvor Massenentlassungen beim "Nordbayerischen Kurier" in Bayreuth durchgesetzt, gegen den breiten Protest einer Bürgergesellschaft – den es in Böblingen, bis dato zumindest, nicht gibt.

Jetzt noch die "Bietigheimer Zeitung". Und dann?

Im Herbst dieses Jahres folgt die zweite Welle. 34 MitarbeiterInnen, beschäftigt in der Druckvorstufe, in der Buchhaltung, in Geschäftsstellen und in der Redaktion, müssen gehen. Dagegen protestieren sie vor dem Verlag, und niemand berichtet darüber im SWMH-Land. Niemanden scheint es zu interessieren, wenn eine Zeitung nach allen Regeln der Betriebswirtschaft kleingehäckselt wird. Wenn aus einem Traditionsblatt eine Geschäftsstelle mit angehängter Redaktion wird, von 114 Beschäftigten noch 47 übrig bleiben. Die Restbelegschaft hat dafür auch schon eine Überschrift gefunden: "Von Schlecht zu schlechter." Die angebotenen Abfindungen verdienten den Namen nicht, sagt Verdi-Mann Kreft.

Die SWMH lässt die Redakteure im Regen stehen. Fotos: Joachim E. Röttgers
Die SWMH lässt die Redakteure im Regen stehen.

Damit nicht genug des großen Fressens. Am 31. Oktober meldet die SWMH, dass sie sich an der "Bietigheimer Zeitung" beteiligen werde. Zum 1. Januar 2019 werde sie die Anteile der "Südwestpresse" übernehmen, die bisher den Mantel an das Lokalblatt geliefert hat. Nun ist das quantitativ kein Riesendeal, bei einer Auflage von 10 000 Stück. Qualitativ allerdings schon: Die "Bietigheimer Zeitung" erscheint mitten im Kernland der "Ludwigsburger Kreiszeitung" (LKZ), die noch 32 000 Exemplare erreicht. Die LKZ ist das letzte eigenständige Blatt mit einer Vollredaktion in der Metropolregion Stuttgart – und darf den Kauf getrost als Kampfansage werten.

Man muss kein Prophet sein, um die nächsten Übernahmekandidaten am Horizont zu sehen. Es sind die kränkelnden Lokalblätter "Sindelfinger Zeitung" und der Herrenberger "Gäubote", die jeweils 10 000 Auflage haben. Und man kann sich die Nervosität der jeweiligen Verlegerfamilien vorstellen, die sich in ihren Villen fragen, ob die Renditen noch lange für den Unterhalt der Haushaltshilfe reichen? Oder ob es nicht besser wäre, zu verkaufen, so lange es noch Geld gibt. Zum Wohle aller, versteht sich.

Presse im Umbruch

Print geht, digital kommt. Die meisten Verleger haben das zu spät bemerkt. Statt zu investieren, sparen sie den Journalismus kaputt. Aber es gibt auch positive Beispiele.

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