Bilden sich ihre Meinung: Polizisten vor der Ankunft der Demonstranten, 1968. Foto: Reiss/dpa

Bilden sich ihre Meinung: Polizisten vor der Ankunft der Demonstranten, 1968. Foto: Reiss/dpa

Ausgabe 367
Zeitgeschehen

Springerknechtle Bechtle

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 11.04.2018
Am 11. April 1968 wurde Rudi Dutschke niedergeschossen – und "Bild" schoss mit. Sagten die Studenten, die zu Tausenden auf die Straße gingen. Auch in Esslingen, wo das Revolverblatt gedruckt wurde. Von Verleger Otto W. Bechtle, der Axel Springer in schwerer Zeit ein Bett gegeben hat.

Was Hellmuth Karasek damals war, ist nicht mehr eindeutig zu klären. Zuschauer oder Demonstrant? Unstrittig ist nur, dass der Kulturchef der "Stuttgarter Zeitung" von einem Schäferhund gebissen wurde. Zusammen mit Peter Palitzsch, dem Direktor der Stuttgarter Schauspiels. Damals, das war vor 50 Jahren, am Karfreitag, dem 12. April 1968, an dem sich die beiden Genannten vor den Toren des Esslinger Bechtle-Verlags einfanden, wo eine anschwellende Menge "Bechtle, Bechtle, Springerknechtle" skandierte.

Zum Verständnis für die Nachgeborenen: In diesem Verlag, der Otto W. Bechtle gehörte, einem autoritären Patron unter schwäbischen Zeitungsfürsten, erschien nicht nur die "Eßlinger Zeitung" (EZ). An der Zeppelinstraße in Oberesslingen wurde auch die Bildzeitung des Axel Cäsar Springer gedruckt, die in diesen Tagen für den Mordanschlag auf Rudi Dutschke (mit)verantwortlich gemacht wurde. "'Bild' schoss mit", "Springer, Mörder" riefen die Demonstranten und versammelten sich in Berlin, Hamburg, Essen, Frankfurt, München, und eben auch in Esslingen. Sie wollten die Auslieferung des Revolverblatts verhindern, weil sie damit das "kapitalistische System selbst" treffen wollten, wie der Sozialistische Studentenbund SDS in einem Flugblatt an die "Bürger von Esslingen" schrieb, von denen nicht überliefert ist, ob die Botschaft angekommen ist. Die Texte waren sehr lang und soziologisch.

Biermann singt von Kugeln aus Springers Zeitungswald

Ja, es waren aufgeregte Zeiten, in denen Wolf Biermann, der später auch bei Springer andockte, von drei Kugeln auf Rudi Dutschke sang, abgefeuert aus "Springers Zeitungswald" ("Wenn wir uns jetzt nicht wehren, wirst du der Nächste sein"), und "Bild" den Studentenführer zum "Volksfeind Nr. 1" erklärte. Es war die Zeit, in der Politiker wie der frühere Marinerichter Hans Karl Filbinger von einer vom Osten gesteuerten "Herde lenkbarer Handlanger" sprachen, seine CSU-Kollegen von "verlausten Kreaturen", und der Tübinger Theologe Ernst Käsemann mit dem Satz konterte: "Die nicht schrien, als die halbe Welt verbrannte, haben plötzlich wieder Stimme und singen das alte Lied von Autorität und Ordnung, das die Deutschen schon stets faszinierte."

Sitz- und Auto-Blockade vorm Bechtle-Haus. Foto: Kraufmann/Stadtarchiv Stuttgart
Sitz- und Auto-Blockade vorm Bechtle-Druckhaus. Foto: Kraufmann/Stadtarchiv Stuttgart

Teile der Bürger von Esslingen eilten an jenem Karfreitag 1968 herbei, mit ihren Schäferhunden an der Leine, die sie losließen, als die Polizei Unterstützung beim Abtransport unwilliger Widerständler brauchte. Karasek und Palitzsch hätten sich, so heißt es, helfend in diese Gemengelage geworfen, und seien dabei gebissen worden. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass die beiden Kulturmenschen im linken Geistesmilieu zuhause, also keineswegs nur Zuschauer waren.

Geschadet hat es ihnen nicht. Karasek wanderte vom damals bedeutenden StZ-Feuilleton, das Helene Fischer gewiss nicht zum Kulturereignis des Jahres gemacht hätte, als Chefdramaturg ans Stuttgarter Staatstheater, danach zur "Zeit", zum "Spiegel" und wurde über das "Literarische Quartett" richtig berühmt. Palitzsch gründete das Mitbestimmungstheater in Frankfurt, inszenierte am Wiener Burgtheater, in Zürich, Rio und Berlin und starb 2004. Karasek, der am Ende als Autor bei Springer gelandet war, ist 2015 abgetreten.

Juso Drexler holt die "Mädle" aus dem Wasserstrahl

Wolfgang Drexler ist noch da und war auch dabei. Mit Parka und tief ins Gesicht gezogener Kappe habe er sich gegen die Wasserwerfer gestellt, erzählt der Alt-Genosse, und habe "die Mädle aus dem Strahl gezogen". Als Esslinger Juso-Sprecher ist er damals los gezogen, in seine erste Auseinandersetzung mit staatlicher Gewalt, wie er sagt, und im Bewusstsein, "zivilen Ungehorsam" leisten zu müssen. Gegen alles Böse. Und das waren nach seinem Dafürhalten: die Amerikaner in Vietnam, die CDU und die Springer-Presse. Kurz nach dem ersten Gespräch ruft Drexler nochmals an und berichtet, dass auch Barrikaden gebaut worden seien, er aber voll mit der Rettung der "Mädle" beschäftigt gewesen sei, die "einfach weggeputzt" worden seien.

Das erinnert nun doch an ein Ereignis, das 42 Jahre später stattfinden sollte. Der Schwarze Donnerstag am 30. September 2010. An jenem Tag sind auch Kinder "weggeputzt" worden, als sie gegen Stuttgart 21 im Schlossgarten protestiert haben. Und damals gab es einen Wolfgang Drexler, der nicht mehr Juso, nicht mehr Generalsekretär und Fraktionschef der SPD, sondern Sprecher des Bahnprojekts S 21 war. Falsch, sagt der nunmehr 72-Jährige. Exakt zwei Wochen vor dem Schwarzen Donnerstag habe er dieses Amt niedergelegt und er hätte sich gegen den Wawe-Einsatz gestemmt, wäre er geblieben. Womöglich weil er sich erinnerte, wie schmerzhaft so ein Wasserstrahl sein kann.

Also zurück zum Bechtle-Verlag, wo sich laut "Eßlinger Zeitung" eine "veritable Wagenburg" vor dem Betriebsgelände aufgebaut hatte. Studenten, heute würde man sagen Studierende, waren aus Tübingen, Heidelberg, Freiburg mit ihren 2CV angereist, und hatten sie vors Hoftor gestellt, immer wieder weggeschaukelt von jeweils vier starken Polizisten und flugs wieder ersetzt durch nachrückende Entlein. Das muss die Staatsgewalt ziemlich genervt haben, auch wegen der anhaltenden Ho-ho-ho-Chi-Minh-Rufe, an die sich Gerhard Kienle noch erinnern kann. Der heute 79-Jährige war Vertriebsleiter in jener Zeit, sprich zuständig dafür, dass die Bildzeitung rechtzeitig vom Hof kam.

Der SDS empfiehlt Eier, Salz und Brillen gegen Tränengas

Kienle hat die Sache von drinnen betrachtet und bemerkt, dass die Polizei "völlig überfordert" war. Er hatte sie, nach einer Alarmmeldung aus der Hamburger "Bild"-Zentrale, geholt beziehungsweise holen wollen. "Ihr von 'Bild' wisst immer alles besser", hat er zu hören bekommen, aber man schicke einen Streifenwagen zum Gucken. Irgendwann waren es tatsächlich 150 Uniformierte, die sich vornehmlich im Haus verschanzten, während sich draußen eine vierfache Menge versammelte. Vom SDS auch mit hilfreichen Empfehlungen versorgt, wie etwa dem Hinweis, Eier, Salz, Tomaten, Kartoffeln, Schnaps und geschlossene Brillen gegen Tränengas mitzubringen.

Wasserwerferstrahl, "Mädle" und ganz offenbar nicht Wolfgang Drexler. Foto: Fritz Fischer/dpa
Wasserwerferstrahl, "Mädle" und ganz offenbar nicht Wolfgang Drexler. Foto: Fritz Fischer/dpa

Drinnen spritzte Wasser aus porösen Schläuchen, die den Wasserwerfern draußen Stoff liefern sollte, vor dem Haus ruhten die Männer an der Spritze auf der Wiese, was zusammen die Durchschlagskraft erheblich einschränkte. Anstatt die Belagerer nass zu machen, moniert die "Eßlinger Zeitung", habe es vor allem die Flure des Erdgeschosses getroffen. Und immer wieder, erzählt Kienle, sei die Polizei verblüfft gewesen, wie flexibel die Demonstranten agiert hätten. Als ahnten sie, was die Staatsgewalt vorhatte. Sie wussten es, weil eine Journalistin des "Mannheimer Morgen" bei den Einsatzbesprechungen der Polizei dabei war. Sie sei sehr hübsch gewesen, erinnert sich Kienle, habe aber alles nach draußen getragen.

So hat sich die Blockade hingezogen, bis vier Uhr morgens, bis der Weg frei war für "Bild", die sich dem "roten Terror nicht beugen" wollte. Die Zeitung sei in Freiburg noch vor den Demonstranten eingetroffen und ein großer Verkaufserfolg gewesen, sagt Kienle. Heute ist er 79, heute versteht er die 68er, zumindest ein bisschen. Die Sache mit der sexuellen Befreiung, okay, in Ordnung, aber alles andere sei überbewertet, nur einer nicht. "Der Drexler, ja, von dem bin ich überzeugt".

Auf den Karfreitag folgt Ostern, das Fest der Auferstehung, das Erwachen der Polizei. Auch in Esslingen. Die Staatsgewalt hat gelernt. Am nächsten Tag ist sie mit 1200 Polizisten vor Ort, das Industriegebiet ist hermetisch abgeriegelt, alle Zufahrtsstraßen sind dicht. "Bild" kann ungehindert ausgeliefert werden.

Alles wird gut: Kretschmann kommt zum 150. Geburtstag

Im Nachbericht ihres Vaters Zeitung ("Vor 50 Jahren: Aufstand vor EZ-Gebäude", 3.4.2018) wird Christine Bechtle-Kobarg (BeKo) behaupten, die Demonstranten hätten gedroht, "Steine auf die Auslieferungsfahrzeuge zu werfen". Das ist weniger glaubhaft als die Geschichte, die "Bild" am 1. Oktober 2013 veröffentlicht hat. Und die geht so: Zur "Goldenen Hochzeit" von Springer und Bechtle, also zum 50-jährigen gemeinsamen Drucken, kommen Minister Nils Schmid (SPD) und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) zum Gratulieren ins Esslinger Verlagshaus. Dort erzählt ihnen Bechtle-Kobarg, wie stark die Freundschaft zwischen ihrem Vater und Axel Springer wirklich war.

Laut Bildzeitung sagte sie: "Es war im April 1968, am Vorabend unserer Feier zum 100. Jubiläum der 'Eßlinger Zeitung'. Draußen tobten die Studenten-Unruhen. Axel Springer stand unter Polizeischutz, jeder Außer-Haus-Termin war für ihn eine Gefahr". Und was tat Otto W. Bechtle? Er räumte sein Schlafzimmer für den "Zeitungs-Visionär", während in Deutschland berichtet wurde, Springer sei in der Schweiz untergetaucht. Begleitet von dem dunklen Gedanken, seinen Konzern zu verkaufen.

Am 25. April wird wieder gefeiert. Dann lädt Frau Bechtle-Kobarg, die noch als Herausgeberin fungieren darf, zum 150. Geburtstag der "Eßlinger Zeitung". Als Festredner ist Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) eingeplant, der bestimmt zur Meinungs- und Pressevielfalt sprechen wird. Dass die EZ seit Oktober 2016 der Südwestdeutschen Medienholding SWMH gehört und mit deren Texten abgefüllt wird, wird seine Wertschätzung nicht mindern. Nur der Betriebsratsvorsitzende mag nicht erscheinen. Es gebe keinen Grund zum Feiern, hat er wissen lassen. Das Gerücht macht die Runde, dass "Bild" bald in Möhringen gedruckt wird.

 

Info:

Für zeitgeschichtlich interessierte LeserInnen lohnt sich die Lektüre des sogenannten Mao-Projekts. Unter dem Titel "Die Osterunruhen 1968 – Blockade der Druckerei Bechtle" finden sich viele Dokumente, die noch nicht veröffentlicht worden sind.

Unter Verschluss gehalten werden immer noch die Akten des baden-württembergischen Innenministeriums zu Sicherheitsmaßnahmen bei Großdemonstrationen zwischen 1967 und 1974. Darunter auch die Berichte zur Blockade bei Bechtle. Laut Landesarchiv sind sie bis 31. Dezember 2037 gesperrt, weil Persönlichkeitsrechte noch lebender Personen zu schützen seien.


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