KONTEXT:Wochenzeitung
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Jubeln und schweigen

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Wie haben sie gesülzt, beim 140-Jahr-Jubiläum. Von Kanzlerin Merkel über MP Oettinger bis hinunter zum SPD-OB haben alle das hohe Lied gesungen. Auf die "Eßlinger Zeitung" (EZ), den Hort der Eigenständigkeit, den sicheren Hafen im Meer der Unübersichtlichkeit. Am tollsten hat es der Verlegerpräsident Valdo Lehari jr. getrieben, der schrieb, die Familie Bechtle habe es geschafft, durch "bedingungslose Wahrung der Unabhängigkeit" zu einem der bedeutendsten Verlage in Deutschland zu werden. Das war am 25. April 2008, und Lehari jr. muss aufpassen, dass er mit seinem "Reutlinger Generalanzeiger" nicht der nächste Übernahmekandidat wird.

Im Jahr 2017 wird die EZ eine von 16 Tageszeitungen der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) sein, gesteuert vom Stuttgarter Pressehaus, das selbst erst eine bittere Fusion hinter sich hat. Wir erinnern an den "Neuen Stuttgarter Weg", an die "flexible Gemeinschaftsredaktion", die StZ und StN seit April diesen Jahres zu bilden versuchen. Für Stadt und Region heißt das, dass ein Monopolist die Presselandschaft beherrscht, mit Blättern, auf denen "Stuttgarter Zeitung", "Stuttgarter Nachrichten" und "Eßlinger Zeitung" drauf- und das Gleiche drinsteht. (Es sei denn, Sibylle Krause-Burger schlägt zu und erklärt, dass es ein "ungeschicktes Kompliment" sei, wenn ein Politikermann eine Politikerfrau eine "große süße Maus" nenne – das hat die StZ exklusiv). Den verbliebenen LeserInnen möge es den Frühstückskaffee nicht verhageln, den verbliebenen JournalistInnen die Laune nicht völlig im Keller versenken.

Und was ist mit der Politik, die vorgibt, für Presse- und Meinungsvielfalt zu sein, wegen der Demokratie? Sie schweigt. Sie schweigt so laut, dass es wehtut. Wo immer man sich meldet, die Auskunft ist stets dieselbe: kein Kommentar. Nicht mal eine Krokodilsträne, ein Bedauern, ein Sätzchen zu den Arbeitsplätzen. Das hätte, zum Beispiel, der Esslinger Oberbürgermeister, Sozialdemokrat und Bechtle-Freund Jürgen Zieger, doch sagen können. Aber nein, einfach nichts. Die Antwort ist schlicht: Sie haben Angst vor dem Monopolisten.

Und was ist mit den Gewerkschaften? "Wo kein Widerstand ist, schlägt die SWMH zu", weiß Siegfried Heim, der Verdi-Landesfachbereichsleiter. Stimmt. Aber was folgt daraus? Wahrscheinlich Verhandlungen über einen sozialverträglichen Arbeitsplatzabbau. Die gilt es nicht zu stören. Die Herren auf der anderen Seite, von denen Heims Vorgänger Gerhard Manthey einmal sagte, es gehöre ihnen die Lizenz entzogen, könnten böse sein. Sollte sich Kontext irren, bieten wir gerne eine Bühne.

Es ist schon unheimlich, wie geräuschlos solche Aufkäufe vonstatten gehen, als kämen sie wie Winter und Sommer. In den Zeitungen selbst werden sie als dürre Verlagsmitteilungen abgedruckt, die die Intelligenz der LeserInnen beleidigen, in der Öffentlichkeit werden sie, wenn überhaupt, mit Achselzucken registriert. Das sagt auch viel darüber aus, wie ernst Verleger ihre Kundschaft nehmen, und vice versa, die Kundschaft ihre Produkte. More of the same. SWMH eben.


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3 Kommentare verfügbar

  • Fritz
    am 30.10.2016
    Antworten
    Und die bezahlte Meinungsäusserung darf auch mal wieder was - am Thema vorbei - sagen...
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