Könnte die Karre aus dem Dreck ziehen: Leni Breymaier. Fotos: Joachim E. Röttgers

Könnte die Karre aus dem Dreck ziehen: Leni Breymaier. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 291
Debatte

Leni, vidi, vici

Von Elena Wolf
Datum: 26.10.2016
Wie wichtig Worte sind, die aus Überzeugung gesprochen werden, hat die neue SPD-Landeschefin beim Parteitag in Heilbronn gezeigt. Ein Kommentar zum Mitte-Mantra von Sozialdemokraten, über die Sehnsucht nach einer glorreicheren Vergangenheit und den Aufbruch in neue Zeiten.

Die SPD ist schon lange keine Partei mehr, die mit gereckten Fäusten und dem Adjektiv "kämpferisch" assoziiert werden kann. Seit der Ära Willy Brandt suhlen sich viele GenossInnen im Heimweh nach einer Zeit, in der "soziale Gerechtigkeit" noch ein politisches Ideal war und nicht nur eine Wahlkampfparole. Spätestens mit Cohiba-Kanzler Gerhard Schröder ("Genosse der Bosse") versanken die einstigen Ideale im Treibsand von Geld und Machterhalt. Mit dem Wahlhammer (12,7 Prozent) der Landes-SPD im März dieses Jahres schmerzen die verklärenden Erinnerungen an bessere Zeit wie nie zuvor. Seitdem oszilliert die einstige große Volkspartei gerade in Baden-Württemberg zwischen Ratlosigkeit und Profilsuche, ist zu einem gesellschaftspolitischen Wurmfortsatz verkommen, den die Mitte-Menschen nicht mehr zu brauchen scheinen. 90 000 Ex-SPD-WählerInnen machten ihr Kreuz bei der vergangenen Landtagswahl lieber bei der Alternative für Deutschland.

Ihre Mitte hat die SPD im doppelten Wortsinn verloren. Ihre eigene nämlich und die gesellschaftliche Gruppe, die sie einst als ihre WählerInnen ausmachte. Sie zurückgewinnen hat jetzt oberste Priorität. Als Nils Schmid als Vorsitzender nach der Wahlschlappe die Segel streicht und niemand Bock auf Porsche-Betriebsratsvorsitzenden Uwe Hück hat, tritt Verdi-Chefin Leni Breymaier auf den Plan. Doch die Personalie Breymaier droht den Partei-Wagen durch interne Streitigkeiten noch tiefer in den Matsch zu fahren. "Zu links", "zu emotional", zu wenig Mitte-geeignet. Dass sie die bis vor Kurzem unbekannte, junge Ex-Vizelandeschefin der Jusos, Luisa Boos, beinhart als ihre Generalsekretärin einfordert, wird von vielen Parteimitgliedern als unnötig stressige Haudrauf-Aktion begriffen.

Die Angst vor dem Links-Gespenst

Das versetzt nicht nur Landesfraktionschef Andreas Storch subito in eine Panikattacke ob des gefürchteten Linksrucks. Doch das Links-Gespenst, das alle Stochs und Hücks in der Partei umherschleichen sehen, ist womöglich genau das, was die Sozialdemokratie wieder braucht: eine Identifikationsfigur, die für Werte steht, von denen viele schon gar nicht mehr wissen, dass sie einmal fester Bestandteil der SPD war.

Mit Breymaier bekommt die zerschossene Partei eine Frau, die es sich traut, die "Mitte" wieder zurückzuerobern, statt sich ihrer, als monolithisch begriffene Gesellschaftsschicht, affirmativ annähern zu wollen. Die Sorge um "die Mitte", die sich vom Linksruck der SPD abschrecken lassen könnte, scheint ohnehin absurd in Anbetracht von Abertausenden AfD-WählerInnen, die sich selbst eher in der Mitte als rechts sehen. Es ist Zeit für einen SPD-Reboot. Breymaier hat begriffen, dass es gilt, die Herzen zu gewinnen, ein inneres Bedürfnis zu entzünden, die Welt zu einem besseren Ort machen zu wollen.

Jetzt ist es Zeit, Worten Taten folgen zu lassen.
Jetzt ist es Zeit, Worten Taten folgen zu lassen.

Dass das mit einer emotionalen Rede gut klappt, mögen manche als postfaktischen Untergang der Sachlichkeit begreifen. Doch was ist falsch daran, Kopf und Bauch gleichermaßen zu füttern? Was ist es denn, vor was die Stochs und Hücks dieses Landes Angst haben? Breymaiers Einsatz für eine Bürgerversicherung und bezahlbaren Wohnraum für alle? Ihre Kampfansage gegen Altersarmut? Oder ihr leidenschaftlicher Einsatz für Menschen, "die nicht von ihren Vermögenserträgen leben können"? Was ist besorgniserregend daran, für ein Europa einzustehen, das "kein Kontinent der Märkte, sondern der Menschen" ist? Warum geht ein Aufschrei durch die Medien, wenn Breymaier Frauen pusht angesichts des SPD-Männerclubs im Landtag? Das alles sei "Sozialdemokratie pur", wie Breymaier mantraartig immer wieder konstatiert. Auch wer nichts mit der SPD am Hut hat, horcht zumindest auf.

Bevor die 56-Jährige mit knapp 85 Prozent von den Delegierten zur neuen Landeschefin gewählt wird, spricht sie so gut wie frei. Kein einziges Mal kommt sie ins Stolpern, vergisst ein Wort oder sucht den roten Faden. Sie lässt Angriffe mit Humor und Selbstreflexion ins Leere laufen. Alte Männer? Die möge sie. "Ich bin selbst mit einem verheiratet." Linksruck? "Ich hoffe, dass jeder in der SPD für sich reklamiert, das zu sein!" Warum gerade diese Luisa Boos? "Sie hat eine andere Lebenswelt als ich, und das brauchen wir, sonst sind wir befangen in unserer subjektiven Welt." Streit? Immer her damit. "Wir können gerne streiten wie die Kesselflicker", Harmonie-Soße brauche sie nicht. Ob und wann die baden-württembergische SPD aus dem Stimmentief herauskommt, weiß niemand. Doch mit Breymaier haben die "Sozen" eine verdammt gute Rednerin an der Front. Eine, die mit Köpfchen aus dem Bauch spricht.

Mit Kopf und Bauch in die Zukunft

Der Tübinger Philologe Winfried Stroh schreibt, dass die größten Redner Überzeugungstäter waren. Am erfolgreichsten seien die, die sich mit den feinsten Empfindungen in die Seele ihrer Mitmenschen einfühlen könnten und vermitteln, dass sie mit ganzem Herzen hinter dem stehen, was sie sagen. "Beherrsche die Sache, über die Du sprichst, dann kommen die Worte schon aus Dir heraus", rät der römische Feldherr und Staatsmann Cato der Ältere seinem Sohn. Das war 200 Jahre bevor Power-Redner wie Jesus überhaupt an eine Bergrede denken konnte. So trivial dieser väterliche Tipp daherkommt: Schon in Schule, Uni oder Konferenzen wären unzählige Vorträge nicht so schmerzhaft einschläfernd, wenn sich die RednerInnen an ihn halten würden. Es muss nicht jedem "Ceterum censeo" gleich die Zerstörung Karthagos folgen. Doch wer das Gesagte nicht selbst glaubt und den Gegenstand seiner Rede nicht geistig umfasst, bekommt erst dann wieder Aufmerksamkeit, wenn die erlösenden Worte "Danke für Ihre Aufmerksamkeit" gesprochen werden. Zu diesen Trantüten gehört Leni Breymaier nicht.


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