Friedliche Demo vor einem Tübinger Gerichtsgebäude 1968. Foto: Manfred Grohe

Friedliche Demo vor einem Tübinger Gerichtsgebäude 1968. Foto: Manfred Grohe

Ausgabe 366
Zeitgeschehen

Tübinger Revoluzzer

Von Oliver Stenzel
Datum: 04.04.2018
Im Jubeljahr wird landauf, landab an die 68er-Bewegung erinnert. Für spannende Einblicke in deren Tübinger Ableger sorgt Bernd Jürgen Warneken, ehemaliger Professor für Empirische Kulturwissenschaft – ein Fach, das es so ohne die 68er gar nicht gäbe.

Was waren die Hochburgen der deutschen Studentenbewegung um 1968? "Tübingen kommt gleich hinter Berlin, Frankfurt und Heidelberg!", behauptete Mitte 1969 vollmundig Klaus Behnken. Der war nicht irgendwer, sondern Mitglied im Frankfurter Bundesvorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), davor einer von dessen wichtigsten Sprechern in Tübingen, wo er Soziologie studierte. Eine trotzdem ziemlich überraschende Aussage, gilt die Universitätsstadt am Neckar doch bis heute nicht unbedingt als Hotspot der 68er-Bewegung. Als "friedliche Insel" im Gegensatz zu den Metropolen bezeichnete die "Stuttgarter Zeitung" etwa 2008 Tübingen in einem Rückblick auf 1968. Und auch in der aktuell laufenden 60er-Jahre-Ausstellung "... denn die Zeiten ändern sich" des Stuttgarter Hauses der Geschichte steht in Bezug auf die Studentenproteste im Südwesten Heidelberg im Mittelpunkt.

Bernd Jürgen Warneken. Foto: Kleinfeldt
Bernd Jürgen Warneken. Foto: Kleinfeldt

Das mag auch daran liegen, dass der Tübinger Beitrag zur 68er-Bewegung bislang nur wenig wissenschaftlich aufgearbeitet ist. Dass sich das nun ein gutes Stück gebessert hat, liegt auch an Bernd Jürgen Warneken. Der ehemalige Professor für Empirische Kulturwissenschaft an der Tübinger Uni hat nicht nur eine Ausstellung dazu im Tübinger Stadtmuseum initiiert, sondern auch ein autobiografisches, zugleich mit reichlich Quellen gesättigtes Buch dazu geschrieben: "Mein 68 begann 65". 1965, weil Warneken damals als 20-jähriger Student an einer Demonstration gegen Bundeskanzler Ludwig Erhard, der Willy Brandt und die SPD als "Volksverräter" beschimpft hatte, beteiligt war.

Warneken, 1945 in Jena geboren und in Tübingen aufgewachsen, war, wie er schreibt, "kein herausragender Protagonist" der Studentenbewegung in seiner Heimatstadt. Aber er war von Anfang an dabei, als Mitarbeiter und Chefredakteur der Studentenzeitung "Notizen", bis 1966 auch als Mitglied des Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB), später mit dem SDS sympathisierend, dem er aber nie beitrat.

Die Idee zum Buch hatte er schon vor mehreren Jahren – "weil man im Alter schon ein bisschen biografisch sein darf", wie er sagt. Die seit Anfang März laufende Ausstellung mag zwar deutlich von seinen Forschungen zum Buch profitieren, sie ist jedoch alles andere als eine Kopie. Vor zweieinhalb Jahren schlug Warneken der Tübinger Kulturbürgermeisterin Christine Arbogast vor, dass man "in Tübingen etwas Besonderes machen könnte, nicht wie die meisten nur 68 in den Blick nimmt". Und so werden im Stadtmuseum nun unter dem Titel "Tübinger Revolten" die Revolution von 1848 und die Studentenproteste von 1968 in der Stadt verglichen – nicht gleichgesetzt, wie Warneken, die Bedenken vorwegnehmend, gleich betont. Dafür seien die Differenzen in Ausgangslage und Zielen dann doch zu gravierend.

Emanzipation 68: Männer diktieren, Frauen tippen

Es sind vielgestaltige Exponate, die die Kuratoren Warneken, Michael Kuckenburg, ein ehemaliger Lehrer, und Wilfried Setzler, früher Leiter des Tübinger Kulturamts, zusammengetragen haben, vom Kavalleriehelm bis zum Parka. Die 68er sind dabei leicht im Vorteil, denn vor allem die riesigen Mengen Flugblätter, teils thematisch in Ordner sortiert in einer Leseecke, und die zahlreichen von Kuckenburg gefilmten Zeitzeugeninterviews sorgen für ein breitgefächertes und lebendiges Bild der Studentenbewegung. Der Erkenntnisgewinn durch die vergleichende Präsentation ist dabei nicht immer gleich hoch; wenn etwa ein altes Gewehr oder geradegeschmiedete Sensen einer Bürgerwehr um 1848 einem beispielhaften Pflasterstein der 68er (von denen in Tübingen gar keine geworfen worden sein sollen) gegenübergestellt werden, dann lernt man daraus nicht viel mehr, als dass die Bewaffnung beider Bewegungen und die Blutigkeit ihrer Kämpfe doch recht unterschiedlich waren.

Warneken war Chefredakteur der "Notizen". Foto: Christoph Jäckle
Die "Roten Notizen" waren eine Ergänzung der Studentenzeitschrift "Notizen", bei der Warneken Chefredakteur war. Foto: Christoph Jäckle

Immer wieder erweist sich die vergleichende Präsentation aber auch als sehr ertragreich. Etwa, wenn es um die oft übersehene Rolle der Frauen geht, die hier besonders im Fokus steht. 1848 hatten diese zwar noch nicht einmal Wahlrecht, während 1968 zumindest formell Gleichberechtigung herrschte. In beiden Fällen wurden auch viele Frauen aktiv – jeweils unter Spott und Abwehr der Männer. 1848 gab es, was kaum bekannt ist, vereinzelte "Amazonen", die in Hosen und bewaffnet in den Kampf zogen, 1968 bildeten Frauen auf Demos und bei Aktionen meist mindestens ein Viertel der Beteiligten. In beiden Bewegungen aber blieben Frauen vor allem auf unterstützende Rollen beschränkt: etwa Fahnen nähen 1848, Texte abtippen 120 Jahre später. In studentischen Gremien waren Frauen um 1968, wenn überhaupt, nur marginal vertreten. Sie habe viele Flugblätter abgetippt, erzählt etwa die damalige Studentin Elsa Brabender in einem gefilmten Interview in der Ausstellung, "im Grunde haben mir die Männer diktiert, was ich schreiben soll." Und bei der Wahl von Studenten-Ausschüssen oder anderen Gremien habe es den Begriff der "Muss-Frau" gegeben: Mindestens eine musste auf der Liste stehen, soviel Emanzipationsbemühen sollte wohl nach außen gewahrt bleiben, aber nach der Wahl wurden diese Frauen dann oft durch Männer ersetzt. Gegenbeispiele wie Almut Bayne, 1965 Tübinger SDS-Vorsitzende, bleiben die Ausnahme. "Es gab damals unter vielen Linken eine Abwehr des Feminismus", sagt Warneken, denn das sei für sie ein "Nebenwiderspruch" gewesen, der bei der Klärung der Klassenfrage nur störte.

Das mögen keine Tübinger Besonderheiten gewesen sein, aber die Ausstellung widerlegt damit auch gängige Bilder beider Bewegungen. "Bei den 68ern, die ja als Ausgangspunkt des Feminismus gelten, hat mich schon schockiert, dass sich Frauen teilweise nicht getraut haben, teilweise nicht ernst genommen wurden", sagt die 23-jährige Kunstgeschichte-Studentin Lena Hauser, die im Team des Stadtmuseums an der Ausstellung beteiligt war. "Bei den 48ern dagegen war ich überrascht, dass Frauen so aktiv waren."

Die Frauenbewegung nahm dann erst mit leichter zeitlicher Verzögerung, in den Siebziger Jahren, in Tübingen Fahrt auf, ebenso wie viele andere Folgewirkungen der 68er: die neue Aktionsformen nutzenden Bürgerinitiativen, Friedensgruppen und schließlich, von vielen ehemaligen 68er-Protagonisten getragen, die Grünen.

Typisch Tübingen: Dialog statt Eskalation

Gab es aber nun 1968 auch etwas für Tübingen Spezifisches? Im Gegensatz zu dem, was die 60er-Ausstellung im Haus der Geschichte nahe zu legen scheint – dort bleiben Landesspezifika recht blass – laut Warneken durchaus. Und gar nicht mal nur auf der Ebene der Schlüsselfiguren wie dem dort lehrenden Philosophen Ernst Bloch, wegen dem etwa der eingangs erwähnte Klaus Behnken nach Tübingen gekommen war. "Man war hier mehr auf Dialog aus, in Heidelberg und in Freiburg war es viel aggressiver", sagt Warneken, der dazu seine, wie er betont, noch nicht wissenschaftlich geprüften Hypothesen hat: Die Studenten in der Kleinstadt Tübingen kamen meist aus Württemberg, aus anderen Kleinstädten, man war mit einer bestimmten Form der Rücksichtnahme, mit kleinteiligen Strukturen vertraut, verständigte sich. "Die Polizisten kannten irgendwann die Chefs des SDS, man hat sich abgesprochen, es gab auch auf Seiten des 'Establishments' Leute, die diese Dialogbereitschaft praktiziert haben", berichtet Warneken. Bei der Polizei etabliert sich die "Tübinger Linie", die auf Zurückhaltung und nicht auf Eskalation aus ist.

Nicht für Tübingen typisch, aber für Warneken eminent wichtig: 68 als Zeit des Lesens, Lesens und nochmal Lesens. Die Frankfurter Schule, Adorno, Horkheimer und Marcuse, Marx sowieso, Kommunismustheoretiker, Neufreudianer, Exilliteraten, deren Werke man sich oft aus der DDR besorgt und in Raubdrucken weiterverbreitet. Weil der Lesestoff gar nicht allein zu bewältigen ist, werden Exzerpte ausgetauscht. "Das war viel Zeug und viel Fleiß", erinnert sich Warneken. "Das Bild in der Presse, dass man bei 68 nur Kämpfe und Wasserwerfer sieht, ist albern! Das war nicht der Alltag der Bewegung damals, der war ganz anders. Wir hatten eine autodidaktische Gegenwissenschaft aufgebaut."

68er: lesen, lesen lesen. Foto: Christoph Jäckle
68er: lesen, lesen lesen. Foto: Christoph Jäckle

Apropos Wissenschaft: Die 68er-Bewegung wirkte sich in Tübingen auch auf die Universitäten aus; vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften in Bezug auf neue, stärker gesellschaftsbezogene Forschungsthemen. Und durch sie entstand sogar ein neues Fach: die Empirische Kulturwissenschaft (EKW). Hervorgegangen sind sie aus dem Ludwig-Uhland-Institut für deutsche Altertumswissenschaft, Volkskunde und Mundartenforschung, das 1933 gegründet wurde und anfangs, im Dienste der damals neuen NS-Machthaber, eine rassistische Volkstumsideologie propagierte. Erst ab den 1950ern sorgt der spätere Institutsleiter Hermann Bausinger, "ein liberaler, soziologisch positivistischer Wissenschaftler, bei den Studenten sehr angesehen", für frischen Wind im Fach, forscht gegenwartsbezogen. "Das war die Gegenwarts- und Alltagswende der Volkskunde, die sich bis dahin auf alte Traditionen des Bauerntums kapriziert hatte", erzählt Warneken.

Alltagskultur statt Volkstumsideolgie

Der Boden war also schon teilweise bereitet, als gegen Ende der 60er durch die Studentenbewegung Kritische Theorie, Historischer Materialismus und Psychoanalyse das Fach zu ergänzen begannen, ihm eine erneute Richtungsdrehung, "eine zweite Aufklärung", wie Warneken es nennt, bescherten. Bausinger hatte dies nicht forciert, aber er tolerierte die Entwicklung, trug sie bereitwillig mit. Seit 1972 hieß das Fach dann Empirische Kulturwissenschaft. "Das war, auch der Name, schon eine Kreation der 68er." Alltagskultur, zum Beispiel Arbeiterkulturforschung, steht nun im Mittelpunkt.

Das runderneuerte Ludwig-Uhland-Institut (LUI) wird zu einem Vorreiter der Volkskundereform in der Bundesrepublik, "Tübingen war da vorne dran", sagt Warneken. Was nicht allen Vertretern des Fachs gefällt: "Das LUI war für viele konservativere Volkskundler noch lange ein Feindbild." Ab Mitte der 1980er aber hatte sich sein Forschungsverständnis durchgesetzt und wurde zum Mainstream. Tübingen blieb noch eine Zeitlang Flaggschiff der EKW, mittlerweile ist es Berlin.

1975 kam auch Warneken als wissenschaftlicher Assistent an das Institut. Promoviert hatte er zwar in Literaturwissenschaft, zuvor aber auch schon bei Veranstaltungen des LUI referiert, sich für dessen Themen interessiert. Später erfährt er, dass seine Einstellung, da er Fachfremder war, heftig diskutiert worden sei, mit den Ausschlag aber gegeben habe, dass er einmal einen langen Aufsatz über das Flippern verfasst hatte. "Man kann also sagen", schreibt er in seinem Buch, "ich habe durch das Flippern ein 35-jähriges Freispiel gewonnen." So lange, bis 2010, bleibt er am Institut, zuletzt als Professor.

Heute noch "links-grün versifft": Studierendenstadt Tübingen. Foto: Joachim E. Röttgers
Heute noch "links-grün versifft": Studierendenstadt Tübingen. Foto: Joachim E. Röttgers

Warnekens erste beiden Studienprojekte als lehrender EKWler stehen gleich deutlich in der Tradition von 68: Einmal wird eine Bürgerinitiative gegen den B21-Neubau zwischen Tübingen und Kirchentellinsfurt untersucht. Das andere untersucht den "Mössinger Generalstreik" von 31. Januar 1933, den einzigen im ganzen damaligen Deutschen Reich, mit dem Hitler und die Nationalsozialisten gestoppt werden sollten. Das daraus entstandene Grundlagenwerk wurde zuletzt 2013 ergänzt und erweitert.

Was ist für Warneken die Hauptwirkung der 68er? Da hält er es mit Habermas: "Die Fundamentalliberalisierung der Gesellschaft." Um noch etwas konkreter zu werden: "Die wichtigste Wirkung der 68er ist die riesige alternative Jugendszene, die ab Mitte der 1970er die Mehrheit der Jugend prägt." Das, was Jörg Meuthen von der AfD als 'links-grün versifftes 68er-Deutschland' bezeichne und ganz furchtbar finde. "Da muss ich sagen: Ich bin stolz auf diese Entwicklung! Und dass man zumindest für Tübingen sagen kann, dass diese Tendenz dort stark geblieben ist. In Deutschland in der Mehrheit ja leider nicht." Dass Versuche, die 68er zu verfemen, immer wieder kommen, nicht nur von der AfD oder von Unions-Rechtsauslegern wie Alexander Dobrindt (CSU), ficht Warneken nicht an, im Gegenteil. "Es ist ja auch eine Freude, wenn sie sich immer noch über uns ärgern, eine Bestätigung. Wir haben ihnen in der Tat etwas angetan."


Info:

Bernd Jürgen Warneken: Mein 68 begann 65. Eine Tübinger Retrospektive, Klöpfer & Meyer 2018, 230 Seiten, 20 Euro.

Die Ausstellung "Tübinger Revolten. 1848 und 1968" läuft noch bis zum 3. Juni im Stadtmuseum Tübingen, Kornhausstraße 10; Öffnungszeiten: Di bis So 11 bis 17 Uhr.


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