Gar nicht gut für die Pressevielfalt: der Stuttgarter Weg. Foto: Joachim E. Röttgers

Gar nicht gut für die Pressevielfalt: der Stuttgarter Weg. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 263
Medien

Ohne Sinn und Verstand

Von Susanne Stiefel (Interview)
Datum: 13.04.2016
Erfurt und Stuttgart haben etwas gemeinsam: Zeitungen werden fusioniert, Redakteure entlassen. Ein Gespräch mit Sergej Lochthofen, dem früheren Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen", über den neuen Stuttgarter Weg, den Aufschrei der Thüringer Politik und die Seele einer Zeitung.

Herr Lochthofen, die Panama Papers machen Furore. Es gibt ihn also noch, den guten, alten Qualitätsjournalismus?

Zweifelsohne gibt es den, und ich bin verwundert darüber, wie leicht sich dieser Journalismus hat beeindrucken lassen von einer unsinnigen Lügenpresse-Diskussion, die Zeitungen und öffentlich-rechtliche Medien gleichermaßen schlechtredet. Die Leute, die das skandieren, lesen keine Zeitung. Ob sie überhaupt lesen, ist stark zu bezweifeln. Gerade hier im Osten, wo der Anteil von ARD und ZDF am Fall der Mauer enorm ist, muss man völlig geschichtsvergessen sein, um so einen Unsinn zu behaupten.

Beruhigt zurücklehnen ist aber auch nicht drin. In Thüringen fusionieren Zeitungen der Funke-Gruppe, bei der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) in Stuttgart passiert dasselbe.

Das Geschäftsmodell der Verlage, das über Jahrhunderte funktioniert hat, funktioniert heute nicht mehr. Doch die Geschäftsführer der aktuellen Generation haben es nicht geschafft, Neues hervorzubringen. In hilfloser Verzweiflung versuchen sie, noch etwas Geld herauszupressen, indem sie Zeitungen redaktionell zusammenlegen, Redakteure entlassen und damit die Marken aushöhlen. Das ist ein verhängnisvoller Weg, aber er wird fast flächendeckend in Deutschland betrieben.

Und der Journalismus bleibt auf der Strecke?

Er ist gefährdet, weil die Verleger mit Geldzählen beschäftigt waren und dabei die Veränderung in der modernen Medienlandschaft verschlafen haben. Es sind Millionengewinne gemacht worden, die aber nicht in die Modernisierung der Häuser und redaktionelle Qualität gesteckt wurden. Die "Thüringer Allgemeine" hat 20 Jahre lang in Aufbau West gemacht. In meiner Zeit als Chefredakteur wurden aus dem Osten hohe Millionenbeträge an die damalige WAZ und heutige Funke-Gruppe überwiesen. Die sind leider versickert, versandet, verfrühstückt worden.

Bunte Zukunftsvorstellungen bei der Funke-Gruppe. 150 MitarbeiterInnen müssen gehen. Foto und Bearbeitung: Joachim E. Röttgers
Bunte Zukunftsvorstellungen bei der Funke-Gruppe. 150 MitarbeiterInnen müssen gehen. Foto und Bearbeitung: Joachim E. Röttgers

Jetzt ist die Funke-Gruppe wohl aufgewacht. Sie hat ein sogenanntes Zukunftsprogramm aufgelegt …

… bei dem 150 Mitarbeiter keine Zukunft mehr haben und entlassen wurden. Und die drei Zeitungen über ganze Seiten das gleiche drucken. Damit tötet man die Seele einer Zeitung.

In Stuttgart heißt die Zukunft "der neue Stuttgarter Weg" und bedeutet ebenfalls Entlassungen und journalistische Gleichmacherei. Doch anders als in Stuttgart ist der Thüringer Politik die Veränderung der Medienlandschaft eine aktuelle Stunde im Landtag wert. Die Politiker befürchten einen journalistischen Einheitsbrei.

Völlig zu Recht. Früher hat man mit dem WAZ-Modell verlegerisch zusammengearbeitet und sich journalistisch Wettbewerb geliefert. Heute werden die Themen durchgereicht von den größeren an kleinere Zeitungen. Und am Ende sind die Pressefreiheit und die Pressevielfalt ausgedörrt. Das beunruhigt selbst die Politk, die oftmals Angst hat, Verlagsentscheidungen zu kritisieren, weil sie eine schlechte Presse fürchtet.

Die Relevanz der Zeitungen geht immer mehr zurück. Sie haben die Lügenpresse-Kampagnen angesprochen. Der Presse wird immer weniger geglaubt.

Und genau das kann der Politik nicht gleichgültig sein. Wir erleben derzeit eine Radikalisierung eines Teils der Wähler. Es ist ein Verfall der Institutionen zu beobachten, welche die Demokratie schützen, die Presse gehört mit dazu. Gerade die Enthüllungen durch die Panama Papers zeigen, wie wichtig das ist. Das macht niemand anders. Auch auf regionaler und lokaler Ebene ist das von zentraler Bedeutung, damit das demokratische Leben funktionieren kann. Insofern ist das einen Aufschrei der Politiker wert, die ja nicht mit jedem Beitrag einverstanden sein müssen. Ihnen dämmert, dass da was ganz Elementares schiefläuft.

In Stuttgart dämmert bisher wenig. Trotz Koalitionsverhandlungen verwundert doch die Lethargie, mit der ein Zusammenrühren von zwei renommierten Regionalzeitungen hingenommen wird.

Vielleicht ist das wohlkalkuliert? Ich würde es nicht ausschließen. Aber anders als in Thüringen gibt es in Baden-Württemberg noch weitere Regionalzeitungen, das Veröden der Zeitungslandschaft ist nicht so rapid. Natürlich ist es absurd und reiner Euphemismus, das als neuen Stuttgarter Weg zu bezeichnen. Es ist der alte Irrweg, den ja auch immer weniger Leser bereit sind mitzugehen. Die Leser sind ja nicht blöd: weniger Zeitung für mehr Geld, das bleibt doch nicht unbemerkt. Es ist ein überaus fragwürdiges Geschäftsmodell.

Das kann doch auch die Stuttgarter Landespolitik nicht kaltlassen, selbst wenn die Presseödnis hier nicht so groß sein mag wie in Thüringen.

Es kommt wahrscheinlich auch in Stuttgart der Moment der Ernüchterung, in dem die Politik auch in Stuttgart feststellt, dass das nicht unwidersprochen hätte hingenommen werden dürfen. Ja, die Verlage müssen restrukturieren. Aber wo weniger Redakteure recherchieren können, gibt es weniger Qualität. Da kann man noch so viel drum herum reden, es wird nicht besser.

Die "Süddeutsche Zeitung", die auch zur SWMH gehört, glänzt mit den Panama Papers. Darüber, dass die Stuttgarter Redaktionen rasiert wurden, stand nichts in der SZ zu lesen.

Der Journalismus leidet an Glaubwürdigkeit, weil er dieses für die Region wichtige Thema ausspart. Gleichzeitig stehen in den Redaktionen alle da und schlottern und hoffen, dass der Kelch an ihnen vorübergeht. Da gibt es das Edelblatt in München und die Schmuddelkinder in Stuttgart, und das liegt an der abenteuerlichen Einkaufspolitik der großen Verlage.

Die SWMH hat für die "Süddeutsche Zeitung" 750 Millionen Euro auf den Tisch gelegt und jammert nun, dass kein Geld mehr da ist.

Niemand in den Verlagen sagt offen und ehrlich: Wir betreiben diese Fusionen, weil wir weiterhin zweistellige Rendite haben wollen. Es geht vielen Verlagen und auch ihrer Holding noch sehr gut. Trotzdem werfen sie Redakteure raus. Man versucht, seine Bilanzen zu schönen, und beschädigt damit die Marke. Das ist nicht klug. Die Frage ist doch, wie erscheint eine Zeitung in 15 Jahren? Redakteure kann man nur einmal entlassen.

Die Funke-Gruppe wie die SWMH, Erfurt wie Stuttgart, haben über Jahrzehnte fette Gewinne gemacht.

Dummerweise wurde das Geld für aberwitzige Geschäfte verwendet. Im Fall der Funke-Gruppe hat man ein Konkurrenzunternehmen zum "Spiegel" aufbauen wollen und da Millionen reingesteckt. Es ist bitter, dass die Regionalzeitungen, die eine ehrliche Leistung bringen, das bezahlen müssen.

Sie haben von der Seele einer Zeitung gesprochen. Wo bleibt die Seele beim sogenannten neuen Stuttgarter Weg?

Das ist das Problem in Erfurt wie in Stuttgart, da haben Sie recht. Der Leser lebt mit seiner Zeitung, mit seinen Autoren. Das wächst und verändert sich über Jahrzehnte. Vor allem das Verständnis, der Grundton zwischen Leser und Zeitung, der muss stimmen. Wer das verletzt, ohne Sinn und Verstand, der setzt alles aufs Spiel. Das ist sicher in Stuttgart auch spürbar. Es geht nicht nur um Synergien, es werden vor allem unterschiedliche Zeitungsauffassungen zusammengewürfelt.

Woran hängt die Seele einer Zeitung?

Eine Zeitung ist an ihre Erde gebunden. Das ist jetzt nicht nur irgendwelche Mystik. Leser wie Redakteure durchleben viele Geschichten gemeinsam. Da wächst ein Zusammenhalt, der lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Den Geschmack und den Geruch einer Region können nur Redakteure vor Ort einfangen. Die Seele ist keine Folklore, sie ist nicht sichtbar, aber sehr wichtig. Wer nur rechnen kann, mag das nicht verstehen. Doch wer die Seele einer Zeitung verkauft, hat verloren.

Sergej Lochthofen, 62, hat aus einer SED-Zeitung ein unabhängiges Blatt gemacht: Von 1990 bis 2009 war er Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen" und damit der einzige Ostdeutsche in dieser Position bei einer regional bedeutenden Zeitungsgruppe. Ende 2009 entließ die WAZ-Zeitungsgruppe den streitbaren Journalisten, der die verordneten Einsparungen und die Einrichtung eines zentralen Newsdesks nicht mittragen wollte. Der Journalist mit den russischen Wurzeln hat nicht nur Verlagszahlen, sondern auch die Seele einer Zeitung im Blick.


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