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Gegen die Obrigkeit

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Die Panama-Papiere belegen, wie wichtig kritischer Journalismus ist. Leider ist er viel zu selten. Aber wer darauf verzichtet, macht sich überflüssig, sagt Markus Grill, der Chefredakteur des Recherchezentrums "Correctiv".

Herr Grill, die "Süddeutsche Zeitung" glänzt mit den Panama-Papieren, in den Stuttgarter Blättern finden wir nur den Nachklapp. Alle gehören aber der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH). Da hört's wohl schon auf mit der Freundschaft.

Vermutlich will die "Süddeutsche Zeitung" Ruhm und Ehre, die mit den Panama Papers verbunden sind, nicht mit ihren Schwesterzeitungen teilen. Ich kann das verstehen. Die SZ arbeitet an ihrer Strahlkraft, und exklusive Geschichten sind dafür wichtig. Aus der Sicht der Stuttgarter Blätter mag das bedauerlich sein, aber andersherum wäre es wahrscheinlich genauso: Hätten die StZ oder die StN einen Scoop, würden sie ihn wohl auch nicht der "Süddeutschen" anbieten.

Also nix mit Synergie.

Synergien sehe ich eher im Verlag. Wenn investigative Journalisten zusammenarbeiten, geht es nur, wenn beide Seiten davon profitieren. Außerdem: Wie soll denn die "Tagesschau" damit umgehen, wenn noch mehr Medien als Urheber exklusiver Geschichten genannt werden wollen? Die bräuchte ja alleine eine Minute, um alle Zeitungen zu zitieren. Es ist jetzt schon ein unglaublicher organisatorischer Aufwand. Wenn 80 Medien im Boot sind wie im Fall Panama Papers, ist bereits der gemeinsame Veröffentlichungstermin ein Wahnsinnsakt.

Haben Sie dem Kollegen Georg Mascolo, der den Verbund von NDR, WDR und SZ leitet, zu seinem Scoop schon gratuliert?

Man kann ihn nur beglückwünschen, weil die Panama-Papiere wirklich ein großer Scoop sind. Nicht so sehr, dass einzelne Promis vorgeführt werden, sondern dass diese Akten der Wirtschaftskanzlei Mossack Fonseca einen Einblick in die Struktur und Arbeitsweise einer Steueroase ermöglichen. Der Korrektheit halber muss die Gratulation jedoch vor allem Frederik Obermaier und Bastian Obermayer von der SZ gelten, die die Recherchearbeit in den letzten Monaten geleistet haben. Bei ihnen hat sich die Quelle gemeldet, und beide haben schnell erkannt, dass sie wohl zehn Jahre bräuchten, wenn sie das Material alleine bearbeiten müssten. Deshalb haben sie die internationalen Kollegen hinzugezogen.

Dem "Spiegel" schon kondoliert? Als ehemaliger "Spiegel"-Redakteur müssen Sie um dessen Gemütslage wissen.

Ich kann mir vorstellen, dass die Kollegen in Hamburg nicht freudig erregt waren. Es ist immerhin schon der vierte Scoop nach den Offshore-, Swiss- und Lux-Leaks, den der Rechercheverbund gelandet hat. Früher hätte man erwartet, dass so was im "Spiegel" steht. Immerhin haben wir es aber dem "Spiegel" zu verdanken, dass wir wissen, wir korrupt es auch im deutschen Fußball zugeht. Meine Erfahrung ist: Eine Quelle geht meist dorthin, wo sie die größte Kompetenz vermutet und annimmt, dass die Geschichte in ihrem Sinn recherchiert und veröffentlicht wird.

Können wir daraus schließen, dass die vierte Gewalt doch noch funktioniert?

Nein. Es gibt zwar Hunderte Medien in Deutschland, aber nur noch eine Handvoll Redaktionen, die sich größere investigative Recherchen leisten. Der Scoop darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei den meisten Medien die Ressourcen wegbrechen. Es gibt zwar noch die Leuchttürme wie die SZ oder den "Spiegel" und einige öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten, auch das Recherchezentrum correctiv.org darf man in diesem Zusammenhang erwähnen, aber danach sieht es leider finster aus. Wenn ich sehe, wie viele große Regionalzeitungen es gibt und wie viel Personal sie abgebaut haben, dann muss ich mich fragen: Findet überhaupt jenseits dieser Leuchttürme noch aufdeckender Journalismus statt?

Sie versuchen, diese Löcher zu stopfen.

Unser Ansatz sind langfristige Recherchen, in der Hoffnung, dass LeserInnen diese Arbeit unterstützen. Wir recherchieren zum Beispiel über Ärzte, die auf der Gehaltsliste der Pharmaindustrie stehen, über TTIP, Geschäftemachereien mit Flüchtlingen oder Pflegeheime. Vor Kurzem haben wir auch das bis dato unbekannte Parteiprogramm der AfD geleakt. Diese Geschichten stellen wir Regionalzeitungen kostenlos zur Verfügung. Und wir stellen ein großes Interesse fest.

Erstaunlich. Der Trend geht doch eher in Richtung Boulevard.

Das stimmt, aber damit graben sich die Zeitungsverlage selbst das Wasser ab. Was erwarten denn die Leser? Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass sie von ihren Zeitungen relevante Geschichten erwarten, die für ihr Leben wichtig sind. Leser wollen, dass sich Journalisten mit der Obrigkeit anlegen, sei's in der Politik, Wirtschaft oder Kirche. Das ist für mich auch das Herz des Journalismus. Wenn man glaubt, darauf verzichten zu können, macht man sich überflüssig. Die LeserInnen werden dann nicht mehr darauf vertrauen, dass sie ihrer Zeitung glauben können, und sie werden sie nicht mehr kaufen.

Diese Erkenntnis scheint in den Chefetagen der Verlage nicht mehrheitsfähig zu sein.

Das weiß ich nicht. Die Hoffnung, wenigstens mit Seichtem noch Geschäfte zu machen, führt jedenfalls mittelfristig in die Erfolglosigkeit. Gleichzeitig haben die Verlage aber auch ein sehr reales ökonomisches Problem. Die Auflagen brechen dramatisch ein, die Anzeigen ebenso. Ersteres ist vermutlich gelegentlich auch hausgemacht, weil es an inhaltlicher Qualität fehlt und man keine Angebote entwickelt hat für Leute, die Nachrichten auf dem Handy lesen wollen. Bei den Anzeigen spielt das Internet eine entscheidende Rolle. Dorthin wandert die Werbung ab. Dass die Verlage diese Entwicklung zu lange verpennt haben, ist aber auch wahr. Jetzt versuchen sie's mal mit einer ganzen oder mal mit einer halben Paywall. Viele Medienmanager agieren vor allem hilflos. Und Journalisten müssen sich zu jeder Zeit die Frage gefallen lassen, ob es nicht auch an ihnen liegt, dass die Leute immer weniger Zeitungen lesen. Anpassung ist jedenfalls kein Rezept.

Gehört die Zukunft dem gemeinnützigen Journalismus?

Davon sind wir weit entfernt. Unsere Redaktion ist ein erster Versuch auf diesem Weg, wie ihn auch Kontext eingeschlagen hat. In Deutschland ist das Bewusstsein, für etwas zu bezahlen, von dem auch andere etwas haben, noch unterentwickelt. Das gelingt allenfalls Organisationen wie Amnesty International oder Greenpeace. Leider sind auch die Taschen der Wohlhabenden in Deutschland, was unabhängigen Journalismus anbelangt, ziemlich zugenäht. Das ist in den USA völlig anders. Dort gibt es inzwischen rund einhundert gemeinnützige Recherchebüros, die von Hunderten von Millionären finanziert werden. In Deutschland kenne ich nur fünf Stiftungen, die solche Projekte wie uns unterstützen.

Das braucht noch einen langen Atem.

Wir haben ihn. Ich halte daran fest, dass ein Journalismus, der Missstände aufdeckt, notwendig ist. Im 19. Jahrhundert sind Menschen dafür gestorben, dass es Pressefreiheit gibt. Noch heute passiert das in Russland, in China, in Ländern Afrikas und Südamerikas. Wenn es keine unabhängigen Medien mehr gibt, nutzt das nur wenigen, unter anderem solchen Reichen, die ihr Vermögen in Steueroasen verstecken wollen. Ohne Journalisten wüssten wir nicht davon, und ohne diese Enthüllungsgeschichten würde die Politik nicht mal so tun, als ob sie etwas ändern will. Demokratie ohne freien und kritischen Journalismus funktioniert nicht. Es wäre schön, wenn wir das kapieren, bevor es zu spät ist.


Markus Grill, 48, in Aalen geboren, hat bei der "Badischen Zeitung" volontiert, anschließend bei der Reportageagentur Zeitenspiegel, dem "Stern" und "Spiegel" gearbeitet. Dort deckte er den Schmiergeldskandal bei Ratiopharm, die Überwachung der Lidl-Mitarbeiter sowie Korruptionsfälle im Gesundheitswesen auf. Seit 2015 ist er Chefredakteur von "Correctiv".


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12 Kommentare verfügbar

  • M. Aldinger
    am 09.04.2016
    Antworten
    Seitdem Correctiv eine Kampagne gegen Homöopathie – das denkbar schwächste Thema für "investigative Journalisten" – gefahren hat, ist diese Gruppe von selbsternannten Besserwissern für mich gestorben. Das sage ich als ehemaliger Journalist, der mit diesem zu 80 bis 90 % fachlich und handwerklich…
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