Ausgabe 215
Editorial

Medien ohne Profit

Von Wilhelm Reschl
Datum: 13.05.2015

Die "öffentliche Sache" ist inzwischen wirklich öffentlich. Was 2007 mit ein paar Bloggern in Berlin begann, ist heute ein Großtreffen der Netzgemeinde mit 7000 Besuchern: die re:publica. Auch Kontext war mit dabei und wurde als "Pionier" einer neuen Gattung von Medien gewürdigt – als Vorreiter des Nonprofit-Journalismus. Unser Autor, der die vielen Debatten in Berlin miterlebt hat, zieht ein ermutigendes Fazit: ein Modell mit Zukunft.

Die Projekte werden immer mehr: "Message" heißt das Medienmagazin der Universität Hamburg. "Ein Topf voll Gold" wirft einen kritischen Blick auf die Regenbogenpresse, gegründet von zwei Dortmunder Journalismusstudenten. "Correctiv" ist ein investigatives Medienprojekt in Essen und Berlin, im Untertitel: Deutschlands erstes gemeinnütziges Recherche-Büro. Gemeinnützig, spendenfinanziert, nicht gewinnorientiert – das ist der gemeinsame Nenner dieser Projekte. Auf der re:publica 15, Europas größtem Kongress für das Internet und die digitale Gesellschaft, wurde der Nonprofit-Journalismus gar als "dritte Säule" journalistischer Medienproduktion proklamiert; neben den kommerziellen Verlagen und den öffentlich-rechtlichen Sendern. Und mittendrin die Kontext:Wochenzeitung, die von "Netzwerk Recherche"-Geschäftsführer Günter Bartsch als "Pionier" dieser neuen Gattung gewürdigt wurde.

Doch noch tut sich der Nonprofit-Journalismus in Deutschland eher schwer. Ohne das vom Finanzamt verliehene Siegel "gemeinnützig", sind kaum Spender und Förderer, weder Privatpersonen noch Stiftungen, zu gewinnen. Vielmehr sind in der Abgabenordnung Amateurfunk, Modellflug und Hundesport als gemeinnützige Zwecke vorgesehen. Da ist Fantasie gefragt: Das in der Szene bekannte Blogger-Magazin "netzpolitik.org" reüssierte mit dem "Verbraucherschutz" als gemeinnützigem Zweck, bei "n-ost" , einer Art Presseagentur für Osteuropa, überzeugte die beabsichtigte "Völkerverständigung" schließlich das Finanzamt. Doch viele, vor allem regional- oder lokaljournalistische Neugründungen scheitern an dieser Hürde.

Ganz anders in den USA. Auch dort ist der Journalismus nicht direkt als gemeinwohlwürdig im Gesetz genannt. Aber bereits der Zweck "educating the public" , also Erziehung der Öffentlichkeit, reicht, um den begehrten Status zu erhalten und die Spenden zum Sprudeln zu bringen. So sind dort bereits rund hundert journalistische Projekte in einem Dachverband, dem Institute for Nonprofit News, vereint.

Jetzt hat die FDP-Fraktion (sic!) im Düsseldorfer Landtag einen Antrag eingebracht, dass auch "Journalismus", ohne Hinter- und Nebentürchen, als gemeinnütziger Zweck anerkannt werden soll. Diese Initiative der Liberalen soll nun im Juni einer Expertenanhörung unterzogen werden. Auch "Netzwerk Recherche", so Geschäftsführer Bartsch, will die Sache mit einer Initiative Nonprofit-Journalismus Deutschland befördern.

Nicht verschwiegen werden soll, dass Journalistenverbände, wie etwa die Deutsche Journalisten-Union (dju), das Ganze einigermaßen kritisch sehen. Sie befürchten noch mehr ( Selbst-)Ausbeutung und einen unprofessionellen Do-it-yourself- Journalismus. Allerdings, und auch das wurde bei der re:publica 15 deutlich, gibt es eine ganze Reihe von Missverständnissen über diesen "dritten Weg" im Journalistengewerbe. So heißt "Nonprofit" keineswegs, dass den dort arbeitenden JournalistInnen nichts bezahlt wird. Die meisten gehen von einer Hybridform aus: Bezahlte Mitarbeiter und Ehrenamtliche arbeiten gemeinsam als "Aktivisten der Aufklärung", so Christian Humborg vom Recherche-Büro "Correctiv". Auch müssen weder Vereine noch Stiftungen gegründet werden, um den Status "gemeinnützig" zu bekommen. Selbst die GmbH, ja sogar eine Aktiengesellschaft, kann gemeinnützig sein. Die meisten jungen Projekte, so etwa "Ein Topf voll Gold", starten als UG, als Unternehmergesellschaft. Das ist so eine Art GmbH für Arme, die bereits mit einem Euro Stammkapital gegründet werden kann.

Einig waren sich alle NonprofitlerInnen in der Ablehnung von Bezahlschranken, neudeutsch "Paywalls". Bei "Correctiv" gibt es sogar das Schlagwort "Steal our Story", klaut unsere Geschichten und verbreitet sie weiter – mit Quellenangabe, versteht sich.

So bunt und vielfältig, noch vom Zauber des Anfangs verschönt, zeigt sich dieses Segment der Medienszene heute. Und wir, die AutorInnen, FörderInnen und LeserInnen der Kontext:Wochenzeitung, werden später einmal zu Recht sagen können: Wir sind dabei gewesen!


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7 Kommentare verfügbar

  • Schorsch
    am 17.05.2015
    @Schwabe

    Eigentlich kann ich den meisten Ihrer Beiträge zustimmen, insbesondere in Ihrer Kritik an der neoliberalen Politik. Ihr Kommentar vom 13.05. erscheint mir jedoch bezüglich der Passage "anzustrebende Kostendeckung der öffentlichen Daseinsvorsorge" gänzlich im Widerspruch zu Ihrer sonstigen Kommentarlinie zu stehen. "Kostendeckung" bei gleichzeitiger Minimierung der öffentlichen Daseinsvorsorge ist doch DAS Modell der neoliberalen Politik der letzten Jahrzehnte - mit allen negativen Auswirkungen. Eine vernünftige und diesen Begriff verdienende öffentliche Daseinsvorsorge kann m.E. nicht (oder nur in ganz wenigen Bereichen) kostendeckend sein, genau zur "Deckung" der Unterfinanzierung ist doch der Staat mit Steuermitteln da. Wobei es natürlich zutrifft, daß so manche immense staatliche Ausgaben mit "öffentlicher Daseinsvorsorge" rein gar nichts zu tun haben.
  • Nils Herbstrieth
    am 17.05.2015
    Wir, die-stadtredatkion.de aus Heidelberg arbeiten bereits seit 2009 genau so. Wir sind ein gemeinnütziger Verein (Vereinszweck "Volksbildung") mit nur 20 Mitgleidern und arbeiten hauptsächlich ehrenamtlich. Die paar € die durch Mitgliedsbeiträge, Spenden, Werbung eingenommen werden geben, wir für journalistische / redaktionelle Arbeit aus.
  • Schwabe
    am 14.05.2015
    @Didi
    Warum reagiert denn Hans Hagen nicht? Hat es dem die Sprache verschlagen?
  • Ulrich Frank
    am 14.05.2015
    @Didi, 14.05.2015 02:35h - Spätnachts scheinen Lesefähigkeit und auch schon buchstäbliches Textverständnis eingeschränkt zu sein, werter Beiträger. Im obigen Beitrag steht u.a. im Klartext zu lesen: "So heißt "Nonprofit" keineswegs, dass den dort arbeitenden JournalistInnen nichts bezahlt wird". Es wird also durchaus gesagt daß die kontext-Redakteure u.a. von Beiträgen der Unterstützer leben - wenn das in Ihren Augen nichts ungebührlich Obszönes ist, Didi, und auch Hans Hagen. Aber obszön ist es ja mittlerweile schon wenn Lokomotivführer bezahlt werden deren Job ja augenscheinlich mehr oder weniger nur darin zu bestehen scheint im Führerstand nicht einzuschlafen*.

    Sie haben hier ein Signal überfahren, Didi. Kann es sein daß Sie Verlogenheit zusammenfantasieren? Und auch sonst einiges nicht mitbekommen haben?

    *http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.autonome-zuege-die-technik-nimmt-lokfuehrern-arbeit-ab.7b242695-e8e3-4e69-b314-ff1633424e3c.html
  • Didi
    am 14.05.2015
    Non-Profit? Darf ich jetzt mal herzhaft lachen? Das Kontextle lebt von seinen Abos und Unterstützern und schreibt natürlich jeden Stuss, den diese Klientel lesen will! Und will damit zumindest soviel Profit machen um die Gehälter zu zahlen. Geht es eigentlich noch verlogener?
  • Schwabe
    am 13.05.2015
    @ Hans Hagen
    Schon mal was von einem kostendeckenden Betrieb gehört (wie es z.B. bei der öffentlichen Daseinsvorsorge angebracht wäre)?!
    Außerdem liegen m.E. zwischen "leben wollen"/"Geld verdienen wollen" und maßloser Profitgier ethische bzw. moralische Welten!
  • Hans Hagen
    am 13.05.2015
    Ich habe es bisher so verstanden, dass die Betreiber von den Spenden / Abos schon leben wollen und also Geld damit verdienen wollen.
    Man nennt dies eben nur anders und setzt sich selbst einen Heiligenscheinb auf.

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