Ausgabe 188
Editorial

Angst macht unfrei

Von unserer Redaktion
Datum: 05.11.2014

Wer in die Zeitungshäuser reinschaut, sieht nichts Gutes. Fast überall geht die Angst um, morgen, spätestens übermorgen den Arbeitsplatz zu verlieren. Für einen Berufsstand, der einmal angetreten ist, der Demokratie eine Stütze zu sein, ist das tödlich. Angst lähmt und macht unfrei. Bei öffentlich-rechtlichen Anstalten dürfte das eigentlich keine Rolle spielen. Sie leben nicht von Werbung, sondern von ihren Zuschauern, die für ihre Gebühren ein ordentliches Programm erwarten. Also auch vom SWR.

Zu viel erwartet? Nein und nochmals nein. Noch immer sind die ARD-Sender Inseln in einer brutalen Medienökonomie, die reihenweise Redaktionen kippt. Zuletzt bei der "Brigitte", die elf TextredakteurInnen gekündigt hat, darunter die Witwe von Gabriel Grüner, dem "Stern"-Reporter, der 1999 in Kosovo  erschossen wurde. "Brigitte" und "Stern" gehören zum selben Verlag. Beim SWR ist dieser Zynismus undenkbar. Nicht weil dort die besseren Menschen säßen, sondern weil er eine Verfassung hat, die nicht den Gesetzen eines Marktradikalismus unterliegt. Öffentlich-rechtlich eben. Ein hohes Gut.

Was aber macht er daraus? Wenig, viel zu wenig. Neubauten in Baden-Baden, Steinbrecher, endlose und teure Hierarchien, Unterhaltung als Programmprinzip, das steht obenan. Und er unterliegt dabei dem fatalen Irrtum, Journalismus sei eine Ware. Ein Produkt, das nett aufgeputzt dem Konsumenten gefallen möge.

Konkret und aktuell: Was hätte denn dagegen gesprochen, die Nachrichtenredaktionen so auszustatten, dass sie erfüllen können, was ihr Intendant verspricht – eine "Zeitenwende"? Stattdessen wird Energie für Verteilungskämpfe verschwendet, in denen jene aufgerieben werden, die womöglich guten Willens sind, aber zwangsläufig unter der Anspruchslatte durchspringen müssen. Die Macher der "neuen 1930" werden es noch zu spüren bekommen.

Nicht von ungefähr fragt sich das Netzwerk Recherche, ein Zusammenschluss investigativer Journalisten, ob dieser Beruf "am Abgrund" steht? Und es fragt sich ein Zweites: Ob Nonprofit-Journalismus eine Alternative ist? Dazu ruft der Verein zu einer Tagung am 6. November in Berlin. Dort sein werden die neuen Onlineportale Krautreporter und Correctiv, die Rudolf-Augstein-Stiftung und die Kontext:Wochenzeitung. Susanne Stiefel wird über das Projekt, das es am längsten gibt, sprechen.


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6 Kommentare verfügbar

  • FernDerHeimat
    am 05.11.2014
    Ist es nicht wundervoll, wenn Oberschüler sich berufen fühlen und einen kleinen Aufsatz verfassen? Gut, wie üblich wurde das Thema wieder verfehlt und der Artikel selber gar nicht beachtet.

    Aber es geht ja auch nicht um Inhalte, Argumente oder gar Kritik. Und das blumige Deutsch ändert nichts daran, dass man im Endeffekt gar nichts zu sagen hat.

    Manche wollen eben - rhetorisch - einmal in der Woche (Hans) König von Deutschland sein...
  • invinoveritas
    am 05.11.2014
    In der Tat: Der SWR macht zu wenig aus seinen Möglichkeiten. Da wird viel zuviel Energie in Technik, Bürokratie, Konferenzitis und anderes gesteckt, was vom eigentlichen Zweck, einem guten Programm, ablenkt. Und was dabei herauskommt, ist zu oft zu betulich.
    Andererseits sollte man mit solchen Wendungen wie jener von der "brutalen Medienökonomie, die reihenweise Redaktionen kippt" etwas vorsichtiger sein. Erstens ist das so einfach nicht richtig. Und zweitens stacheln derart alarmistische Formulierungen jene selbsternannte Medienexperten, von denen es fast so viele gibt wie Fußballnationaltrainer, erst recht an zu ihrem immergleichen Lamento über den Niedergang des klassischen Journalismus plus diese monströse Konzentration in den Händen einiger weniger geld- und machtgieriger Monopolisten. Die Wirklichkeit ist vielfach schlimm, aber zugleich mal wieder deutlich komplexer und aufs Ganze gesehen bei weitem nicht so arg, wie es die notorischen Schwarzmaler zu wissen meinen. Beispielsweise gibt es - etliche davon auch in Baden-Württemberg - bundesweit immer noch viele Dutzend Tageszeitungen, die sich mitnichten im Besitz großer Verlage befinden. Was der WAZ-Konzern in Nordrhein-Westfalen veranstaltet in Sachen Schlucken und Schließen, ist eine Riesensauerei - maßgeblich übrigens betrieben von Gerhard Schröders einstmals rechter Hand Bodo Hombach -, aber glücklicherweise doch nicht typisch.
    Das Internet als Konkurrenz, auch die Abwanderung von Werbegeldern dorthin, dazu die Leseunlust vieler zumal jüngerer Leute - das alles ist ja nicht von Verlegern erfunden worden. Und nun reagieren sie mal einigermaßen intelligent auf solche Prozesse oder wie Würstchenverkäufer. Dass sie aber in den deutschen Printmedien deshalb durchgängig einen massiven Qualitätsverlust organisiert hätten, etwa gegenüber den 80er oder 90er Jahren -, das ist eine wohlfeile, immer wieder gern gehörte Behauptung, die es aber beim Faktencheck ziemlich schwer haben dürfte. Also auch hier mal wieder der Befund: Einem Kind, das mit dem Bade ausgeschüttet wird, geht es danach nicht besser.
  • Stephan Becker
    am 05.11.2014
    Ich kann Malvoisine mit ihrer Meinung zu den Krautreportern:
    "Krautreporter zeigt sich jetzt schon als typisches Mainstream-Journal:
    ...
    Beispielsweise ein Pro-Nato-Artikel, der so auch in der Zeit hätte stehen können, uninformativ und die offizielle Nato-Haltung gegenüber Russland unkritisch übernehmend."
    nur zustimmen. Dieser Artikel über eine deutsche Eurofighter-Staffel in Estland hätte genauso gut in einem Bundeswehr-Magazin stehen können:
    "Rückkehr zur Abschreckung, 10.10.2014
    ...
    Die Ukraine-Krise, vor allem die russische Annexion der Krim, "

    Es ist wirklich sehr bedauerlich, dass in einem Magazin, das angeblich wieder guten Journalismut bieten will, genauso sachlich falsch und verhetzend berichtet wird wie in den Mainstreammedien. Wie gut, dass ich so was nicht unterstützt habe.

    Zum Begriff "Annexion der Krim" ein Beitrag von Reinhard Merkel, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg, in der FAZ (ausnahmsweise ein kleiner Lichtblick eines großen Mediums):

    "Die Krim und das Völkerrecht
    Kühle Ironie der Geschichte
    Hat Russland die Krim annektiert? Nein. Waren das Referendum auf der Krim und deren Abspaltung von der Ukraine völkerrechtswidrig? Nein. Waren sie also rechtens? Nein; sie verstießen gegen die ukrainische Verfassung (aber das ist keine Frage des Völkerrechts). Hätte aber Russland wegen dieser Verfassungswidrigkeit den Beitritt der Krim nicht ablehnen müssen? Nein; die ukrainische Verfassung bindet Russland nicht. War dessen Handeln also völkerrechtsgemäß? Nein; jedenfalls seine militärische Präsenz auf der Krim außerhalb seiner Pachtgebiete dort war völkerrechtswidrig. Folgt daraus nicht, dass die von dieser Militärpräsenz erst möglich gemachte Abspaltung der Krim null und nichtig war und somit deren nachfolgender Beitritt zu Russland doch nichts anderes als eine maskierte Annexion? Nein."
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-krim-und-das-voelkerrecht-kuehle-ironie-der-geschichte-12884464.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

    Dazu kommt technischer Murks: Wenn man ganz ans Ende eines Artikels scrollt, wird gleich der nächste Artikel geladen, auch wenn man dies gar nicht will. Für Leser, die per Handy-Vertrag mit geringem Surfvolumen im Internet unterwegs sind, ein Unding.
  • Tillupp
    am 05.11.2014
    Die Verquickung von Macht-/Geldeliten und Verlagen hat die Satiresendung "die Anstalt" schon einmal wunderbar herausgearbeitet, auch wenn in den 5 Minuten nicht alles 100% exakt formuliert wurde und es deshalb per einstweiliger Verfügung höchstens noch auf YouTube zu finden ist. (Siehe: http://www.internet-law.de/2014/07/zeit-journalisten-gehen-gerichtlich-gegen-das-zdf-und-die-anstalt-vor.html ). Durch Entzug des sicheren Arbeitsplatzes werden die bisher angestellten Journalisten unter Druck gesetzt. Als freie Journalisten unterliegen sie dem Wettbewerbsdruck und können allzu kritische Artikel gegen diese Macht-/Geldeliten nicht mehr publizieren. Am Ende bekommen wir Medienverhältnisse wie in den USA wo 3 Fernsehsender die einzige Informationsquellen sind und der Zeitungsmarkt kaum noch existiert. Aufpassen!
  • FernDerHeimat
    am 05.11.2014
    Den Abstieg des "klassischen" Journalismus hängt massgeblich mit der Medien- und Machtkonzentration in die Hände einiger weniger Verlagshäuser und Medienkonzerne zusammen. Da wird dann kein Wert mehr auf Qualität, sondern vielmehr auf flächendeckende "Berieselung" Wert gelegt.

    Und die Konsumenten nehmen das und die einseitige Berichterstattung, die in den letzten Jahren immer stärker zugenommen hat, durchaus wahr. Aktuell wäre dies z.B. der Eisenbahnerstreik und der Bürgerkrieg in der Ukraine.

    Darüber hinaus macht das Internet als "neues" Medium den Zeitungen in vielen Bereichen Konkurrenz.
  • Malvoisine
    am 05.11.2014
    Krautreporter ist keine Alternative!

    Krautreporter zeigt sich jetzt schon als typisches Mainstream-Journal:

    Zwar hätten die Journalisten wohl jetzt die Freiheit, gut recherchierte Artikel zu den wichtigen Themen der Zeit dort zu veröffentlichen und dabei die Bedürfnisse der Leser nach neutraler und fundierter Betrachtung aktueller politischer Ereignisse zu berücksichtigen.

    Tatsächlich wirkt das Portal redaktionell wie auch technisch völlig unstrukturiert und was man liest, überzeugt nicht.

    Beispielsweise ein Pro-Nato-Artikel, der so auch in der Zeit hätte stehen können, uninformativ und die offizielle Nato-Haltung gegenüber Russland unkritisch übernehmend.

    Oder ein Artikel, der zwar eine Buchrezension darstellen soll, aber letztlich der massiven Kritik vieler Leser an der aktuellen Mainstream-Berichterstattung über die Ukraine apologetisch gegenübersteht.

    Weiterhin ein seltsames Format - "jung und naiv" - das Themen entsprechend des Titels nur oberflächlich behandelt, gleichzeitig simpel erklärend, wie für Kinder gemacht.

    Und ein Feuerwerk von Pro-Palästina-Artikeln - auch hier hat man nicht das Gefühl, dass ausgewogen und sachlich informiert werden soll.

    Grundsätzlich finde ich es wirklich dreist, den Lesern im Vorfeld besseren Journalismus zu versprechen und sie dann wieder nur mit Meinungsartikeln zu bombardieren, nachdem sie quasi die Katze im Sack gekauft haben.

    Wer es neben der Kontextwochenzeitung auch noch deutlich besser macht, ist Telepolis. Hier kann man wirklich noch Informationen beziehen und kritischen, gut recherchierten und begründeten Journalismus sehen.

    Auch wird hier zur aktuellen Krise des Journalismus in einem sehr guten Artikel Stellung bezogen:

    http://www.heise.de/tp/artikel/43/43237/1.html

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