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GLS kündigt Roter Hilfe

"Aberwitzig und unverständlich"

GLS kündigt Roter Hilfe: "Aberwitzig und unverständlich"
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Bisher galt die GLS als gute Bank. Wer sich als links, grün, alternativ verstand, hatte bei ihr ein Konto. Seitdem sie aber dem Rechtshilfeverein Rote Hilfe gekündigt hat, stellt sich die Frage: Ist die Gemeinschaftsbank trotz sozial-ökologischer Leitlinien Trumps verlängerter Arm?

Nisha Toussaint-Teachout ist enttäuscht. Warum kündigt "ihre" Bank der Roten Hilfe das Konto? Und weil die 26-jährige Mitgründerin der Stuttgarter Fridays for Future eine Frau der Tat ist, wollte sie Antworten von GLS-Vorstand Dirk Kannacher. Mit ihm saß sie noch vor Kurzem im Stuttgarter Hospitalhof, um darüber zu diskutieren, was man mit Geld alles Gutes anstellen kann. "Geld kann uns verbinden" – so der optimistische Titel. Immerhin steht GLS für "Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken".

Der Rückruf kam prompt und er war kurz. Man spreche mit der Roten Hilfe, die Bank dürfe keine illegalen Geldgeschäfte unterstützen, mehr könne er nicht sagen, meinte Kannacher. Die Transparenz, die Toussaint-Teachout sich erhofft hatte – Fehlanzeige. "Die Rote Hilfe ist so wichtig im Kampf gegen rechts, vor allem so kurz vor den fünf Landtagswahlen in diesem Jahr", sagt die Aktivistin für Demokratie und Klimaschutz.

Rote Hilfe und Antifa Ost

"Getroffen sind einige, gemeint sind wir alle" – das ist ein Motto der Roten Hilfe. Seit mehr als 100 Jahren unterstützt der Verein linke Inhaftierte, übernimmt Prozesskosten oder verschafft ihren Verfahren Öffentlichkeit. Wer bei linken Demonstrationen oder Protestaktionen in Konflikt mit dem Gesetz kommt und Ärger mit Polizei und Gerichten hat, kann auf die Solidaritätsorganisation zählen. Sie unterstützt durch juristische Beratung, vermittelt Anwält:innen, übernimmt Teile der Prozesskosten. Die Rote Hilfe arbeitet auch politisch, organisiert Soli-Kampagnen und informiert über staatliche Repression. Der Verfassungsschutz stuft den Verein als linksextremistisch ein und beobachtet ihn. Die Rote Hilfe e.V. sieht sich selbst als "parteiunabhängige strömungsübergreifende linke Schutz- und Solidaritätsorganisation".

Die Antifa Ost bezeichnet eine Gruppe von Antifaschist:innen, denen schwere Angriffe auf Rechtsextreme in Ostdeutschland und Budapest vorgeworfen werden.  (sus)

Kurz vor Weihnachten haben die GLS und die Göttinger Sparkasse die Konten der Roten Hilfe gekündigt. Transparent war das Verfahren nicht, Bankgeheimnis, so die Verantwortlichen. War der Grund die Sanktionsliste der USA, auf der die Antifa Ost als terroristische Vereinigung geführt wird, wie die Rote Hilfe mutmaßt? Der lange Arm von Trump also, der nicht nur Venezuela überfällt, sondern auch ins europäische Finanzgeschäft reinregiert, wie die "Süddeutsche Zeitung" schrieb? Oder meinte die GLS etwa getreu der Hufeisentheorie (Links- gleich Rechtsextremismus), nach der Kündigung des Kontos der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung ein Exempel an Linken statuieren zu müssen? Seit Weihnachten jedenfalls hagelt es Mails und Vorwürfe gegen eine Bank, die sich ökologische und soziale Grundsätze auf die Fahnen geschrieben hat. Wie passt das zusammen?

Das fragt sich auch Roland Brömmel. Er gehört seit Gründung zum Orga-Team des in Stuttgart wichtigen linken Festivals Umsonst & Draußen (U&D) in Vaihingen. Sein persönliches Konto und das von U&D sind seit 14 Jahren "selbstverständlich bei der GLS-Bank", wie der Festival-Organisator sagt, weil die einen klaren moralischen Kompass hatte. Die Vergangenheitsform ist bewusst gewählt. "All die Jahre", schreibt Brömmel im Namen des U&D-Teams an die GLS, "waren wir uns immer sicher, gemeinsam auf der richtigen Seite zu stehen." 

Was ist los bei der Bank ohne Bomben? 

Die Kündigung hat die Macher des U&D Festivals schockiert. "Vor wenigen Wochen erst wurde die GLS Bank Stuttgart von der AfD-Fraktion im Gemeinderat öffentlich angegriffen. Umso aberwitziger und unverständlicher erscheint es uns, dass nun ausgerechnet 'unsere Bank' die Konten der Roten Hilfe kündigt." Weil er den langjährigen Regionalleiter der Bank, Wilfried Münch, sehr schätze, sei die Mail noch sanft ausgefallen, so Brömmel gegenüber Kontext. Das U&D-Team fordert die GLS auf, die Kündigung sofort zurückzunehmen. 

Deutschland rückt nach rechts. Die rechtsextreme AfD gewinnt an Unterstützung, obwohl sie laut Verfassungsschutz immer extremer wird. NGOs und Aktivisten für Demokratie und Klimaschutz geraten zunehmend unter Druck. Mit 551 Fragen zur Gemeinnützigkeit verschiedener NGOs wie "Correctiv" oder Omas gegen Rechts baute auch die CDU/CSU in einer kleinen Anfrage im Februar vergangenen Jahres eine Drohkulisse auf. Und nun kündigt eine Bank, bei der 11.000 NGOs und Vereine wie U&D oder die Stuttgarter Anstifter ein Konto haben, einem dieser linken Kunden. Auch die Kontext-Wochenzeitung hat ein Konto bei der GLS.

Mit GLS-Regionalleiter Wilfried Münch verbinden Kontext viele Diskussionen und Artikel. Zu Banken ohne Bomben etwa. Zur großen Klimademo vor sieben Jahren, als die GLS-Belegschaft geschlossen auf die Straße ging. Wir trafen uns auch in der Überzeugung, dass eine Demokratie Medienvielfalt und kritischen Journalismus braucht. Die GLS-Treuhand-Stiftung unterstützt das Kontextprojekt "Recherche gegen Rechts". Das Gemeinwohl steht im Vordergrund, nicht die Rendite – das schien die Non-Profit-Zeitung Kontext und die GLS zu verbinden. Die Enttäuschung über unsere Hausbank ist auch bei uns groß.

Nachfrage also bei GLS-Vorstand Dirk Kannacher. Der 54-Jährige saß nicht nur auf einem Podium mit Nisha Toussaint-Teachout, er führt auch die Verhandlungen mit der Roten Hilfe. Der Banker, der nach eigenen Worten "aus Überzeugung" von der Commerz- zur GLS-Bank gewechselt hat, meldet sich aus dem Skiurlaub, um Spekulationen einzufangen und zu erklären. Was ist da los mit dem Konto der Roten Hilfe? Leuchtet etwa ein rotes Lämpchen auf, wenn auf einer Überweisung "Antifa Ost" steht?

Die Gründe bleiben unklar, die Gespräche gehen weiter

Die Aufregung bei den GLS-Verantwortlichen ist mit Händen zu greifen, die Vorsicht ebenso. Und so bleibt am Ende eines einstündigen Kontext-Gesprächs mit zwei Presseverantwortlichen und Vorstand Kannacher nur wenig übrig. "Die hier besprochenen Geschäftsentscheidungen haben regulatorische Gründe", sagt Kannacher. "Politische Überzeugungen spielen dabei keine Rolle, ebenso wenig wie US-Sanktionslisten." Und auch Vermutungen zu einem Einknicken vor einem gesellschaftlichen Rechtsruck will Kannacher nicht bestätigen: "Wir weisen jegliche anderen, konstruierten Zusammenhänge zurück." 

Doch welche Gründe die GLS nun konkret gezwungen haben, das Rote-Hilfe-Konto zu kündigen, dazu gibt es keine zitierfähigen Aussagen. Nur so viel und ganz allgemein: "Auf europäischer Ebene wurden die Regelungen zur Führung von Konten weiter verschärft. Als Bank müssen wir diese Verschärfung der Rechtslage selbstverständlich umsetzen, sonst machen wir uns selber strafbar." Transparenz sieht anders aus, und so werden auch diese Bemühungen, die Diskussion einzufangen, wenig erfolgreich sein.

Noch laufen die Gespräche der GLS mit der Roten Hilfe. Deren Anwälte prüfen derzeit die rechtliche Grundlage, am 16. Januar läuft der Prozess gegen die Sparkasse Göttingen, um deren Kontenkündigung rückgängig zu machen. Und so gibt sich auch Hartmut Brückner vom Bundesvorstand der Roten Hilfe gegenüber Kontext derzeit einsilbig, wenn er nach den Kündigungsgründen gefragt wird. Nur so viel: "Das würden wir auch gerne wissen. Wir führen unsere Konten nach den Grundsätzen ordnungsgemäßer Buchhaltung." 

Eins hat die GLS aus dem Debakel mit der Roten Hilfe gelernt: In diesem Monat noch will sie NGOs zu Schulungen einladen, um die neuen europäischen Regularien vorzustellen. 


Transparenzhinweis: Die Autorin moderierte im November 2025 eine Diskussion zur Verabschiedung von Regionalleiter Wilfried Münch im Stuttgarter Hospitalhof.

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5 Kommentare verfügbar

  • Jens
    7 hours ago
    Reply
    Die Angriffe auf NGOs und zivilgesellschaftliche Organisationen haben gerade erst begonnen.
    Sie alle werden ohne eine Bitcoin-Reserve wirtschaftlich nicht überleben.
    Gegen Debanking hilf Bitcoin zwar sofort, ohne langfristig aufgebaute Reserve wird dessen Volatilität allerdings zum Problem.
    Die…
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