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Kino Metropol

Klettern für die Bank

Kino Metropol: Klettern für die Bank
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Der Kampf um das Stuttgarter Metropol-Kino ist ein Paradebeispiel dafür, wie Kultur unter die Räder kommt, wenn privates Kapital regiert. Ob es genossenschaftlich organisiert ist wie bei der Volksbank, spielt dabei keine Rolle.

Was wäre wohl besser, fragen sich manche in diesen kalten Tagen: Geld in ein Kino zu stecken oder in eine Kletterhalle? Je nach Gemütslage wird die eine zum Lichtspieltheater neigen, weil es Leben auf die Leinwand bringt, der andere könnte Klettern bevorzugen, weil es gut für den Körper ist. Nun reden wir hier nicht von Eintrittskarten, sondern von richtigen Investitionen in Unternehmungen, deren Grundlage das Erzielen von Profit ist. Was also bringt mehr Cash – Kino oder Kraxeln?

Im vorliegenden Falle hat sich die Eigentümerin des Gebäudes in der Stuttgarter Bolzstraße, in dem das eine oder andere zur Durchführung gelangen kann, für die Leibesübungen entschieden. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil es sich bei ihr um eine Fondsgesellschaft handelt, die Union Investment, kurz UI, die ein Vermögen von 323,4 Milliarden Euro verwaltet, und dies, so verspricht es deren Vorstandsvorsitzender Hans Joachim Reinke, im Sinne ihrer Kundschaft stets zu vermehren gedenke. Da hat es Kino schwer. Auch ein so traditionsreiches wie das Metropol, und sogar wenn die riesige Geldeinsammelstelle den Volksbanken gehört.

Kulturell betrachtet findet das Astrid Lipsky "sehr bedauerlich". Die 51-Jährige bekleidet die Position einer Marketing-Managerin bei der Union Investment Real Estate GmbH, die eine UI-Tochter ist und Immobilien für 14 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen hat. Verteilt ist das Besitztum über ganz Europa, bevorzugt Topadressen, an der Rue de Louvre im ersten Pariser Arrondissement etwa, in Stuttgart im Bülow Carre, im Hotel Méridien und im besagten Metropol, das unter dem Objektnamen "Century Stuttgart" geführt wird. Und jetzt soll sie dauernd erklären, warum sie dabei sind, ein Kulturgut zu schleifen und trotzdem nicht die Bösen sind. Das ist nicht leicht.

Die Managerin beteuert, sie wisse um die historische Bedeutung des "renommierten Kinos", auch deshalb wäre es der "best case" gewesen, den Mieter, die EM-Filmtheaterbetriebe Mertz GmbH & Co. KG, zu behalten. Aber leider hätten die passen müssen, trotz angebotenem Nachlass. Kontinuierlich sinkende Umsätze, vermeldet Lipsky, Sie wissen schon. Die in der Branche genannte Jahresmiete von rund 300.000 Euro mag sie nicht bestätigen, nur ihre Notwendigkeit, gespeist aus der Verantwortung gegenüber den Anlegern, die auf ihre Rendite warten. Bejahen kann sie das Angebot des Rudersberger Cineasten Heinz Lochmann, der neun Häuser republikweit führt und im Metropol einsteigen wollte. Allerdings zu spät, bedauert Lipsky, da sei der Vertrag mit dem neuen Mieter bereits unterzeichnet gewesen. So sorry.

Gut für untertags, wenn tote Hose ist

Der Neue hört auf den Namen Element Boulders GmbH, ist in Dresden beheimatet, betreibt mehrere Hallen und darin das Kraxeln ohne Seil in niedriger Höhe. Das treffe voll den Zeitgeist, glaubt Union Investment, was sich schon daran zeige, dass  Bouldern in diesem Jahr seine Premiere bei den olympischen Spielen in Tokio feiern dürfe – wenn sie denn stattfinden. Für Stuttgart ergebe sich ein zusätzliches Freizeitangebot, insbesondere für untertags, wenn tote Hose ist. (Spötter halten schon dagegen, dass es vor allem auf gestresste Banker zielt, die dringend ein Workout brauchen). Auch im architektonischen Bereich ist die Eigentümerin zuversichtlich.

Beim Umbau werde "minimalinvasiv" vorgegangen, heißt es, im Rahmen eines "Box-in-a-Box"-Prinzips, also ohne "schädliche Eingriffe in das eigentliche Kulturdenkmal". Der Vertrag läuft über zehn Jahre, kann aber aufgelöst werden, wenn sich der Denkmalschutz querlegt, was Managerin Lipsky nicht hofft, aber offenbar auch nicht ausschließt. Man sei "weiter dialogbereit", versichert sie.

Das könnte hilfreich sein, weil die Stadt sauer ist. Konkret der Erste Bürgermeister Fabian Mayer, der sich darüber beschwert, die Union Investment habe die Gespräche "einseitig und unvermittelt aufgekündigt" und einen neuen Mieter präsentiert, obwohl ihr seriöse Kinobetreibende vorgestellt worden seien. Das Kulturamt will gar "mit allen erforderlichen Behörden" für einen kulturell geprägten Betrieb kämpfen, im ansteigenden Wissen um die Bedeutung des Denkmalschutzes für private Kulturimmobilien. Letzteres hat Amtsleiter Marc Gegenfurtner gesagt, der aus München gekommen und offenbar überrascht davon ist, wie vieles in Stuttgart privat ist, was einmal kommunal war. Es sei ihm Joe Bauers Kontext-Kolumne zur Lektüre empfohlen. Danach weiß er zumindest in Sachen Metropol Bescheid – und bekommt womöglich eine Ahnung von der Machtlosigkeit einer Stadt, wenn sie öffentliches Eigentum auf den privaten Markt wirft.

Der Bankier der Barmherzigkeit ist Geschichte

Ähnlich eingetrübt ist die Stimmungslage bei jenen Stuttgarter Geldhäusern, die ebenfalls ein Auge auf das Gemeinwohl haben sollten. Es sind die Genossenschaftsbanken, die bei ihren Jubiläen gerne an den Bankier der Barmherzigkeit, Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 -1888), und seine Kreditvergabe an die kleinen Leute erinnern, die nach dem Finanzcrash 2008 betonten, dass ihr Bestreben schon immer das "gesamtverantwortliche Handeln" und nicht die "Gewinnmaximierung" gewesen sei, im Einklang mit einer nachhaltig zu schützenden Welt, versteht sich. Fragt man rum unter dem Personal, will niemand mehr bei der Deutschen Bank arbeiten. Nicht bei einer "Zocker-Bank".

Aber alle dealen mit der Union Investment. Ihre Prospekte ("Wir machen aus Geld Zukunft") werden über rund 850 Volks- und Raiffeisenbanken verteilt, die sich unter dem Dach der Deutschen Zentral-Genossenschaftsbank (DZ Bank) versammeln, der wiederum die UI gehört. Hochgelobt von der Zeitschrift "Capital", die sie jedes Jahr als eine der besten deutschen Fondsgesellschaften kürt.

Diese Struktur zu erläutern, ist Robert Hägelen wichtig, weil es jetzt oft heißt, die Union Investment sei eine Tochter der Volksbank Stuttgart, die damit, siehe oben, zumindest eine Mitschuld an der Metropol-Misere habe. Hägelen ist ihr Sprecher und soll die Wogen glätten. GenossInnen drohen Kündigungen ihrer Geschäftsanteile und Konten an, erinnern daran, dass sie ihr Geld zu einer Bank tragen, bei der nicht das "große Kapital" das Sagen haben dürfe, denken über Boykottaufrufe nach. Das ist schwierig für den Neu-Stuttgarter, der zuvor bei der Hamburger Otto-Group und deren Projektmanagement ECE (Milaneo) gearbeitet hat. Er versucht, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu halten, sagt, der Fonds müsse wirtschaftlich erfolgreich sein, sie hätten aber eine deutliche Position an die Union Investment geschickt. Mit welchem Inhalt? Antwort: Unbedingt mit der Stadt sprechen!

Hoffnung ruht auf Volksbank-Freund Frank Nopper

Das spricht für hohe Nervosität, und die wiederum hat etwas mit schwäbischer Mentalität zu tun. Der UI-Immofonds ist ein Klassiker, schon ab 25 Euro pro Monat belegbar, zwar mit einer bescheidenen Rendite (um die zwei Prozent) versehen, aber dafür bombensicher und mit dem hübschen Nebeneffekt ausgestattet, dass man in ganz Europa Winzigteile seines Besitzes zeigen kann. Ohne Millionär zu sein. Wie viele seiner Kunden dazu zählen, kann Hägelen nicht benennen, nur dass es viele sind, und es nicht sicher ist, dass die Kultur gewinnt.

Freilich, es geht auch anders: Die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS) holt sich das Problem erst gar nicht ins Haus; sie bietet, obwohl auch im Verbund der DZ Bank organisiert, keine UI-Immofonds an. Sie sind mit den sozial-ökologischen Grundsätzen der GLS nicht vereinbar. Ganz einfach.

Heimliche Riesen

Die Genossenschaftsbanken sind heimliche Riesen. Die DZ Bank ist das zweitgrößte deutsche Kreditinstitut (Bilanzsumme 560 Mrd. Euro) nach der Deutschen Bank (1.298 Mrd.). Mit 72,3 Prozent ist sie Hauptaktionärin bei der Fondsgesellschaft Union Investment. Den Rest teilen sich rund 850 Kreditgenossenschaften, darunter die Volks- und Raiffeisenbanken, die über ein Netz von mehr als 13 000 Filialen verfügen. Als Zentralinstitut unterstützt die DZ Bank auch die Sparda, Ärzte- und Apothekerbank, GLS, R+V Versicherungen, Schwäbisch Hall. Die Volksbank Stuttgart zählt mit ihrer Bilanzsumme von 7 Mrd. Euro zu den zehn größten in Deutschland. Sie hat 270 000 Kunden und 170 000 Mitglieder. (jof)

Und jetzt? Eigentlich kann jetzt nur noch einer helfen. Frank Nopper (CDU), der gewählte, aber noch nicht amtierende Oberbürgermeister, Freund des Lichtspieltheaters und der Volksbank. Auch die Lokalpresse fordert, das Metropol zur Chefsache zu machen, und das passt in vielerlei Hinsicht. Die Familie Nopper ist bei der Volksbank daheim oder umgekehrt, je nachdem, was anfällt. Der langjährige Vorstandschef Hans Rudolf Zeisl (bis Juli 2019) hat beim OB-Wahlkampf tatkräftig mitgeholfen, finanziert einen Benimmführer ("Nicht in der Nase popeln"), den OB-Gattin Gudrun Weichselgartner-Nopper mit Inhalt füllt und Bildungsministerin Susanne Eisenmann mit einem Vorwort einleitet, er bietet jungen Volksbank-Kunden Knigge-Seminare ("Der souveräne Händedruck") an, und lockert sich auf dem Cannstatter Wasen zusammen mit den Freunden Frank und Uli (Ferber), mit denen ihn auch die Leidenschaft für den Fußballklub SG Sonnenhof-Großaspach verbindet.

Da muss doch ein deutliches Wort möglich sein, zumal Zeisl, so heißt es, bei der Volksbank noch immer eine Nummer sei, und sein Nachfolger Stefan Zeidler, der praktischerweise vom DZ Bankvorstand kommt, auch aus dem Stuttgarter Stall. Die kurz vor Redaktionsschluss eintreffende Botschaft aus dem Rathaus klingt jedenfalls schon ganz positionsstark. Die Stadt halte an dem "grundsätzlichen Ziel einer kulturellen Folgenutzung" fest, lässt Noppers Pressestelle wissen.


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7 Kommentare verfügbar

  • Nico
    am 02.02.2021
    Antworten
    Auch wenn die Volksbanken genossenschaftlich organisiert sind und nicht privat, dann kann man darauf hinweisen, dass auch Sparkassen und Landesbanken - Ausnahmen: Hmburg Commercial Bank (exHSH Nordbank), Portigon (jaaaa!!!! ex-WestLB) - nicht privat organisiert sind, sondern kommunal (Stichworte…
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