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Kino & Co.

Die große Illusion

Kino & Co.: Die große Illusion
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Geht nach Corona alles weiter wie vorher? Wird das Kino die Krise überstehen? Oder könnte es sein, dass wir gerade eine Zeitenwende erleben, sie aber nicht erkennen wollen? Gedanken zu Film, Theater, Oper, Ballett, TV-Serien und Weiß-der-Teufel-noch-was …

Die ganze Welt ein Wartesaal. Warten auf das Christkind. Warten auf den Impfstoff. Warten auf den neuen "James Bond", der zwar "Keine Zeit zu sterben" heißt, dem aber die Wochen, die Monate, ja fast schon ein Jahr leb- und actionlos verronnen sind. So lange nämlich sitzt Agent 007 schon in Quarantäne fest! Ob er nun am 1. April, wie geplant, endlich raus darf – respektive rein in die Kinos? Oder ob sein Einsatz noch einmal verschoben wird und er am Ende – und sowieso nicht mehr ganz frisch – bei einem Streamingdienst anheuern muss? Wäre dann James Bond, bisher ein loyaler Dienstleister in Sachen Kino, ein Überläufer? Ein Agent also, der sein Land beziehungsweise die große Leinwand verrät und sich verkauft an die kleineren, aber zahlreicheren Bildschirme von Fernsehern, Laptops und Smartphones?

Auch hier in BaWü harren Filme im Corona-Wartesaal aus. Der Start von Pepe Danquarts "Vor mir der Süden" etwa, eine Wir-reisen-auf-Pasolinis-Spuren-durch-Italien-Doku, wurde erst vom Dezember in den Januar verlegt und ist inzwischen ganz ohne Kinotermin. Dagegen hält die ebenfalls mehrfach verschobene Rottweil-Fasnet-Doku des Duos Sigrun Köhler und Wiltrud Baier, auch bekannt als Böller und Brot ("Alarm am Hauptbahnhof"), noch am 28. Januar als Kinostart fest – Mitte Februar ist ja auch schon Aschermittwoch. Und wann läuft endlich, nach geplatzten November- und Dezember-Terminen, Johannes Nabers Polit-Groteske "Curveball", die den realen Fall des Asylanten und BND-Mitarbeiters Rafid Alwan nacherzählt, jenes Mannes, der mit erfundenen Geschichten über Massenvernichtungswaffen die Welt in den Irakkrieg hineinlog? Der Verleih gibt sich vorsichtig-vage und sagt: im ersten Quartal 2021.

Aber irgendwann ist doch alles wieder "normal", sind alle geimpft, hocken wieder dicht an dicht in den Kinosälen und schauen den Superhelden bei der Weltrettungsarbeit zu? Oder doch nicht? Erleben wir gerade eine Zeitenwende, nach der eben nichts mehr so ist wie es war? Die Dezember-Ausgabe der Zeitschrift "Film Facts", herausgegeben von der baden-württembergischen Förderinstitution MFG, berichtet von einer mehrtägigen Veranstaltung zur "Filmkonzeption 2020", bei der die Staatssekretärin im Wissenschaftsministerium Petra Olschowski davon sprach, dass mit der zunehmenden Digitalisierung bewegter Bilder "grundlegende Veränderungen im Nutzerverhalten" verbunden sind. Sie beträfen "die Produktion, das Produkt, die Distribution und die Rezeption gleichermaßen".

So vorausschauend diese Sätze zur Zukunft des Kinos auch sind: Mit der Corona-Krise rechnen sie noch nicht. Aber ist es nicht ein Menetekel, dass die große "Filmkonzeption 2020"-Podiumsdiskussion noch im schönen und auch für Festivals repräsentablen Stuttgarter Metropol stattfand, bevor dieses seinen Spielbetrieb nun für immer eingestellt hat? Das große Kinosterben droht ja nicht nur, es findet bereits statt. Der hiesige Ufa-Palast schloss schon im Sommer, als sich die Metropol-Betreiber noch zuversichtlich gaben, wobei dieser Film-Durchlauferhitzer mit seinen dreizehn Sälen auch extrem abhängig war vom US-dominierten Blockbuster-System, sprich: vom immer teurer werdenden Superheldenkino, hinter dessen Boom doch schon der Zusammenbruch lauerte.

Vorbei die Special-Effects-Spektakel-Orgien?

Denn wie lange würden diese, seien wir ehrlich, ein bisschen infantilen und sich wiederholenden Special-Effects-Spektakel-Orgien noch beim Publikum zünden? Ja, es gab die besseren Superhelden-Filme, solche etwa, die ihr Personal erweiterten wie "Black Panther" oder "Wonder Woman". Aber wenn es ans Kämpfen ging, wenn sich also unzerstörbare Akteure unermüdlich zu zerstören versuchten, machte sich beim einen oder anderen Zuschauer (zum Beispiel bei mir!) doch Langeweile breit. Wieviele Minuten würden diese Sich-durch-Wolkenkratzer-oder-ganze-Galaxien-Hindurchprügeleien noch dauern? Es könnte sein, dass diese Art von Kino die Krise nicht übersteht, jedenfalls nicht unbeschadet. Denn der kleine Virus hat zum einen die beschämende Ohnmacht der allmächtigen Superhelden ans Licht gebracht, und zum anderen werden Produzenten sich fragen, ob sie in einer Zeit nach Corona wieder Zweihundert-Millionen-Dollar-Produktionen riskieren sollten.

Vielleicht erübrigt sich diese Frage schon deshalb, weil in der Krise das ganze Hollywood-System – und mit ihm das Kino der ganzen Welt – ins Trudeln geraten ist. Wer kann denn, von der Studio-Verwaltung über die HandwerkerInnen bis hin zu den SchauspielerInnen und RegisseurInnen, die Corona-Zeit durchstehen und dies nicht nur physisch und psychisch gesund, sondern auch finanziell liquide? Dass es in Hollywood "ganz normal" weitergehen wird, könnte sich als große Illusion erweisen. Das wiederum wäre die Chance für jene kleineren Produktionen, pauschal gesprochen: für jene Filme mit menschlichem Maß, die von den Blockbustern aus den Kinos gedrängt wurden.

Aber dieser Glaube, dass alles wieder zurückkehrt zum Vor-Corona-Status, ist auch in unserem Kulturbetrieb weit verbreitet und dies nicht nur, was das Kino angeht. Mag sein, dass sich jene Theater-, Ballett- und Opernbetriebe, die immer wieder detaillierte Spielpläne fürs neue Jahr vorlegen, damit selber Mut machen wollen. Müsste der Blick nach vorn aber nicht einer sein, der nicht umstandslos anknüpft an das Gestern, sondern sich nach der Corona-Erfahrung weitergehende Gedanken über die Zukunft macht, was etwa Aufführungspraxis oder auch Architektur betrifft? Wobei das trotzige Gleich-geht's-wieder-weiter-Denken bei der eine Milliarde Euro teuren Sanierung der Stuttgarter Oper schon einen ganz besonders fantasielosen Optimismus bloßlegt. Das gerade eingeweihte Berliner Humboldtforum hat übrigens "nur" 677 Millionen gekostet, aber hey, das ist ja auch keine Altbausanierung, sondern bloß ein Neubau!

Apropos Einweihung: Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit wurden in dieser Krise der Anbau der neuen Stuttgarter Landesbibliothek eröffnet und auch die neue John-Cranko-Schule. Letztere in einer per Live-Stream übertragenen und gespenstisch-depressiven Zeremonie, der man ohne Berücksichtigung der Umstände wohl das Adjektiv "erbärmlich" verpasst hätte. An dieser Stelle ein Streaming-Tipp für Ballettinteressierte und für die John-Cranko-Schule, die sich trotz Protesten auch des Bezirksbeirats das der Öffentlichkeit versprochene Nachbargrundstück unter den Nagel respektive unter die Spitzenschuhe gerissen und inzwischen auch schon eingezäunt hat! Netflix zeigt die an einer Chicagoer Ballettschule spielende Trash-Serie "Tiny Pretty Things", in der nicht nur getanzt, sondern auch intrigiert, gemobbt, missbraucht, abgekanzelt, bulimiert und selbstkasteit wird, dass es nur so eine Art hat. Oder eventuell so zugeht, wie in den skandalgeplagten Wiener oder Berliner Ballettschulen, aber natürlich nicht in der Stuttgarter.

Der Film als Krisengewinner

Zurück zum Kino oder besser zum Film, der weniger auf seine ureigene Abspielstätte angewiesen ist wie Theater, Oper und Ballett. Bei letzteren haben auch die Hardcore-Fans langsam genug von gestreamten Aufführungen. Denn die lassen selbst bei Live-Übertragungen eben das vermissen, was nur mit einem physisch präsenten Publikum möglich ist: die emotionale Interaktion zwischen Saal und Bühne, die sich wechselseitig beeinflussende Stimmung, die "Bravo"-Rufe oder auch die Pfiffe. Theater und Co. im Fernsehen, das ist immer nur Ersatz. So könnte tatsächlich der Film (aber nicht das Kino!) zum großen Krisengewinner werden. Ja, man wird dem Gemeinschaftserlebnis im Kinosaal ein wenig nachtrauern, aber – und das hört sich jetzt ketzerisch an! – man wird es sich dann doch bequem machen auf der Couch vor dem immer größer gewordenen TV-Schirm und der Surround-Anlage.

Da klingt dann auch Niki Steins spritzig unterhaltsamer TV-Film "Louis van Beethoven", der am ersten Weihnachtstag im Ersten zu sehen ist (oder jetzt schon in der ARD-Mediathek), gar nicht schlecht. Wobei sich unter diese Klänge auch recht viele von Mozart eingeschlichen haben – aus "Don Giovanni", dem "Figaro" oder dem "Requiem" –, und dies nicht nur, weil Beethoven hier tatsächlich den von einem gut aufgelegten Manuel Rubey gespielten Mozart trifft (was historisch nicht belegt ist), sondern wohl auch, weil der Regisseur fast lieber noch als einen Beethoven- einen Mozartfilm inszeniert hätte. Was beide Künstler hier gemeinsam haben und beide auch verbindet: Sie sind, auch wenn sie rebellieren, extrem abhängig von adligen Sponsoren. 

Und noch ein Beethoven-Tipp: In seinem exzellenten Comic-Band "Goldjunge" erzählt Mikael Ross komisch, spannend und anrührend von den Jugendjahren des Genies. Die expressiven Zeichnungen sind inspiriert von aktuellen belgisch-französischen Comic-Künstlern, etwa von Lewis Trondheim oder Joann Sfar, aber in diesem Werk lugt auch noch der deutsche Urvater des Comics durch: Wilhelm Busch.

Und dann ist da noch etwas, was man zu Hause und nur zu Hause anschauen kann, was nämlich das Kino nicht bietet: TV-Serien! Die haben längst, was ihre Resonanz in den Medien betrifft, den Film und auch die traditionelle Filmkritik überholt. Wobei publizistisch allzu oft mit US-Maß gemessen wird, so dass das höchste und vasallenhaft geäußerte Lob, etwa für eine deutsche Serie wie "Babylon Berlin", gern lautet, sie würde auch amerikanischem Standard genügen. Eine Geschichtsvergessenheit, die endlich mal patriotisch korrigiert werden muss: Die beste und wirklich Maßstäbe setzende Serie stammt nämlich aus Deutschland, sie wurde konzipiert und gedreht von Edgar Reitz und sie heißt "Heimat". Gibt es auf DVD und Bluray. Könnte man sich gerade in diesen Zeiten mal wieder anschauen.


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