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"The Trial of the Chicago 7"

Angeklagte klagen an

"The Trial of the Chicago 7": Angeklagte klagen an
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Aaron Sorkins "The Trial of the Chicago 7" erzählt von einem Prozess gegen US-amerikanische Politaktivisten, die 1968 gegen den Vietnamkrieg protestierten. Das Gerichtsdrama ist hochaktuell, auch weil es die Frage stellt: Ist das herrschende System reformierbar oder muss es gestürzt werden?

Dies ist auch die Geschichte des Black-Panther-Mitglieds Bobby Seale, der 1969 vor Gericht an einen Stuhl gefesselt und geknebelt wird, weil er darauf bestanden hat, von seinem Anwalt vertreten zu werden. Ein Vorfall, den schon zwei Jahre später sowohl Peter Watkins in seiner Polit-Science-Fiction "Punishment Park" als auch Woody Allen in seiner anarchischen Satire "Bananas" auf je eigene Art aufgreifen. Aber Aaron Sorkins "The Trial of the Chicago 7" ist letztlich doch kein Bobby-Seale-Film: So wie der Richter Julius Hoffman (Frank Langella) Seales Verfahren schließlich von dem der anderen Angeklagten abtrennt, so koppelt auch Sorkin dessen Fall ab von seiner Rekonstruktion eines Prozesses, der in die US-Historie einging. Der Regisseur nennt ja schon in seinem Titel die Zahl Sieben und eben nicht die Bobby Seale mitrechnende Acht, die in anderen Versionen dieses schon mehrfach verfilmten Prozesses firmiert.

Sieben Weiße also, die während eines Parteitags der Demokraten an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg beteiligt waren und nun wegen Aufstachelung zur Gewalt und Verschwörung vor Gericht stehen. Sorkin ist sich bewusst, dass er das Thema Rassismus nur angespielt hat, er weiß aber auch, dass er seinem ohnehin zum Bersten vollen Drama nicht noch mehr aufbürden kann. Er versucht auch gar nicht erst, seine Entscheidung zu verbrämen, er geht offen mit ihr um und lässt Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II) in einer Verhandlungspause sagen, sein Fall habe tatsächlich einen anderen Hintergrund. Wenn Aktivisten der Studentenorganisation SDS (Students for a Democratic Society) wie Tom Hayden (Eddie Redmayne) und Rennie Davis (Alex Sharp) oder Yippies (Anhänger der Youth International Party YIP) wie Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen, bekannt als Borat) und Jerry Rubin (John Carrol Lynch) rebellierten, dann sei das im Grunde eine Rebellion gegen deren Väter. Seine Motivation dagegen seien Bilder von einem Ast und einem Strick.

"The Trial of the Chicago 7" beginnt mit einer Collage aus TV- und Doku-Schnipseln, welche die Politik und das emotionale Klima der späten sechziger Jahre evozieren. Johnson ist noch Präsident, in Vietnam wird Napalm eingesetzt, Soldaten laden mit US-Flagge dekorierte Särge aus heimkehrenden Flugzeugen, Martin Luther King und Robert Kennedy werden erschossen, Demonstranten rufen im Chor: "The whole world is watching!". Und was da jetzt in Chicago bei den tagelangen Demonstrationen passiert, das führt den berühmten Nachrichtensprecher und Anchorman Walter Cronkite dazu, die Stadt als Polizeistaat zu bezeichnen. Muss man extra erwähnen, dass dieser Film zwar von einem historischen Ereignis erzählt, dass er dieses Ereignis aber nicht als erledigt betrachtet? Dass der Zuschauer also immer Parallelen zur brodelnden Gegenwart zieht?

Glänzend besetzter Genrefilm

Sorkin führt seine Protagonisten kurz ein, darunter auch den jungen Ankläger (Joseph Gordon-Levitt), der sich eigentlich an das Gesetz halten will, aber von Vorgesetzten deutlich darauf hingewiesen wird, was man von ihm erwartet: strenge Urteile. Dies ist von vornherein ein politischer Prozess. Inzwischen ist Richard Nixon Präsident geworden, die unter der Vorgängerregierung verworfene Anklage wird wiederaufgenommen, das Establishment will seine Kritiker bestrafen – und wie es dabei vorgeht, das rekonstruiert der Regisseur nun vorwiegend im holzgetäfelten und so seriös wirkenden Gerichtssaal. "The Trial of the Chicago 7" wird zu einem glänzend besetzten Genrefilm, einem Courtroom-Drama mit prägnanten Dialogen, welches die schon in seiner Form angelegte Spannung ausreizt und sich in aufrechte Empörung hineinsteigert.

Was bei einem solchen Richter ja auch nicht schwer ist: Julius Hoffman ist ein reaktionärer alter Machtmensch, der seine Vorstellung von Recht und Ordnung durchsetzen will, deshalb den Angeklagten und deren Verteidiger (Mark Rylance) das Wort abschneidet und alle mit der Formel "Verachtung des Gerichts" wieder und wieder zu Gefängnisstrafen verurteilt. Überhaupt wird dieser Richter extrem hart Recht beziehungsweise Unrecht sprechen. Und doch haben am Ende er und die Mächte hinter ihm verloren. Nicht nur, weil alle Urteile im Berufungsverfahren revidiert werden, und auch nicht nur, weil eine staatliche Behörde später feststellt, was die Flashbacks im Film zeigen, dass nämlich die Gewalt von der Polizei ("a police riot") ausging. Es hat auch damit zu tun, dass dieses Verfahren in die Welt hinausstrahlt und sozusagen Beweise für das liefert, was die Angeklagten behaupten. Irgendwie dreht sich hier alles um: Die Angeklagten werden in der Öffentlichkeit zu Klägern, die Kläger zu Angeklagten.

Dieser Film ist, wie gesagt, auch ein Film für das Hier und Jetzt. Es ist ja die Zeit der Gerichte, in den USA will Donald Trump die Wahlniederlage juristisch umdrehen, in Deutschland beschäftigen sich Richter mit Corona-Maßnahmen, in Stuttgart fordert ein Innenminister für jugendliche Scheibeneinschmeißer die ganze Härte des Gesetzes – und das Gericht kommt seinem Wunsch nach. Aber nicht nur real, sondern auch fiktiv wird verhandelt: Gerade war im Fernsehen Andres Veiels Film "Ökozid" zu sehen, in dem der deutschen Regierung im Jahr 2034 als Mitverantwortliche der Klimakrise der Prozess gemacht wird. Oder Ferdinand von Schirachs "Gott", in dem das Thema Sterbehilfe von Klägern und Anwälten durchgespielt wird und das Publikum am Ende entscheiden kann. Überhaupt drängt diese fiktive Form des Prozesses in die Realität, der Regisseur Milo Rau zum Beispiel hat das 2015 in seinem politischen Theaterstück "Kongo Tribunal" vorgeführt.

Sympathie für die Rebellion, konventionell inszeniert

In "The Trial of the Chicago 7" gehen die langhaarigen Yippies Abbie Hoffman und Jerry Rubin den umgekehrten Weg: Wenn sie in Richterroben auftauchen und unter diesen, nach dem befohlenen "Ausziehen!", Polizeiuniformen vorführen, dann funktionieren sie den Prozess um und machen aus dem Saal ihre Bühne. Das bringt die beiden aber nicht nur in Konflikt mit dem Richter, sondern auch mit Mitangeklagten, vor allem mit dem eher konservativ gekleideten Tom Hayden, der seinen Protest zunächst innerhalb des Systems zum Ausdruck bringen und die Formen respektieren will. Hayden habe sich für diesen Prozess sogar die Haare schneiden lassen, höhnt Hoffman. Und auf wessen Seite schlägt sich der Regisseur Aaron Sorkin? Er zeigt große Sympathien für die Rebellion gegen das Ritual. In seiner eigenen Inszenierung aber scheut er das Experiment, bleibt lieber konventionell und setzt auf Stilmittel, die manchmal an Frank-Capra-Filme ("Mr. Smith geht nach Washington", 1939) erinnern.

Hoffman und Rubin, die ein Schwein zum Präsidentschaftskandidaten ausriefen oder an der New Yorker Börse von den Brokern gierig aufgesammelte Dollarscheine in den Saal flattern ließen, haben sich als Systemsprenger verstanden. Tom Hayden dagegen (bei uns vor allem bekannt als Mann von Jane Fonda) war für den Marsch durch die Institutionen. Genauso wie Hoffman, der das System immer von außen attackiert hat, ist Hayden sich in seiner langen Polit-Karriere treu geblieben. Auch der Pazifist und Kriegsdienstverweigerer David Dellinger (John Carrol Lynch), der bei Sorkin eine Nebenrolle spielt, blieb sein ganzes Leben ein aufrechter Aktivist, so wie auch Lee Weiner (Noah Robbins), der im Film nur ganz am Rande vorkommt. Weiner lebt übrigens noch, er hat gerade seine Memoiren veröffentlicht und sagt zum Film, dass dessen Geschichte im Jahr 2020 äußerst relevant sei. "The Trial of the Chicago 7" zeige, dass der Widerstand gegen Ungerechtigkeit "sowohl möglich als auch nötig" sei. Und der 81-Jährige setzt hinzu: "Wenn ich jünger wäre, ginge ich auf die Straße".


"The Trial of the Chicago 7" ist beim Streaming-Anbieter Netflix zu sehen.


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