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"Enfant terrible"

Genialischer Kotzbrocken

"Enfant terrible": Genialischer Kotzbrocken
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In Oskar Roehlers Film "Enfant Terrible" spielt Oliver Masucci den Regietyrannen Rainer Werner Fassbinder. So ganz ist dieser dreiste Lederjackenlümmel zwar nicht zu fassen, aber die Szenen aus seinem wüsten Leben faszinieren doch.

"Für mich war er ein Komet am nachtschwarzen Berliner Himmel, eine grelle Neonreklame, die im Wind flatterte, ein Monolith, der bunte Farben erfand, um sich in Szene zu setzen, der aber eigentlich aus dem kalten, grauen Urgestein der deutschen Nachkriegsgesellschaft gemacht war. Mit all den düsteren Gedanken, dem Pessimismus, den Selbstzweifeln, die dazu gehörten. Jeder kaputte Held seiner Geschichten, der an sich selbst zugrunde ging, war ein Teil von ihm selbst."
["Enfant Terrible"-Regisseur Oskar Roehler über sein Idol Rainer Werner Fassbinder]

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Da steht er nun, im Jahr 1967, in der Tür zum Kellerraum des Münchner Action Theaters, da hat er noch alles vor sich, was er an Erfolg, Ruhm, Liebe, Eifersucht, Drogen und Skandalen in sein kurzes Leben quetschen konnte, und ist doch schon ganz und gar: Rainer Werner Fassbinder. Ein schwitziger Lederjackenlümmel mit fettigen Haaren, schiefem Mund und herunterhängendem Schnurrbartgestrüpp. Ein ruppig-schroffer Kraftbolzen, der sich eine Zigarette an der andern anzündet, den Kopf zwischen die Schultern zieht und die Welt von unten anvisiert, wach und lauernd. Und ein Tyrann, der sofort die Schwächen der anderen erkennt und sich zu deren Herrscher erklärt. "Das Stück wird von jetzt an viel langsamer gespielt!", befiehlt der Neuankömmling, der die Regie umstandslos an sich reißt. Und alle gehorchen.

So beginnt "Enfant terrible", inszeniert vom 61-jährigen Oskar Roehler, der seinen ersten Fassbinder-Film als Zwölfjähriger sah und sagt, dieser habe sich wie "ein Geschoss" in sein Herz gebohrt. Und wie setzt Roehler ("Die Unberührbare", 2000, "Quellen des Lebens", 2013), der sich im aktuellen deutschen Kino ja selber als schreckliches Kind aufführt, seine Fassbinder-Hommage um? Banal gefragt: Hat er einen Film über Fassbinder gedreht oder wollte er einen Fassbinder-Film drehen? Die Antwort: Roehler hat beides versucht. Sein komplett im Studio und in teils gemalten Kulissen inszenierter und theaterhaft farbig ausgeleuchteter Film – dieses signalhafte Rot! – erinnert in seiner Stilisierung an manche Fassbinder-Werke, vor allem an "Querelle" (1982), dessen Uraufführung der Regisseur nicht mehr erlebte. Was aber die Schauspieler angeht und vor allem den Fassbinder-Darsteller Oliver Masucci: Bei ihnen will Roehler nicht Abstand, sondern Nähe und setzt deshalb auf größtmögliche physische Ähnlichkeit.

Wie ein Täter Geschichten über seine Taten dreht

Oliver Masucci ("Er ist wieder da!", 2015) ist zwar einen Kopf größer als Fassbinder und um einiges älter als dieser damals war, aber die Maske hat ihm dessen Physiognomie verpasst und er selber sich dessen Gestik, Mimik und Manierismen angeeignet, die das Vorbild zur jederzeit wiedererkennbaren Marke machten. Dieser schleppend-bedrohliche Sprachduktus zum Beispiel, die zelebrierte Ruhe, die immer eine vor dem Sturm war, der plötzliche Ausbruch in herrisches Gebrüll, das verächtliche Lächeln oder die sadistische Freude an Demütigungen. "Wenn du Fleisch isst, schlaf' ich heute Nacht mit dir!", verspricht er vor versammelter Crew einem Schauspieler, Ex-Lover und Vegetarier, und weidet sich dann an dessen verzweifeltem Versuch. Und als Hanna Schygulla (Frida-Lovisa Hamann) ihn bei den Dreharbeiten zu seinem Kinoerstling "Liebe ist kälter als der Tod" fragt: "Warum schlägst du mich?", antwortet er herablassend: "Weil's dir offenbar zu gut geht."

Um sich aufzuführen, in jedem Sinne, braucht Fassbinder seine ihn bewundernde und treu ergebene Schar, die er beleidigt und demütigt, in der er seine Gunst nach Belieben verteilt, in der er Neid und Eifersucht sät. Diese Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse werden bei ihm zum (Roh-)Stoff für Werke, in denen er diese Verhältnisse vorführt und seziert, rücksichtslos auch sich selber gegenüber. "Einer muss hier das Arschloch sein", lässt Roehler seinen Fassbinder sagen, und reiht für diese Aussage ein beweiskräftiges Beispiel ans andere. Seine Filme, so Fassbinder, sollen davon handeln, "wie Menschen träumen und wie Träume kaputtgehen". Und Roehler verbindet in "Enfant Terrible" nun Leben und Werk des Rainer Werner Fassbinder, unterscheidet seine Film-im-Film-Szenen auch ästhetisch nicht von denen über das Privatleben des Regieberserkers (das es sowieso nicht wirklich gab), zeigt also, wie ein Täter Geschichten über seine Taten dreht.

Aber das ist natürlich nicht alles. Dieser großspurig-selbstbewusste Fassbinder, der sich künstlerisch nicht hocharbeiten, sondern sofort zu den ganz Großen gehören will – Godard, Welles, Sirk! – ist zwar auch ein sexueller Ausbeuter und Vielfraß: "Ich bin alles, aber vor allem schwul, und ich steh auf Gastarbeiter!" Doch er leidet auch selber, er ist immer wieder ein unglücklich Liebender, der ... Nein, ist er nicht wirklich. Er ist nur ein unglücklich Verliebter, der larmoyant die Objekte seiner Begierde anbettelt oder kühl seine Macht als Filmrollenverteiler ausnutzt. "Ich muss mal deinen Körper sehen!", sagt er zu dem Schwarzen Günther (Michael Klammer), der aber ins Hetero-Kleinbürgerglück ausweicht und an dem Fassbinder sich deshalb bei den Dreharbeiten zu "Whity" rächt. Den Marokkaner Salem (Erdal Yildiz), den Fassbinder in einem Pariser Darkroom kennenlernt, den er als "Liebe meines Lebens" bezeichnet, der ihm den Ali in "Angst essen Seele auf" spielt, den lässt er wieder fallen. Später hört er, dass Salem sich erhängt hat.

Rosinen für Cineasten

Roehler nimmt sich zweieinviertel Stunden Zeit für den Menschenfresser Fassbinder, aber er kann dieses überbordende und sich selbst verzehrende Leben trotzdem nicht fassen. Dass er es versucht, dass er zum Beispiel chronologisch erzählt und so viele Personen der Fassbinder-Clique wie irgend möglich auftreten lässt (am prägnantesten wohl: Hary Prinz als hysterischer Kurt Raab), wird eher zur Schwäche eines Films, dessen Teile besser funktionieren als das große Ganze. Teile wie etwa jene Sequenz, in welcher Michael Ballhaus (Ingo van Gulijk) zur Crew stößt ("Ein schrecklich bürgerliches Gesicht hat der!") und Fassbinder bei einer Art Aufnahmegespräch um diesen herumkreist, also jene Bewegung vorwegnimmt, die Ballhaus dann wieder und wieder mit seiner Kamera vollführte. Letzteres wird bei Roehler allerdings nicht gezeigt, seine Ballhaus-Szene ist für Cineasten gedacht, die solche Anspielungen erkennen.

Dass Eva Mattes in "Enfant Terrible" die mütterliche Brigitte Mira spielt, die Hauptdarstellerin von "Angst essen Seele auf", ist ein Besetzungscoup – aber auch nur für den, der Mattes als frühe Fassbinder-Darstellerin kennt. Und wer in Roehlers episodenhaft-anekdotischem Werk mit seiner riesigen Besetzungsliste sonst noch alles spielt und wen (dies ist auch ein Retro-Klatsch-und-Tratsch-Film!), diese Frage dürfte selbst manche Fassbinder-Kenner überfordern, zumal die Rollennamen nicht immer genannt werden. Dass Fassbinder den männlichen Mitgliedern seiner Clique willkürlich eigene Namen verpasst – und zwar Frauennamen wie Ilse, Britta oder Emma –, trägt auch nicht zur Einordnung bei. Aber wie gesagt: Roehler versucht sich an einem Überblick, der freilich eher Aufzählung wird als Verdichtung, so dass sein Film trotz aller Exzesse auch ein bisschen, nun ja: brav wirkt. Ein Adjektiv, das Roehler vermutlich hasst.

Diese geballte Ladung Fassbinder, in der Roehlers Verehrung oft und wohl ohne Absicht zur Abrechnung wird, könnte auf Dauer ermüdend sein. Und doch bleibt man als Zuschauer dabei, wenn Masucci genüsslich seine immer mehr hervorquellende Fassbinder-Wampe präsentiert – überhaupt kann dieser Film auch als böse Komödie gesehen werden! – oder im Leopardenanzug zu Joachim Witts Schlager vom "Goldenen Reiter" tanzt. In dem heißt es: "Hey, hey, hey, ich war so hoch auf der Leiter!" Fassbinder ist mit 37 Jahren ganz oben und schon am Ende. Bei einem letzten Fick greift er sich ans Herz – und kokst weiter. Jawohl, so einen gab es mal. So einen genialischen Kotzbrocken, der im Reich der Kunst und weit jenseits des politisch Korrekten sein Wesen und Unwesen trieb. So einen Kerl, der in seiner ganzen Fassbinderhaftigkeit heute wohl nicht mehr möglich wäre, jedenfalls nicht mehr als umjubeltes Enfant Terrible.

Apropos Politik: Der politische Fassbinder wird bei Roehler nur angespielt, er schreit ein bisschen rum, wenn im Fernsehen Bilder von Mogadischu oder Stammheim zu sehen sind, und auch der Dialog mit seiner Mutter aus dem Film "Deutschland im Herbst" (1978), in dem er ihren Wunsch nach einem autoritären Führer niederschreit, verliert in Roehlers Nachstellung die verstörende Dringlichkeit. Die Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik, von der Roehler im eingangs zitierten Presseheft schreibt, spielt in "Enfant Terrible" (und anders als in Fassbinders Gesamtwerk) kaum eine Rolle. Was Roehler interessiert, ist die abgründige Psychodynamik einer kleinen Gruppe und ihrem Guru. Aber der ganze Fassbinder ist sowieso nicht zu fassen. So viele Essays, Biografien und Dokus haben sich mit ihm beschäftigt, ein riesiges Text- und Film-Konvolut hat sich da angesammelt. Und "Enfant Terrible" gehört von jetzt an dazu.


Oskar Roehlers "Enfant terrible" kommt am Donnerstag, 1. Oktober in die deutschen Kinos. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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