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"Sputnik"

Das Tier in dir

"Sputnik": Das Tier in dir
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Egor Abramenkos im Jahr 1983 spielender Thriller "Sputnik" beginnt mit einem Alarm im Weltall und erzählt dann in einem geheimen Militär-Komplex in Kasachstan weiter. Der Film ist ein russischer "Alien"-Nachfolger und zugleich ein Abgesang auf die Sowjetunion.

Symbiose, Lexikon-Definition: "Das Zusammenleben von Lebewesen verschiedener Art zu gegenseitigem Nutzen."

***

Die Weltraummission ist beendet, jetzt geht es wieder nach Hause. Der eine der beiden Kosmonauten in der engen Orbit-4-Kapsel freut sich auf heißes Wasser, auf ein Wiedersehen mit seiner Frau, auf Theater und Konzerte. Der andere, er heißt Konstantin Weschnjakow (Pyotr Fyodorov) und ist der Kommandant, bleibt wortkarg und sagt nur, er habe "Geschäftliches" vor. Genaueres muss er auch nicht sagen, weil die Kapsel plötzlich zu rütteln und zu beben anfängt, weil da draußen irgendetwas ist und den beiden – besorgte Blicke auf die Ausstiegsluke über den Köpfen! – buchstäblich aufs Dach gestiegen ist. Nachts und irgendwo in der Steppe von Kasachstan schwebt die Kapsel nun am Fallschirm zur Erde, ein nomadischer Reiter trabt heran, er sieht einen toten Kosmonauten, dem der Helm aufgeplatzt ist und das Blut aus dem Schädel läuft. Und er sieht Konstantin, der scheinbar unbeschädigt aus der Kapsel kriecht.

So beginnt Egor Abramenkos Thriller "Sputnik", dessen Titel an den des vielleicht größten Triumphs der sowjetischen Raumfahrt andockt, an jenen erdumkreisenden Satelliten nämlich, der 1957 in den USA und mitten im Kalten Krieg einen sprichwörtlich gewordenen Schock auslöste. In dieser neuen russischen Produktion ist der Kalte Krieg noch nicht beendet: "Sputnik" spielt im Jahr 1983, in dem die Gefahr eines Atomkriegs in der Luft lag, und auch wenn die Ost-West-Konfrontation nicht explizit thematisiert wird, ist sie in kleinen Anspielungen und vor allem atmosphärisch immer präsent. Überall ernste, freudlose und angespannte Mienen! Selbst beim eisgrauen Oberst (Fedor Bondarchuk), der in einem geheimen militärischen Komplex den Kosmonauten Konstantin untersuchen lässt, ist unter markigen Worten ein Fatalismus zu ahnen, den er durch patriotische Taten zu bekämpfen sucht.

Dieser Oberst, der über Leichen gehen wird, rekrutiert die taffe Psychologin Tatyana (Oksana Akinshina), eine von ihm als geistesverwandt angesehene junge Frau, die an ihrer alten Arbeitsstätte gegen Vorschriften verstoßen hat. Sie sucht Konstantin in einer Verhörzelle auf, einem fast leeren und durch Stahl und Panzerglas gesicherten Raum. "Posttraumatische Störung", diagnostiziert sie kühl und schnell. Es gehe hier wohl darum, dem sowjetischen Volk zu verheimlichen, wie angeknackst einer seiner Nationalhelden sei. Tatsächlich fälscht der Oberst seine Berichte nach Moskau, dies aber nicht nur, weil ein Held ein Held bleiben muss, sondern auch, weil die "Störung" nicht nur eine psychische ist. Sie materialisiert sich nämlich jede Nacht, sie würgt sich als glitschiges Etwas aus dem Mund des schlafenden Konstantin, wird größer, entfaltet dünne Arme und schleimt sich mit langem Schwanz über den Boden.

Das Wesen als Weggefährte, als Waffe?

Spätestens mit diesen Szenen ist klar, dass Egor Abramenkos Film von Ridley Scotts "Alien" (1979) inspiriert ist und Tatyana, wenn sich hier Frau und knackend-knisternd-grummelndes Monster direkt gegenüberstehen, als direkte Nachfolgerin von Sigourney Weavers furchtloser Astronautin Ripley zu sehen ist. Aber "Sputnik" ist kein bloßes Plagiat. War etwa das "Alien"-Wesen ein sich im menschlichen Körper einnistender Schmarotzer, so ist jenes in "Sputnik" rätselhafter. "Parasit oder Symbiont?", fragt sich Tatyana, als sich der nächtliche Ausbrecher wieder klein macht und in Konstantin zurückzwängt. Um die Frage zu beantworten, muss man auf die Übersetzung des Wortes Sputnik hinweisen – es bedeutet Weggefährte beziehungsweise Begleiter. Man kann diesen Film "nur" als spannenden SF-Horror-Thriller sehen, in dem ein Weltall-Monster auf die Erde kommt. Auf einer symbolischen Ebene aber darf man auch fragen, ob das Monster im Menschen nicht schon immer da war.

Eingeschnitten in die Szenen aus dem Militärkomplex sind solche von einem kleinen Jungen in einem Waisenhaus. "Helden lassen ihre Kinder nicht im Stich!", sagt Tatyana, die herausgefunden hat, dass Konstantin einen unehelichen Sohn verheimlicht. Weiß dieser Kosmonaut, anders als er vorgibt, auch etwas von diesem Wesen in seinem Bauch? Er sei genauso wie sein Körperbewohner, wird er später bekennen, als er sich mit Tatyana angefreundet hat: "Ohne Moral, ohne Zwänge."

Tatyana wird auch erfahren, wie sich dieses Wesen ernährt, respektive: wie es ernährt wird. Durch ein Nachtsichtglas beobachtet sie, wie der Oberst in einem Käfig gefesselte Sträflinge auslegen lässt, wie das Wesen langsam heranschleicht, wie es dann plötzlich ... Als Tatyana dies das erste Mal sieht, muss sie kotzen.

"Sputnik" lässt ein enervierendes Sound-Design herumgrummeln und hat ein Gespür für unheimliche, durch Überwachungskameras verfremdete Bilder. Der Film scheut auch nicht vor Splatter-Szenen zurück, geht aber sparsam mit ihnen um, zeigt lieber die Reaktionen als das grausame Geschehen selbst. Das Wesen wird angelockt durch Angst, es riecht Stresshormone. Was die Menschenopfer betrifft, erklärt der Oberst, das seien ja gar keine Menschen, sondern bloß Verbrecher. Menschen seien jene Helden, die in Angola oder in Afghanistan gestorben sind. Und warum lässt der Oberst dieses Wesen nicht töten? Ist es tatsächlich nur deshalb, weil dies auch den Tod von Konstantin bedeuten würde? Oder will der Oberst es so kontrollieren können, dass es mal als Waffe eingesetzt werden kann?

Immer wieder wechseln hier die Konstellationen, werden Vertraute zu Verrätern und umgekehrt. Und es werden Fragen aufgeworfen, die manchmal an jene in Andrei Tarkowskis Filmen erinnern. "Sputnik" ist nämlich nicht nur ein Nachfolger von "Alien", sondern ein bisschen auch von Tarkowskis SF-Film "Solaris" (1972), in dem Menschen ins All vorgedrungen sind, nur um dort auf ihre irdischen Probleme zurückgeworfen zu werden. "Glauben Sie an Gott?", wird Konstantin gefragt, und er antwortet: "Ich glaube an das, was ich sehe. Und Gott war nicht da oben!" Es ist ein Juri-Gagarin-Zitat. So hat der erste erdumkreisende Mensch die Frage im Jahr 1961 beantwortet – beziehungsweise beantworten müssen.

Erinnerungen an ein untergegangenes Reich. Es ist kein nostalgischer und schon gar kein euphorischer Blick, den dieser Film zurückwirft. Aber es ist auch kein Blick zurück im Zorn. Was sich in diesen glamourlos-tristen Bildern von Beton, Stahl und Neonflackern manifestiert, was sich in den illusionslos-erschöpften Mienen der Menschen abgelagert hat, ist etwas Dunkles, Schweres und Melancholisches. So etwas wie das kettenrasselnde Gespenst der Sowjetunion. "Sputnik" ist eben, wie schon gesagt, nicht nur ein SF-Horror-Thriller, sondern auch ein Abgesang. Ein Abgesang auf ein System, das nicht nur von außen bedroht wurde, sondern auf ein System, dem auf Erden nicht mehr zu helfen war.


Egor Abramenkos "Sputnik" ist als DVD und als Bluray erhältlich.


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3 Kommentare verfügbar

  • Kosmonaut
    am 09.12.2020
    Antworten
    Boah ey, bin ich hier beim Focus gelandet? So ein platt antisowjetischer Quatsch hätte ich bei Kontext nicht er wartet. Soso, Juri Gagarin "musste" also sagen das er Gott nicht gesehen hat? Ist es wirklich so schwer zu glauben dass der Kosmonaut tatsächlich Atheist oder Agnostiker war und…
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