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Auf dem Teppich bleiben

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Am Sonntag ist die 21. Filmschau Baden-Württemberg zu Ende gegangen. Ein guter Zeitpunkt für eine Zwischenbilanz: Wo steht das Filmland Baden-Württemberg nach fast einem Vierteljahrhundert aktiver Filmpolitik?

Ein roter Teppich, überdacht und grell beleuchtet, liegt vor dem Eingang des Metropol, Stuttgarts traditionsreichstem Kino. Jedes Jahr findet hier Anfang Dezember die Filmschau Baden-Württemberg statt. In diesen Tagen zum 21. Mal. Und der Rote Teppich ist der Hauptdarsteller.

"Regisseure, Schauspielerinnen und Produzenten im Blitzlichtgewitter auf dem Roten Teppich" verspricht die Programmbroschüre. Da geraten die Filme leicht mal zur Nebensache. Die waren häufig ohnehin schon anderswo zu sehen; echte Premieren wichtiger Filme sind eher rar bei der Filmschau Baden-Württemberg.

Dafür ist man sonst arg bemüht, ein richtiges Festival zu sein und kopiert bis ins Kleinste die Großen der Branche.

Spätstart in die Filmwelt

Im Rahmenprogramm, als warm up vor der glanzvollen Eröffnung angekündigt, eine Podiumsdiskussion der Filmpolitiker des Landes.

An ihrer Spitze der grüne Staatssekretär Jürgen Walter aus dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst, ein Freund des Films, der erste seit den längst vergangenen Zeiten des Medienministers Christoph Palmer. Einigermaßen mithalten kann noch die CDU-Frau Sabine Kurtz, kulturpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Die Dame von der FDP, Heiderose Berroth, zeigt sich als Einsteigerin in das Thema. Auch der zweite Grüne, Kulturpolitiker Manfred Kern, verfolgt wohl andere Schwerpunkte. Die SPD-Genossin Heberer hat sich erkrankt abgemeldet.

Schon das zeigt deutlich: Filmpolitik ist hierzulande die Sache von sehr wenigen Spezialisten.

Die Felle in der deutschen Filmwelt waren schon längst verteilt, als das Land Baden-Württemberg Anfang der 90er Jahre die Szene betrat. Ein Platz an der Sonne war nicht mehr drin, bestenfalls waren noch Nischen und Ecken zu besetzen.

Stets gab es nur drei große Player im späten Filmländle: den übermächtigen SWR, die einigermassen berühmte Filmakademie und die MFG, die Medien- und Filmgesellschaft des Landes.

Diese drei sind wiederum vielfältig vernetzt: Der SWR ist neben dem Land der wichtigste Anteilseigner bei der MFG. Deren Chef Carl Bergengruen war Hauptabteilungsleiter beim SWR und noch früher - wie's der Teufel halt so will - ein Studienkollege vom Filmstaatssekretär Jürgen Walter.

SWR-RedakteurInnen wirken in Kompaniestärke als Lehrbeauftragte an der Filmakademie, deren Studierende dürfen als PraktikantInnen zum SWR , mancher Abschlussfilm wird in die Reihe Debüt im Dritten aufgenommen und so vom südwestdeutschen Großsender und der MFG mitfinanziert und ausgestrahlt.

Doch auch zahlreiche Senderproduktionen kommen in den Genuss der MFG-Förderung; so werden die Baden-WürttembergerInnen nicht nur über ihre Rundfunkgebühren sondern auch als Steuerzahler an den Fernsehwerken beteiligt, die sie sich danach im sogenannten free TV ansehen dürfen.

Immerhin lügt man sich bei dieser Podiumsdiskussion nicht mehr so sehr in die Tasche wie früher. Traditionelle Filmstandorte wie Berlin und München werde man wohl nicht einholen, meint der Staatssekretär Jürgen Walter. Und Köln, Hamburg, Leipzig wohl auch nicht, müsste man hinzufügen.

Selbst wenn viele hochgesteckte Ziele nach fast einem Vierteljahrhundert aktiver Landesfilmpolitik nicht erreicht worden sind, hat sich doch einiges getan. Alle sind stolz auf die führende Rolle der Region Stuttgart im Bereich der Visual Effects (Vfx), der Filmkunst also, die aus dem Computer kommt. Sicher zukunftsträchtig aber leider unsexy und rein gar nichts für den roten Teppich.

Ein junger Filmemacher klagt, dass kaum noch etwas läuft, seit beim SWR eine Sparrunde die nächste jagt. Die Abhängigkeit vom einzigen Sender im Land hat sich seit vielen Jahren kaum verringert. Eine Handvoll RedakteurInnen bestimmt, was die Branche produzieren darf, welche Themen im Programm auftauchen und welche eben nicht. Die beiden Serien, die hierzulande produziert werden, bringen kaum Arbeit für die heimischen Filmleute.

Und der Vorschlag, im Südwesten eigene Filmstudios zu bauen oder doch wenigstens die schwachgenutzten Senderstudios in Baden-Baden an die Filmindustrie zu vermieten, ringt Kennern der Branche noch nicht einmal ein Lächeln ab. In ganz Deutschland, wahrscheinlich sogar europaweit, gibt es große Überkapazitäten im Studiobereich, die nur mit hohen Filmfördergeldern leidlich gemildert werden können. Jeder Platz auf dem roten Teppich will inzwischen teuer erkauft sein.

Der ganze Stolz: die Filmakademie

Zum Trost wird von Politikern und Teilnehmern der Warm-up-Podiumsdiskussion danach das hohe Lied auf die Filmakademie in Ludwigsburg angestimmt.

Zwar meinen manche weniger erfolgreiche Mitbewerber über die ungewöhnlich praxisorientierte Filmakademie, das sei doch nur eine "als Hochschule getarnte Produktionsgesellschaft". Da mag was dran sein, das ändert am Erfolg freilich nichts. Viele Studierende absolvieren davor oder danach ohnehin ein "richtiges" Studium und wollen ihre Zeit in Ludwigsburg nicht mit Filmtheorie oder Filmgeschichte vergeuden.

Neben dieser Hohen Schule der Filmkunst gibt es im Land noch ein gutes Dutzend weiterer Ausbildungsstätten für bewegte Bilder. Statt hinter der Kamera landen deren Absolventen eher hinter dem Steuer eines Taxis. Selbst für die Abgänger der Filmakademie Baden-Württemberg reicht es oft nur zu prekären Jobs in der unsteten Medienbranche. Nur wenige sind so erfolgreich wie die Regisseure Stephan Rick und Dustin Loose, deren Filme am Eröffnungsabend der Filmschau gezeigt wurden.

Alles SWR oder was

Sowohl der offizielle Eröffnungsfilm "Die dunkle Seite des Mondes", als auch der zuvor gezeigte Kurzspielfilm "Erledigung einer Sache" sind Werke von Filmakademie-Absolventen, produziert mit Hilfe des SWR.

Vor vollbesetztem Saal auch zwei Abende später die "Weltpremiere" des Dokumentarfilms "Dancing beyond" über das Stuttgarter Ballettwunder Eric Gauthier. Ein wirklich sehenswerter Film; Regie führte hier Elisabeth Hamberger, natürlich eine Absolventin der Filmakademie. Auch dieser Film ist eine Auftragsproduktion des SWR, am 16. Februar wird er im SWR-Fernsehen ausgestrahlt.

Hier im Land muß man schon froh sein, daß es diese großen Player gibt. Man wird sich anstrengen müssen, das Erreichte zu halten. An Zuwachs ist in der komplett überbesetzten Film- und Medienbranche nicht zu denken. Keine neuen Sender, keine neuen Festivals und schon gar keine neuen Filmschulen.

Die Claims im Filmland Baden-Württemberg sind also abgesteckt, daran wird sich so bald nichts ändern.

Neue Ideen braucht das (Film-)Land

Leichter wäre die Filmschau zu verändern. Da wird viel Arbeit, Organisationstalent und auch reichlich Geld von Filmbüro-Chef Oliver Mahn und seinem Team investiert. Alles prima, sehr engagiert, sehr fleißig. Seit langer Zeit wird beharrlich und zuverlässig gearbeitet.

Doch anstatt Jahr für Jahr diese Bonsai-Berlinale am Nesenbach zu veranstalten, sollten sich die Verantwortlichen lieber mal was Neues einfallen lassen. Vielleicht könnte man zunächst wenigstens etwas ideenreicher kopieren, die Gäste auf einem "grünen Teppich der Hoffnung" empfangen, ein "Stäffele of Fame" anlegen vom Kesselgrund hinauf zu den lichten Höhen über der Stadt und da all die großen toten und lebenden HeldInnen der Kinokultur im Südwesten ehren.

Und eine ganz andere Filmschau veranstalten, eine bescheidenere, ehrlichere - mit einem Fest am Schluss für alle Freunde des Films.

Auf dem Teppich bleiben, heißt die Devise, der rote für die Stars und Sternchen ist damit sicher nicht gemeint.


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1 Kommentar verfügbar

  • Lou
    am 10.12.2015
    Antworten
    Jetzt ist diese Hackfresse Michael Gaedt auch schon in der Kontext abgelichtet.
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