KONTEXT Extra:
Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


Hunde als Soldaten

Große Natur- und Tierfilme, unvergessliche Filmbilder und spannend erzählte Geschichten: 130 Produktionen zu Natur, Tier, Umwelt und Nachhaltigkeit sind beim 16. NaturVision-Filmfestival in Ludwigsburg vom 13. bis 16. Juli (Donnerstag bis Sonntag) in Ludwigsburg zu sehen - beim größten Naturfilmfestival in Deutschland. Neben den Vorführungen im Kino Central gibt es ein Open Air auf dem Arsenalplatz. Dazu ein umfangreiches Programm auch für ganz junge Filmfans.

Schwerpunktthema in diesem Jahr: Die Stadt und das Meer. Gezeigt wird dabei auch der schockierende amerikanische Dokumentarfilm "A Plastic Ocean". Bei den Tierfilmen ist "Hundesoldaten" zu sehen, ein Film der Stuttgarter Regisseurin Lena Leonhardt über Kampfhunde bei der Bundeswehr - ausgezeichnet mit dem renommierten Grimme-Preis. "Unser Filmprogramm will für die Natur begeistern und kritisch informieren.Wir wollen aber auch zeigen, dass ein gesamtgesellschaftliches Umdenken notwendig ist, um neue Wege in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit zu gehen", so Festivalleiter Ralph Thoms. (12.7.2017)

Infos: www.natur-vision.de


Doppelerfolg für Kretschmann

Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident hat drei Schwarze – Horst Seehofer (CSU), Volker Bouffier (CDU/Hessen) und Armin Laschet (CDU/NRW) – und einen Roten – Stephan Weil (SPD/Niedersachsen) – nicht nur an einen Tisch, sondern auch zu einer gemeinsamen Erklärung gebracht. In Berlin unterzeichneten die Regierungschefs mit großen Automobilwerken eine gemeinsame Erklärung zur Elektromobilität und der Nachrüstung: mit weitreichenden Folgen für DieselbesitzerInnen. Denn die schon zum Wochenbeginn vom Verband der Automobilindustrie angekündigte Software-Lösung soll nicht nur von den Unternehmen selbst bezahlt werden. Vor allem hoffen die vier Ministerpräsidenten, auf diese Weise Fahrverbote an Feinstaubtagen vermeiden zu können.

Kretschmann hielt sich zugute, dass erst die Debatte über Verbote ab dem 1. Januar 2018 die Diskussion zur Nachrüstung in Schwung gebracht hat. Ungeklärt bleibt vorerst, wie aufwändig es ist, die Software der einzelnen Modelle zu überarbeiten. In Aussicht gestellt wurde, dass sogar Euro-4-Fahrzeuge die verlangten Emissionswerte erbringen könnten. Seehofer brachte ins Gespräch, bisher nicht genutzte Mittel aus dem noch immer mit mehr als einer Milliarde Euro gefüllten Fördertopf für den Kauf von Elektro- und Hybridautos zu nutzen, etwa um Busflotten nachzurüsten. Außerdem haben sich die Länderchefs verpflichtet, Forschungsergebnisse auszutauschen sowie die Ladeinfrastruktur auszubauen. Weitere konkrete Pläne sollen am 2. August erörtert werden, wenn zum ersten Mal das von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) initiierte "Nationale Forum Diesel" zusammenkommt. (7.7.2017)


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Stuttgarts einziges Windrad steht auf dem Grünen Heiner. Foto: Joachim E. Röttgers

Stuttgarts einziges Windrad steht auf dem Grünen Heiner. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 245
Gesellschaft

Hansi Müller und die Windkraft-Verschwörer

Von Jürgen Lessat
Datum: 09.12.2015
Sie nennen sich Gegenwind oder Vernunftkraft, und kämpfen gegen Windräder: Die Rede ist von einer neuen Protestbewegung, den Windkraftgegnern. Auffällig ist ihre Nähe zu Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretikern, zur Öl- und Kernkraft-Lobby. Mit dabei ist auch der Ex-VfB-Profi Hansi Müller.

Jörg Rupp kann es bis heute nicht fassen, was ihm im vergangenen Mai im Malscher Rathaus widerfuhr. Als Sprecher einer Bürgerinitiative hatte der grüne Gemeinderat für den Bau von fünf Windenergieanlagen (WEA) bei der badischen Kleinstadt geworben. Er hat auf die Chance verwiesen, mit Windstrom etwas für den Klimaschutz zu tun, an eine lebenswerte Zukunft erinnert, und gesagt, es seien nur geringe Opfer nötig, die die Malscher bringen müssten. Außerdem könne die Gemeinde noch Geld verdienen mit der Flächenverpachtung.

Anti-Windkraft-Comic: Quelle: joergrupp.de
Anti-Windkraft-Comic: Quelle: joergrupp.de

Der Appell kam nicht gut an. Mehrfach wurde Rupp von wütenden Zwischenrufen unterbrochen, und einer der Windkraftgegner folgte ihm in der Sitzungspause gar auf die Toilette, baute sich dort vor ihm auf. "Er drohte, dass ich das nächste Pinkelgehen nicht überlebe", erzählt Rupp. Wieder zurück im Sitzungssaal meldete er dem Ratsgremium den Vorfall. "Teile des Publikums fingen an zu lachen, ebenso wie fast die gesamte CDU-Fraktion", erinnert er sich.

Ein Einzelfall? Leider nicht. "Im Ort ist bekannt, dass ich für Energiewende und Klimaschutz bin", sagt Gerhard Brenner, Gemeinderat in Korb, einem Weinflecken rund 20 Kilometer östlich von Stuttgart. Auch ihm wurde das Engagement für einen Windpark auf der benachbarten Buocher Höhe übel genommen. In seinem Briefkasten steckte ein Kuvert mit einem toten Fisch. "Da kriegt man Angst und fragt sich, was als nächstes passiert", sagt Brenner.

Bundesweit machen Rotorgegner mit fragwürdigen Aktionen mobil. Auffällig aggressiv im Südwesten der Republik, wo konservative Regierungen die Windenergie jahrzehntelang verteufelten. Furcht und Schrecken zu verbreiten, scheint dabei Methode zu haben, um die positive Einstellung der Bevölkerung gegenüber Erneuerbaren Energien zu kippen. Denn noch befürwortet eine Mehrheit den Ausbau von Solar- und Windenergie.

Sachargumente bleiben dabei auf der Strecke, wie sich an Brenners Gegenspieler zeigt, dem Ex-Fußballprofi Hansi Müller. Der ehemalige Nationalspieler, der für die Christdemokraten im Korber Gemeinderat spricht, befürchtet gar einen "Super-Gau", sollten Rotoren oberhalb des Weinfleckens gebaut werden. "Bitte Windkraft da, wo es Sinn macht. Da oben sterben tausende Bäume, während die Leute wegen ein paar Bäumen am Stuttgarter Hauptbahnhof fast ausgeflippt sind", polterte der Ex-Profi jüngst im Gemeinderat. Ein großer Artikel in der Lokalzeitung war ihm damit sicher. Nicht erwähnt wird darin, dass Müller ein exklusives Anwesen am Fuß der Buocher Höhe bewohnt.

Gerhard Brenner ärgert sich über derartige Polemik, die die Windkraftgegner mit dem Segen des Korber Bürgermeisters Jochen Müller auch wöchentlich im amtlichen Mitteilungsblatt verbreiten. Anlagenbetreiber müssten doch alle Eingriffe in die Natur ausgleichen, betont er. Bei Standorten im Wald seien Aufforstungen an anderer Stelle vorgeschrieben. Müller übertreibe zudem maßlos die Zahl der Bäume, die weichen müssten. Auch der Versuch, Windparks mit Reaktorkatastrophen gleichzusetzen, empört den Umweltschützer. "Was, wenn es im benachbarten Kernkraftwerk Neckarwestheim tatsächlich zum Super-Gau kommt? Dann fehlen Herrn Müller wohl die Worte", sagt Brenner.

Hansi Müller. Screenshot www.korb.de
Hansi Müller. Screenshot www.korb.de

Mitunter bleibt es nicht bei Polemik. "Weltweit gibt es zahlreiche Berichte bis zu Todesfällen im Zusammenhang mit dem von Windmühlen erzeugten tieffrequenten Schall", warnte Elmar Klein im September 2011 alle Bürgermeister und Gemeinderäte der Verbandsgemeinde Hexental südlich von Freiburg. Der unhörbare Infraschall rege "im Körper vielerorts Eigenschwingungen an, die bei Dauerwirkung dann zu den verschiedensten Gesundheitsschäden führen können", mahnte der damalige Vorsitzende der "Bürgerinitiative zum Schutz des Hochschwarzwaldes". Als die Empfänger des Brandbriefs Belege forderten, für die tödliche, von Windturbinen ausgehende Gefahr, musste Klein passen.

Dennoch geistert der Infraschall-Horror weiter durchs Netz, ist das "Windturbinen-Syndrom" (WTS) Topthema unter Windmühlen-Gegnern. Auf Webportalen schildern "Windkraft-Opfer" ihre Beschwerden, die von Kopfschmerz, Übel- und Schlaflosigkeit bis zu Herzrasen reichen. Ebenso litten Tiere an Missbildungen, Totgeburten, Aggressivität, Verlust von Sozialverhalten und anderen Verhaltensstörungen. "Pferde brechen aus und gehen durch Zäune, Hunde verkriechen sich", sagen Jutta Reichardt und Marco Bernadi. In ihren Vorträgen behaupten die "windwahn.de"-Betreiber auch, dass schon die Nazis Gefangene mit Infraschall folterten.

Wie gefährlich das "Windturbinen-Syndrom" ist, hat aus Sicht der Gegner Nina Pierpont bewiesen. In ihrem 2009 erschienenen Buch beschreibt die amerikanische Ärztin das Krankheitsbild "Visceral Vibratory Vestibular Disturbance", übersetzt: "Vibrationsbedingte Störung des Gleichgewichtsorgans". Auch in Deutschland berufen sich einzelne, windkraftkritische Ärzte auf Pierponts Studie, die es für 18 US-Dollar in neun Sprachen online zu kaufen gibt. Inzwischen tritt die Autorin weltweit bei Kampagnen gegen Windkraft als Sachverständige auf.

"Die Studie ist lediglich auf Grundlage von 23 Telefonaten ohne begleitende medizinische Untersuchungen oder akustische Messungen durchgeführt, bislang nicht in Fachmedien publiziert und in der Fachwelt nicht anerkannt", betont die baden-württembergische Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Natur (LUBW). Nach Stand der Wissenschaft seien gesundheitsschädliche Wirkungen durch Windkraftanlagen nicht zu erwarten. Verglichen mit Autos oder Flugzeugen erzeugten die Rotoren sogar weniger Infraschall. Und schon in wenigen hundert Metern Entfernung ließen sich die Geräusche einer Windmühle nicht mehr vom Wind- und Blätterrauschen unterscheiden, so die Behörde, die bundesweit als führend bei Erforschung von Tieffrequenz-Wirkungen gilt.

Wissenschaftler der Universität Sydney untersuchten vor kurzem den Zusammenhang von Windkraftanlagen und Beschwerden über dadurch ausgelöste Gesundheitsprobleme. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache: Bis zum Jahr 2008 gab es Berichte über Gesundheitsprobleme im Umfeld von WEAs nur sporadisch. 2009 stiegen diese sprunghaft an – kurz nach der Veröffentlichung des Buches von Nina Pierpoint. Wie es scheint, hat das Buch selbst deutlich stärker zu Gesundheitsproblemen beigetragen als die Windturbinen – was die Wissenschaft als Nocebo-Effekt bezeichnet.

Andere sagen deutlicher, was sie vom Windturbinen-Syndrom halten. "Es ist eine Erfindung von Nina Pierpont, für die es null Beweise gibt. Und ihre Hauptunterstützer sind Leute, die keine großen Metallkonstrukte von ihrem Haus aus sehen wollen oder für die Öl- und Kohleindustrie arbeiten", heißt es im Pseudowissenschaftsportal RationalWiki.

Buhuhuuu! Angstmache gegen Windräder. Screenshot aerzteinitiative-gruenberg.de
Buhuhuuu! Angstmache gegen Windräder. Screenshot aerzteinitiative-gruenberg.de

Das hält Medien nicht davon ab, das Thema immer wieder in bester Boulevardmanier aufzugreifen. Unter der Überschrift "Macht der Infraschall von Windenergieanlagen krank?" befeuerte "Die Welt" Anfang März die Debatte. Wirtschaftsredakteur Daniel Wetzel berichtete von einer dänischen Nerzfarm in der Nähe eines Windparks, wo sich die Tiere gegenseitig totbeißen würden. Aus Angst vor Gesundheitsschäden würden in Dänemark kaum noch Windenergieanlagen gebaut, so der Bericht weiter.

Kannibalismus, Ausbaustopp: Der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) wollte es genau wissen, und bat die dänische Botschaft in Berlin um eine Stellungnahme. Diese übermittelte eine Antwort der dänischen Energieagentur. Darin wird klargestellt, dass die Aussagen des "Welt"-Artikels nicht bestätigt werden können. Weder sei der WEA-Zubau zum Erliegen gekommen noch gebe es negative Folgen für die Nerzproduktion.

Anfang Juni machte auch "Spiegel-TV" Stimmung. Unter dem Titel "Krank durch Infraschall. Der stumme Lärm der Windräder" zeigte das Magazin ein vermeintlich zerstörtes Schwarzwald-Idyll bei St. Peter: Verstörte Pferde, kranke Kühe und eine Familie, die den Bauernhof verlassen müsse, weil sechs Windräder in der Nähe rotieren. "Infraschall kann Böden und Wände in Schwingungen versetzen. Diese Vibrationen wirken je nach Stärke wie ein Mini-Erdbeben", suggeriert der Off-Ton Bedrohliches, was die Bilder von friedlich wiederkäuenden Rindern und neugierigen Rössern so nicht zeigen. Journalistische Sorgfalt übte die Autorin nicht: Der Gaggenauer Arbeitsmediziner Bernhard Voigt, der regelmäßig bei Windkraftgegnern auftritt, durfte im Film die Zahl der Infraschall-Betroffenen in Deutschland Pi-mal-Daumen schätzen: "Sagen wir mal so um die 20 Prozent".

Erst gar nicht zu Wort kamen in "Spiegel TV" Experten mit konträrer Meinung. Etwa der LUBW-Physiker Ulrich Ratzel, der im März auf einer Veranstaltung im württembergischen Langenburg von einem Dutzend Windkraftgegnern niedergebrüllt wurde, als er "zwölf schlichtweg falsche Punkte" in Voigts dortigem Vortrag klarstellen wollte. "Spiegel TV" bemühte sich auch nicht zu Nachbarn der Windkraft-Opfer, auf dessen Grund die Rotoren stehen. Vielleicht, weil diese Bauern keinen Grund zu klagen haben. "Unsere Kühe haben kein Problem mit Windturbinen", sagt einer von ihnen.

Mittlerweile gibt es im Internet Anleitungen, Windkraftpläne auf politischer Ebene zu torpedieren. Auf dem Portal des "Europäischen Instituts für Klima und Energie" (EIKE) schildert Sven Johannsen, wie sie mit Hilfe des Baugesetzbuches zu verhindern sind. Der "Sachverständige", der ebenfalls im "Spiegel TV"-Beitrag auftrat, ist gefragter Redner und Berater von Windgegner-Initiativen. EIKE wiederum gilt als Plattform der deutschen Klimaskeptiker-Szene. Vereinspräsident Holger Thuss, ein Jenaer CDU-Lokalpolitiker, ist zugleich Gründer von CFACT Europe, dem Ableger des amerikanischen "Committee for a Constructive Tomorrow", das 2008 mit fast 600 000 Dollar zu den größten Spendenempfängern des Ölkonzerns ExxonMobil gehörte.

Gegenwind für Windkraftgegner. Screenshot Twitter
Gegenwind für Windkraftgegner. Screenshot Twitter

Auch Fritz Vahrenholt, der prominenteste Klimaskeptiker hierzulande, will die Windkraft stoppen. Als SPD-Mitglied brachte er es zum Umweltsenator in Hamburg, Ende der neunziger Jahre wechselte er als Manager zum Ölkonzern Shell, später zum Kohle- und Atomkonzern RWE, wo er bis März 2014 im Aufsichtsrat eines Tochterunternehmens saß. Anfang 2012 veröffentlichte er "Die kalte Sonne", ein Buch mit klimaskeptischen Thesen und der Forderung, den Umbau des Energiesystems aufzuschieben. Im August 2012 übernahm Vahrenholt den Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung. In deren Namen forderte er im November 2014 einen Baustopp für WEAs in Wäldern und begründete dies mit Studienergebnissen, wonach sich etwa der Brutbestand des Schwarzstorchs am hessischen Vogelsberg nach dem Bau von Windkraftanlagen innerhalb von sechs Jahren halbiert habe. Eine Energieagentur deckte auf, dass die verwendeten Daten der Stiftungsstudie frisiert wurden und tatsächlich keine wissenschaftliche Begründung für einen Ausbaustopp liefern. Zu einem gegenteiligen Ergebnis kommen auch zwei aktuelle Untersuchungen im Westerwald. Das Monitoring im Auftrag der Kreisverwaltung zeigt, dass WEAs Schwarzstörche nicht gravierend stören. 

Mit Udo Ulfkotte mischt auch ein Rechtspopulist im Kampf gegen die Windenergie mit. Im Newsletter des Rottenburger Kopp-Verlags behauptete er unter anderem, dass Windräder dem Klima schadeten. Wenn in den Vereinigten Staaten auch nur zehn Prozent der benötigten Energie durch Windkraft gewonnen würden, führe dies zu einem Temperaturanstieg um mindestens ein Grad. Denn die Windräder bremsten den natürlichen Luftaustausch.

Zum Glück hat der Kopp-Verlag auch eine Alternative zur bösen Windkraft im Sortiment: ein Buch über freie Energie, die nahezu unerschöpflich im uns umgebenden Raum mittels spezieller Maschinen verfügbar sein soll. Dumm nur, dass deren Nutzung bislang durch den Einfluss der Energiewirtschaft unterdrückt wird – diesmal von der Erdöl-, Kohle- und Kernkraftindustrie.


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Ausgabe 327 / Post an den MP / Monika Kremmer / vor 7 Stunden 4 Minuten
Großartig ironischer Brief. Danke!













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