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"Lassen Sie Lampedusa nicht allein"

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Jedes Jahr verleiht das Stuttgarter Bürgerprojekt "Die Anstifter" den Friedenspreis. 2014 ging er an Edward Snowden, der live aus Russland zugeschaltet wurde. In diesem Jahr geht er an Giuisi Nicolini, die Bürgermeisterin von Lampedusa. Die Preisträgerin war nicht da, der Festredner auch nicht. Und dennoch ist die pazifistische Friedensgala rundum gelungen.

Es sei ein "Ritt auf der Rasierklinge" gewesen, gesteht Hermann Zoller von den Anstiftern. Monatelang waren sie hinter der Bürgermeisterin von Lampedusa, Giuisi Nicolini (54), her, um sie nach Stuttgart zu holen. Aber immer wieder kamen Amtsgeschäfte dazwischen, die ihre Preisträgerin an festen Zusagen hinderte. Zuletzt scheiterte ein Interview in Wien, das wenigstens Bild und Ton ins Theaterhaus tragen sollte. Und Festredner Jakob Augstein, der Verleger des "Freitag", brach sich wenige Tage vor der Veranstaltung einen Fuß.

Kurz vor knapp fanden die Anstifter Ersatz. Die Chemnitzer Professorin Heidrun Friese hielt die Laudatio vor 1200 Zuhörern, ausgewiesen als profunde Kennerin europäischer Flüchtlingspolitik im Allgemeinen und der Insel Lampedusa im Besonderen. Deren sozialen Wandel untersucht sie seit 20 Jahren. Ihr Festvortrag im Wortlaut:


"In Zivilisationen ohne Schiffe versiegen die Träume. (Michel Foucault)

Doch an Europas Grenzen erstickt man. An seinen Grenzen ertrinkt man, erfriert, verbrennt die Haut, an seinen Grenzen steht das Herz still. An seinen Grenzen werden Menschen zurückgewiesen, festgehalten, eingesperrt, gehen Träume unter.

Lampedusa, winzige Insel vor der Küste Nordafrikas, Europas Peripherie, und einst ein Ort, an dem die Regionen und Religionen des Mittelmeeres sich trafen und austauschten, ist zu einem dieser Grenzorte geworden, an dem Menschen aussortiert werden und der Zufall der Geburt und Staatsangehörigkeit bestimmen, wie Lebensentwürfe sich gestalten dürfen.

Lampedusa ist zu einem der Symbole für Europas verfehlte Asyl- und Einwanderungspolitik geworden.

Lampedusa, das ist jetzt auch Ort globaler Berichterstattung, des Medienhypes und der Ökonomie der Aufmerksamkeit und so steht Lampedusa in unserer Imagination sowohl für die Furcht vor schwarzen Massen, Invasionen, Unkontrollierbarkeit, vor dem Verlust vermeintlich nationaler Identität, als auch für Anteilnahme, Mitgefühl, Verletzlichkeit, Hilfe, spontane Solidarität. Der Ort versammelt sowohl die medialen Ikonen humanitären Engagements, wie die Schauspielerin Angelina Jolie, Botschafterin des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, als auch die umstrittene Politikerin der französischen Front National, Marine Le Pen. Hier war Silvio Berlusconi ebenso wie Papst Franziskus.

Lampedusa mobilisiert die politische Öffentlichkeit und macht die europäischen Grenzen offenbar, Lampedusa ist aber auch ein Ort fragloser, unbedingter Gastfreundschaft. Die Gemeinde hat eine lange Tradition der Aufnahme von Flüchtlingen und Gestrandeten. Auch können die Fischer auf eine dramatische Chronik der Rettung Schiffbrüchiger zurückblicken, das Ethos von Fischern fragt nicht nach Herkunft, Name und Nationalität der Verunglückten und nimmt die Unglücklichen ohne zu zögern gastfreundlich bei sich auf.

Wir fragen nicht, woher kommst du? Wir fragen, was ist passiert? Das Gesetz der Gastfreundschaft und das Gesetz des Meeres sind älter als jegliche Konvention. "Siamo gente di mare", wir sind Seeleute, so sagt man auf der Insel. "Wenn es etwas gibt, was Lampedusa beibringen kann, dann ist es das Einfachste der Welt: Ein Mensch in Schwierigkeiten ist ein Bruder ohne Farbe oder Religion. Und um zu helfen oder um Hilfe zu bitten, muss man nicht dieselbe Sprache sprechen. Wenn wir hier auf Lampedusa Hilfe leisten, fragen wir nicht 'Woher kommst du?' oder 'Welchen Glauben hast du?' Wir fragen: 'Was ist dir passiert?'" 

Im Jahr 2011, dem Jahr der tunesischen Revolution, hat die Insel – sie zählt knapp 6000 Einwohner – über 100 000 Menschen aufgenommen. "Lampedusa hat keine Angst vor den Ankommenden. Für uns sind das keine Nummern, sondern Personen. Wir sehen sie, wenn sie ankommen, wir haben Kontakt mit ihnen, ihren Sorgen und ihren Hoffnungen," so Giusi Nicolini in einem Gespräch.

Im Frühjahr 2012 wurde Giusi Nicolini zur Bürgermeisterin gewählt. Sie ist immer schon eine streitbare Frau und ein kämpferischer, kritischer Geist gewesen. Aktiv in der kommunistischen Jugendorganisation FGCI (1970/1980er), als Vizebürgermeisterin und als Aktivistin der Umweltorganisation "Lega Ambiente" hat sie, auch gegen Interessen und zähe Widerstände am Ort (hier wie da betoniert man gerne die Zukunft zu), gegen Klientelismus, Korruption, den Verkauf von Gemeindeland gekämpft. Sie hat "La riserva", ein Naturschutzgebiet, durchgesetzt, die "l'isola dei conigli" zu einem der schönsten Strände des Mittelmeeres erkoren und damit auch die Grundlagen für das Auskommen der Einheimischen im Tourismussektor gelegt. Doch sie läßt sich nicht darauf ein, Tourismus (also erwünschte Mobilität) gegen unerwünschte Mobilität, humanitäre Hilfe gegen politische Veränderung auszuspielen.

Und immer wieder appelliert die Bürgermeisterin an die EU

Kaum im Amt, hat die "sindaco gentile che accoglie l'umanità", die "menschliche" Bürgermeisterin, die die Menschheit willkommen heißt, einen dringlichen Appell an die EU gerichtet: 

"Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint. Ich bin entrüstet über das Schweigen Europas, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl hier die Zahl der Toten daran glauben lässt, es wäre Krieg. Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass die europäische Einwanderungspolitik den Tod dieser Menschen billigend in Kauf nimmt, um die Migration einzudämmen. Vielleicht betrachtet sie sie sogar als Abschreckung. Aber wenn für diese Menschen die Reise auf den Kähnen der letzte Funken Hoffnung ist, dann meine ich, dass ihr Tod für Europa eine Schande ist."

Seither gehört sie zu den eindringlichen Stimmen, die unermüdlich das europäische Grenzregime anprangern und europäische Politiker zum Umdenken auffordern, die nach Schiffbruch und Untergang auf die Insel eilen und sich an den Särgen der Ertrunkenen versammeln. Gut drei Jahre nach ihrem Brief an die Europäische Union richtet sie in diesem Jahr erneut einen Appell an das europäische Gewissen und fordert entschieden ein neues europäisches Asyl- und Einwanderungsrecht: 

"Wir unterscheiden weiterhin Flüchtlinge erster und zweiter Klasse. Es ist schlicht absurd, dass ein Mensch, der das eigene Haus verlassen muss, aufgenommen wird, wenn er vor einem Krieg flieht, und abgelehnt, wenn ihn ein Bürgerkrieg, Terrorismus oder Hunger zur Flucht zwingen. Zwischen Flüchtlingen und ökonomischen Migranten zu unterscheiden, ist grotesk. Denn in beiden Fällen bedeutet die Rückkehr in die Heimat oft den Tod.... Europa beharrt darauf, Flüchtlinge wie Ware zu behandeln, die man von Lager zu Lager schiebt. Das hilft weder den Migranten noch den Länder, die sie aufnehmen. Auch in dieser Hinsicht wären legale Einreisemöglichkeiten die humane und logische Wahl."

Was an den Grenzen Europas geschieht, das zeichnet Europa, verweigerte Gastfreundschaft ist auch verweigertes Zusammen leben.

"Lassen Sie Lampedusa nicht allein. Ändern wir das Dublin-Verfahren nicht, sterben nicht nur die Menschen im Meer, sondern auch die Idee Europa", so ihre eindringliche Mahnung an uns alle.

Das Grußwort von Bürgermeisterin Giusi Nicolini:

In den letzten drei Tagen sind weitere eintausend Flüchtlinge und Migranten zu uns gebracht worden, die aus der Meerenge von Sizilien gerettet wurden. Jeder Einzelne von ihnen hat eine Geschichte zu erzählen und jeder hat einen Grund, der ihn zur Flucht zwingt. Jeder Einzelne von ihnen, wie die Hunderttausende, die in den letzten Jahren auf Lampedusa angekommen sind, hat das Recht, gehört und nicht zurückgewiesen zu werden, wie ein Problem, das uns nichts angeht.

Heute diskutieren die Vereinten Nationen weitere Maßnahmen zur Kontrolle der Waffen, die in die Hände des "Islamischen Staates" gelangen könnten. Aber weiterhin versteifen sie sich darauf, einige Migranten als wirtschaftliche "Abstauber" zu betrachten und an den Absender zurückzuschicken, nur weil es in ihrem Herkunftsland keinen anerkannten Krieg gibt, der aus ihnen "Flüchtlinge" machen würde. Es spielt keine Rolle, dass sie in die Hände von Menschenschindern und Folterknechten zurückgeschickt werden oder dort zum Verhungern verdammt sind.

Noch spielt es eine Rolle, dass an den Orten, von denen sie herkommen, Waffen weiter verbreitet sind als Brot. Für Europa haben sie kein Recht, an unsere Tür zu klopfen. Wir erheben den Anspruch, sie zu selektieren, sie auszusondern. Und festzulegen, wer wohin gehen darf. Mauern zu errichten, Stacheldraht auszurollen und jegliches Überlebensrecht zu erdrosseln.

Ich bin froh darüber, dass ich Costantino Baratta damit betrauen konnte, meine Botschaft vorzutragen. Denn sein Zeugnis kann all jene wachrütteln, die noch nie einem der Migranten, die jeden Tag auf Lampedusa ankommen, in die Augen schauen konnten. Um dort die Hoffnung zu sehen, dass er an dem Ort angekommen ist, an dem er sein zweites Leben beginnen kann. 

Ich habe nun zwei Gründe, euch zu danken: Einer ist die Anerkennung, die ihr mir zukommen lasst. Darauf bin ich stolz und es ist eine Ehre, für mich und für meine Insel. Der andere Grund ist, euch zu danken für die Arbeit, die ihr macht, um diejenigen zu sensibilisieren, die immer noch glauben, dass es eine gerechte Sache sei, diejenigen zurückzuweisen und zum Tod zu verurteilen, die uns um Hilfe bitten. Schlimmstenfalls ist es unsere Politik des Raubes und der Ausbeutung, die die Armut und die Not verschlimmert hat und damit die Menschen aus Afrika zur Flucht treibt.

Und vor allem müssen wir heute die Kraft und den Mut haben, Zeugnis darüber abzulegen, dass der Kampf gegen den Terrorismus islamistischer Prägung nicht dazu führen darf, dass wir denjenigen die Aufnahme verweigern, die genau den grausamen Terroristen entfliehen, die Paris getroffen haben. Heute mehr denn je ist das Willkommen heißen ein Instrument des Friedens. Für Lampedusa wird es schwierig sein, mehr zu tun als es bisher getan hat und immer noch tut: das Leben der Schiffbrüchigen zu retten und sie in die Lage zu versetzen, ihre Reise fortzusetzen. Viel mehr könnte und müsste ein gerechteres und solidarischeres Europa tun, wozu wir alle beitragen müssen.

Lampedusa, 5. Dezember 2015


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Grohmann
    am 15.12.2015
    Antworten
    Der Stuttgarter Friedenspreis der AnStifter -
    und immer das "S" bei AnStifter in Versalien:
    Es ischt ein Eigenname
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