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Lichter der Großstadt

Lichter der Großstadt
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Wenn du eine Stadt ständig als Spaziergänger durchkämmst, lösen Beobachtungen und Ereignisse seltsame Gedankensprünge aus. Deshalb musst du nicht gleich zum Psychiater. Beim Herumgehen fühle ich mich oft, als käme ich gerade aus dem Kino und ginge in eine neue Filmlandschaft hinein. Dazu gesellt sich meine Macke, Bilder auch weit entfernter Ereignisse vor meiner Nase zu sehen.

Als neulich eine junge Frau aus Kassel auf der Bühne einer "Querdenken"-Demonstration schwadronierte, sie fühle sich wie Sophie Scholl, erinnerte ich mich, wie ich vor einiger Zeit im Geschwister-Scholl-Gymnasium in Sillenbuch gelandet war. Ursprünglich wollte ich nur in der Nachbarschaft der Schule das Container-Camp der Geflüchteten besuchen. Bis heute wohnen dort 60 Menschen aus afrikanischen/arabischen Ländern in Blechkästen. Stuttgarter Wirklichkeit.

Ich habe mich dann ein wenig umgeschaut in diesem Gymnasium. Vielleicht war das allgemeine Geschichtsbewusstsein früher besser als heute. 1983, sieben Jahre nach der Eröffnung, setzten sich SchülerInnen und Eltern erfolgreich dafür ein, ihre Schule Geschwister-Scholl-Gymnasium zu taufen. Eine passende Geste in einem Stadtteil, in dem mal Clara Zetkin zu Hause war.

Bevor ich begann, als Spaziergänger herumzuirren, hatte ich das Lichtspielhaus als einzige Chance gesehen, aus meinem dörflichen Herkunftsmief in eine städtische Kulisse zu flüchten. Zur richtigen Zeit im richtigen Kino abzuhängen, ist hin und wieder prickelnder als sich in einer abgefuckten Bar in New York abzuschießen. In den Neunzigern flüchtete ich sehr oft ins Kino. Am erregendsten war es, den damaligen Stuttgarter Palast in der Bolzstraße zu verlassen und dann den Schnellimbiss auf der anderen Straßenseite so cool zu betreten, als hätte mir Sundance Kid gerade das Pferd unterm Arsch weggeschossen.

Der Schnellimbiss hieß Zum Zum. Niemand kann für eine Wurstbude einen besseren Namen erfinden als Zum Zum. Und niemand, der angeschossen aus dem Kino kam, konnte eine größere Szene über das Leben und den Verlust erleben als im Zum Zum. In dieser Futterkrippe wurde die Currywurst von einer Frau zubereitet, die großen Respekt genoss. Niemals klagte sie wie all die Kleinstadthelden, die sich für Verlierer hielten, weil sie sich in ihrer Dosenbier- und Tütenphase mit ein paar sentimentalen Rocksongs den Rest gegeben hatten.

Das Zum Zum war keine Filmkulisse, sondern Realität wie Milanka aus Serbien, die in der Wurstbude schon gearbeitet hatte, bevor sie unter einen Zug kam und einen Arm verlor. Ihre Arbeit im Zum Zum konnte sie behalten. Sie war eine Frau wie keine andere.

Als der Imbiss 2004 abgerissen wurde, hieß das Kino gegenüber schon seit vier Jahren Metropol, in Erinnerung an das 1966 geschlossene Lichtspieltheater und Varieté der Nachkriegzeit im selben Haus. Aus dieser zweigleisigen Unterhaltungsbühne wurde dann das Palast-Kino, und heute schockt uns die Nachricht, dass das Metropol-Kino Ende des Jahres schließen wird. Noch weiß niemand, ob dieses großartige Festival-Forum mit seiner einzigartigen Historie als Lichtspieltheater für immer verschwindet. Eine solche Schande wäre nichts Ungewöhnliches in einer Stadt, die ihre Gestaltung und Geschichtsschreibung seit langem Immobilienspekulanten überlässt.

Das Ganze begreifst du vollends als typisch Stuttgart, wenn du weißt, dass dieses Metropol-Gebäude einst Stuttgarts erster Bahnhof war. Neben der Station mit ihren vier Gleisen, die kaum auffälliger war als heute eine Burger-Bude, stand das Hotel Marquardt. Das war in der damaligen Schloßstraße, deren erster Abschnitt 1945 nach dem ermordeten Widerstandspolitiker Eugen Bolz umbenannt wurde.

Die Außenmauern des Marquardt-Baus hatten den Bomben der Alliierten widerstanden, die Häuserzeile wurde nach dem Krieg neu aufgebaut und von der Stuttgarter Familie Mertz mit Kinos ausgestattet. Zu diesem Ort habe ich ein spezielles Verhältnis. Als ich 2001 eine Benefiz-Showreihe unter dem Titel "Die Nacht der Lieder" startete, erfüllte ich mir einen kleinen Traum von einem Stück Stadt: Ich durfte die Vorstellung in einer für Stuttgarter Verhältnisse urbanen Kulisse durchzuziehen, im historischen Metropol. Entsprechend war das Programm: ein Mix aus unterschiedlichsten, kontroversen Musikstilen.

Der Heizungskeller war unsere Garderobe und die Bühne vor der Leinwand schmal wie ein Laufsteg, groß genug aber, um bei der Premiere KünstlerInnen wie der Staatsoper-Solistin Catriona Smith, dem Comedy-Trio Die kleine Tierschau und dem noch unbekannten Staatsballett-Tänzer Eric Gauthier als Rocksänger Platz zu bieten. Nach zwei weiteren, von Roland Baisch moderierten Vorstellungen mussten wir wegen des Publikumsandrangs 2004 ins Schauspielhaus der Staatstheater umziehen und später ins Theaterhaus. Für diesen Dezember war die 20. Show geplant. Fällt aus wegen Pandemie.

Da ich meine Nase schon früh in den ehemaligen Zentralbahnhof und den angrenzenden Marquardt-Bau gesteckt hatte, wuchs mit der Zeit meine Neugier für die ehemalige Schloßstraße. 2011 begegnete mir ein Mann, der von 1939 bis zum Ende des Hotels 1940 als Kellnerlehrling im Marquardt gearbeitet hatte. Er war 88 Jahre alt und hatte einiges über die mondäne Herberge zu erzählen, von Menschen im Hotel, von Superstars wie Max Schmeling und Hans Albers.

Was für ein Ding. Das erste Marquardt eröffnet 1838 der Gasthofbesitzer Wilhelm Marquardt in der Königstraße. 1846 fährt der erste Zug im Stuttgarter Bahnhof ein. Als das Eisenbahngeschäft boomt, baut Marquardt neben dem Bahnhof ein Hotel, 1857 wird es eingeweiht. Dieses Haus von internationaler Klasse wird berühmt, hier wohnen Franz Liszt und Otto von Bismarck, hier nächtigen Schriftsteller, Maler und Hochstapler aus aller Welt. 1860 gibt Franz Liszt ein Konzert im Marquardt-Festsaal, wo heute die Komödie im Marquardt ist.

Auch ein Musikus namens Richard Wagner steigt regelmäßig in dem edlen Hotel ab, kann aber nur selten seine Rechnung bezahlen. Im Jahr 1864 schickt König Ludwig II. von Bayern einen Boten los, der seinen Lieblingskomponisten suchen soll. Die Spur führt ins Marquardt. Wagner ist völlig abgebrannt, wird von Gläubigern verfolgt. Der königliche Bote begleicht die Hotelkosten, bevor er das Genie nach München zum Märchenkönig bringen kann.

Es gibt zahlreiche roman- und filmreife Kapitel rund um das Metropol-Gebäude. Als im März 1920 die Berliner Reichsregierung beim Kapp-Putsch vor rechtsextremen Freikorps mit Hakenkreuzen an den Helmen aus Berlin über Dresden nach Stuttgart flüchtet, wohnt ein Teil der Politiker im Marquardt. Reichspräsident Friedrich Ebert logiert, sozialdemokratisch korrekt, auf Sichtweite im Alten Schloss.

Ich denke, es gibt kein Haus in der Stadt, das so viel über eine relativ weltläufige Stuttgarter Ära zu erzählen hat wie das Metropol. Die Lichter der Großstadt aber drangen nie ins Bewusstsein der Provinzpolitiker. Ohne Gespür für seine kulturelle Dimension wurde das Gebäude von einem zum anderen Besitzer durchgereicht: 1990 übernehmen, auf Betreiben von OB Rommel, die Technischen Werke Stuttgart (TWS) das Gebäude von der Industriehof AG, einer Immobiliengesellschaft der Stadt.

Die TWS geht 1997 in den Neckarwerken Stuttgart (NWS) auf. Ende 1997 fusionierte die EnBW mit der NWS. Das Gebäude wird Eigentum der EnBW. 2009 zieht die EnBW-Verwaltung auf den Fasanenhof um und verkauft das Metropol-Gebäude an die Bülow AG. Die veräußert die Immobilie an die Union Investment, die heutige Vermieterin. Neulich wurde bekannt, dass die Kino-Betreiber die Miete nicht mehr aufbringen können und am 31. Dezember 2020 aufgeben.

Bei schönem Novemberwetter bin ich eine Weile in der Metropol-Gegend herumgestiefelt und in der Nähe der Uni zufällig in der Geschwister-Scholl-Straße gelandet. Auf einmal war ich in Kassel und in Sillenbuch, im Hotel und bei Milanka. So läuft das, unterwegs.


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