Stefan Paul (rechts) gibt den berühmten Eintritts-Knick. Fotos: Joachim E. Röttgers

Stefan Paul (rechts) gibt den berühmten Eintritts-Knick. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 417
Kultur

Der Anfang vom Happy End?

Von Michael Friederici
Datum: 27.03.2019
Es ist nicht das erste Mal, dass das Tübinger Arsenal eine Knarre vor der Nase hat, um gleich mal mit "Pulp Fiction" einzusteigen. Aber dem legendären ersten Programm-Kino in Baden-Württemberg droht jetzt tatsächlich der finale Rettungsschuss. Ein Blick zurück nach vorn.

Feierabend, das ist was für Nicht-Studenten. Dachten wir Mitte der 70er. Nachts, wenn sich die Schauspieler mit dem Tübinger Publikum im König (1976 abgerissen, heute ein Parkhaus) stritten und wir uns fragten, warum denn verdammt noch mal kein Arbeiter ins Theater geht. Wer dann noch konnte, der ging ins Arsenal. Nachtvorstellung. Piratenfilme. Allein der Titel, der Rote Korsar. Burt Lancasters Sixpack ging in einer Geräuschkulisse unter, die man aus der Cannstatter Kurve kennt. 100-Schuss-Pistolen, Trillerpfeifen gehörten dazu; einige Spätschichtler lieferten Begleitkommentare, andere prüften ihre Dialogfestigkeit wenn sie noch konnten.

Und dann drin wie Flynn. Errol Leslie Thomson Flynn natürlich. "Der Herr der 7 Meere"! Weltherrschaft? Ja, bitte! Der Mann hatte Fidel persönlich portraitiert, hatte im Spanischen Bürgerkrieg fotografiert. Hatte mich nicht gerade jemand auf den Mann hingewiesen, der mit dem Bollerwagen Alteisen sammelte. "Der soll auch auf der richtigen Seite im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft haben und sich jetzt weigern Staatsknete anzunehmen." Echt!

Mann mit Mütze: Stefan Paul leitet das Arsenal-Kino seit 1975.

Man merkte im Arsenal schnell, dass Kino mehr sein kann, als die Zeit, die man dort verbringt. Und mittendrin Stefan Paul. Der Arsenal-Macher. Damals, Mitte/Ende 20, mit Schnurrbart und Ballonmütze, heute, Anfang 70, ohne Schnurrbart mit Schal. Anglistik und Germanistik soll er nach dem Stuttgarter Abi in Tübingen studiert haben; drehte Filme für den Süddeutschen Rundfunk über die neuere Pop-Musik. In Prä-Arsenal-Zeiten hatte er sich noch maßgeblich an der Arbeit einer Gruppe namens "Mixed Media Shows" beteiligt. Die tingelten 69ff. mit altersschwachen Autos durchs Ländle und hetzten die stadtfernen Massen mit kritischer Filmkunst auf. Erfolgreich! Der diskrete Charme der Erotik des Anti-Autoritarismus und der Theorie von der befreienden Wirkung des Geschlechtsverkehrs nebst alter Polit- und neuer Filmkunst wirkte: Eines Tages brannte das Haus der Landkommune der Langhaarigen in Oberndorf, in dem 1972 Rio Reiser und Ton, Steine, Scherben wohnten, als sie das Konzert im Epple Haus in Tübingen gaben, nach dem es dann besetzt wurde; in Kirchheim-Teck rissen empörte Spätzlefilmliebhaber die Leinwand runter.

» Wir gehen jetzt tanzen! Sie holen sich ihr kleines Schwarzes und ich rasier mir die Zunge.

(Rigby Reardon – Steve Martin – in: "Tote tragen keine Karos")

Im Uni-Städtchen kam das Programm besser an. Die neue Filmwelt lief im Audimax der "Neuen Aula", im Haagtor Kino und in der Kunsthalle. Die Vorführungen glichen ab und an spontanen Happenings zu denen auch ein Film lief. Von Andacht, Popcorn, Facebook und Selfies noch keine Spur. Die zuschauenden Akteure inszenierten sich, den Film und das Leben drinnen und draußen. Der bizarre Streifen "Freaks" (Tod Browning) ist normalerweise 64 Minuten lang und brauchte in der Kunsthalle Anfang der 70er einmal an die vier Stunden bis zum Abspann. Die Kopie (weiland, die Eingeborenen aus Digitalien können sich das heute ja kaum noch vorstellen, noch aus echtem Zelluloid) riss ständig, und während sich die Projektionistin schließlich entschied, Stefan Paul vom Tennis-Platz zu holen, dröhnte sich die versammelte Fan-Gemeinde zu. Lustig war's.

» Ein Volk sollte keine Angst vor seiner Regierung haben, eine Regierung sollte Angst vor ihrem Volk haben.

(V – Hugo Weaving – in: "V wie Vendetta")

Im Oktober 1970 ging in Hamburg das erste Programmkino Deutschlands an den Filmstart, das altehrwürdige "Abaton". Der seltsame Name stammt aus der Trickkiste der Filmfreaks: Denn die Theorie, auf der Ankündigungsseite der Zeitungen mit "a-b-a" ganz vorn zu stehen, bestand den Praxistest mit Auszeichnung bis heute. Eigene Programme hieß das Programm. Die neuen Kino-Enthusiasten akzeptierten nicht mehr das, was von der Filmindustrie "auf den Tisch" kam. Sie verstanden sich als Teil der Revolte und zugleich als ihr Ausdruck. Keine eindimensionalen passiven Konsum-Zombies, sondern aktive Auseinandersetzung mit der Bewusstseinsindustrie. Und so fuhren sie all das auf, was die Filmwelt zu bieten hatte, frei nach Daniel Cohn-Bendits "großem Basar":"... eine Versammlung (wird) dann gelungen sein, wenn wir es schaffen, Film, Theater, Musik und Redebeiträge gleichzeitig mit einzubeziehen." Eine wilde Mischung aus Retro, Kunst und Agitation, aus Dokus und Kurzfilmen, viel Information, Debatten mit Regisseuren und Schauspielern.

» Der beste Freund eines Mannes ist seine Mutter.

(Norman Bates – Anthony Perkins – in: "Psycho" (1960)

Stefan Paul forderte 1971 im Jargon der damaligen Eigentlichkeit: "Wir müssen die Forderungen in der Öffentlichkeit nach geeigneten Räumen aufstellen, erst dann können wir die organisatorischen Probleme in den Hintergrund drängen und die inhaltliche filmpolitische Arbeit vorwärts treiben." Er initiierte mit anderen Tübinger Aktivisten die Gruppe "Cinemathek Filmclub" im alten abgehalfterten Haagtor Kino, in dem es heute Pizza gibt (das neue, also Stefan Pauls Kino Atelier nebst Café Haag liegt direkt daneben). Er startete mit Eisensteins Streik und der TV Doku "Erziehung zum Ungehorsam", er zeigte Porno- und Politfilme, veranstaltete Diskussionen und klärte mit den Organisatoren des studentischen Proletariats über die "Mechanismen der Produktionsverhältnisse" auf. Der Kurze Sommer der Kino-Anarchie, donnerstags und freitags für schlappe zwei Mark, dauerte keine drei Monate. Dann übernahm eine Spielhalle die Räume.

Bier ab: Programmkino mit Kneipe.

Die Zwischenspiele im Zimmertheater, im gemieteten Kino Löwen in der Kornhausgasse (die erste deutsche Russ-Meyer-Retro, die heute sicher auch nicht mehr laufen dürfte) oder in Götz Adrianis "Filmkunst Programm" in der Tübinger Kunsthalle, nun ja Durchlauferhitzer. Ein Porno aus den Zeiten des tausendjährigen Reiches, 1972 als Olympia-Kommentar gedacht, brachte zwar staatsanwaltliche Ermittlungen, aber auch kein Geld für irgendwelche Räume. Was bleibt, wenn der Staat sich seinen Kritikern gegenüber zurückhält und notgedrungen eingefädelte Geschäfte nicht das nötige Kleingeld bringen? Der Kino-Aktivist lieh sich, so die Legende, die Kohle bei Muttern. 20 000 Mark sollen 1973 die Verleihrechte der Anarcho-Satire "Themroc" gekostet haben: Der grandiose Michel Piccoli als Prolet hat einfach alles satt, er nimmt sich die Freiheit und macht nicht mehr mit und mutiert zum polizistenfressenden "Natur"-Menschen. Großartig. Könnte bitte bald mal wieder jemand "Themroc" zeigen? Schon der wunderbaren political incorrectness wegen. Meinetwegen auch bei Sekt und Häppchen!

» Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen.

(Lieutenant Colonel Bill Kilgore – Robert Duvall – in: "Apocalypse Now")

Der zweite Film brauchte auch keine kostspieligen Übersetzungen: "Jimi Hendrix - plays Berkeley". Unter dem Label "Melody & Arts Films" kamen die guten Stücke in die Kinos, bis das Unternehmen im Arsenal-Film-Verleih aufging. Er stand auf diesen beiden Beinen, Hendrix & Piccoli, Melody & Arts. Hier - und bei der tätigen Mithilfe vom Hamburger Abaton - liegt die Nilquelle des ersten Programm-Kinos in Baden-Württemberg und bei der Volksbank, die lieh den Rest. Am Freitag, dem 29. November 1974, nach anderthalb Jahren Planung und einer sechsmonatigen Um- und Neubauzeit entstand in der Grabenstraße 33, in den maroden, 150 Jahre alten Räumen) eines bodenständigen schwäbischen Gewerbebetriebes (die Überlieferungen reichen von Schreinerei, Druckerei bis zur Metzgerei), Tübingens sechstes und kleinstes Kino mit revolutionären 82 Plätzen (heute etwa 120). "Der Name stammt von unseren Freunden der deutschen Kinemathek in Berlin, die mit ihrem Kino "Arsenal" zu den Wegbereitern des unabhängigen, des politischen Kinos seit der Zeit der Studentenbewegung zählen; damit geben wir dem Kino eine gewisse Stoßrichtung. Wir werden offen sein für alle Programme, die in fortschrittlicher Weise die Kinokultur in der Bundesrepublik mithelfen zu verbessern und zu verändern", unterzeichnet von Stefan Paul und dem Theater- und Technik-Leiter.

» "Straßen? Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen!"

(Doc Brown – Christopher Allen Lloyd – in: "Zurück in die Zukunft")

Stefan Paul, Regisseur, Filmverleiher, -verkäufer und -vorführer lernte dabei auch die Fährnisse des bürgerlichen Baualltags kennen: Rund 50 000 Mark Ablöse gingen an die Stadt (pro sieben Plätze ein Parkplatz, bzw. 7000 Mark), feuerpolizeiliche Bestimmungen, eine selbsttragende Decke, ein zwei stöckiges Betonskelett... alles in allem satte 300 000 Mark; Anfang der 90er kamen 1,2 Mio für den Neubau des mindestens ebenso abbruchreifen Kinos am Haagtor dazu jede Menge Kohle für einen Aufsteiger aus dem Under- zum Overground. In jenen fernen Tagen, 1974, hatte Watergate Nixon weggespült, in Portugal starteten linke Militärs die Nelkenrevolution, die USA zogen die letzten Soldaten aus Vietnam ab, Ali haute beim "Rumble in the Jungle" George Foreman zu Klump... Und im "Arsenal" lief "Der letzte Befehl" (John Ford) und Filme "Über den Kampf des vietnamesischen Volkes" als Vorbereitung zur "nationalen Vietnam-Demonstration in Köln am 25.1. 75"? - Leute, erinnert sich hier überhaupt noch jemand, wenn Opa von der guten alten Zeit erzählt?

» Ich spuck' dir in die Augen und blende dich!

(Der schwarze Ritter – John Cleese – in: "Die Ritter der Kokosnuss")

Das Foyer des Arsenal glich anfangs einer Stehbierhalle. Mitten im Raum stand eine Kiste Bier, daneben der Teller fürs Geld. Im Kino ging das Gespenst der Freiheit um, für mindestens drei Vorführungen täglich. Und nach Mitternacht ging es mit Klamauk und Erotik, Piraten und Sandalen weiter für vier Deutsche Mark auf allen Plätzen. Weitere Ideen gab es reichlich: Filmbücherei und Videothek, Filmseminare mit der Universität, und, und, und... Ja, mach nur einen Plan. Aber das Vorführen von Filmen sollte schließlich nur eine Sache neben vielen anderen sein. Stefan Paul, schrieb das "Schwäbische Tagblatt", "schwebt so etwas wie ein Treffpunkt und eine kulturelle Bereicherung des Altstadtkerns vor." Der Jargon hatte sich schon verändert. Die Inneneinrichtung folgte: Standen anfangs, als sich die Dinge neu ordneten, im leeren Kneipenraum nur Plastikstühle, die sich leicht stapeln und immer neu gruppieren ließen, wandelte sich die Szenerie zehn Jahre später ins "gemütlich Rustikale": Holzbrauntöne vermitteln bis heute das Gefühl der wieder in Mode gekommenen Gemütlichkeit. Irgendwie verständlich.

Denn schon nach drei Jahren wollten die Stadtwerke den Strom abschalten, 1978 kam es zu den ersten größeren Firmen-Umstrukturierungen. Zwei Rechtsanwälte machten sich juristisch und finanziell nicht unwesentlich um die weitere Absicherung des Unternehmens verdient. Hätte es aber nicht die intensive Mitarbeit auch finanzieller Art aller Angestellten gegeben, wären da nicht politische Gruppen gewesen, die das "Arsenal" zum "befreiten Gebiet" zählten und vor allem sympathisierende Geldgeber, innen wie außen, das Programmkino in Tübingen hätte die Jahrtausendwende nicht erlebt. Währenddessen auf der Leinwand "The Stones in the Park", die Rolling Stones spielten im Hyde Park (im Beiprogramm: Jim Morrison und die Doors); sonntags um elf Uhr standen für drei Mark Bier, Jazz und Slapsticks auf dem Programm. Und später dann immer wieder "Diva" - da schon mit Sekt.

» Aber was, wenn es kein Morgen gibt? Heute gab es nämlich auch keins.

(Phil Connors – Bill Murray – in: "Und täglich grüßt das Murmeltier")

 

Während das Arsenal dann versuchte, bis Ende der 90er zu wachsen und sich zu konsolidieren (zu den Tübinger Kinos Arsenal und Atelier -am Haagtor-, kamen Kinos oder Beteiligungen in Leipzig, Rottenburg, Sindelfingen, StuttgartVerleih-Ableger entstanden in Hamburg, Leipzig und Stuttgart, auch, um regionale Fördergelder zu akquirieren; die Tübinger rockten als erste West-Verleiher in Pauls Geburtsstadt Leipzig die Ost-Kinos), mehr zu produzieren - was schnell wieder eingestellt wurde - und noch mehr Filme für den Verleih einzukaufen – "Diva", "Elling" und viele andere. sorgten für gute Umsätze-, da änderte sich die Welt – nicht nur die der Medien.

Kritisches war im Programm willkommen.

Die einen erinnerten sich noch an die Kritik der Warenästhetik und neue Lebensformen in der Großfamilie, an Sex and Drugs and Rock'n Roll, da präsentierten die anderen stolz am Tübinger Markt ihre Kinderwagen und das große Glück in der Kleinfamilie wie die moderne Mutter von heute ihren SUV. Und nebenbei gerieten die prägenden Medien des 20. Jahrhunderts, Film und Kino, mit dem Siegeszug des Internet ganz heftig unter Druck. Schon 1990 erkannte Stefan Paul: "Die Idee des Programmkinos ist verstaubt." Konsequenzen sind daraus kaum gezogen worden: Er hielt die internationalen Kontakte, die mittlerweile werbeirrelevante Generation Kino hatte längst Tübingen verlassen, ging in Rente - und das unzertrennliche Paar Kino und Film begann sich auseinanderzuleben.

» Toto, ich habe das Gefühl, dass wir nicht mehr in Kansas sind.

(Dorothy Gale – Judy Garland – in: "Der Zauberer von Oz")

Die Lust auf Filme ist groß, aber die meisten Filme laufen nicht mehr im Kino. Niemals haben die Menschen mehr Filme gesehen; niemals wurden mehr Filme produziert; niemals standen dank Internet, DVD usw. mehr Filme zur Verfügung. Das Arsenal machte kurz den Versuch, mit am großen Rad der schönen neuen Kinowelt zu drehen. Das ging nicht gut. Mittlerweile ist das Netz zum Treffpunkt auch derjenigen mutiert, die früher in die Filmgalerie 451 gingen und auch, wenn das Kino Filme braucht, die Filme brauchen das Kino nicht mehr. Sie laufen im Auto, im Zug, im Flugzeug, im Fußballstadion, im Wohnzimmer, auf dem Rechner, im Handy. Wer will, der kann sich auf Youtube sein Programmkino selber basteln, Cineasten finden dort Raritäten der Filmgeschichte, Trash-Fans Perlen der B- und C-Movies - und dass es manchmal in den dunklen Ecken des Web auch Filme gibt, die noch gar nicht gelaufen sind, weder im Kino noch sonst wo, das weiß heute auch jeder.

Dem TV geht es inzwischen ähnlich wie den Kinos, als das Fernsehen zum Massenmedium mutierte. Wer hätte denn gedacht, dass die größten Film- und Serienproduzenten heute Netflix und Amazon heißen? Und während dieser Tage das World Wide Web 30. Geburtstag feiert, wandelt sich die kulturelle Institution Kino langsam zum Gegenstand romantisch nostalgischer Reflexionen. Kurzum: Die starre Bindung ans Kino existiert nicht mehr und der große Aufbruch, der das Programmkino überhaupt erst ermöglichte, ist Geschichte. Das "Szene"-Projekt Arsenal, entstanden aus den Echos des urbanen Studentenprotestes, begonnen als Ansatz zu einem kollektiven Experiment, hat sich zu einem fast normalen "Kino-, Verleih- und Gaststättenbetrieb" entwickelt, das, wie alle klassischen Filmauswertungsbereiche, mit sinkenden Zuschauerzahlen zu kämpfen hat. Das einstige Gegeneinander mit dem örtlichen Kinogroßbetrieb ist einem gedeihlichen Miteinander gewichen. Wobei: Wirtschaftlich so richtig gut ist es dem Projekt Arsenal wohl noch nie gegangen. Von Anfang an nicht: Zum 10-Jährigen kamen nicht nur die lokalen Geschäfts- und Stadtprominenten, die Freunde des Hauses, Bauleute, Filmspediteure und sonstige Adabeis sondern auch der Gerichtsvollzieher.

» Houston, wir haben ein Problem!

(Jim Lovell – Tom Hanks – in: "Apollo 13")

Nach einem zwischenzeitlichen Hoch ist das Arsenal - im zeitgeistigen Marketing und BWL-Jargon geschrieben auf seinen Markenkern geschrumpft. Nur: Wo liegt der heute? Eine Revolte, von der das Programm-Kino Teil sein könnte, ist nicht zu erwarten und für die Generation Greta Thunberg ist Kino uncool. Heute gibt es heftige Anstrengungen seitens des neuen Programmchefs, die beiden Tübinger Kino-Räume für die neue Zeit, für ein neues Publikum zu öffnen. Durchaus mit Erfolg. Aber jetzt kommt es ganz dicke: Das Gebäude ist an eine Erbengemeinschaft gegangen und der Standort des Arsenal, im Kern der attraktiven Universitätsstadt, ist sehr viel Geld wert: Tübingen soll wachsen, von jetzt rund 87 000 auf 100 000 Einwohner in naher Zukunft. Von 2016 bis 2019 stieg der Immobilienpreis in Tübingen Innenstadt von 3000 auf 3600 Euro pro Quadratmeter - mit rasch steigender Tendenz. Die Folge: Leerstand in Läden, in Kneipen. Es herrscht Ruhe in Stadt und Land, wenn das Menschenrecht auf "marktübliche Verzinsung" mit der Platitüde des Ökonomismus "Das muss sich rechnen" eingeklagt wird. Zwei Investoren sollen an dem Gebäude interessiert sein, wie es heißt, einer davon, so ein Gerücht, soll im Arsenal geputzt haben... Wie auch immer, die Alternativen heißen: Aufwändige Renovierung oder Endstation. Abriss, Denkmal oder Bestandsschutz gibt es in diesem Immobilienfall nicht, was das Objekt nicht uninteressanter macht. Die kommunale Wohnungsgesellschaft könnte zuschlagen, auch, um die Institution Arsenal zu erhalten. Denn das, was jetzt so oder so kommt, das ist für das Programmkino nicht mehr zu bezahlen.

» Viel zu lernen du noch hast!

(Jedi-Meister Yoda in: "Angriff der Klonkrieger – Episode II")

Viele Tübinger würden sich wünschen, dass das Arsenal bleibt.

Das Arsenal hat die Tübinger Kulturlandschaft geprägt. Seit 45 Jahren. Generationen wurden dort für das Kino begeistert. Viele große und kleine Initiativen zeigten dort Filme, vieles, was die Filmwelt prägte, lief nur hier. Es ist eine Institution, ein wichtiger Ort für Festivals, für Film- und Kino-Enthusiasten. Es gibt Hinweise, dass auch die Stadt nach Lösungen sucht, um das Arsenal zu erhalten. Ende Januar initiierte ein Tübinger Bürger und "alter" Arsenal-Gänger eine Online-Petition. Innerhalb von zwei Wochen zeichneten 1700 Arsenal-Fans viele aus der Region, aber etliche aus ganz Deutschland.

Es gingen Unterschriften aus Frankreich und Griechenland ein, aus Liechtenstein und Luxemburg, aus Österreich, der Schweiz, dem Brexit geschüttelten Vereinigten Königreich und Schweden. Über 2000 waren es schließlich, die sich erschrocken zeigten. Die Petition richtete sich an Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, der selbst als Unterstützer des Kinos gilt. Stefan Paul: "Die moralische Unterstützung haben wir. Uns fehlt das Geld." Man kann die Lage natürlich darauf reduzieren. Das ist in Zeiten des Ökonomismus durchaus zeitgemäß. Aber es fehlt noch vieles andere: Stefan Paul wollte sich erst, nachdem er von diesem Artikel hörte, mit dem Initiator der Petition in Verbindung setzen, den Unterstützern danken.

» Möge die Macht mit dir sein.

(Obi-Wan Kenobi – Alec Guiness – in: "Star Wars - Eine neue Hoffnung")

Das Kino hat sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Es hat sich zu einem Erlebnisort unter vielen gewandelt. Vielleicht ist es ja gerade deshalb an der Zeit, sich wieder an die Anfänge zu erinnern, an die Tage, als es noch über die Dörfer der Alb ging und alle hofften, ein "Kommunales Kino" aufbauen zu können. So ein "altes (Programm-)Kino" (zumal eines mit einer solchen Geschichte) hätte die Chance,  sich zu verjüngen, sich zu einem neuen urbanen Orientierungspunkt zu entwickeln. "Kino", so Ex-Berlinale Chef Dieter Kosslick, "das bedeutet auch eine Form der Kommunikation, die ein Motor der Stadtkultur, der Reaktivierung der Innenstädte ist." Der Standort des Arsenal ist ebenso ideal für solche Kino-Experimente wie die junge Studentenstadt Tübingen. Vielleicht ist es ja gerade deshalb an der Zeit, sich auch wieder an richtig gute Filme zu erinnern, an "Harold & Maude" zum Beispiel, einem "Programmkino-Evergreen" da hatten eine alte Dame und ein junger Mann viel Spaß miteinander. Oder "Pulp Fiction": Mein Name ist Winston Wolfe. Ich löse Probleme! (Winston Wolfe Harvey Keitel). Ganz bestimmt aber an den großen weisen Mann des Films, Jean-Luc Godard: Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge!

 

Michael Friederici kam 1975 nach Tübingen, studierte, war Filmkritiker beim "Schwäbischen Tagblatt"; baute den Club "Zoo" mit auf; 13 Jahre lang Leiter der Französischen Filmtage Tübingen. Seit 1988 lebt er in Hamburg, arbeitete für eine der großen deutschen Filmproduktions- und -vertriebsgesellschaften; betreute die Pressearbeit einiger Arsenal-Filme; seit zehn Jahren organisiert er Lesungen in Hamburg, u.a. die sogenannten Schwarzen Nächte. Untertitel: Verbrechen sind kein Privileg von Gesetzesbrechern.




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