Zappenduster ist's ums Konstanzer Lichtbildhaus. Ein Dokumentarfilm will den Showdown fürs Kino beleuchten – da suchen Interviewpartner das Weite. Foto: Douglas Wolfsperger Filmproduktion

Zappenduster: das Konstanzer Lichtbildhaus Scala. Foto: Douglas Wolfsperger Filmproduktion

Ausgabe 288
Kultur

Bitte nicht filmen

Von Michael Lünstroth
Datum: 05.10.2016
Das Konstanzer Programmkino Scala soll einem dm-Markt weichen, Kultur wird durch Kommerz ersetzt. Jetzt will der Regisseur Douglas Wolfsperger einen Film über das Sterben des Scala drehen, doch die Stadtverwaltung stellt sich quer.

Konstanz war schon immer eine Stadt, die das politische Bandenspiel liebte. Wer hier etwas zu sagen haben will, muss sich auf Intrigenspinnen und Strippenziehen verstehen. Das kirchlich-weltliche Machtgeschachere beim Konzil vor 600 Jahren hat die Stadt wohl doch mehr geprägt, als das viele wahrhaben wollen. Man kann das in diesen Tagen einmal mehr wunderbar beobachten. Dieses Mal geht es nicht um Kardinäle und Könige, sondern eher um Provinzfürsten und Hofnarren.

Der Anlass: die Debatte um die finanzielle Förderung eines Films. Nicht irgendeines Filmes, sondern, so der bisherige Arbeitstitel, des "Scala-Projekts". Für die Rathausspitze um den sich gern smart gebenden Oberbürgermeister Uli Burchardt (CDU) dürfte diese erneute Begegnung mit dem Thema einer Zombiesichtung gleich kommen. Hatten sie doch erst vor ein paar Monaten mit einigen Mühen die Debatte um das Aus für das Traditions-Kino mitten in der Konstanzer Altstadt überstanden. Bundesweit lief das Thema, die Schlagzeilen waren für die Stadt, nun ja, nicht unbedingt schmeichelhaft. Nun kommt alles zurück – in Gestalt des Regisseurs Douglas Wolfsperger.

Den in Konstanz aufgewachsenen Dokumentarfilmer fasziniert das Thema, er will das Scala zum Symbol machen für das Sterben von Programmkinos. Und darüber hinaus. "Der Dokumentarfilm wird die Entwicklungen in der Stadt in den letzten Monaten des Scala-Kinos zeigen. Was bedeutet die Schließung eines Arthouse-Kinos für eine Stadt, die viel auf ihre kulturelle Bedeutung hält und wo doch der Kommerz immer mehr Überhand nimmt?", schreibt Wolfsperger in einer Projektskizze. Damit ist der alte Konflikt, um den es schon beim Streit um das Scala im Kern gegangen war, wieder aufgebrochen: Wie viel Kommerz verträgt die vom Einkaufstourismus genervte 85 000-Einwohner-Stadt am Bodensee noch?

Für Douglas Wolfsperger ist das Ganze eine Herzenssache. Im Scala hat er seine ersten Filme gesehen, sogar seine ersten Super-8-Filme wurden hier gezeigt. Gegenüber vom Kino hatte seine Mutter, eine Augenärztin, ihre Praxis. "Mit dem Film möchte ich der Nachwelt etwas erhalten und zeigen, dass man ein Kino mit anspruchsvollem Programm nicht mit jedem x-beliebigen Gewerbebetrieb vergleichen kann", sagt der 58-Jährige. Nun könnte der Regisseur einfach seinen Film machen. Aber weil er natürlich auch um das Spiel mit der Aufmerksamkeit weiß, hat er die Stadt um einen Zuschuss zu seinem Werk gebeten. Zum einen, weil das Ganze ja bezahlt werden muss, zum anderen, weil er Lust hatte zu sehen, wie die Stadtoberen reagieren würden.

Und so sitzt er dann eines Abends Ende Juli in dem stickigen Ratssaal der Konzilstadt und muss sich anhören, wie einige Stadträte sein Projekt mit spitzen Fingern zerreißen. Deutlich wird am Ende vor allem eines: Verwaltung und Gemeinderat haben große Angst vor neuerlichen Negativ-Schlagzeilen. Sie lassen Wolfspergers Projekt durchfallen. Kulturbürgermeister Andreas Osner (SPD) fasst es auf seine Weise zusammen: Es sei schlicht kein "zwingender Fördertatbestand vorhanden". Er sagt das wirklich so. Statt der gewünschten 36 500 Euro erhält Wolfsperger nun lediglich 2499 Euro von der Stadt. Nur mal zum Vergleich: Der Kanton Thurgau und die Stadt Kreuzlingen unterstützen den Film ohne jede Diskussion mit insgesamt 23 000 Franken.

Fördertopf voll und trotzdem knausrig

Die offizielle Begründung für die Absage lautet: "Das Phänomen 'Sterben von Kulturkinos' ist ein bundesweiter Niedergang. Aber er hat nichts mit der Veränderung von speziell Konstanzer sozialen oder kulturellen Lebensgewohnheiten zu tun. Bei einer Befürwortung der unterjährigen außerordentlich hohen Förderung des Filmprojektes von knapp 40 000 Euro hätte sich die Stadt gegenüber vielen anderen Antragstellern unglaubwürdig gemacht", erklärt das städtische Pressebüro auf Kontext-Nachfrage. Freilich wäre eine finanzielle Förderung des Scala-Films problemlos und unkompliziert möglich gewesen: Im Fördertopf für freie Kulturprojekte waren aus nicht vergebenen Mitteln noch rund 17 000 Euro übrig. Aus prinzipiellen Gründen wollte man da aber nicht ran. Solch pragmatische Lösungen bekommt in Konstanz inzwischen nur noch, wer einen besonderen Draht zum Rathauschef hat. Auf diesem kurzen Weg erhielt beispielsweise die regionale Talente-Show "Konstanzer Welten" im Mai 2015 kurzfristig 15 000 Euro aus dem städtischen Haushalt für drei Jahre. Der Organisator und Moderator der Veranstaltungsreihe ist ein langjähriger Freund des Oberbürgermeisters.

Was möglich ist und was nicht, wird in Konstanz gerade ohnehin zunehmend davon abhängig, was Verwaltung und Gemeinderat gefällt oder nicht. Ein aktuelles Beispiel: Während in der Debatte um den Erhalt des Scala-Kinos bauplanerische Mittel zur Verhinderung der Umnutzung des Kinos in eine Drogerie von der Rathausspitze stets als zwecklos eingestuft wurden, will die Stadtverwaltung den Bau eines Flüchtlingsheims in einem idyllisch gelegenen Vorort-Gelände mit Seesicht exakt mit diesen Mitteln – also einem Bebauungsplan und einer Veränderungssperre – verhindern und den freien Seeblick für die Vorstädter bewahren.

Auf die Frage, wie das denn jetzt zusammenpasse, antwortet das städtische Pressebüro nach zweitägiger Beratung mit dem eigenen Justiziariat so: "Das sind tatsächlich zwei verschiedene Sachverhalte. In Litzelstetten (jenem Vorort, in dem ein Flüchtlingsheim entstehen soll) liegt bereits eine positive Plankonzeption vor, die sich im Flächennutzungsplan, im Landschaftsplan und im Handlungsprogramm Wohnen niedergeschlagen hat. Sie wurde völlig unabhängig vom beantragten Vorhaben entwickelt. Im Gegensatz dazu war beim Scala eben keine positive städtebauliche Plankonzeption gegeben, die innerhalb des gesetzlichen Rahmens Grundlage für einen Aufstellungsbeschluss hätte sein können." Überzeugende und konsequente Planung klingt irgendwie anders. Es bleibt auch hier ein schaler Beigeschmack.

Die Ablehnung eines der Stadtpolitik gegenüber möglicherweise kritischen Projektes beschert dem Konstanzer Rathauschef nun freilich noch eine ganz andere Debatte: Werden künftig nur noch Kulturprojekte unterstützt, die die Stadt im schönsten Lichte erscheinen lassen? Mit anderen Worten: Ist Kulturförderung nach vier Jahren unter dem Marketing-Menschen Burchardt nur noch ein verlängerter Arm des Stadtmarketings? Die Stadtverwaltung weist das auf Nachfrage zurück: "Sicher nicht. Der kulturhistorische Wert einer Dokumentation bzw. einer künstlerischen Arbeit für die Stadt sollte jedoch klar erkennbar sein." Douglas Wolfsperger ist sich jedoch sicher: "Mit einem harmlosen Film über die schöne Bodenseelandschaft hätte ich vermutlich ganz leicht das Geld bekommen."

Nach der für ihn so frustrierenden Sitzung des Gemeinderats im Juli wollte Wolfsperger eigentlich ganz normal weitermachen. Sich nicht abhalten lassen von den "Biedermännern und Kleingeistern im Stadtrat", wie er sie nun nennt. Doch dann gab es neue Probleme.

Interviewpartner springen plötzlich ab

Fast schien es wie eine abgesprochene Aktion: Nach und nach sagten plötzlich wichtige Interviewpartner für das Filmprojekt ab. Den Anfang macht Hans-Peter Hillebrand, einer der Eigentümer der Immobilie an der Marktstätte. Er hatte die Geschichte des Kinos, die auch ein Stück weit seine eigene Lebensgeschichte ist, dem Regisseur Wolfsperger bereits lebhaft in die Kamera erzählt. Der Rückzug kam für Wolfsperger überraschend, für Hillebrand war es nur konsequent: "Ich habe nie zugestimmt, Teil dieses Filmprojektes sein zu wollen. Das hätte Herr Wolfsperger wissen können", so Hillebrand im Gespräch mit Kontext. Tatsächlich hat Hillebrand sich zwar stundenlang interviewen lassen, eine offizielle Einverständniserklärung zur Teilnahme an einem Film hat er aber nie abgegeben.

Die zweite Absage kam am 6. September um 16.10 Uhr per E-Mail. "Ich habe das Projekt jetzt noch einmal ausführlich geprüft und bin zu dem Schluss gekommen, dass auch wir den Dokumentarfilm zukünftig nicht unterstützen werden. Mit diesem Schritt schließen wir uns der Entscheidung aller anderen angedachten Interviewpartner (Eigentümer, Zwischenmieter, künftiger Mieter, Stadtverwaltung) an", schrieb Detlef Rabe, Geschäftsführer der Scala Filmtheaterbetriebe, an Wolfsperger. Weder stünde er für Interviews bereit, noch seien weitere Drehs im Gebäude gestattet, erklärte der Kinomanager in seiner Mail.

Zweieinhalb Wochen später der nächste Ausstieg – Kulturbürgermeister Andreas Osner zieht seine Zusage zurück. Aus Zeitgründen, wie er sagt. Oder weil ihn die öffentlich geäußerte Kritik von Douglas Wolfsperger an dem gesamten Verfahren in Konstanz so verstört hat, dass er sich nun beleidigt abwendet? Man muss kein großer Verschwörungstheoretiker sein, um zu verstehen, dass die offenbar abgesprochenen Absagen auch dazu dienen, ein missliebiges Filmprojekt zu verhindern. Gerne hätte man auch gewusst, was der Investor und neue Pächter der Immobilie an der Marktstätte zu all dem sagt. Er reagierte jedoch auf mehrfache Anfrage nicht.

Normalerweise bedeuten solche Absagen relevanter Protagonisten das Aus für einen Film. Douglas Wolfsperger will trotzdem weitermachen. "Ich habe da überhaupt nicht den Mut verloren. Ich bleibe guter Dinge, dass wir den Film fertig produzieren", sagt er im Gespräch mit Kontext. Immerhin – das Interview mit Oberbürgermeister Uli Burchardt zum Thema bleibt ihm. Der Rathauschef bleibe bei seiner Zusage, bestätigte das städtische Pressebüro auf Nachfrage.

Wolfsperger selbst fühlt sich auch den vielen privaten Geldgebern verpflichtet. Erst recht nachdem in der Schweiz noch eine private Crowdfunding-Aktion für den Film ins Leben gerufen wurde. Der Drehplan läuft jedenfalls weiter wie gehabt. Im November wird erneut in Konstanz gedreht, dann mit der bekannten Schauspielerin Eva Mattes, die sich auch für den Erhalt des Scala engagiert hatte. Spätestens im Spätsommer 2017 soll der Film dann fertig sein und auf verschiedenen Festivals gezeigt werden. Mit einer Premiere in Konstanz? Douglas Wolfsperger winkt ab: "Ich wünsche mir das sehr, aber aktuell bin ich nicht sicher, ob es klappt.

 

Info:

Regelmäßige Informationen über den Fortgang des Filmdrehs gibt es hier: www.scala-film.de.

Autor Michael Lünstroth war bis Ende September Lokalredakteur des Südkuriers. Dort hatte er gekündigt, weil er wegen angeblich fehlender Sorgfaltspflicht bei der Berichterstattung über das Scala-Kino eine Abmahnung samt Maulkorb erhalten hatte – Kontext berichtete. Laut der Gewerkschaft Verdi war das der Auftakt zu einem bundesweiten Presseskandal.


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8 Kommentare verfügbar

  • Carl Lang
    am 11.10.2016
    Was für ein erbärmliches Bild für die Stadt Konstanz !!!!!
  • Alfred Martin Bucher
    am 08.10.2016
    Mir scheint, in Konstanz hat sich in den jetzt 45 Jahren meiner Abwesenheit in diesen speziellen Aspekten nichts verändert?
  • Schwabe
    am 07.10.2016
    Nein, keine Fragen mehr zum "Jungen Forum Konstanz" - vielen Dank für die interessanten Informationen Holger Reile!

    Die Stadträtin Christine Finke zeigt m.E. ein so typisch arrogantes wie bemerkenswertes Verhalten vieler, i.d.R. bürgerlicher Gemeinderäte nachdem Sie gewählt wurden. Nämlich ALLEINE zu wissen was für IHRE Stadt gut ist und was nicht. Anders formuliert: Um durchzusetzen was die herrschende, i.d.R. bürgerliche Politik (unter sich) ausbaldowert (was sich in wichtigen Fragen i.d.R. immer gegen ein menschliches Gemeinwohl richtet) müssen schnellst möglichst Beschlüsse (Abstimmungen) her, so dass erst gar keine Zeit bleibt für die Bevölkerung intensiver über diverse Sachverhalte nachzudenken, bzw., das wenn es dazu kommt, viele Bürger von der Entscheidung des Gemeinderates schon beeinflusst sind. So ganz nach dem Motto - dia werdads scho recht macha).

    Ich wünsche dem Film und dessen Machern großen Erfolg und den zahlreichen Opportunisten (Fähnchen im Wind) die jetzt den Schwanz einziehen Charakter und Persönlichkeit.
  • holger reile
    am 06.10.2016
    Nun, Herr "Schwabe",

    da waren Sie in der Tat zu optimistisch. Das angeblich "Junge Forum" (Altersdurchschnitt gegen 50) hat gegen den Film gestimmt. Ihre Stadträtin Christine Finke hat sogar zwei Stunden vor der Abstimmung in einer Brandmail alle RätInnen vor Wolfsperger gewarnt. Sein Film, so die Dame, würde "Konstanz nicht gut tun". Noch Fragen?
    Holger Reile
  • Schwabe
    am 05.10.2016
    Ich habe - zugegeben ohne es genau zu wissen - das "Junge Forum Konstanz" mit ins Boot genommen (dachte die hätten nur drei Sitze).

    Jetzt hab ich mal deren Wahlprogramm überflogen - deren Abstimmungsverhalten kenne ich nicht.

    War ich Ihrer Meinung nach zu optimistisch Holger Reile?
  • holger reile
    am 05.10.2016
    Werter "Schwabe",

    Sie schreiben, im Konstanzer Rat seien 35 von 40 Sitzen "bürgerlich" dominiert. Ich nehme mal an, die zwei Sitze für die Linke Liste Konstanz (LLK) zählen Sie nicht dazu. Wer sind denn Ihrer Meinung nach die anderen drei, die der Konstanzer Bräsigkeit die Stirn bieten?
    Fragt interessiert
    Holger Reile
  • Schwabe
    am 05.10.2016
    (Kritische) "Kultur" kostet nicht nur Geld, sie stört auch die der bürgerlichen Politik innewohnende eigene Interpretation von Harmonie.
    Das funktionierende Kulturbetriebe ein wesentlicher Bestandteil für eine gesunde/funktionierende menschliche Gesellschaft sind interessiert kapitalorientierte Politiker/Parteien nicht.
    Da unterscheidet sich die Konstanzer Kommunalpolitik (die auch bürgerlich dominiert ist - 35 von 40 Sitzen) in keinster Weise von entsprechender Landes- oder Bundespolitik.
  • Fritz
    am 05.10.2016
    Vielen Dank für diesen interessanten Artikel!

    Ich werde dem Filmprojekt auf jeden Fall spenden und wünsche den Machern viel Erfolg!

    Möge der Konstanzer Politik bald noch viel mehr - unbequeme - öffentliche Aufmerksamkeit um die Ohren wehen!

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