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Maulkorb für Nix

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Christoph Nix (60), Chef des Konstanzer Theaters, soll nur noch sagen dürfen, was der Bürgermeister erlaubt. Sein Vergehen: Er hat die Honoratioren der Stadt kritisieren lassen. Sie würden ausschließlich eine "Form der Repräsentationskultur" bedienen und alle Debatten ausklammern, die auf das Eingemachte abzielen.

Der Intendant ist wieder einmal auf Hundertachtzig und nimmt Wörter in den Mund, die besser ungeschrieben blieben. Zu seinem eigenen Schutz und wegen etwaiger Klagen. Sie richten sich gegen Honoratioren der Stadt, insbesondere gegen die Rathausspitze. Im konkreten Fall gegen Kulturbürgermeister Andreas Osner. Der ist Sozialdemokrat, Jahrgang 1968, einst für die Bertelsmann-Stiftung tätig (Arbeitsbereich Demokratie und Bürgerbeteiligung) und nach eigener Aussage konfliktfähig. Osner hat das Ansinnen formuliert, dass der Intendant ab sofort alle "öffentlichen Verlautbarungen, Schreiben, Pressemeldungen etc." über seinen Schreibtisch gehen zu lassen und mit ihm abzustimmen habe. Ausgenommen seien nur Info-Flyer, Spielzeithefte sowie Leporellos. Und das verlangt er ausgerechnet von Christoph Nix, der Streitaxt vom See.

Einen Teufel werde er tun, kündigt der Konstanzer Theaterchef schon mal vorsorglich via Kontext an, er habe schließlich noch alle Tassen im Schrank. Im Gegensatz zu seinen Gegenspielern. Nix sagt, einen solchen "Maulkorb" habe es bei den Nazis gegeben, aber nicht nach 1945. An deutschen Theatern sei dies in der Nachkriegszeit ein einmaliger Vorgang. Diese "völlige Ignoranz der Meinungsfreiheit" könne er sich nur mit dem "Konstanzer Klima" erklären, das vom "Verlust demokratischer Selbstverständlichkeiten" geprägt sei. Soweit das Druckbare gegen den "Kreis der Konformisten", den er seit 2006 kennt. Seitdem ist er am See, zum Schrecken der feinen Leute.

Der Bürgermeister repräsentiert und das ist Kultur

Entzündet hat sich der neue Streit an der Theaterzeitung "Trojaner", die Nix seit einem Jahr herausgibt und nicht weniger wollte, als den Leuten zu zeigen, dass Gutes tun besser ist als dem "Konsum hinterherzulaufen". In der jüngsten Ausgabe sah ein Autor namens Michael Menz das Gute in der Kritik an den lokalpolitischen Gepflogenheiten und rief dazu auf, sich zu empören. In klarer, aber nicht ehrverletzender Tonlage. Den Bürgermeistern warf jener Menz vor, ausschließlich eine "Form der Repräsentationskultur" zu bedienen, Kritik als "Majestätsbeleidigung" zu betrachten und ansonsten alle Debatten auszuklammern, die "auf das Eingemachte abzielen": die Waffenindustrie am Bodensee, Eigentumsfragen in der Wohnungspolitik, die Flüchtlingsfrage und die Zerstörung der Umwelt. Zu all dem würden die Lokalpolitiker schweigen und die örtliche Presse habe sich diesem "Schweigen angeschlossen". Gemeint ist der "Südkurier", der den Reigen der Repräsentationskultur vervollständigt - und dafür verantwortlich konnte nur einer sein: der notorische Unruhestifter Nix.

Der Verdacht liegt natürlich nahe, weil der Altlinke Politik nicht nur im Theater macht (und dafür auch mal Polizeischutz braucht – Kontext berichtete), sondern gerne auch außerhalb. Die politische Einmischung gehöre zu den "Grundaufgaben des Künstlers", sagt der 60-Jährige, und weil er zudem noch Honorarprofessor für Öffentliches Recht ist, fühlt er sich doppelt herausgefordert. Zum Kampf gegen die Ungerechtigkeit in der Welt, aber auch gegen alle Kleingeisterei, Missgunst, Verbohrt- und Blödheit. Das macht ihn am Bodensee, inmitten flacher Wellen, bisweilen etwas einsam, aber es sind ja nicht alle so. Der Peter Lenk zum Beispiel (siehe Editorial) ist auch so einer.

Ein neuer Sparda-Chef kommt, die Wohltätigkeit geht

Zuletzt hat sich Nix gegen das Kapital in Gestalt des Sparda-Chefs Martin Hettich aufgelehnt. Der wollte ihm kein kostenloses Konto für den gemeinnützigen Verein "Theater in Afrika" einrichten, obwohl Nix mit der Genossen-Bank gut konnte. Den früheren Vorsitzenden, Thomas Renner, zählte er gar zu seinen Freunden, auch dessen Kollegen zu eifrigen Theaterbesuchern und Sponsoren. 50 000 Euro sind jährlich aus der Stuttgarter Spardazentrale nach Konstanz geflossen, bis Hettich kam. Da war Schluss mit Wohltätigkeit. Kein Geld mehr, kein Gratiskonto und Nix auf der Barrikade. Martin Luther King in PR-Broschüren preisen, aber beim Theater in Afrika die Backen zusammenkneifen, polterte der Intendant. Das gefiel der Bank ("unfassbar") ebenso wenig wie dem Konstanzer Oberbürgermeister Ulrich Burchardt (CDU), der von Nix umgehend eine Rechtfertigung für diese Attacke verlangte.

Burchardt ist seit 2012 OB in Konstanz, war vorher Unternehmensberater und noch nie in seinem Theater, hat Nix beobachtet, und zählt gleich noch einen dazu: den grünen Staatssekretär Jürgen Walter. Die Öko-Realos haben's bei ihm nämlich auch verschissen. Doch das nur nebenbei. Ein "Kunstverächter" sei Burchardt, glaubt der Mann der Bühne, einer, der Kritik nicht aushalte. Aber der OB müsse eben zur Kenntnis nehmen, dass das gemeine Volk anders denke. 106 000 BesucherInnen hat das Stadttheater in der vergangenen Spielzeit gehabt, mehr als je zuvor. Die Menschen kämen besonders zahlreich, feixt Nix, wenn der "Südkurier" ein Stück verrissen habe. Das scheint eine Art Gütesiegel zu sein und macht die Abteilung Attacke stark. Gegen die "einflussreichen" Leute, die sich an keinem "Gemeinsinnsprojekt" mehr beteiligten, für diejenigen, die ihm schreiben, dass die Bürgerin und der Bürger dem Oberbürgermeister "lästig" seien und der "Trojaner" unbedingt weiter erscheinen müsse.

Der "Trojaner" im "Südkurier" – da heißt es Obacht geben

Tut er aber nicht, weil ihn Nix & Co. nicht mehr gestemmt haben. Finanziell und personell, genug der Selbstausbeutung. Jetzt müssten andere ran beziehungsweise andere verstärkt gelesen werden, empfiehlt der Intendant. Die Onlinemagazine Kontext und "seemoz" zum Beispiel. Nun muss man dazu wissen, dass er das in jener Theaterzeitung "Trojaner" geschrieben hat, die dem "Südkurier" in einer Stückzahl von 40 000 beigelegt war. Das ist nicht nett, auch wenn's bezahlt wird, und führt zu Reaktionen, die Medienkritik in betroffenen Medienbetrieben immer hervorruft: zurückheulen.

Im aktuellen Fall geschah es mittels eines etwas verschwurbelten Kommentars ("Rundumschlag"). Früher wurde Nix einfach der Doppelmoral bezichtigt. Links blinken und zweifach kassieren, als städtisch bezahlter Intendant und Professor an der Uni Bremen. Das war zwar falsch und kostete den "Südkurier" 7500 Euro, verstärkte die herzliche Feindschaft, aber nicht die Klarheit der Gedanken. So meint der Autor des Kommentars, es könne womöglich sein, dass der eine oder andere Nix "als widerborstig" feiern werde. Wieder andere würden sich wohl fragen, wie ein "städtischer Angestellter", also Nix, "diese Sätze zulassen" konnte? Und überhaupt werde diese Zeitung mit städtischem Geld und dem Bürgermeister als "oberstem Theaterwächter" produziert. Also schön Obacht geben, Ulrich Burchardt.

Wo kämen wir denn hin, wenn jeder sagen könnte, was er wollte? Wenn überhaupt, geht das nur auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, für die der Oberbürgermeister, die Bank und die Zeitung zuständig sind.


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9 Kommentare verfügbar

  • mia
    am 09.08.2015
    Antworten
    Nix wagt, Nix gewinnt!
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