Politische Einmischung als "Grundaufgabe des Künstlers": Intendant Christoph Nix auf der Demo vor seinem Theater. Foto: Hans-Peter Koch

Politische Einmischung als "Grundaufgabe des Künstlers": Intendant Christoph Nix auf der Demo vor seinem Theater. Foto: Hans-Peter Koch

Ausgabe 156
Kultur

Hass am Bodensee

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 26.03.2014
Ein Theater unter Polizeischutz – das hat es in Konstanz noch nie gegeben. Der Grund: Intendant Christoph Nix hat ein Stück über den Völkermord an den Armeniern auf die Bühne gebracht – und schon protestierte der türkische Generalkonsul. Mit ihm seine Landsleute, die sich in ihrer Ehre verletzt fühlten. In Konstanz geht die Angst um, und Ministerpräsident Kretschmann hat jetzt ein Problem.

Das Plakat am Konstanzer Stadttheater war unmissverständlich. Die türkische Flagge oben, zwei Schuhe, die unter einem Leichentuch hervorschauen, unten, und dazwischen ein Zitat von Ministerpräsident Erdogan: "In unserer Geschichte wurde kein Völkermord begangen." Die Schuhe gehören dem armenischen Journalisten Hrant Dink, der 2007 auf offener Straße ermordet wurde. Von einem 16-Jährigen, der beim Weglaufen gerufen hat: "Ich habe einen Ungläubigen erschossen." Dink war einer der schärfsten Kritiker der Regierung. Auch wegen des Völkermords.

Stein des Anstoßes: Die Plakate zum Theaterstück wurden drei Tage vor der Premiere wieder abgehängt.

Das Plakat hing bis drei Tage vor der Premiere des Stücks "Das Märchen vom letzten Gedanken" nach dem Roman von Edgar Hilsenrath. Es behandelt den Genozid an den Armeniern (1915–1917). Danach war das Plakat weg. Abgehängt vom Intendanten Christoph Nix.

Der türkische Generalkonsul ist überaus unglücklich

Drei Tage vor der Premiere hatte Nix ein Brief aus Karlsruhe erreicht. Absender der türkische Generalkonsul Serhat Aksen. Darin schreibt der Statthalter Erdogans in Deutschland, er empfinde es als "überaus unglücklich", den Begriff "Völkermord in dem Theaterstück zu verwenden. Einerseits stelle dieser Begriff eine "offensichtlich begangene Straftat" dar, andererseits sei eine solche aber gerichtlich nie fest gestellt worden sei. Bei den "Ereignissen von 1915" handele es sich um ein "legitimes akademisches Diskussionsthema", zu dem auch die Konstanzer Theaterbesucher die "richtigen Informationen" erhalten müssten. Deshalb habe Nix seinen Brief (hier in voller Länge) vor oder nach der Vorstellung vorzulesen beziehungsweise zu verteilen. Nix hat vorgelesen.

Die "Ereignisse von 1915", über die diskutiert werden kann, sind der Massenmord im Osmanischen Reich an den Armeniern. Bis zu eineinhalb Millionen Menschen verloren ihr Leben, massakriert oder elend verreckt in der Wüste, in die sie getrieben wurden. 22 Staaten nennen das Völkermord, Papst Franziskus eingeschlossen. Nach offizieller türkischer Geschichtsschreibung sind sie Überfällen, Hunger und Seuchen zum Opfer gefallen, nach aktueller türkischer Gesetzgebung wandert in den Knast, wer das bezweifelt. Der Journalist Hrant Dink zählte dazu. Und das gilt bis heute. Mit Bugwellen bis zum Bodensee.

Das Zentrum der 3000 türkischen Muslime in Konstanz ist weithin sichtbar: Die Mevlana-Moschee, weiß-blau, nahe dem Rheinufer, das Minarett 35 Meter hoch, eines der höchsten in Deutschland. Der Imam wird vom türkischen Staat eingesetzt, die Stadt hilft bei Finanzproblemen, der Oberbürgermeister tanzt bei der Jubiläumsfeier, die Türken stellen den größten Ausländeranteil in der 82 000-Einwohner-Stadt. Und sie rufen dort zur Demonstration gegen das Stadttheater auf, weil sie sich in ihrer Ehre und Würde verletzt fühlen. Stein des Anstoßes: das Plakat.

Im März 2011 wird die Kurdin und SPD-Spitzenfrau Sarikas zusammengeschlagen

Seit Zahide Sarikas im März 2011 brutal zusammengeschlagen wurde, geht in Konstanz die Angst um. Die damals 46-Jährige war Kandidatin der SPD für die Landtagswahl, sie ist Kurdin, Alevitin, ausgebildete Erzieherin und ausgewiesene Gegnerin des Kopftuchs. Die Staatsanwaltschaft ermittelte in alle Richtungen, im rechtsradikalen wie im islamistischen Bereich. Erfolglos. Der Überfall ist bis heute nicht aufgeklärt. Fakt ist, dass sie im Dezember 2010 eine Resolution gegen den Islamprediger Pierre Vogel verfasst hatte, der kurz vor Weihnachten in einer städtischen Halle in Allmannsdorf auftreten sollte. Der Kölner Konvertit, Exboxer und Mitglied bei den Salafisten, will die "überlegene Religion" des Islam "in jedes Haus tragen". Er wird auch als "Hassprediger" bezeichnet, der insbesondere bei jugendlichen Muslimen eine Radikalisierung vorantreibe, so der Verfassungsschutz. Für Zahide Sarikas ist er mitverantwortlich für den zunehmenden Nationalismus unter jungen Türken.

SPD-Politikerin Zahide Sarikas wurde verprügelt, weil sie gegen einen fundamentalistischen Islam-Prediger vorging. Foto: SPD
SPD-Politikerin Zahide Sarikas wurde verprügelt, weil sie gegen einen fundamentalistischen Islamprediger vorging. Foto: SPD

Christoph Nix, der Intendant, kennt die explosive Lage wie kaum ein anderer. Der 59-jährige ist ja nicht nur Künstler, sondern auch ein politischer Feuerkopf und Jurist. Ordentlicher Professor für Öffentliches Recht sogar. Er hat, als Anwalt, türkische Oppositionelle vertreten, er hat ein Buch über politische Prozesse in der Türkei geschrieben, er hat Zahide Sarikas beraten – und sie geholt, um seine Schauspieler mit dem Türkischen vertraut zu machen. Und jetzt soll er das Weichei sein.

Intendant Nix hat immer auf die Pauke gehauen

Das Plakat abgehängt, den Zensurversuch des Generalkonsuls verlesen. Das sei "Lust an der Demut", schrieb ein Kommentator, und vom Einknicken, Zurückweichen und Mutlossein war auch die Rede. Das macht den Altlinken richtig sauer. Ausgerechnet er, der, egal wo er war, mächtig auf die Pauke gehauen hat? Ob als Palitzsch-Schüler in Berlin, als Intendant in Nordhausen und Kassel, wo er im VW-Werk Baunatal die "Internationale" spielen lassen wollte (auf Intervention des Betriebsrats haben sie dann die "Marseillaise" gegeben). Ausgerechnet er, der sagt, ruhiges Theater sei totes Theater und die politische Einmischung gehöre zu den "Grundaufgaben des Künstlers". Ausgerechnet er soll den Schwanz eingezogen haben?

Nicht Nix. Was er gemacht hat, ist etwas anderes. Er ist zum Imam in die Mevlana-Moschee gegangen, um den Druck aus dem Kessel zu nehmen. Er hat die Hand aufs Herz gelegt und versichert, die Ehre des Andersgläubigen nicht verletzen zu wollen. Wenn dafür das Plakatentfernen tauge, dann tue er das, inklusive der Verlautbarung des Briefs des Herrn Generalkonsuls. Und er tue es auch zum Schutz seines Theaters und seiner Schauspieler, die sich bedroht fühlten, wie er betont. Mit diesem Kompromiss, so Nix, habe er es geschafft, die Hardcore-Fraktion aus harten Nationalisten von den gemäßigten Muslimen zu trennen. Und in der Tat: Der Zug der 150 Demonstranten durch die Gassen der Stadt verlief friedlich, die jungen Redner beteuerten, sich nur am Plakat zu stören. Ihre Nationalfahne wollten sie nicht über einer Leiche wehen sehen, sagten sie, wohl beschützt durch die deutsche Polizei. Zum Stück selbst könnten sie sich nicht äußern, da ihnen unbekannt. Die wenigsten von ihnen waren danach im Saal zu sehen.

Staatlich gesteuerter Protest? Türken demonstrieren vor dem Konstanzer Theater. Foto: Susanne Stiefel
Staatlich gesteuerter Protest? Türken demonstrieren vor dem Konstanzer Theater. Foto: Susanne Stiefel

Ein berührend-bedrückendes Stück

Sie haben ein berührend-bedrückendes Stück verpasst. Die Geschichte vom sterbenden Thovma, der auf den Todesmärschen geboren wurde, die Eltern verloren hat und auf der Suche nach dem Vater ist. Auf seinem Weg, der so elend wie zerstörerisch ist, durchlebt er das Leid des armenischen Volkes, die Niedertracht und Unmenschlichkeit seiner Verfolger. Seine letzten Gedanken lassen ihn zum Zeugen des großen Pogroms an den Armeniern von 1915 werden. Es wären märchenhaft realistische Geschichtsstunden für die Verdränger geworden.

Die Premiere angeschaut hat sich Diradur Sardaryan, der Gemeindepfarrer der 5000 Armenier in Baden-Württemberg. Als "Zeichen der Hoffnung" hat er das Stück gewertet, als öffentliche Bühne für eine Diskussion, die Ministerpräsident Erdogan verhindern will wie das Twittern im Land. Warum nicht auch in Konstanz? Pfarrer Sardaryan, der ein kleines Kreuz am Revers trägt, dankt zunächst Christoph Nix für seinen Mut, das Stück aufzuführen. Auch wenn es, sagt er, eigentlich selbstverständlich sein müsste, in einem freien Land. Aber was ist schon selbstverständlich in diesem Fall, fragt er, in dem die Türkei schon unter Strafe stellt, wer den Völkermord nur als solchen benennt? Viele seiner Landsleute, erzählt er, hätten sich nicht getraut zu kommen.

Erinnert sich noch jemand an die Absage der Uni Stuttgart? Damals, im Mai 2011, wollten gemeinnützige Vereine von Griechen und Assyrern über die "Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich" sprechen. In den Räumen der Universität. Rektor Wolfram Ressel sperrte sie aus, nachdem, wie er bekannte, "enormer Protest aus Berlin" bei ihm eingetroffen war und ihm die Neutralität seiner Einrichtung gefährdet schien. Der armenische Pfarrer erinnert sich noch daran. Er nennt es eine "staatliche Steuerung" des Protests.

Minister Friedrich ist auch da und denkt an Kretschmanns Probleme

Da trifft es sich gut, dass auch ein leibhaftiger Minister unter den Besuchern ist, der für etwas zuständig ist, was dem Steuermann vom Bosporus wichtig ist: Europa. Es ist Peter Friedrich. Der 41-Jährige ist per Du mit dem Intendanten, was nichts Schlimmes am See ist, weil der Minister für Europa, Bundesrat und internationale Angelegenheiten auch noch Konstanzer SPD-Kreisvorsitzender ist. Friedrich ist ziemlich genervt von des Konsuls Attacken, aber das sagt er so deutlich nicht. Er spricht von einer "überspitzten Reaktion" und davon, dass man seine Vergangenheit nicht an Historiker "outsourcen" könne. Dem habe sich die türkische Gesellschaft zu stellen, und das sei bisher "nicht ausreichend" geschehen. Das gelte auch für den Schutz von Minderheiten sowie die Meinungs- und Religionsfreiheit.

Genervt vom türkischen Konsul: Minister Peter Friedrich. Foto: Susanne Stiefel
Genervt vom türkischen Konsul: Minister Peter Friedrich. Foto: Susanne Stiefel

Die weiche Wortwahl hat einen Grund, und der heißt Kretschmann. Noch keine zwei Jahre ist es her, dass der grüne Ministerpräsident nach Ankara gereist war, um ein politisches Signal zu setzen: Die Türkei muss Vollmitglied der Europäischen Union werden. Dies sei wichtig, meinte der Regierungschef, denn eine in die EU-Strukturen eingebundene Türkei könne beweisen, dass "unsere Vorstellungen von Rechtsstaat und Menschenrechten" eben nicht von der religiösen Prägung eines Landes abhingen. Als Christ betrachte er die Türkei als "Teil Europas", schließlich fänden sich in Troja die Wurzeln einer gemeinsamen Zivilisation. Damals hatte sich gleich der CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl gemeldet und von "Werten wie Freiheit und Demokratie" gesprochen, bei denen die Türkei einen enormen Nachholbedarf habe. Das Statement wird er auf Wiedervorlage haben. 

Das "Märchen vom letzten Gedanken" wird noch 14 Mal am Konstanzer Stadttheater erzählt. Christoph Nix sagt, das hätte sich kein anderer getraut. 

Die nächsten Aufführungen sind unter diesem Link zu finden.


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