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WKV, DIG und die Stadt Stuttgart

Symposium im Antisemitismus-Streit

WKV, DIG und die Stadt Stuttgart: Symposium im Antisemitismus-Streit
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Stuttgart streicht dem Württembergischen Kunstverein zugesagte Fördermittel, nachdem die Deutsch-Israelische Gesellschaft eben dies gefordert hat. Allerdings begründet die Stadt ihre Entscheidung fachlich. Die Tagung über Freiheit und Repression findet dennoch statt.

Der Württembergische Kunstverein (WKV) veranstaltet am kommenden Wochenende ein Symposium, über das sich im Vorfeld einige Menschen mächtig aufgeregt haben, anderen hat es ziemlich Kopfzerbrechen bereitet, offene Briefe sind geschrieben, Schlagzeilen gedruckt worden. Die absolut verkürzte Variante der Ereignisse: Die Stadt hatte für das Symposium mit dem Thema "Zur Kritik der Freiheit und ihrer Repression in liberalen Demokratien" Fördermittel in Höhe von 15.000 Euro zugesagt. Dann zog das Symposium die Aufmerksamkeit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft auf sich. Die sah im Konzept eine Relativierung des Antisemitismus und forderte von der Stadt, die Fördermittel zurückzuziehen. Die folgte der Auffoderung – sehr zum Ärger der WKV-Direktor:innen. Dank eines erfolgreichen Spendenaufrufs kann das Symposium trotzdem unverändert stattfinden.

Im Detail sind die Abläufe dann doch etwas komplexer gewesen. So ein dreitägiges Symposium mit in ihren jeweiligen Fachgebieten mal mehr, mal weniger prominenten Teilnehmenden muss relativ lang vorher geplant, die Finanzierung sichergestellt werden. Entsprechend haben die Direktor:innen des Württembergischen Kunstvereins, Iris Dressler und Hans D. Christ, ein Konzept und einen Antrag auf Fördermittel bereits 2024 bei der Stadt, genauer beim Kulturamt eingereicht.

Nun entscheidet das Kulturamt nicht selbst über solche Anträge, also stimmt beispielsweise nicht Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner zu oder lehnt ab. Stattdessen gibt es für die jeweiligen Förderlinien externe Jurys. In diesem Fall ging es um die Förderlinie Philosophie. Die Fachjury prüfte das Symposiumskonzept 2024, befand es als förderwürdig und gab ihren Segen. Die Zusage über 15.000 Euro Fördermittel folgte, daraufhin konnte der WKV konkret planen und organisieren.

Das neue Konzept kam bei der Stadt nicht gut an

Am 8. Dezember 2025, also mehr als ein Jahr später, ging bei der Stadt eine neue Fassung des Veranstaltungskonzepts ein. "Diese Fassung unterschied sich vom ursprünglichen Antrag", teilt die Stadt mit. Daraufhin sei der WKV schriftlich darauf aufmerksam gemacht worden, dass die Veranstaltung inhaltlich nah an dem mit dem Antrag eingereichten Konzept bleiben solle, weil die Förderzusage der Jury für das Antragskonzept gelte. Dabei war der Hinweis: "Bei größeren Abweichungen kann die Stadt die Mittel zurückfordern." Bis dahin also noch keinerlei Aufregung, schon gar keine öffentliche, lediglich Abstimmungsversuche. Auf die Frage nach dem ursprünglichen Konzept hat der WKV bis Redaktionsschluss nicht geantwortet. 

Anfang Februar kündigte der WKV das Symposium öffentlich an. Und damit begann das Drama. Um das geht es, kurz zusammengefasst, bei der Veranstaltung: "Auslöser des geplanten Symposiums ist die wachsende Sorge um die Freiheit, Unabhängigkeit und Freiräume von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft in Deutschland und anderen liberalen Demokratien", heißt es. Ausgangspunkt sei "das Erleben einer zunehmenden politischen und staatlichen Einflussnahme auf die Inhalte, Programme und Positionen von öffentlich geförderten Organisationen und Institutionen". Im Fokus stünden "eine Reihe von strukturellen Entwicklungen in Deutschland – allen voran jene politischen Eingriffe, die sich auf das diffuse Konstrukt einer Deutschen Staatsräson und einer Definition von Antisemitismus berufen, die für die gesamte Gesellschaft geltend gemacht werden sollen." Weiter heißt es in der mehr als drei Seiten langen – und zum Teil sehr künstlerisch-verkopften – Ankündigung unter anderem: "Im Rahmen des Symposiums werden die Hintergründe und Folgen der genannten Entwicklungen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Sie sollen zudem im Kontext eines weltweiten Erstarkens autoritärer, rechtspopulistischer und rechtsextremer Kräfte, die sich primär gegen die Freiheit von Kunst, Kultur, Wissenschaft und Migration richten, diskutiert werden."

Das las die Deutsch-Israelische Gesellschaft Region Stuttgart e.V. (DIG) und schickte einen offenen Protestbrief unter anderem an den Kulturamtsleiter, den Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) und Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU). "Der implizit-anti-israelische Einführungstext wendet sich gegen die 'Staatsräson' und ist durchzogen vom Narrativ, dass Antisemitismusbekämpfung letztlich ein autoritäres Unterfangen und daher zu kritisieren sei", heißt es darin. "Zu unserem Entsetzen wird die damit vorgenommene Relativierung des Antisemitismus von der Stadt Stuttgart finanziert." Und weiter: "Die DIG Stuttgart fordert seit Jahren und im Besonderen seit dem 7.10. von der Stadt Stuttgart ein entschiedeneres Vorgehen gegen antisemitische Akteure, die Judenhass durch die Dämonisierung Israels befeuern und damit den öffentlichen Raum für Jüdinnen und Juden und israelsolidarische Demokrat*innen unzugehbar machen und das Zusammenleben auch in Stuttgart erodieren. Nachdem die Stadt bisher wenig getan hat, gegen antisemitische Agitation in Stuttgart vorzugehen, finanziert sie jetzt auch noch die Inszenierung antisemitischer Akteure als Opfer." Nachzulesen ist der Brief auf der Facebookseite der DIG.

Nach der DIG-Kritik will die Stadt ihr Geld zurück

Daraufhin meldeten sich weitere Akteure zu Wort: Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume kritisierte das Konzept, bei der Stadt gingen mehrere Nachfragen ein, auch von der israelischen Generalkonsulin Talya Lador-Fresher. Das Kulturamt und die Fachjury prüften das Konzept daraufhin erneut. Ergebnis, so die Stadt: “Die Jury ist zu dem Schluss gekommen, dass das Projekt in dieser Form mangels fachlicher Ausrichtung nicht gefördert worden wäre.”

Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner teilte den WKV-Direktoren die Entscheidung per ausführlicher Mail persönlich mit. "Das ursprüngliche Anliegen Ihres Antrages hat sich im Laufe der Zeit sowohl inhaltlich als auch personell forciert auf einen spezialisierten Seitenaspekt verlagert und der Veranstaltung eine deutlich politisierte Komponente und einseitige Konnotation verliehen, die im Fachbereich so nicht verortet ist." Die ursprüngliche Förderzusage der Jury sei "an die inhaltlich philosophische Ausrichtung sowie die Inanspruchnahme einer Beratung durch einen Philosophen" gebunden gewesen. Dieser habe auch darauf hingewirkt, das Freiheitsthema breiter und internationaler aufzustellen. "Dies blieb offenbar unbeachtet und erreicht nun inhaltlich vielmehr eine gegenteilige und verengende Fokussierung, die der ursprünglichen Förderentscheidung nicht mehr entspricht."

Gegenfurtner weiter: "Ich bedaure persönlich, dass die deutliche Änderung des Vorhabens so eigenständig erfolgte, weil eine wirklich thematisch offenere, philosophisch breitere und heterogen besetzte Veranstaltung zum ursprünglich befürworteten Thema 'Von der Freiheit' wichtig gewesen wäre."

Am Wochenende wird nun diskutiert

Der Württembergische Kunstverein hat die Vorwürfe der DIG in einer Pressemitteilung Anfang März entschieden zurückgewiesen. "Weder die Veranstaltung noch deren Teilnehmer*innen noch der WKV fördern oder relativieren Antisemitismus. Im Gegenteil." Hans D. Christ und Iris Dressler, die Direktor:innen des WKV, erkennen zwar an, dass die Stadt nicht diesen Vorwürfen folgt. Die finanziellen Mittel seien aber trotzdem, mit anderer Begründung, entzogen worden. Sie hätten sich "gerade angesichts der Diffamierung mehr Rückendeckung gewünscht". In der Mitteilung heißt es: "Es sollte eine zentrale Aufgabe der Kulturpolitik sein, Institutionen, Kunst und Wissenschaft vor jenem politischen Druck zu schützen, mit dem unter Berufung auf die Bekämpfung von Antisemitismus oder Extremismus nicht tatsächlich Antisemitismus oder Extremismus bekämpft wird – was wünschenswert wäre –, sondern unliebsame kritische Stimmen torpediert, diffamiert und kriminalisiert werden."

Die Auseinandersetzung um das Symposium reiht sich – viel kleiner – damit ein in die Debatten um die documenta 15 (2022), die Berlinale 2024 und noch ganz frisch die Berlinale 2026. Es werden nicht die letzten Konflikte über die Auslegung, wo Antisemitismus anfängt, gewesen sein. Fortsetzung folgt, vermutlich am kommenden Wochenende beim durch viele Spenden ermöglichten Symposium. Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, egal aus welcher Branche, welchem Genre, welcher Wissenschaftsdisziplin und welcher Denkhaltung, werden dabei sicher ganz genau hinhören.
 

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