Wenn der Druck oben wächst, wird nach unten getreten. Offenbar auch beim "Südkurier". Foto: Joachim E. Röttgers

Wenn der Druck oben wächst, wird nach unten getreten. Offenbar auch beim "Südkurier". Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 273
Medien

Jeden Tag ein guter Freund

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 22.06.2016
Die Pflege der Heimat ist dem "Südkurier" in Konstanz ganz wichtig. Wer das Wohlgefühl stört, etwa durch Kritik am Oberbürgermeister, wird stillgelegt. Ein Fall aus der Lokalredaktion.

Der Intendant des Konstanzer Theaters, Christoph Nix, hat es nicht so mit der Harmonie. Zur Hochform läuft er auf, wenn Großkopfete glauben, Glanz, Glorie und Geld gehörten alleine ihnen. Dabei kommen ihm gerne der Oberbürgermeister, der örtliche Zeitungsmonopolist "Südkurier" oder jetzt die Drogeriekette dm in die Quere. Sie will aus dem Kultkino Scala eine Filiale machen (Kontext berichtete).

Ein Fall für Nix. Er hängt sich in die Bürgerinitiative "Rettet das Scala" rein, appelliert an das gute Gewissen des dm-Gründers Götz Werner, sorgt für angemessene Verbreitung, zusammen mit "Tatort"-Kommissarin Eva Mattes, die Konstanz zu einer "reinen Kommerzstadt" verkommen sieht. Die Schweizer, schreibt der "Spiegel", schleppten die Zahnpasta "gern kistenweise" aus den Läden, und das Rathaus erkenne "keinen Hebel, den Umbau zu verhindern".

Letzteres verblüfft nicht. Oberbürgermeister Uli Burchardt (CDU), seit 2012 im Amt, war früher Unternehmensberater für strategisches Marketing. Dem 45-Jährigen wird nachgesagt, Kritik als Majestätsbeleidigung, Künstler als Störenfriede zu empfinden. Überraschender ist das Verhalten des "Südkurier" (SK), des Meinungsmachers am Ort. Das Regionalblatt (124 000 Exemplare) hat sich, eigenen Angaben zufolge, die Aufgabe gestellt, den Menschen "Lust auf Heimat" zu machen, leistete sich aber einen kritischen Kopf, dem nicht danach war. Den Lokalredakteur Michael Lünstroth. Auch er zeigte sich missvergnügt über die Stadt, die "so sehr dem Konsum anheimgefallen ist". Das brachte er mehrfach zum Ausdruck, stets den Oberbürgermeister im Visier. Im Falle Scala entdeckte er einen weiteren Beleg dafür, "wie weit der Mann sich von der Realität entfernt hat".

Der OB fühlt sich "schlechtgeschrieben" 

Der OB sah dies als weiteren Beleg dafür, dass ihm die Zeitung nicht wohlgesinnt war. Das Blatt, klagt sein Sprecher Walter Rügert, habe die Stadt wiederholt "schlechtgeschrieben". Darüber habe sich der Oberbürgermeister mehrfach beschwert. Aber offenbar haben auch die jüngsten Gespräche mit der Chefredaktion im April keine Besserung gebracht, die Unterredungen mit SK-Geschäftsführer Rainer Wiesner ebenso wenig. Ein Stein des Anstoßes: Michael Lünstroth, seit neun Jahren Mitglied der Lokalredaktion.

Journalist Michael Lünstroth. Foto: www.drehscheibe.org
Journalist Michael Lünstroth. Foto: www.drehscheibe.org

Der 38-Jährige ist ein meinungsstarker Journalist, ein engagierter, heißt es sogar im Rathaus. Davon gibt es nicht mehr so viele, auch beim "Südkurier" nicht, der schon mal ein kritisches Interview kippt (2013), wenn es um die "hartnäckigsten Lügen und Irrtümer über die Werbung" geht. Die Frage ist dann immer nur, wen der Eifer trifft und wer im Eifer des Gefechts die besseren Karten hat. Lünstroth hat sie nicht, weil ihm jetzt der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Vorgeworfen wird ihm von seiner Chefetage, die journalistische Sorgfaltspflicht und das Vier-Augen-Prinzip verletzt, sprich seine Texte nicht zum Gegenlesen gegeben zu haben. Das sei eine eherne Regel beim "Südkurier", vermeldet dessen Leitung und hält deren Bruch für abmahnenswert. Nach Kontext-Informationen hat ein erfahrener Kollege aber sehr wohl gegengelesen. Trotz alledem: Seit 18. April sitzt Lünstroth am Schreibtisch und redigiert die Texte anderer KollegInnen.

In Konstanz formiert sich der Widerstand

Und seitdem ist der Fall ein Politikum in Konstanz. Angeschoben und beharrlich weiterverfolgt vom Online-Magazin "seemoz", wird die Personalie linksbreit diskutiert. Über das "Scala-Opfer", die "Demontage" eines mutigen Journalisten, über den Autokraten Erdogan, der grüßen lässt, bis hin zu einer Bürgerinitiative "Rettet die Demokratie in Konstanz". Genau beobachtet wird auch, unter welchen Polizeimeldungen das Kürzel des Autors steht, gewertet als "zaghaftes Winken aus der Luke eines verschlossenen Raumes". Der Schriftsteller Manfred Bosch spricht von einem "Fall Südkurier" und erinnert an die "noble Pflicht", sich hinter seine Mitarbeiter zu stellen. Die Gewerkschaft Verdi, Abteilung Konstanz, verlangt, die "verhängte Abmahnung" zurückzunehmen, und verweist auf das Grundgesetz, Artikel 5,  den Absatz zur Freiheit der Information und Meinung. Die Bürgerinitiative "Rettet das Scala" will alles daransetzen, "dass dieser Skandal publik wird". Alle wollen ihren Lünstroth wiederhaben. 

Auch Christoph Nix mischt wieder mit – trotz der Fehden, die (nicht nur) er mit Lünstroth hatte. "Mitgefühl und Unterstützung" seien geboten, sagt er. Geschrieben hat er an Lokalchef Jörg Peter Rau und Chefredakteur Stefan Lutz und keine Antwort erhalten, auf die Frage, ob Lünstroth abgezogen werde, weil er es wagte, Bürgermeister zu kritisieren. Sollte es so sein, dann sei das ein "Skandal", ein "klassischer Fall des Eingriffs in Presse- und Meinungsfreiheit". In diesem Fall ist Solidarität Nix' oberstes Gebot. 

Der Chefredakteur lehnt druckbare Kommentare ab

Das Problem bei der Geschichte ist der Konjunktiv. Und diejenigen, die ihn in direkte Rede übersetzen könnten, schweigen. Zumindest öffentlich. Die Führung des Blatts lehnt druckbare Kommentare ab, veröffentlicht keine Zeile über die Debatte, der Betroffene tut gut daran, sich nicht aus dem Fenster zu lehnen, der Betriebsrat hat absolutes Stillschweigen vereinbart, und die Belegschaft geht ihrer Arbeit nach. Sollte sie es wagen, Interna nach draußen zu tragen, drohe der Rausschmiss, verlautet aus den Redaktionsstuben. Für die Glaubwürdigkeit, die Verleger sonst so wortreich preisen, wenn sie von ihren Erzeugnissen reden, ist das fatal.

Chefredakteur Stefan Lutz. Foto: Joachim E. Röttgers
Chefredakteur Stefan Lutz. Foto: Joachim E. Röttgers

Es darf also munter spekuliert werden, auch darüber, ob die Abstrafung des Journalisten mit dem Amtsblatt zusammenhängt, das die Stadt in Eigenregie plant. Bisher hat der "Südkurier" die öffentlichen Bekanntmachungen gedruckt und damit gutes städtisches Geld verdient. Lünstroth als Bauernopfer, um den Oberbürgermeister gnädig zu stimmen? "Absurd", sagt dessen Sprecher Rügert, "es gibt keinen Deal, wir üben keinen Druck aus." Der "Südkurier" spricht derzeit nicht, weshalb frühere Aussagen von Chefredakteur Lutz herangezogen werden müssen. Mit ihm, meint der 2009 von der "Bild"-Zeitung Gekommene, sei die Zeitung "streitbarer geworden", und die Kundschaft goutiere dies. "Früher", sagt ein ehemaliger leitender Mitarbeiter, "hat man sich noch vor seine Leute gestellt und nicht jeden Tag einen Bock geschossen." Das ist wahrscheinlich richtig, aber aus einer anderen Zeit.

Der "Südkurier" will jeden Tag ein guter Freund sein

Wie alle Regionalzeitungen kämpft der "Südkurier" mit Abo- und Anzeigenverlusten, wie alle spart er an allen Ecken und Enden, wie alle versucht er, die verbliebene Kundschaft mit einer besonderen Botschaft, in der Werbesprache "Claim" genannt, an sich zu binden. Am Bodensee ist das die "Heimat". Ihr fühlten sie sich verpflichtet, behaupten Lutz & Co., und damit den Menschen, für die sie jeden Tag ein "guter Freund" sein wollten. Allen soll es gut gehen, insbesondere dem Handel und Gewerbe, dem Standortsicherer, für den sich das Heimatblatt, nach eigener Aussage, unablässig einsetzt. Und dann stellt sich nur noch die Frage, wer die Deutungshoheit hat: das Rathaus oder die Zeitung? Kein Wunder, wenn der Kommerzkritiker Lünstroth dabei stört.

Zur Heimat gehört auch die Imperia am Hafen, das Wahrzeichen der Stadt seit 1993. Eine Kurtisane, die zwei nackte Männlein nach oben reckt, Symbole für die weltliche und geistliche Macht. Geschaffen hat sie der Bildhauer Peter Lenk, berühmt für seine respektlosen Skulpturen. Als erprobter Streiter wider die Obrigkeit wundert er sich ein wenig über die neuen Aufwallungen am See. Wenn Lünstroth von "Ziegenfickern" geschrieben hätte, ätzt Lenk, würde er eine Abmahnung noch verstehen. Aber abgestraft zu werden für den Vorwurf, im Rathaus hätten sie den Bezug zur Realität verloren – das kommt ihm komisch vor. Das sei doch nur die nackte Wahrheit, sagt er. Nicht nur im Rathaus.


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