KONTEXT Extra:
Weitere Sammelabschiebung nach Afghanistan

Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg ruft für Mittwoch zu Protesten gegen die mittlerweile sechste Sammelabschiebung nach Afghanistan auf. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird auch Baden-Württemberg sich daran beteiligen," heißt es in einer Mitteilung. Die Proteste zeigten, "dass die von der Landes- und Bundesregierung vermutlich erwünschte Normalisierung dieser Abschiebungen nicht eingetreten ist", so Seán McGinley, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates. Schon jetzt sei die Resonanz auf den Aufruf so groß wie nie zuvor. Nach wie vor gebe es "eine große Anzahl von Menschen, die das Unrecht von Abschiebungen in eines der gefährlichsten Länder der Welt nicht klaglos hinnehmen wollen".

McGinley erinnerte daran, wie "katastrophal die Lage in Afghanistan unverändert ist". Erst kürzlich sei eine deutsche Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation im vermeintlich sicheren Kabul zusammen mit einem Wachmann getötet und ihre finnische Kollegin wurde entführt worden. Vergangene Woche habe ein Bombenanschlag in der Provinz Herat, die seitens der deutschen Behörden ebenfalls als sicher bezeichnet werde, zehn Menschen in den Tod gerissen: "Unter diesen Umständen sind Abschiebungen nach Afghanistan verantwortungslos und menschenverachtend."

Protestaktionen gibt es am 31.5 in Heilbronn (15 Uhr, Kiliansplatz), Wiesloch, (17 Uhr, Evangelischer Kirchplatz), Schwäbisch Hall (17 Uhr, Milchmarkt), Karlsruhe (17.30 Uhr Ludwigsplatz), Stuttgart (18 Uhr, Schlossplatz), Ravensburg (18 Uhr Marienplatz), Gammertingen (18.30 Uhr Stadtbrunnen, Sigmaringer Straße) und Tübingen (18.30 Uhr, Holzmarkt). (29.5.2017)


AfD-Abgeordneter klagt gegen AfD-Fraktion

Keine Woche ohne Eklat: Der Göppinger AfD-Landtagsabgeordnete und Stuttgarter Gemeinderat Heinrich Fiechtner lässt in einem Organstreitverfahren vom Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg klären, ob seine Fraktion die Möglichkeiten hat, ihm das Rederecht im Plenum und die Mitgliedschaft in Ausschüssen zu entziehen, unter anderem dem NSU-Untersuchungsausschuss. Ausweislich seines Facebook-Auftritts hat er einen berühmt-berüchtigten Stuttgarter Anwalt um Unterstützung gebeten, den früheren CDU-Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler. Erstmals, so Fiechtner, "prüft ein Verfassungsgericht das Verhältnis freies Mandat, für das wir uns so einsetzen, gegen die Fraktionsspitze". Löffler und Fiechtner wollen nicht auf das Hauptverfahren warten, sondern eine Eilentscheidung erstreiten.

Zustimmung bekommt der Mediziner und "Demo für alle"-Unterstützer von seiner Landtagskollegin Claudia Martin, die die AfD-Fraktion und die Partei inzwischen verlassen sich: Sie nannte das Vorgehen eine "Chance für die Demokratie". Über Fiechtner ist in einem "gemeinschaftlichen Beschluss", so die AfD-Fraktion, ein Redeverbot verhängt worden, unter anderem, weil er im Plenum eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge befürwortet und sich damit gegen die Mehrheitsmeinung gestellt hatte. Schon zuvor sah er sich auch schon einem Parteiausschlussverfahren ausgesetzt, das allerdings auf Mitbetreiben des Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Jörg Meuthen niedergeschlagen worden ist. (24.5.2017)


NSU-Ausschuss: Terminplan für zweite Jahreshälfte

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtags zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg wird in diesem Jahr noch sieben Mal tagen. Im Jahr 2018 sind weitere Sitzungen geplant. Festgelegt sind zudem verschiedene Arbeitsschwerpunkte. So ist die Frage, ob und wie ausländische Geheimdienste am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter, dem 25. April 2007, in Heilbronn auf der Theresienwiese aktiv waren, noch nicht abschließend geklärt. Weitere Vernehmungen zur Bedeutung der rechtsextremen Musikszene stehen auf dem Programm. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass Achim Schmid doch noch geladen wird. Der Gründer des European White Knights of the Ku Klux Klan, ein gebürtiger Mosbacher, der inzwischen in den USA lebt, hätte schon vor dem ersten Ausschuss aussagen sollen. Inzwischen hat, wie erst jetzt bekannt wurde, eine Vernehmung durch das Bundeskriminalamt in den USA statt gefunden. Vorstellbar ist auch, dass beteiligte Beamte vor dem Ausschuss aussagen.

Die Sitzungstermine 2017: Montag, 19. Juni, Montag, 17. Juli, Freitag, 22. September, Montag, 9. Oktober, Montag, 6. November, Montag, 27. November und Freitag, 22. Dezember 2017. 


Und sie bewegt sich doch

Es könnte nun doch eine praktikable und finanzierbare Möglichkeit geben, Euro-5-Dieselmotoren nachzurüsten. Das ließen Experten der nationalen und internationalen Automobilindustrie in einer zweiten Verhandlungsrunde im baden-württembergischen Verkehrsministerium durchblicken. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann, der bei dem Autogipfel nicht mit am Tisch saß, mochte allerdings noch keine Einzelheiten nennen. Man habe sich darauf verständigt, "die heiklen Verhandlungen nicht durch die Bekanntgabe von Details kaputtzumachen". Er selber will weitere Gespräche auf Länder- und Bundesebene führen. "Denn die Uhr läuft schon", so der Grüne. Sollte es zu keiner Einigung und der damit verbundenen Absenkung von Schadstoffen kommen, werden ab dem 1. Januar 2018 in Stuttgart Fahrverbote verhängt.

Angestoßen von Hermann hat die Verkehrsministerkonferenz angesichts der Belastung zahlreicher deutscher Ballungsgebieten mit Schadstoffen bereits Ende April von Bund und der Automobilindustrie ein umsetzbares Konzept für die Nachrüstung gefordert. Außerdem sei der Bund, so der Grüne, dafür zuständig, die rechtlichen Grundlagen für die Genehmigung von Umbauten zu schaffen. Die Debatte hat Parallelen zum Streit über Katalysatoren Ende der Achtziger Jahre. Auch damals hatten deutsche Autofirmen eine Nachrüstung von Fahrzeugen für wenig praktikabel gehalten. Als erste japanische Lösungen auf den Markt kamen, bewegte sich auch die deutsche Konkurrenz. (11.5.2017)


Noch mehr Männer

Für die AfD in ihrer Verblendung sind Gender-Untersuchungen des Teufels. Auch wesentliche Teile der – traditionell männlich dominierten – Jungen Union polemisieren lieber gegen Quoten und Quoren statt sich der gesellschaftspolitischen Realität zu stellen. Denn nach dem neuen Frauen-Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung ist Männerüberhang in der Kommunalpolitik nicht nur groß, sondern er wächst auch noch. Stuttgart liegt mit einem Frauenanteil von 38,33 Prozent im Gemeinderat und nur einer Fraktionsvorsitzenden (der grünen) auf Platz 21 von 73 untersuchten Großstädten, Karlsruhe sogar nur auf 70. Spitzenreiterin im Südwesten ist Ulm als Achte, mit einem Frauenanteil von 45 Prozent, vier Dezernentinnen und vier Fraktionsvorsitzenden. Ulm ist sogar Deutschland-Erste, wenn nur die Frauen im Rat gerankt werden. Insgesamt liegt Pforzheim auf Platz 18, Freiburg auf 25, Reutlingen auf 33, Heidelberg auf 53 und Mannheim auf 62. Bundesweit haben Erlangen, Trier und Frankfurt die Nase vorne.

Die AutorInnen haben auch Gründe für die Unterschiede und vor allem für den Rückgang der Beteiligung von Frauen in den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen. Analysiert ist, dass Parteien zu wenig initiativ wurden und weit hinter ihren Versprechungen zurückgeblieben sind – mit Ausnahme der Grünen, die bundesweit in den Räten auf 50 Prozent Politikerinnen kommen, gefolgt von der Linken mit 44,4 und der SPD mit 37,3 Prozent. "Immer weniger Frauen führen die großstädtischen Rathäuser – eine Entwicklung, die doch erstaunt, nachdem sich Frauen auf Bundes- und Landesebene auch in den Regierungsspitzen etabliert haben", heißt es weiter. Verlangt werden gesetzliche Regelungen für die Städte und Gemeinden. Die CDU hängt im Bundesvergleich bei einem Frauenanteil von unter 29, die FDP von knapp unter 27 Prozent fest, die AfD sogar bei 11,6 Prozent, was Auswirkungen auf die Entwicklung insgesamt haben wird: "Da diese Partei bei den nächsten Kommunalwahlen bisherigen Prognosen zufolge gute Chancen hat, deutlich mehr Kommunalparlamentarier/innen zu stellen als bisher, droht dadurch der Frauenanteil in den Räten insgesamt zu sinken."


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Bestsellerautoren Marc Friedrich (links) und Matthias Weik. Fotos: Joachim E. Röttgers

Bestsellerautoren Marc Friedrich (links) und Matthias Weik. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 273
Wirtschaft

"Gysi ist top"

Von Susanne Stiefel (Interview)
Datum: 22.06.2016
Mit ihren Büchern haben sie die "Spiegel"-Bestsellerlisten erobert: Marc Friedrich und Matthias Weik aus dem Remstal. Darin rechnen sie gnadenlos mit dem Finanzkapitalismus ab, aber auch mit Parteien und Politikern. Von Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht abgesehen. In Kontext haut Friedrich auf den Putz.

Herr Friedrich, Sie sind ein scharfer Kritiker des Finanzkapitalismus. Sie plädieren für Investitionen in Sachwerte, sind Schwabe und wohnten doch zur Miete. Warum glauben Sie nicht ans Betongold? 

Ich hatte sogar einen Bausparvertrag, da war ich noch gar nicht auf der Erde. Wahnsinn, wie weit die Eltern gedacht haben. Der Schwabe sagt halt, Sach bleibt Sach. Aber eine Immobilie ist kein sinnvolles Investment, nach 20 Jahren kommt eine neue Heizung, Reparaturen etc. Und wer jetzt glaubt, mit Geld, das er nicht hat, völlig überteuerte Immobilien kaufen zu können, als Altersvorsorge, das wird nicht funktionieren. Das hat nicht funktioniert in Irland, in Spanien und auch nicht in den USA. 

Die zwei Vermögenssicherer Friedrich und Weik plädieren für unter anderem Ackergold und haben ein Waldstück in Berglen bei Schorndorf gekauft. Soll das die Lösung sein?

Die Bauern von heute sind die Millionäre von morgen. Die Haltbarkeitsdauer unseres Finanzsystems ist 2008 abgelaufen, und seitdem wird es künstlich am Leben erhalten mit unglaublichen Geldspritzen. Mit einem Zins auf historischem Tief und zum Teil demokratisch fragwürdigen Maßnahmen. Was seit 2008 unter dem Dauerkrisenmodus verabschiedet wurde von Parlamenten, Notenbanken, da sträuben sich uns die Nackenhaare. Da wurde so viel öffentliches Geld in den Finanzsektor geschoben, sorry, das darf nicht sein. Wenn die 300 Milliarden Euro Rettungsgelder in Griechenland tatsächlich angekommen wären, dann würde da Honig und Milch fließen und wir hätten keine Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent. Stattdessen ging das Geld direkt wieder nach Frankfurt, Berlin, Hamburg und an die Wall Street, um die Finanzinstitute zu stützen. Die Griechen haben die Banken der westlichen Welt gerettet, nicht wir die Griechen.

Also zurück zu Ackerbau und Viehzucht und tschüss Industriegesellschaft? Nach einem Vortrag von Ihnen im Forum 3 in Stuttgart haben sich junge Leute zu einer solidarischen Landwirtschaft auf den Fildern zusammengeschlossen. Klingt ziemlich rückwärtsgewandt.

Nein, das ist nicht rückwärtsgewandt, sondern essenziell. Wir sind mitten in einem epochalen Wandel und wir müssen umdenken. Die Wirtschaftswelt ist immer im Wandel, wir müssen das akzeptieren und Bewährtes mit in die Neuzeit nehmen.

Solidarische Landwirtschaft ist "nicht rückwärtsgewandt sondern essenziell", meint Marc Friedrich.
Solidarische Landwirtschaft ist "nicht rückwärtsgewandt sondern essenziell", meint Marc Friedrich.

Nicht jeder kann in einen Acker investieren. Wo bleibt die soziale Verantwortung? 

Natürlich kann nicht jeder in Sachwerte investieren. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Wir haben auf der Wohlstandsleiter nach oben wichtige Säulen des Zusammenlebens ad acta gelegt – den Kitt, der diese Gesellschaft zusammenhält wie zum Beispiel Werte, Anstand, Moral. Ich habe mal das lustige Experiment gemacht, allen Leuten auf der Königstraße Hallo zu sagen. Eine halbe Stunde später stand die Polizei da, fragte, ob alles okay sei. Als ich angefangen habe, die Leute zu umarmen, da wäre ich fast eingekastelt worden. Wir leben also nicht mehr miteinander, sondern nebeneinander. Weil wir das Hamsterrad immer schneller drehen müssen, für Konsum, Auto, iPhone, haben wir keine Zeit mehr für die wirklich relevanten Dinge. Und dann wundern wir uns, dass wir keine Zeit mehr haben, kritische Zeitungen zu lesen, kritische Bücher zu lesen oder uns Gedanken zu machen, was hier schiefläuft. Und der Rest wird abgedeckt durch Brot und Spiele.

Sie gehen nicht wählen, Sie halten alle Parteien für unfähig. Ist ja schön, zu analysieren und Prognosen zu entwickeln. Die Frage ist doch, was folgt aus der Analyse? 

Meine grauen Haare kommen nicht von ungefähr. Wir haben viel mit Politikern gesprochen, mit Ministern, mit Landtags- und Bundestagsabgeordneten, wir waren im Wirtschaftsministerium. Und irgendwann wurde uns beiden klar, da passiert nichts. Von oben wird es keinen notwendigen Wandel geben. Natürlich verstehen wir uns als politische Menschen, sonst würden wir keine Bücher schreiben, keine Vorträge halten an Schulen und Volkshochschulen, aber wir fühlen uns von keiner Partei vertreten. Die Skandale werden immer krasser. Im letzten Jahr FIFA, VW, DFB, ADAC, SPD, FDP, überall haben sie Dreck am Stecken. Es ist nicht mehr zu leugnen, dass da was aus dem Ruder gelaufen ist, auch im politischen System. Die Leute fühlen sich nicht mehr abgeholt. Und dann kommen die Schreihälse von links und von rechts und fangen die Leute ein. Und das ist die Gefahr, dass nicht nur unser Geld und unser Wohlstand, sondern auch unsere Demokratie am Scheidepunkt steht. 

Mit Ihrer Analyse der Finanzmärkte könnten Sie sich bei Oskar Lafontaine und Sarah Wagenknecht zu Hause fühlen. 

Weiß ich, weil die Daten ja gegeben sind und wer sie richtig liest, auch versteht, zum selben Ergebnis kommt. Ich habe ja auch mit Lafontaine gesprochen, der war angetan, wollte uns einladen und war ein bisschen empört, als wir Nein sagten. Wir wurden schon von allen Parteien eingeladen. Ich will aber nicht vor einen politischen Karren gespannt werden. Wir haben die Schnauze gestrichen voll vom politischen Establishment. Das sind solche Konformisten, da wird mir schlecht. Und die, die Charakter haben und Sachverstand, wie Sahra Wagenknecht, die sind in der falschen Partei. Ich kann fast alles unterschreiben, was sie sagt, weil sie eine tolle wirtschaftliche Analyse macht, die nicht ideologisch verfärbt ist. Ich will die Politik aus der Analyse heraushaben.

Anlagetipp: Streuobstwiese. Foto: Joachim E. Röttgers
Anlagetipp: Streuobstwiese. Foto: Joachim E. Röttgers

Aber beim Handeln muss es politisch werden. Da sind wir an dem Punkt, wo sie mit Ihrer Parteienverdrossenheit im rechten Lager landen, bei der AfD, die mit mit dem diffusen Gefühl von Machtlosigkeit Politik macht und alle Politikverdrossenen einsammelt. Fühlen Sie sich da wohl?

Die AfD ist auch nur eine Partei. Die AfD hat als Euro- und Wirtschaftspartei begonnen. Jetzt ist sie ein Sammelbecken für alle Protestbewegten, und das ist gefährlich, wenn sich der rechte Rand durchsetzen sollte. Ich wähle nicht die AfD und ich glaube nicht an die AfD, aber auch nicht an die SPD, die CDU, die Linke oder die FDP. Den im Endeffekt regiert das Geld, und alle Parteien ordnen sich diesem unter. Warum sonst ist die Finanzwelt die einzige Branche die außerhalb von Recht und Gesetz steht und mit Steuergelder gerettet wird, wenn sie sich verzockt? Das ist Champions League. Mehr geht nicht. 

Die Linke benennt als einzige Partei, wie Sie in Ihren Büchern und Vorträgen, die Kluft zwischen den Superreichen und dem großen Rest. 

Ich liebe Gysi, Gysi ist top. Aber Kommunismus und Sozialismus wird nie funktionieren. Auf dem Papier klingt das super, in meinen jungen Jahren bin auch rumgelaufen, hab die Faust gereckt und war ziemlich links. Aber jetzt bin ich Realist und der Meinung, dass Kapitalismus de facto etwas Gutes und nur der Finanzkapitalismus destruktiv ist. Deshalb sage ich: Wir müssen Brücken bauen, aus allen Systemen das beste rausziehen. Deshalb bin ich ein Freund des Best-practice-Ansatzes. Unser jetziges System ist dem Untergang geweiht, denn es dividiert die Menschen auseinander und beutet Natur, Mensch und Tier aus. Worum geht es im Leben denn? Dass ich viele Aktien habe und Gold im Tresor? Oder darum, dass ich Fußstapfen und eine lebenswerte Zukunft hinterlasse? 

Wie sieht denn die Gesellschaft aus, in der Sie leben wollen? 

Ich stelle mir ein Grundeinkommen vor, dass jeder eine Sicherheit hat. Ein faires direktes Steuersystem, das viel niedriger ist als jetzt. Im Mittelalter gab es zum Beispiel den Zehnten. Mehr Demokratie und Volksabstimmungen. Politiker, die tugendhaft sind ... 

... tugendhaft klingt ziemlich altertümlich.

Sorry, das ist das Erste, was mir eingefallen ist bei unseren Gesprächen mit Politikern: dass die Tugendhaftigkeit fehlt. Der Antriebsmotor der Berufspolitiker ist nur, wiedergewählt zu werden und damit eine sichere Pension zu haben. Aber es sind die Menschen, die wichtig sind. Ich möchte, dass Lobbyisten verboten werden, dass wir ein Finanzsystem haben, das den Menschen dient und nicht den zwei Prozent globaler Elite. Wir brauchen permanente, antizyklische Kapitalmarktkontrollen. Als ich durch die Krisenländer, Spanien, Portugal, Island, gereist bin, haben mir alle gesagt, die Krise hat eines bewirkt: Wir haben Geld verloren, aber wir sind als Menschen, als Gesellschaft näher zusammengerückt. Und mir fehlt in diesem ganzen verdammten System die Menschlichkeit.

Wie wollen Sie das erreichen?

Das Geldsystem muss gerecht werden. Das ist der Krisenherd. Wir brauchen eine demokratisch gewählte Notenbank. Wir müssen den Euro ad acta legen. Wir brauchen souveräne Währungen, wenn möglich, ein gedecktes Vollgeldsystem, das heißt, die Banken können nur ausgeben, was sie haben. Wir brauchen ein gedecktes Geldsystem etwa durch Rohstoffe. Wir brauchen ein Trennbankensystem, ein nachhaltiges Wirtschaftsdenken, das die Natur, Menschen und Tiere nicht länger als Ware betrachtet. Wir müssen den Wohlstand gleichmäßig global verteilen, dann gibt es auch keine Flüchtlingsströme, keine Kriege. Warum sind die rohstoffreichsten Länder der Welt die korruptesten? Das ist ein klares Zeichen mangelnder Kontrolle. Die Menschen neigen dazu, sich zu bereichern. Da müssen wir wahrscheinlich eine neue Bewusstseinsstufe erreichen.

"Wenn ich heute sage: Grundeinkommen, dann werde ich als utopischer Spinner abgestempelt."
"Wenn ich heute sage: Grundeinkommen, dann werde ich als utopischer Spinner abgestempelt."

Woher soll dieser Bewusstseinswandel denn kommen? Erst kommt das Fressen, dann die Moral, sagt Bertolt Brecht.

Momentan ist unser System nicht reif dafür. Wenn ich heute sage: Grundeinkommen, dann werde ich als utopischer Spinner abgestempelt. Wir können uns noch fünf Jahre weiter so erkaufen, aber dann ist es vorbei. Jetzt haben wir die Spanienwahl, mal sehen, was dort passiert. Brexit, nächstes Jahr Frankreich, Bundestagswahl, und wenn wir so weitermachen, hat die AfD zweistellige Ergebnisse. Vielleicht sollten wir Berufspolitiker abschaffen? Eine Legislaturperiode und dann ist Schluss? Der frühere Berliner Regierende Bürgermeister Wowereit hat im BER-Aufsichtsrat komplett versagt. Sofort gehen und noch was zahlen – das wäre doch mal was anderes. Steuergeldverschwendung sollte genau so hart bestraft werden wie Steuerhinterziehung.

Deshalb sagen Sie auch, dass Stuttgart 21 explodieren wird? 

Natürlich! Das ist ein politisches Projekt, das hat man durchgeboxt. Mein Freund ist Geograf, der hat schon vor Jahren gesagt, das Ding wird niemals rechtzeitig fertig und es wird eine Kostenexplosion geben, da werden die Schwaben sich noch dreimal am Kopf kratzen. Und jetzt bekommen sie das bröckchenweise serviert: "Ja, dauert länger. Oh, es wird doch 500 Millionen Euro teuer." Und ich verspreche ihnen heute schon, das wird nicht das Ende der Fahnenstange sein. Denn die Bahn und die Politik haben das Projekt schöngerechnet, um die Volksabstimmung zu beeinflussen und den Bahnhof auf Kosten der Steuerzahler durchzuboxen. Ich persönlich glaube, dass sie den unterirdischen Bahnhof nicht fertigstellen.

Dann sind die Löcher da, und in den Tunneln werden Champignons angebaut?

Na und? Wie viele öffentliche Projekte gibt es, die nie fertig gebaut wurden? Die berühmten Brücken ins Nichts. Ich erhalte jedes Jahr das schöne Buch vom Bund der Steuerzahler. Nach zehn Seiten muss ich es weglegen, weil ich sonst ein Magengeschwür bekomme. Da haftet niemand, wie kann das sein? Wenn Sie fünf Euro Steuern hinterziehen, haben Sie ein Riesenproblem. Aber da werden Milliarden verbrannt und keiner haftet. Das ist ein Luxus, in dem wir noch leben. Aber wie lange noch? In fünf bis zehn Jahren werden wir ein anderes Deutschland haben. Den aktuellen Wohlstand kann man nicht aufrechterhalten.

Das klingt ganz nach dem Crash-Propheten, der Sie nicht sein wollen. Blicken Sie noch mit Zuversicht in die Zukunft? 

Wenn wir jetzt nichts ändern, nein. Ich hatte die Hoffnung, dass die Große Koalition diese Strukturreformen, die von allen Seiten gefordert werden, durchführt, und nichts ist passiert. Das war für mich die Bankrotterklärung der Politik, und seitdem hab ich den Glauben an die Politik komplett verloren.

Wollen Sie etwa eine neue Partei gründen?

Warum nicht? Ich setz mich da hin. Arbeitstitel: Stuttgarter Erklärung. Nach der Diskussion um die AfD-Nähe überleg ich mir das wirklich. Und dann können Sie mir auch nicht mehr vorwerfen, dass ich unpolitisch bin. Dann kommt die Partei. Aber eine, die auch sagt, hei, sobald einer korrupt wird, dann tschüss, ciao. Denn man darf nicht vom System inhaliert werden, das ist die große Gefahr.

 

Mehr zum Redaktionsbesuch von Friedrich und Weik lesen Sie in unserem Editorial "500 Euro zum Ersten".


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Ausgabe 321 / Feuer unterm Dach / Matthias Kiemle / vor 3 Tagen 9 Stunden
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