Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Ausgabe 272
Wirtschaft

Hoppla: Eine Bank will besseren Journalismus

Von Susanne Stiefel
Datum: 15.06.2016
Eine Bank kämpft für Qualitätsjournalismus? Das scheint so seltsam wie ein Elefant, der Schlittschuh läuft. Nicht für Wilfried Münch. Der Regionalleiter der Stuttgarter GLS Bank findet, dass das prima zum Leitbild seiner Bank passt.

Schuld ist Lukas Beckmann. Der frühere Fraktionschef der Grünen hat die Medien als Thema für die GLS Bank entdeckt. "Nicht nur Geld ist ein zentrales Medium", schreibt er auf dem GLS Bank Blog. Und weiter: "Wofür wir es ausgeben, darüber entscheiden Informationen, Werte, die uns durch Medien vermittelt werden." Beckmann ist seit 2011 Vorstandsmitglied der GLS Treuhand und hat Wilfried Münch angefixt.

Wohin entwickelt sich der Journalismus? Werden die Verlegerzeitungen ihrer Aufgabe noch gerecht, seit die Anzeigen wegbrechen wie morsche Latten? Welche Rolle kommt gemeinnützigen Initiativen wie Kontext, Correctiv oder Krautreporter zu? "Wir laufen Gefahr, dass wir durch profitgetriebenen Journalismus an Recherchetiefe und Informationsgehalt verlieren und damit die Grundpfeiler der Demokratie angreifen", ergänzt Münch. Nun hat er eine Medienveranstaltung in Stuttgart organisiert und ein Podium zusammengestellt, das Garant für eine muntere Debatte sein dürfte.

Wilfried Münch ist ein gründlicher und seriöser Mensch, gelernter Bankkaufmann, Sozialpädagogik-Studium, dann Arbeit bei einer Großbank, bevor er zur GLS wechselte. Einer, der sich für Literatur interessiert, zu Hause die FAZ liest, zuerst das Feuilleton natürlich, aber auch die Wirtschaft, um zu wissen, wie der Feind tickt, was er lieber "die Gegenseite" nennt. So einer macht sich eher drei statt nur einen Gedanken. Also hat er die Landtagswahl abgewartet, die Fusion der Redaktionen von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" beobachtet.

Den Finger in die Wunde legen

Jetzt freut er sich, dass er unter dem Motto "Qualitätsjournalismus: Investigativ, frei und wirtschaftlich unabhängig – Eine Zukunftsfrage" alle gekriegt hat, die er am kommenden Mittwoch (22. Juni) auf dem Podium haben will: Wolfgang Molitor, Vizechef der "Stuttgarter Nachrichten", Josef-Otto Freudenreich von Kontext und David Schraven vom Recherchezentrum Correctiv. Moderiert von Bascha Mika, seit 2014 Chefredakteurin der "Frankfurter Rundschau". Und versehen mit einem Impulsreferat von Lukas Beckmann, der auch für das GLSspecial zum Thema verantwortlich zeichnet.

Der GLS-Treuhänder legt den Finger durchaus in die Wunden. Durch Information und Kommunikation entsteht ein gemeinsamer öffentlicher Raum für individuelle und gesellschaftliche Urteilsbildung, analysiert Beckmann. Dieser Raum gerate auch in Deutschland zunehmend in Gefahr. Nicht die propagandistisch verkündete sogenannte Lügenpresse sei der Grund. Weit gefährlicher sei es, dass vielen wichtigen Medien zunehmend jene finanziellen und damit auch personellen Ressourcen wegbrechen, die notwendig sind, um fundiert und langfristig recherchieren und journalistische Qualität erzeugen zu können. Das klingt noch ganz freundlich. Man könnte auch sagen: Den Zeitungsverlegern ist bisher nichts weiter einfallen, als die Anzeigen- und Aboverluste mit Entlassungen von Journalisten zu beantworten. "Man kann aber Ökonomie nicht ohne Ethik denken", ergänzt Wilfried Münch und zitiert damit einen Leitsatz der ökosozialen GLS-Banker, der sich auch auf den Journalismus anwenden lässt.

Nun wird der Begriff Qualitätsjournalismus derzeit geradezu inflationär verwendet. Dabei ist es ein klassischer Pleonasmus. Denn alle Mediennutzer erwarten, völlig zu Recht, von Journalismus Qualität. Will heißen, gründliche Recherche, korrekte Faktendarstellung, beide Seiten hören. Dass der Begriff seit der Jahrtausendwende eine so steile Karriere gemacht hat, liegt auch daran, dass Qualität in Zeiten der Medienkrise seltener geworden ist. Qualitätsjournalismus wird auf der einen Seite ein in Sonntagsreden von Verlegern strapazierter Begriff, der vielerorts mit der Pressewirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Auf der anderen Seite zu einer Kampfansage zu Recht besorgter Mediennutzer und von Journalisten, die sich der Wächterfunktion verpflichtet sehen.

Journalismuss soll informieren, aber auch Orientierung bieten

Auch wir von Kontext haben den Begriff strapaziert. Dahinter steckt das anzustrebende Ideal, die Leitidee für einen besseren Journalismus, der, wie es Volker Lilienthal, Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus (sic!), ausdrückt, "mittels Relevanzprüfung und Recherche, mittels Quellenkritik und Deutungsarbeit seinem Publikum einen Mehrwert des Verstehens und der Orientierung bietet – in einer unüberschaubaren, zunehmend wirren Welt". Insofern ist der Begriff mehr als Wortmüll. Er ist eine Besinnung auf die Leitidee der Unabhängigkeit, der Pressevielfalt und Meinungsfreiheit. 

Immer mehr gemeinnützige Initiativen werden gegründet, um dieser Leitidee näher zu kommen. Kontext mit seinen fünf Jahren auf dem Buckel gehört nicht nur zu den Pionieren, sondern auch schon zu den alten Hasen. Netzwerkrecherche (NR) hat sich der Idee des gemeinnützigen Journalismus in einer Tagung 2014 angenommen und viele dieser Initiativen in Berlin versammelt. Die darauf aufbauende NR-Studie "Gemeinnütziger Journalismus weltweit. Typologie von journalistischen Non-Profit-Organisationen" wurde von der GLS Treuhand finanziert.

Für Wilfried Münch passt das bestens zu seiner Bank. "Die GLS Bank will mit ihrer an sozialen und ökologischen Werten orientierten Bankarbeit gesellschaftliche Veränderung erreichen und fördern", sagt er, "Qualitätsjournalismus ist dafür unverzichtbar." Die GLS ist also kein schlittschuhlaufender Elefant und seine Initiative, verspricht Münch, auch kein müder PR-Gag: "Das Thema passt wunderbar zu uns."

 

Info:

Die Veranstaltung "Qualitätsjournalismus: investigativ – frei und wirtschaftlich unabhängig – Eine Zukunftsfrage", findet am Mittwoch, 22. Juni 2016, 19.00 Uhr in der GLS Bank Stuttgart, Eugensplatz 5, 70184 Stuttgart statt.

Hier können Sie sich anmelden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

2 Kommentare verfügbar

  • Thomas Dahm
    am 20.06.2016
    Lieber Schwabe, „you can't have the cake and eat it!” Als Schulleiter am gemeinnützigen Privaten Gymnasium Esslingen kann ich sagen, dass es ohne die GLS-Bank unsere einzigartige Schule nicht gäbe. Keine andere Bank wäre ins Risiko gegangen und wäre so kreativ gewesen eine Finanzierung für unser Vorhaben auf die Beine zu stellen. Gerade weil die GLS-Bank nach anderen Maximen handelt und investiert, sind viele sozial-ökologische Projekte erst ermöglicht worden. Dass auch die GLS-Bank wirtschaftlich arbeiten muss und keine Wohlfahrtseinrichtung ist, muss nicht erwähnt werden. Dies gilt insbesondere in Zeiten der Niedrigzinspolitik der EZB. Die vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit mit der GLS-Bank lässt sich aus unserer Erfahrung mit keiner anderen Bank vergleichen. Wir sind froh und dankbar, dass es so eine Bank gibt. Dass ich so etwas einmal über eine Bank schreiben würde, hätte ich auch nicht gedacht ;-)
  • Schwabe
    am 16.06.2016
    Die Philosophie/das Leitbild der GLS-Bank stellt auf das auf Nachhaltigkeit beruhende internationale Drei-Säulen-Model (Tripple Bottom Line - People/planet/profit) ab. Demnach steht bei der GLS-Bank die Ökonomie (der Profit) nicht im Vordergrund. Die GLS-Bank schreibt: "Wird das Instrumentarium (Ökonomie - Anm. von mir) gut genutzt, ist wirtschaftlicher Gewinn eine Folge, aber nicht Zweck des Handelns.". "Die GLS Bank will menschliche Grundbedürfnisse finanzieren. Diese lassen sich aus der menschlichen Entwicklungsgeschichte herleiten und umfassen im Wesentlichen die Felder Energie, Wohnen, Bildung, Ernährung und Soziales".

    Nimmt man die Philosophie/das Leitbild der GLS-Bank ernst drängt sich einem die Frage auf was "gut genutzt" bzw. "menschlich" und "sozial" im Sinne der GLS-Bank bedeutet - ein Beispiel:
    Die GLS-Bank bietet für Privatkunden Immobilienkredite an. Erfüllt die zu erwerbende Immobilie (Wohnung/Haus) die ökologischen Kriterien der GLS-Bank bekommt man einen verbilligten Darlehnszins (energieeffiziente Bauweise = Förderkonditionen) - so weit so gut. Diese Förderkonditionen liegen jedoch i.d.R. dennoch höher als der Darlehenszins von z.B. Kreissparkasse oder Volksbank. Weiter muss man bei der GLS-Bank bereits nach einem halben Jahr Bereitstellungszinsen für sein Darlehen bezahlen anstatt wie generell sonst üblich erst nach einem Jahr (was insbesondere bei Neubauten für den Darlehensnehmer oft eine große zusätzliche finanzielle Belastung bedeutet).

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!