Ausgabe 272
Wirtschaft

Superkuh gibt Scheuermilch

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 15.06.2016
Für alle, die noch einen Beweis brauchen: Die aktuelle Milchkrise zeigt, dass der Markt nicht nur nicht alles, sondern manchmal gar nichts regeln kann. Weil zu viele Beteiligte nur den eigenen Vorteil im Auge haben, gehen Kühe zum Schlachter und Bauern reihenweise in Konkurs.

Ein Gipfel jagt den anderen. In immer neuen ergebnislosen Runden vertagen sich Verbände, Molkereien und der Handel, Agrarminister geben Versprechen, die sie nicht halten können, und Verbraucherzentralen Einkaufstipps, weil der Griff zum teureren Produkt allein den Landwirten das Überleben noch lange nicht sichert. Zugleich zeigt eine Aufschlüsselung der Preise von Discount-Milch durch das Kieler Institut für Ernährungswissenschaften aber auch, wie katastrophal die Lage ist. Würde die Milch eines Bauern nur noch für den Billigmarkt verarbeitet, bekäme der mit 15,3 Cent nicht einmal die Hälfte dessen, was wirtschaftlich geboten ist. Allein acht der 46 Tiefpreiscent gehen übrigens für die Verpackung drauf. Und ein Augenöffner ist der in diesen Tagen oft angestellte Preisvergleich mit Scheuermilch: Die gibt es nicht unter drei Euro für den Liter.

Deutsche Bauern fühlen sich als Opfer der EU, weil die Quote vor einem Jahr ausgelaufen ist, der Sanktionen gegen Russland, der Chinesen, weil die ihre Importe drosseln. Nicht wenige sind aber zugleich als Täter am Werk. So haben sie in der Hochpreisphase der vergangenen Jahre versucht, mit hochgezüchteten Tieren ein möglichst großes Stück vom Kuchen abzubekommen. Jedenfalls ist die deutsche Durchschnittskuh alles andere als glücklich: Sie bringt es nur noch auf 2,7 Laktationsperioden, also etwa zwei Jahre, in denen sie gemolken werden kann, sie ist vollgestopft mit Kraftfutter und besonders anfällig für Krankheiten. Das macht sie teurer für ihre Besitzer, weil sie viele teure Medikamente benötigt. Aber sie muss eben auch 10 000 Liter pro Jahr geben. Doch selbst bei dieser Leistung rechnet sich der Stallplatz nicht. Fast 6000 der noch 91 000 Milchbauern bundesweit haben 2015 das Handtuch geworfen, Tendenz steigend.

Den neuen Teufelskreis in Schwung gebracht hat Aldi mit einer Preissenkung gleich um 13 Cent pro Liter auf ebenjene 46 Cent. Aktuell steht in Stuttgarter Supermärkten fettarme Frischmilch bereits für 42 Cent im Regal. Dabei ist vielfach festgestellt worden, dass selbst Familien mit einem Kleinstbudget davon nicht profitieren. Bei einem Pro-Kopf-Verbrauch von etwa 90 Liter pro Jahr schlägt die Ersparnis kaum zu Buche. Aber den Markt mit seiner Übersättigung und den fehlenden Abnehmern treibt der Abschlag immer weiter in Richtung Ruin. Und alle, die an Stellschrauben sitzen, zeigen immer auf die anderen. Dass Russland oder China weniger importieren, ist sattsam bekannt. Dass aber alle großen Speiseeishersteller in Europa aus Kostengründen von Milch auf Pflanzenfett umgestellt haben, wissen viel zu wenige Eisliebhaber. Auch, weil EU-weit über eine wirklich transparente Kennzeichnungspflicht inzwischen seit Jahrzehnten immer nur ohne Ergebnis geredet wird. So kommen selbst jene Regionen immer weiter unter Druck, die sich bisher vergleichsweise ordentlich behaupten konnten. Molkereien in Bayern bekommen noch immer bis zu 23 Cent, was allerdings zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig ist.

Viele Stellschrauben zu drehen

Baden-Württembergs Agrarminister Peter Hauk (CDU) ist nicht nur auf einer Zeitreise in die eigene Vergangenheit, weil er seit Anfang Mai ein Amt bekleidet, das er schon zwischen 2005 bis 2010 innehatte. Hauk kennt sich mit Milchkrisen aus, denn 2008 waren die Preise ebenfalls eingebrochen. Damals gab er eine Losung aus, die bis heute Wirkung zeigt: Aus dem Slogan der Grünen "Klasse statt Masse" machte der gelernte Forstwirt "Klasse und Masse". Das Gebot der Stunde sei, so Hauk in einer Landtagsdebatte im April 2008, "klasse Produkte und massenhaft Produkte auf den Märkten". Doch gerade wegen des Hungers und der Mangelprobleme in der Welt dürfe man sich nicht nur auf Klasse konzentrieren, nicht "vom hohen Ross herunter argumentieren".

Aber mit unlauteren Argumenten. Alle zehn Sekunden stirbt auf dem Globus ein Kind an Unterernährung. Wenn es die EU mit Turboproduzenten wie Holland oder Irland schon nicht schafft, die Überproduktion im Nahrungsmittelsektor an die Allerärmsten zu verschenken, müsste zumindest die Überschwemmung der Dritten mit subventionierter Billigware aus der Ersten Welt gestoppt werden. Die Kindersterblichkeit ist auch deshalb so hoch, weil Bauern und Bäuerinnen in Burkina Faso oder in Kamerun mit ihrer Frischmilch um 70 oder 80 Cent vom Markt gedrängt wurden – durch nur halb so teures europäisches Milchpulver. Höher kann das Ross, von dem herab die reichen Europäer agieren, kaum sein.

Auf falsche Weichenstellungen, auf die Subventionspolitik oder auf die Verhandlungen zwischen Discounter und großen Molkereien haben Konsumenten keinen Einfluss. Auf ihre Kaufentscheidung schon. Selbst kleinste Läden haben teurere Alternativen im Angebot. Wirklich hilfreich, sagen Wissenschaftler, ist aber nicht nur die Entscheidung für den Liter um 79 oder 89 Cent oder gar um über einen Euro. Hilfreich wäre es, Nischenprodukte zu pushen, sagen Verbraucherforscher. Wer eine "faire Milch" kauft, darf sicher sein, dass zehn Cent vom Ladenpreis tatsächlich an die Erzeuger gehen. 

In Österreich, dessen Agrarstruktur immer wieder mit der Baden-Württembergs verglichen wird, steht seit 2004 die sogenannte Heumilch im Regal, inzwischen sogar bei den Billigketten. Aktuell sind rund 8000 Landwirte und 75 weiterverarbeitende Betriebe in einer Arge verbunden. Die Produktionsstandards der Heuwirtschaft sind definiert, Silage wird nicht zugefüttert, ohnehin ist das ganze Land gentechnikfrei. Außerdem müssen Aspekte der artgerechten Tierhaltung und der Pflege der Kulturlandschaft beachtet werden. 

Vorbild "Heumilch" aus Österreich

Der Preis ist deshalb aber keineswegs eingebrochen. Nicht selten stehen auf Weiden und Almen tatsächlich glückliche Kühe, gerne mehrere Generationen, Tanten, Nichten, Mütter und Großmütter. Ihre Jahresleistung liegt deutlich unter der der (deutschen) Superschwester, dafür bringen sie es aber auf bis zu zehn Laktationsperioden. "Wir freuen uns", sagt der zuständige Kammerpräsident, "dass Konsumenten stolz sind, wenn sie ein österreichisches Packerl nach Hause tragen." Das lassen sie sich gerne etwa einen ganzen Euro pro Liter kosten. Anders als Entwicklungsländer ist Österreich auch bereit und in der Lage, den Kampf gegen Importe aus der EU aufzunehmen. Ein Blick in die Statistik erhellt die Dimension: Würden (deutsche) Preisdrücker dafür sorgen, dass konventionelle Bauern zehn Cent weniger bekommen, müsste die Landwirtschaft auf satte 300 Millionen Euro im Jahr verzichten.

Als wäre ausgerechnet an Plänen ein Mangel, hat Hauk auf seinem Gipfel in der vergangenen Woche zehn Punkte vorgelegt. Enttäuscht musste er zugleich zur Kenntnis nehmen, dass keiner der Beteiligten an der wichtigsten Stellschraube, der Mengenreduzierung, drehen mochte. Er selber erteilt allen Forderungen nach neuen staatlichen Quoten eine klare Absage und rückt die Verbraucher in eine zentrale Rolle. Sie sollen mit Regionalität gelockt, von Spezialitäten "wie zum Beispiel der Heumilch" überzeugt und mit einer "langfristigen Kampagne" informiert werden. Das Land will einen entsprechenden Ideenwettbewerb ausschreiben. Eine drängt sich auf, ist aber ohne jede Chance auf Durchsetzung: Alle Beteiligten müssten sich eingestehen, dass im Agrarbereich Marktwirtschaft neu gedacht und neu definiert werden muss. Das nächste Thema zieht bereits über den Horizont, denn die Bundes-Grünen diskutieren einen Mindestpreis für Fleisch, um einen weiteren Dumpingwettbewerb zulasten der heimischen bäuerlichen Betriebe zu verhindern.

Info:

Wo die Milch herkommt, erkennt man übrigens an den fünfstelligen Zulassungsnummern der Molkereien, die an folgenden Codes identifiziert werden können:

BW 004 Crailsheim, 010 Schwäbisch Hall, 033 Heilbronn, 034 Schefflenz, 056 Schrozberg, 075 Ravensburg, 077 Tettnang, 170 Bad Wurzach, 211 Bodnegg, 218 und 327 Wangen, 376Freibeurg, 382 Offenbeurg, 413 Leutkirch, 444 Isny, 445 Bühlerzell, 08082 Riedlingen und 08058 Tenningen, für Ulm gilt auch Neu-Ulm BY 77704.


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3 Kommentare verfügbar

  • Fred Heine
    am 18.06.2016
    "Für alle, die noch einen Beweis brauchen: Die aktuelle Milchkrise zeigt, dass der Markt nicht nur nicht alles, sondern manchmal gar nichts regeln kann."

    Was ist denn das für eine Aussage? Der Markt regelt immer alles – nur eben nicht immer so, wie man es gerne hätte. Deshalb enden ja alle sozialistischen Experimente immer im Desaster. Der Markt lässt sich halt nicht verarschen.
  • Christoph Coen
    am 15.06.2016
    Subventionierte Exporte aus Europa sind für die Milchwirtschaft in Ländern wie Burkina Faso mit Sicherheit schädlich, dass diese nicht richtig auf die Beine kommt, dürfte aber eher an ihren eigenen Strukturproblemen liegen. Um nur einige zu nennen: Während der Trockenzeit kann nicht genug Milch produziert werden, um den heimischen Bedarf zu decken, in der Regenzeit fällt dagegen viel mehr an, als verarbeitet werden kann. Joghurt- oder Käsefabriken zu bauen, die nur vier Monate im Jahr arbeiten (so lange dauert die Regenzeit), wäre leider aber auch nicht sehr sinnvoll. Zwischen ländlichen Erzeugern und städtischen Verbrauchern liegen riesige Entfernungen, und der Transport kühlpflichtiger Milchprodukte auf schlechten Straßen in den Tropen wirft erhebliche Probleme auf, von den schlechten hygienischen Standards einmal ganz zu schweigen.

    Der eigentliche Interessenkonflikt scheint mir nicht zwischen mächtigen und bösen Europäern und armen Afrikanern zu liegen, sondern zwischen ländlichen Produzenten und städtischen Verbrauchern innerhalb Afrikas. Das Durchschnittseinkommen in Burkina Faso dürfte so um die 60 EUR im Monat liegen. Bei solchen Rahmenbedingungen einer Familie in Ouagadougou zu sagen, sie bekomme keine billigere Milch mehr, sondern solle gefälligst heimische "Frischmilch um 70 oder 80 Cent" kaufen, erfordert meiner Ansicht nach jedenfalls ein ziemlich hohes Ross.
  • Klaar Kiming
    am 15.06.2016
    Hier am anderen Ende von Deutschland können Kühe von solch einem Leben wie in Österreich nur träumen. Da steht kaum noch eines der konventionell gehaltenen Tiere auf der Weide, mit allen Nachteilen für die Umwelt, die irgendwann ja auch bezahlt werden müssen, eben nur nicht über den Milchpreis...
    Mein Mitgefühl für die Bauern hält sich allerdings sehr in Grenzen: Mehr als ein "weiter so" und "der Bauernverband hat aber gesagt" war von denen nicht zu hören, vielleicht noch mal ein "der Markt will das so". Um dann selbst bei Aldi oder Lidl einzukaufen.
    Solange aber keine gesetzlichen Mindeststandards für die Milchviehhaltung und die damit verbundene Nutzung des Grünlandes durchgesetzt werden, wird immer mehr an Wissen verloren gehen, sodass Milcherzeugung eben doch nur noch ein Industriezweig wie jeder andere ist.

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