KONTEXT Extra:
Lindenhof kriegt eine Million vom Land

Das Theater Lindenhof ist ein Unikum in der baden-württembergischen Bühnenlandschaft, ein Regionaltheater in dem nicht einmal 1000 Seelen zählenden Dorf Melchingen, das mit Aufsehen erregenden Inszenierungen, etwa 2016 einem Stück mit syrischen Geflüchteten, immer wieder weit ins Land hinaus wirkt. Seit langem allerdings stehen in dem 1981 gegründeten Theater umfangreiche Umbauarbeiten an, um die Standards für Zuschauer und Schauspieler auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben, unter anderem einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

Für dieses Vorhaben gibt es nun eine Förderung von einer Million Euro vom Land. Am Freitag überreichte Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer den Zuschussbescheid. Eine stattliche Summe, Hallmayer ist dennoch "nicht überrascht" über die Höhe. "Wir hatten ja Anträge in bestimmten Höhen gestellt, das ist alles vorbesprochen worden." Schon bisher wird das Theater von den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb, der Sitzgemeinde Burladingen und vom Land gefördert, insofern entsprächen auch der Finanzierungsmix für den Umbau dieser Konstruktion. Trotzdem ist der Intendant ungeheuer froh über die jetzt bewilligte Landesförderung, denn immerhin habe es über acht Jahre von den ersten Plänen bis jetzt gedauert, die Umbaufinanzierung sicher zu stellen. "Es hat schon viel Überzeugungsarbeit bedurft", sagt Hallmayer, und auch nach dem Wechsel vom früheren zuständigen Minister Alexander Bonde (Grüne) zu Peter Hauk nach der Landtagswahl 2016 habe man wieder neuen Anlauf nehmen müssen. "Aber wir haben gemerkt, dass von allen Fraktionen eine außergewöhnliche Wertschätzung für das Theater da war."

Nun kann sofort mit dem Bauen begonnen werden, "der Bagger ist schon da", so Hallmayer. An den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Baukosten beteiligen sich auch die angrenzenden Landreise und die Gemeinde Burladingen, und mit 750 000 Euro Eigenmitteln auch die Stiftung Theater Lindenhof. "Einen Teil davon haben wir schon", sagt Hallmayer, "für einen Teil wollen wir noch Unternehmen als Partner werben." (23.7.2017)


Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


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Bunte Milchpackungen in Supermärkten suggerieren ein gesundes Milchkuh-Leben auf saftigen Weiden. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Fotos: www.tierisch-kuhl.de

Bunte Milchpackungen in Supermärkten suggerieren ein gesundes Milchkuh-Leben auf saftigen Weiden. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Fotos: www.tierisch-kuhl.de

Ausgabe 207
Gesellschaft

Masse auf Kosten von Tier und Mensch

Von Lisa Eberhardt
Datum: 18.03.2015
Pro Liter Milch 59 Cent – das hat seinen Preis. Supermarktkunden sparen auf Kosten der Tiere, Melker und Treiber. Das erkennt, wer in die Gummistiefel schlüpft und sich auf dem landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt verdingt. So geschehen im Rahmen des Baden-Württemberger Recherche-Projekts "Tierisch KUHL".

Ein Kuhstall, irgendwo nördlich von Baden-Württemberg. Ein Tierparadies! Für Tauben und Stare, die sich hier zu Hunderten oder gar Tausenden direkt über den Futterplätzen eingenistet haben. Auch für die Mäuse und Ratten, die sich zwischen Pellet- und Silofutter wie im Schlaraffenland fühlen. Und für die Katzen, welche die fetten Nager und aus Nestern gepurzelte Vogelbabys verspeisen. Ein Paradies, in dem zwar kein Honig, aber dafür umso mehr Milch fließt. 

Für die Kühe und Kälber, die hier leben, und die Menschen, die hier arbeiten, ist dieser Stall allerdings nicht das Gelobte Land. Das Gemäuer, in dem bis zu 1300 Kühe gefangen sind, ist in die Jahre gekommen. Beton und rostiges Metall prägen das Ambiente. Die Tiere stehen auf Spaltboden. Ein Teil der Ruheboxen, die ihnen zur Verfügung stehen, ist mit den humusartigen Resten der hofeigenen Biogasanlage verfüllt, ein anderer Teil besteht aus Beton und ist mit Gummimatten bedeckt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie arschkurz sind – auf dass die Kühe auf den Spaltboden scheißen. Fladen, die doch auf der Liegefläche landen, müssen vom Treiber im Akkordtempo heruntergefegt werden, während er die Gruppen zu jeweils 80 bis 100 Tieren in Richtung Melkstand scheucht.

Kuh im Melkstand.
Kuh im Melkstand.

Dieser Melkstand ist ebenfalls schon älteren Baujahrs, aber immerhin mit Computertechnik ausgestattet. Jede Kuh ist hier eine Nummer, die nebst ihrer Herdennummer erfasst wird. Dazu ihre Milchleistung. Wenn sie beispielsweise fünf oder mehr Liter unter dem durchschnittlichen Milchergebnis der vergangenen Tage bleibt, muss einer von zwei Melkern das Tier via Computer melden. Beim Verlassen des Melkstands wird die Kuh dann über eine Schleuse vollautomatisch auf einen Warteplatz aussortiert, um sie anschließend zu untersuchen.

Kälber werden wie am Fließband geboren

Kühe sind in Tierfabriken dieser Art vor allem eines: Milchmaschinen. Wenn eine heißläuft, brennt nichts durch, aber sie bekommt Fieber. Im Extremfall über 41 Grad. Das treibt dem Betriebsleiter dann Sorgenfalten auf die Stirn. Er ist ein ruhiger und auch in stressigen Situationen gelassen wirkender Mann, mit trockenem Humor gesegnet und – geschätzt – Mitte 40. Im Unterschied zu seinen von Zeitdruck getriebenen Mitarbeitern scheint er fast schon zärtlich mit den Tieren umzugehen. Er mag Kühe, wie er sagt, und erzählt zwischendurch von der Weidehaltung eines Bekannten mit Fleischrassen, in der vieles anders gemacht werden könne als hier, in diesem Stall, wo viele Tiere auf wenig Raum leben.

Kälber dürfen unter diesen industriellen Bedingungen beispielsweise nicht bei ihren Müttern bleiben. Mamas und Babys werden getrennt, noch ehe das Fell der Säuglinge trocken ist. Und geboren wird wie am Fließband. Denn bei Kühen ist es auch nicht anders wie bei Menschen: Ohne frisch geborene Kinder fließt keine Milch.

Was in früheren Zeiten Bauersleute stöhnen ließ, ist hier der angestrebte Regelfall: die Produktion von Flaschenkälbern. Die Handaufzucht kostet Zeit, von der zu wenig vorhanden ist – vor allem, wenn ein Kalb nicht selbstständig trinkt. Die Gesundheit der Kleinen ist daher oft angeschlagen. Husten, Durchfall und Fieber sind auch die Kinderkrankheiten im Kälberstall. Um die Überlebenschancen zu verbessern, werden die Boxen regelmäßig mit Hochdruckreiniger und Desinfektionsmittel als keimfreie Zone markiert – bis Urin und Kot die Fläche zurückerobert haben. Tierzucht und Keimzucht gedeihen hier in einer Symbiose. 

Apropos Tierzucht: Manches milchreiche Euter ist derart gewaltig geraten, dass es fast am Boden schleift. Die Versorgung des eigenen Kalbes würde in solchen Fällen schon aus anatomischen Gründen scheitern.

Das Leben am Leistungslimit ist also alles andere als ein tierisches Vergnügen. Fünf Jahre lang halten das die Kühe in der Regel durch. Für viele führt der Weg über den Spaltboden aber schon deutlich früher in den Schlachthof. Man darf aber bei alledem nicht vergessen, dass es mit der Bauernhofromantik von schwäbischen Kleinstlandwirtschaften früher auch nicht weit her war: Kühe standen oft ein Leben lang in dunklen Anbindeställen. Im Vergleich dazu können sich heutige Hochleistungskühe immerhin in ihren Boxenlaufställen frei bewegen. 

Mehr als tausend Kühe in einer Schicht

Zurück zum Alltag des Großbetriebs: Der Krankheitsfall ist – wie alles hier – ein Kostenfaktor. Bei hochfiebrigen Mutterkühen wird nicht gleich der Tierarzt geholt, da packt der Betriebsleiter das Stethoskop lieber selbst aus, um sie abzuhören. Verdacht auf Lungenentzündung. Antibiotika sind vorrätig, der Landwirt kann rezeptlos zugreifen und spritzen. Dann muss die Kuh aber aus der Herde heraus. Würde von so einem behandelten Tier versehentlich Milch ins Milchwerk gelangen, bekäme der Betrieb einen Monat lang fünf Cent pro Liter Milch abgezogen. Bei 23 000 Liter pro Tag wären das gut 1000 Euro täglich.

Auch die Biestmilch der Tiere, die ganz frisch abgekalbt haben, darf auf keinen Fall in den Milchtank gelangen, weil sonst die ganze Ladung schlecht würde. Das muss der Treiber im Zusammenspiel mit den Melkern sicherstellen.

Eingeklemmtes Kalb.
Eingeklemmtes Kalb.

Der Treiber jagt in einer Schicht mehr als tausend Kühe vor sich her in Richtung Milchstand. Zudem hilft er den Melkern, und er schaut teilweise nach frisch geborenen Kälbern. Dementsprechend groß ist sein Zeitdruck. Tiere, die in ihren Liegeboxen nicht aufstehen wollen, werden mit Tritten traktiert oder mit einem kurzen Stock in den Körper gepiekt. Das muss weh tun. Schließlich sind Kühe keine Dickhäuter. Sie spüren sogar Mücken auf ihrem Fell, die sie mit einem Schwanzwedeln zu verscheuchen wissen.

Abhängig vom Treiber werden die Kühe auch mit Elektroschocks traktiert, wenn sie nicht aufstehen wollen oder können. Und bei manchen setzt es Stockhiebe, wenn die Tiere nicht schnell genug in Richtung Melkstand laufen – in ein Melkgefängnis: Sie gehen einen schmalen Gang entlang und biegen dann im 90-Grad-Winkel ab. Hinter ihnen schließt sich ein Brett, die nächste Kuh geht in die nächste Box, in der sie allenfalls minimal vor oder zurück kann.

Melker machen einen Scheißjob

Rund 40 Kühe können gleichzeitig abgefertigt werden. Das ist wie Fließbandarbeit: Sie beginnt mit dem Vormelken. Jedem Strich, wie die Euterzitzen im Fachjargon heißen, werden von Hand drei, vier Spritzer Milch entlockt. In dieser ersten Milch sind viele Keime enthalten, sie wird weggekippt. Dreckige Euter werden mit einem feuchten Tuch abgewischt, wobei das Tuch nur für eine Kuh verwendet werden darf. Damit Keime nicht übertragen werden. Danach werden die Melksonden angesetzt. Manche Kühe treten sie los, sodass sie erneut angesetzt werden müssen – in manchen Fällen, nachdem sie in einen Kuhfladen gefallen waren. Sobald kaum mehr Milch fließt, schalten die Melkmaschinen automatisch ab.

Danach werden die Striche der Kühe mit einer Desinfektionsflüssigkeit gedippt, auf dass sich die Euter nicht entzünden. Die Melksonden werden zudem in ein Bad mit Essigsäure getaucht, um sie zu desinfizieren, ehe die nächste Kuh angeschlossen wird. Lediglich eine Gruppe kranker Kühe, die nicht mit den anderen in Kontakt geraten darf, kommt nicht in diesen Genuss. Sie kommen bald zum Schlachter, das Desinfizieren der Melksonden wird gespart. 

All das geschieht im Akkordtempo. Die Melker machen buchstäblich einen Scheißjob. Die Kühe lassen ihre Fladen beim Gang in den Melkstand und beim Melken auf den Betonboden pflatschen. Dazwischen wird gepinkelt, als ob jemand einen Wasserhahn volle Kanne aufgedreht hätte. Wer hier arbeitet, ist bis zum Ende der rund achtstündigen Schicht von Kopf bis Fuß mit Kot und Urin bespritzt. Eine besondere Scheiße: Wenn eine Kuh beim Vormelken oder beim Dippen des Euters plötzlich loskackt. Dann ergießt sich die warme, stinkende Soße über den Arm des Melkers – wenn die Kuh etwas weiter vorne in der Box steht und der Melker folglich weit in den Melkstand hineingreifen muss, hat er die Fäkalien sogar auf der Schulter. Mal eben die juckende Nase am T-Shirt-Ärmel abzuwischen, geht dann nicht mehr.

Die Schutzkleidung besteht wohlgemerkt nur aus einer Schürze, Einweghandschuhen und Armstutzen. Diese Armstutzen haben das Qualitätsniveau eines aufgeschnittenen Gefrierbeutels mit zwei Gummizügen. Sie reichen bis über den Ellenbogen, verrutschen aber leicht. Sie werden tagelang verwendet, bis sie zerrissen sind. Auf dem Hof wird überhaupt massivst gespart. Der Betriebsleiter hebt sogar die Pappverpackungen der Medizinfläschchen auf, um sie auseinanderzufalten und die Innenseite als Notizzettel zu verwenden.

Im Vergleich zu einem Melker geht ein Hilfsarbeiter, der Ställe ausmistet, einem regelrecht sauberen Job nach. Obendrein sind die Melker geistig gefordert. Sie müssen im Blick behalten, welche Kühe gerade im Melkstand stehen. Sie haben einen Zettel mit den Nummern von Tieren, deren Milch für die Kälber in einen Eimer gemolken oder deren Milch untersucht werden muss – auch Milch-Untersuchungen machen Melker teilweise.

Kuh mit Geschwür am Bein und riesigem Euter.
Kuh mit Geschwür am Bein und riesigem Euter.

Sobald sie beim Vormelken feststellen, dass Milch sämig oder wässerig ist, müssen sie die Kuh melden – ebenso, wenn sie hinkt. Parallel dazu müssen sie im Blick behalten, wo das letzte Tier einer Gruppe steht, damit beim Entlassen aus dem Melkstand nicht Tiere verschiedener Gruppen gemeinsam abmarschieren und später mühsam getrennt werden müssen. Dasselbe droht in noch größerem Stile, wenn ein Treiber vergisst, ein Gatter zu schließen. Dann mischen sich die Kuhgruppen im Stall-Labyrinth und müssen wieder auseinandersortiert werden. Das darf schlicht nicht passieren, denn dafür ist keine Zeit. 

Acht Euro pro Stunde, keine Schmutzzulage

Für diese hektischen und körperlich anstrengenden Jobs, bei denen obendrein mitgedacht werden muss, erhalten ungelernte Berufsanfänger acht Euro pro Stunde plus Schichtzulage, aber keine Schmutzzulage. Mit zunehmender Berufserfahrung gibt es einen Euro, maximal 1,50 Euro mehr.

In einem neuen Stall sollen immerhin die Arbeitswege kürzer und die Haltungsbedingungen für die Kühe besser werden, kündigt der Betriebsleiter an. Die Planungen laufen, sie kommen aber nicht so schnell voran, wie er sich das vorstellt. Mehr Stroh soll das Wohlbefinden der Kühe steigern und damit wahrscheinlich auch ihre Milchleistung. Rund 15 Liter sind gegenwärtig eine übliche Größenordnung pro Melkdurchgang, dem sich die Paarhufer im 12-Stunden-Rhythmus unterziehen müssen. Manche schleppen sich mit Gelenken dorthin, an denen im Extremfall Geschwulste von der Größe eines Fußballs wuchern. Klauenprobleme kommen hinzu. Dementsprechend schmerzhaft kann für die Tiere schon das Aufstehen sein. Wenn sie sich dazu nicht schnell genug zwingen, setzt es eben Tritte oder Hiebe. Das ist ein tierischer Stress – für Menschen und Kühe.

Eines der unzähligen Kälber aus diesem Betrieb lebt inzwischen übrigens nicht mehr unter diesen Bedingungen. Das Pressebüro, welches das Rechercheprojekt "Tierisch KUHL" realisiert, hat das Tier für 40 Euro gekauft. Es handelt sich um eine junge Kuh, die offenbar nicht für die Milchvieh-Produktion taugte und von keinem Händler in die Kälbermast mitgenommen wurde – ein Tier, das ein Abfallprodukt der Milchproduktion war. 

 

Lisa Eberhardt ist das Pseudonym einer freien Journalistin, die sich über die Situation in der tierischen Lebensmittelproduktion informiert, indem sie in Betrieben als Arbeiterin anheuert: in Milchvieh- und Geflügelställen, in der Kälbermast, beim Tierarzt und im Schlachthof. Sie will sich ein Bild machen, wie es abseits offizieller Präsentationen in der Branche aussieht – und auf dieser Basis auch der Öffentlichkeit Einblicke bieten. Das Kalb Muhki hat sie gekauft und damit vor dem sicheren Tod bewahrt.

Das Rechercheprojekt "Tierisch KUHL" will keine Einzelfall-Diskussionen, sondern eine Grundsatzdebatte über die tierische Nahrungsmittelproduktion entfachen. Deshalb werden die landwirtschaftlichen Betriebe, in denen recherchiert wurde, in anonymisierter Form vorgestellt. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass es die Einkäufer sind, welche die Haltungs- und Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft maßgeblich beeinflussen – über die Auswahl von billigen oder fairer bezahlten Produkten.


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