Völlig von den Socken: Stuttgarter Zeitungsleser ob ihrer neuen Samstagszeitung. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 262
Medien

Abgeschrieben

Von Klaus H. Grabowski
Datum: 06.04.2016
Es war das erste Wochenende ohne "Sonntag Aktuell". Ein langjähriger StZ-Abonnent und Journalist hat seine neue Samstagszeitung mal genauer angeschaut. Es wurde ein Blick im Zorn.

Es war ja schon zunehmend peinlich, wie die "Stuttgarter Zeitung" (StZ) seit Wochen für die Zusammenlegung mit den "Stuttgarter Nachrichten" (StN) geworben hat, um der Leserin und dem Leser zu suggerieren, dass sie danach etwas viel Besseres zum – zunächst – gleichen Preis bekommen. Und dass nach der Einstellung von "Sonntag Aktuell" die neue Wochenendbeilage natürlich noch toller sein wird. Wenn man schon als Student aus Berlin in den späten 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts für die StZ arbeiten durfte und sie seit mehr als dreißig Jahren abonniert hat, verfolgt man deren Entwicklung mit einer gewissen Sympathie. Dass diese in den vergangenen Jahren deutlich nachgelassen hat, mag damit zusammenhängen, dass die Geschäftsleitung wohl den Begriff "Qualitätsjournalismus" für nicht kurzfristig bilanzierbar hält.

Das hätte mir fast die Hausschuhe ausgezogen

Aber es gibt ja noch andere Blätter, die lesenswert sind. Deshalb habe ich auch die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) abonniert. Dabei erinnere ich mich, dass es Zeiten gab, in denen ich durch die SZ in der Regel zwei Tage früher über kontroverse Themen aus Stuttgart informiert wurde als durch die StZ, die erst nachgezogen hatte, wenn die Themen bereits überregional diskutiert wurden und nicht mehr zu verschweigen waren. Das scheint auch nicht mehr zu funktionieren. Seit einigen Jahren musste ich dann feststellen, dass Karikaturen von der StZ nachgedruckt wurden, die ich vorher schon in der SZ gesehen hatte. Dass zur gleichen Zeit eine sehr geschätzte und pointierte Karikaturistin die StZ verlassen hatte, kann kaum Zufall sein. Was ich aber am Wochenende erlebt habe, hätte mir fast die Hausschuhe ausgezogen.

Da nehme ich mir nach dem Frühstück die Wochenendbeilage der StZ – deren Erscheinungsbild mir überhaupt nicht gefällt, aber da fehlt mir wohl der nötige Zeitgeist – und lese auf den Seiten w2 und w3 die Geschichte "Papa, was soll das?" von Jan Stremmel. Und auf der Seite w12 die Geschichte "Formschön" von Gerhard Matzig. So weit, so gut. Am Nachmittag lese ich zum Kaffee die SZ – und finde genau dieselben Geschichten. Die redaktionelle Leistung der StZ scheint darin bestanden zu haben, eines der Fotos auszutauschen und die Altersangabe eines Interviewpartners, die in der SZ in Kommata steht, in der StZ in Klammern zu setzen. Selbst die Bildunterschriften sind identisch; auch die Zwischenüberschriften gleichen sich. Die intensive Eigenwerbung für die Zusammenlegung der Blätter und für die neue Wochenend-StZ in den letzten Wochen hatte ja immer betont, dass es hervorragende exklusive Autoren für StZ und StN geben werde.

Viele gute StZ-RedakteurInnen mussten gehen

Es mag ja sein, dass Autoren der SZ auch dem Niveau der StZ guttun – vielleicht ist das ja auch nötig, weil im Rahmen der Zusammenlegung von StZ und StN so viele gute Redakteure genötigt wurden, das Haus zu verlassen. Es ist aber bei der gemeinsamen Geschäftsführung für beide Häuser nicht sicher, wie lange bei der "Süddeutschen" noch Qualität produziert werden kann.

Zu seriösem Journalismus gehört allerdings nach meinem Verständnis, dass man Übernahmen aus anderen Blättern auch eindeutig deklariert. Aber sicherlich sieht die Geschäftsführung der Holding die Stuttgarter Blätter und die SZ nicht als im redaktionellen Wettbewerb um die bessere Zeitung stehend, sondern als Steinbruch zur Renditeverbesserung.

Ich hoffe, dass jetzt nicht womöglich im gegenseitigen Textaustausch auch noch die unsäglichen Kolumnen von Sibylle Krause-Burger in der SZ erscheinen. Eigentlich gebe ich nämlich der SZ aufgrund des noch vorhandenen Qualitätsvorsprungs gegenüber der StZ den Vorrang. Aber vielleicht muss ich mich von meinen nostalgischen Gefühlen für gute Zeitungen ohnehin verabschieden, wenn solche Doppelungen wie an diesem Wochenende das neue Stuttgarter Konzept sein sollten.

Trotz meiner Sympathie für Kontext täte mir das schon sehr leid. Aber erst mal macht mich das sehr zornig.


Klaus H. Grabowski, Jahrgang 1943, ist seit Jahrzehnten Abonnent der "Stuttgarter Zeitung". Nach seinem Hörfunkvolontariat arbeitete er mehr als 30 Jahre lang als Pressesprecher an der Universität Hohenheim. Als Journalist und Journalistenausbilder wirft er hier einen professionellen und zunehmend zornigen Blick auf seine StZ.


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3 Kommentare verfügbar

  • noch abonnent
    am 06.04.2016
    Die Strategie - weniger Leistung fürs gleiche Geld (und bald wohl noch mehr...) - wurde hier ja schon genug beschrieben. Am peinlichsten ist es, wenn das luftige Layout der neuen Beilage in einer Zeitung wie der Waiblinger Kreiszeitung neben deren noch relativ engzeiligem Layout erscheint (wie am Freitag) - da fragt man sich schon, wie lange man sich das noch antun soll...
  • Louisiana
    am 06.04.2016
    Das klingt fast so, als ob nach der Stuttgarter Zeitung dann als Nächstes die Süddeutsche Zeitung von der Geschäftsleitung ruiniert werden wird.
  • Philippe Ressing
    am 06.04.2016
    Willkommen in der Realität! Dass Medienkonzerne ihre publizistischen Produkte zwischen ihren Blättern austauschen, ist schon länger Praxis. Selber Schuld, wenn man zwei Zeitungen aus dem selben Unternehmen liest. Spaß beiseite, mit dieser Strategie des Konzerns wird die Meinungs- und Informationsvielfalt weiter ausgedünnt.
    Aber: Die Einstellung von Sonntag-Aktuell ist für mich kein publizistischer Verlust. Die Wochenendbeilage kommt jetzt mit einem moderneren Layout daher, auf Jung getrimmt - und das ist halt Geschmackssache. Die Inhalte sind genauso dünn, wie bei Sonntag-Aktuell. Die gerierte sich optisch zwar als Zeitung, real war sie aber vor allem ein Produkt für PR- und Werbung. Einzig der Sportteil hatte wegen der Bundesligaergenisse einen gewissen Aktualitätsbezug...

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