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Schwarzer Tag für "Sonntag Aktuell"

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Wie vom Donner gerührt war Gerhard Manthey, als er am vergangenen Sonntag seine Zeitung aus dem Briefkasten gefischt hat. Die Titelseite von "Sonntag Aktuell" war schwarz. Terror in Deutschland? Nein, Mercedes-Benz feierte sich auf der gesamten ersten Seite. Unschuldig stand der Kopf von "Sonntag Aktuell" drüber, drunter der Stern auf dunklem Grund, und Manthey suchte vergeblich nach dem Zauberwort Anzeige. Ein klarer Verstoß gegen Ziffer 7 des Pressekodex, befand der Mann, der lange Jahre Verdi-Mediensekretär war. Er erkannte eine "Ausdehnung des Werbeteils auf die Zeitung, die den Unterschied zu einem Anzeigenblatt auflöst" - und er griff in die Tasten, formulierte eine Beschwerde an den Deutschen Presserat.

Nun ist die Titelseite jedes Mediums, das etwas auf sich hält, eine heilige Kuh. Sie ist das Schaufenster der Zeitung, der Platz für Journalismus, sie informiert die LeserInnen über die wichtigsten Ereignisse. Ein Chefredakteur, der etwas auf sich hält, kann sie nicht kampflos dem Anzeigengeschäft opfern. Doch von Christoph Reisinger war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu erhalten. Und auch sonst blieb es ruhig in der Redaktion der "Stuttgarter Nachrichten", die "Sonntag Aktuell" seit fünf Jahren bestückt. Allein Blattmacher und Techniker, so ist zu hören, hätten gestöhnt, weil die vierseitige Anzeige die Produktion kompliziert gemacht habe.

Geschäftsführer Bernhard Reese kann die Bedenken nicht verstehen. Anzeige und Redaktion seien sauber getrennt, Proteste aus dem Bezieherkreis nicht bekannt, die Gesellschafter informiert worden. Und überhaupt sei "Fullcover", zu deutsch: Ummantelung, "eine besonders aufmerksamkeitsstarke Werbeform".

Wohl wahr. Doch vor einigen Jahren noch erhielt der damalige Chefredakteur Andreas Braun eine Abmahnung, weil er die Titelseite geringfügig geändert hatte, um auf ein redaktionelles (!) Schwerpunktthema aufmerksam zu machen. Die Zeiten ändern sich und das Ende der Sonntagszeitung, die seit der Entlassung ihrer Redaktion vor fünf Jahren einen schleichenden Tod stirbt, ist inzwischen beschlossene Sache.

Am 31. März ist endgültig Schluss. Nach 36 Jahren. Das ist bei den Turbulenzen um den wundersamen "Stuttgarter Weg", sprich: die Fusion der Redaktionen von "Stuttgarter Nachrichten" (STN) und "Stuttgarter Zeitung" (STZ), fast in Vergessenheit geraten. Bei der gemeinsamen Betriebsversammlung Mitte November kam dennoch die bange Frage auf: Wie machen wir den Lesern den Abschied von "Sonntag Aktuell" schmackhaft? Da gab Christoph Reisinger den Tipp, "die dunklen und die hellen Seiten auf einen Schlag zu präsentieren". Abonnenten sollen, so der Plan, künftig am Donnerstag einen Veranstaltungsteil und am Samstag eine 24-seitige Beilage bekommen. Für den "großen Phantomschmerz bei den Sportlesern" soll es am Samstagabend eine E-Paper-App mit den Sportergebnissen geben. Darauf werden sich die Abonnenten - bei gleichen Preisen - gewiss freuen. Rechtzeitig im neuen Jahr, so Reese, sollen sie informiert werden.

So wird kurz vor knapp noch Kasse gemacht. Geschäftsführer Reese teilt mit, dass die Anzeige einen Brutto-Mediawert von rund 290 000 Euro habe, "bitte haben Sie Verständnis, dass wir Kundenkonditionen nicht öffentlich machen".  Selbst bei großzügiger Rabattierung bleibt da noch etwas hängen, bei vier Reklameseiten zumal. Von dem Geld, spötteln manche im Pressehaus, könne man manche Abfindung für bald überflüssiges Personal zahlen.

Das stimmt einen wie Gerhard Manthey, der stolz darauf ist, Gründungsmitglied des neuen Presserats zu sein und im Vorstand von Kontext sitzt, nicht milder. "Selbst Zeitungen, die eingehen, müssen sich an die Trennung von Redaktion und Anzeigen halten", begründet er seine Beschwerde beim Deutschen Presserat. Der Brief samt rabenschwarzer "Sonntag Aktuell" ist unterwegs nach Berlin.


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13 Kommentare verfügbar

  • Michael Weber
    am 20.01.2016
    Antworten
    Ich finde daß die schwarze Titelseite sehr gut zum Stuttgarter Feinstaubalarm paßt: die Daimlers dieser Welt lachen sich einen Ast über die Wirksamkeit der "furchterregenden" grünen Drohgebärden gegenüber den sich im VollSUV bewegenden Automobiljunkies unserer Region.
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