Ausgabe 244
Editorial

Schwarzer Tag für "Sonntag Aktuell"

Von unserer Redaktion
Datum: 02.12.2015

Wie vom Donner gerührt war Gerhard Manthey, als er am vergangenen Sonntag seine Zeitung aus dem Briefkasten gefischt hat. Die Titelseite von "Sonntag Aktuell" war schwarz. Terror in Deutschland? Nein, Mercedes-Benz feierte sich auf der gesamten ersten Seite. Unschuldig stand der Kopf von "Sonntag Aktuell" drüber, drunter der Stern auf dunklem Grund, und Manthey suchte vergeblich nach dem Zauberwort Anzeige. Ein klarer Verstoß gegen Ziffer 7 des Pressekodex, befand der Mann, der lange Jahre Verdi-Mediensekretär war. Er erkannte eine "Ausdehnung des Werbeteils auf die Zeitung, die den Unterschied zu einem Anzeigenblatt auflöst" - und er griff in die Tasten, formulierte eine Beschwerde an den Deutschen Presserat.

Nun ist die Titelseite jedes Mediums, das etwas auf sich hält, eine heilige Kuh. Sie ist das Schaufenster der Zeitung, der Platz für Journalismus, sie informiert die LeserInnen über die wichtigsten Ereignisse. Ein Chefredakteur, der etwas auf sich hält, kann sie nicht kampflos dem Anzeigengeschäft opfern. Doch von Christoph Reisinger war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu erhalten. Und auch sonst blieb es ruhig in der Redaktion der "Stuttgarter Nachrichten", die "Sonntag Aktuell" seit fünf Jahren bestückt. Allein Blattmacher und Techniker, so ist zu hören, hätten gestöhnt, weil die vierseitige Anzeige die Produktion kompliziert gemacht habe.

Geschäftsführer Bernhard Reese kann die Bedenken nicht verstehen. Anzeige und Redaktion seien sauber getrennt, Proteste aus dem Bezieherkreis nicht bekannt, die Gesellschafter informiert worden. Und überhaupt sei "Fullcover", zu deutsch: Ummantelung, "eine besonders aufmerksamkeitsstarke Werbeform".

Wohl wahr. Doch vor einigen Jahren noch erhielt der damalige Chefredakteur Andreas Braun eine Abmahnung, weil er die Titelseite geringfügig geändert hatte, um auf ein redaktionelles (!) Schwerpunktthema aufmerksam zu machen. Die Zeiten ändern sich und das Ende der Sonntagszeitung, die seit der Entlassung ihrer Redaktion vor fünf Jahren einen schleichenden Tod stirbt, ist inzwischen beschlossene Sache.

Am 31. März ist endgültig Schluss. Nach 36 Jahren. Das ist bei den Turbulenzen um den wundersamen "Stuttgarter Weg", sprich: die Fusion der Redaktionen von "Stuttgarter Nachrichten" (STN) und "Stuttgarter Zeitung" (STZ), fast in Vergessenheit geraten. Bei der gemeinsamen Betriebsversammlung Mitte November kam dennoch die bange Frage auf: Wie machen wir den Lesern den Abschied von "Sonntag Aktuell" schmackhaft? Da gab Christoph Reisinger den Tipp, "die dunklen und die hellen Seiten auf einen Schlag zu präsentieren". Abonnenten sollen, so der Plan, künftig am Donnerstag einen Veranstaltungsteil und am Samstag eine 24-seitige Beilage bekommen. Für den "großen Phantomschmerz bei den Sportlesern" soll es am Samstagabend eine E-Paper-App mit den Sportergebnissen geben. Darauf werden sich die Abonnenten - bei gleichen Preisen - gewiss freuen. Rechtzeitig im neuen Jahr, so Reese, sollen sie informiert werden.

So wird kurz vor knapp noch Kasse gemacht. Geschäftsführer Reese teilt mit, dass die Anzeige einen Brutto-Mediawert von rund 290 000 Euro habe, "bitte haben Sie Verständnis, dass wir Kundenkonditionen nicht öffentlich machen".  Selbst bei großzügiger Rabattierung bleibt da noch etwas hängen, bei vier Reklameseiten zumal. Von dem Geld, spötteln manche im Pressehaus, könne man manche Abfindung für bald überflüssiges Personal zahlen.

Das stimmt einen wie Gerhard Manthey, der stolz darauf ist, Gründungsmitglied des neuen Presserats zu sein und im Vorstand von Kontext sitzt, nicht milder. "Selbst Zeitungen, die eingehen, müssen sich an die Trennung von Redaktion und Anzeigen halten", begründet er seine Beschwerde beim Deutschen Presserat. Der Brief samt rabenschwarzer "Sonntag Aktuell" ist unterwegs nach Berlin.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

13 Kommentare verfügbar

  • Michael Weber
    am 20.01.2016
    Ich finde daß die schwarze Titelseite sehr gut zum Stuttgarter Feinstaubalarm paßt: die Daimlers dieser Welt lachen sich einen Ast über die Wirksamkeit der "furchterregenden" grünen Drohgebärden gegenüber den sich im VollSUV bewegenden Automobiljunkies unserer Region.
  • Klaus_2
    am 05.12.2015
    Ja, an Frau Thatcher dachte ich beim Anblick von Fr. Kr.-Bü. auch einige Mal.

    Danke, Michael Stocker, für die Quer-Infos.
  • Wolfgang
    am 04.12.2015
    Wo ist das Problem? War mir nach ein paar Sekunden klar, das mit der Ummantelung. Ist bei Fachzeitschriften schon lange Usus. Die Gestaltung fand ich unterirdisch - ich verstehe aber die Werbefritzen meist nie.
  • Frickleburt Frogfart
    am 03.12.2015
    Als hauptberuflicher Frankfurter und Teilzeit-Stuttgarter kann ich nur sagen: Kenn ich alles. Mein altes Leib-und-Magen-Blatt, die Frankfurter Rundschau, ist mittlerweile nur noch ein Schatten ihrer selbst. Früher mal dem progressiven und aufklärerischen Journalismus verpflichtet, kam sie irgendwann ins DuMont- und SPD-Fahrwasser und seit dem Konkurs ist sie nur noch ein zurechtgeschrumpftes feigenblättlerisches Anhängsel der konservativ-neoliberalen FAZ. Was in der FR inzwischen für Leitartikel veröffentlicht werden - da würde sich Karl Gerold im Grabe rumdrehen. Alles nur noch eine beliebige Pampe - je schneller es den Bach runtergeht, umso besser.
  • M. Stocker
    am 03.12.2015
    Vielleicht reicht mein Englisch ja nicht aus: aber kann es eventuell sein, dass Günther H. Oettinger mit der Übersetzung der Daimler-Werbeaussage betreut wurde? Oder ist WON womöglich eine Abkürzung, deren Bedeutung uns Normalos ohne gestörtes Verhältnis zum Motorsport oder auch nur zum Auto (also ohne libidinöses Verhältnis) verschlossen bleibt? Vielleicht World of Nausea oder so? Sollte aber das Partizip Perfekt von to win gemeint sein, würde ich trotzdem rätseln: kann man im Motortsport ein Jahr Zeit gewinnen? Fahren die wirklich so schnell? Oder eine Familie? Aber was für eine Familie? Ich sehe nur Autos. Oder wollte da jemand ganz besonders witzisch sein, höhöhö, mit dem verquälten 'Spiel' von one und won? Aua, aua, aua. Wahrscheinlich ist das eher die pompöse unfreiwillige berufliche Todesanzeige der Flachwitzer der Werbeagentur als von de Daimlers.
    Zu Sonntag Aktuell, das sonst eher das seehr günstige Anzeigenumfeld für Kreuzfahrt-Reedereien darstellt, gibts nichts weiteres zu sagen, außer dass uns diese CDU-Propagandaschleuder bis zum März, also bis zur Landtagswahl nicht erspart bleiben wird.

    Vielleicht noch eine Antwort auf die Frage von Klaus: Frau Offenbach, die gusseiserne Konservative, hat erst kürzlich ihren Rückzug als Kolumnistin erklärt. So rechtzeitig, dass niemand auf die Idee kommt, man hätte sie mit den jüngeren Kollegen und dem Büroinventar der Sonntag Aktuell zusammen entsorgt. Herr Bok übernahm ja schon seit geraumer Zeit als Mann fürs ganz Grobe den Kolumnistenposten. Wobei mit dem Übernehmen ist das so eine Sache: er müsste ein Mindstmaß an Bereitschaft zur intellektuellen Auseinandersetzung an den Tag legen. Gemessen an den überschaubaren Leistungen von Frau Offenbach ist dieser Journalist ein bisher undenkbarer Niedergang.

    Und Frau Krause-Burger übt weiterhin eifrig ihre Rolle als Iron Lady des als Tabubruch verkauften reaktionären Ressentiments aus, in der Stuttgarter Zeitung jedoch.
    Erst neulich wieder mit einem vergifteten Lob auf Boris Palmer. Wenn man Palmer andichten kann (und da ist er ja selbst nicht ganz unschuldig dran) dass er jetzt für Horst Seehofer als Kronzeuge seiner AFD-Politik dient, dann kann man den hach so rebellischen (Ganz der Vater! Und gegen die eigene Partei, wie sexy!) Palmer über den Grünen Klee loben. Das sah in besseren Zeiten schon mal anders aus, als er mit mathematischer Präzision den S21-Quatsch zerlegte, und sich einfach weigerte, über Frau Krause-Burgers CDU-Stöckchen zu springen. Da war er - ihrer Meinung nach - mit dem Rebellen-Gen seines Vaters - vorbelastet.
  • Alfred
    am 02.12.2015
    @ Klaus

    ...hoffentlich im Seniorenheim.
  • Andrea
    am 02.12.2015
    Mein erster Gedanke war: Wenn "Dr Daimler" stirbt, dann hat die Todesanzeige durchaus eine Titelseite in der Lokalen Zeitung verdient, schließlich hängen in der Region viele Jobs direkt oder indirekt "vom Daimler" ab.

    Aber er ist doch gar nicht tot. Oder?
  • jetztredichklartext
    am 02.12.2015
    Also mir ist es völlig wurscht was da abgedruckt wird. Ich kaufe mir schon lange nix mehr aus dem Konzern. Früher hab ich damit Fenster geputzt. Das mach ich jetzt mit den kostenlosen Anzeigenblättern. Der Unterschied zu den angesprochenen veröffentlichungen ist nicht der Rede wert. Wenns keiner kauft, zu lesen gibts da eh nix, wirds auch keine Grabesanzeigen für Autos mehr geben, es sei denn die Reichweite der Traueranzeige ist Daimler egal.

    Bei Stg. Nachrichten und Zeitung siehts nicht anders aus. Wie soll eine Mantelredaktion den dem Wunsch nach Meinungsvilefalt erfüllen wenn nur einer in zwei Häusern, äh.. Produkten des selben Hauses das Sagen hat.
  • Klaus
    am 02.12.2015
    Was machen dann Frau Krause-Bürger und Frau Offenbach?
    Hmm?

    Werde ich diese geliebtesten aller Kommentare dann woanders finden sollen?
  • Blender
    am 02.12.2015
    Ich habe es auch gesehen (zu lesen gab's bei mir da nichts wesentliches), und mich gefragt, wer in dieser Traueranzeige denn betrauert wird. Das Zeichen in der Mitte ähnelte etwas dem pariser Peace-Eiffelturm bzw. auch dem Emblem auf den Zeigern meiner "Ice-Watch"-Uhr, und der Buchstabenfolge W-?-N konnte ich auch keinen Sinn beimessen. Echt jetzt: Wenn das Mercedes Werbung war, dann würde ich als Mercedes-Chef die Werbeagentur wegen Geschäftsschädigung und Geldverschwendung verklagen.
  • adabei
    am 02.12.2015
    Schon vor Jahren, damals noch als Abonnent der StZ, wurde mir die Anfrage, ob man dieses unsägliche Werbe-Käsblättchen namens Sonntag Aktuell nicht preismindernd abbestellen könne, negativ beschieden. Die Alternative sei nur alles oder gar nichts.
    Und wes Geistes Kind ein Herr Reisinger ist, offenbarte er in seinem wohl primär für Werbepartner und konservative Entscheider gedachten Newsletter vom 15. Dezember 2014, in dem er „bei allem Respekt vor dem Demonstrationsrecht“ bekannte, wie ihn die Montagsdemos nervten. Und, weit schlimmer, war er sich nicht zu schade, gegen die Kosten für die aus seiner Sicht unnötig verschwendeten Steuergelder für die „polizeiliche Begleitung“ Stimmung zu machen und sie in Relation zu setzen mit den Kosten für den Einsatz bei – wohlgemerkt kommerziellen - Bundesligaspielen.
    Ein vorgeblicher Journalist, der bereit ist, Steuergeld gegen Grundrechte aufzurechnen, dem ist doch auch ein Pressekodex wurscht. Wenn es mit seiner Zeitung weiter bergab geht, wird ja demnächst vielleicht eine Stelle in der Daimler-Pressestelle frei…
    Kollege Hamann hat einen solchen Berufsweg schon vorgezeichnet.
  • Ulrich Scheuffele
    am 02.12.2015
    Der langweiligsten Sonntagszeitung im Land wird nach ihrem Ableben sicherlich kein Mensch nachweinen.
  • by-the-way
    am 02.12.2015
    Wieso Beschwerde beim Presserat?

    Das ist doch vollkommen authentisch, was die "Stuttgarter-Nachrichten Zeitung" hier auftischt:

    wirtschaftsabhängige und damit wirtschaftshörige Presse.

    Kennen wir doch hier in Stuttgart schon seit mindestens einem Jahrzehnt, mit der Stuttgart 21-Propaganda.

    Nichts Neues....

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr
unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.
JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!