SWMH-Geschäftsführer Richard Rebmann: Wie immer zuversichtlich. Foto: Michael Bode

SWMH-Geschäftsführer Richard Rebmann: Wie immer zuversichtlich. Foto: Michael Bode

Ausgabe 224
Medien

Blumenstrauß zum Frühstücksei

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 15.07.2015
Was wäre, wenn der VfB und die Kickers in Stuttgart fusionieren würden, um mit dem gesparten Geld Bayern München zu finanzieren? Empörung allerorten. Wenn das Zeitungen tun, bleibt fast alles ruhig. Drinnen und draußen. Auch wenn die Pläne noch so hanebüchen sind.

Eine Zeitung sei "wie ein neuer Blumenstrauß", sagt Richard Rebmann, der 57-jährige Schwarzwälder. Täglich auf dem Tisch, ja, das hinterlasse ein "Gefühl der Bereicherung". Nun hat der Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), soweit wir wissen, keinen Beratervertrag mit dem Verband des Deutschen Blumen-Groß- und Importhandels e. V., aber er hat das gewiss nett gemeint, oder war zumindest stolz darauf, ein so hübsches Bild gefunden zu haben. Poesie ist normalerweise seine Sache nicht, Emotion eher dem Kontoauszug vorbehalten, weshalb in seinem Pressehaus gleich wieder Bitterkeit ausgebrochen ist. Aha, haben sie dort geschimpft, wir sind also die "Dekoration zum Frühstücksei".

Sie wollten damit sagen, dass der Inhalt für ihren Verleger nicht so wichtig ist. Dafür gibt es ausreichend Anhaltspunkte im "Schwarzwälder Boten", den Rebmann in die SWMH eingebracht hat, um 2007 deren Geschäftsführer zu werden. Jetzt soll die "Stuttgarter Zeitung" (StZ) leuchten wie eine Sonnenblume, die "Stuttgarter Nachrichten" (StN) wie ein Vergissmeinnicht, was ihnen durch allerlei Layoutreformen optisch schon geglückt ist. Insoweit ist die Reise auf dem "Neuen Stuttgarter Weg", den der Oberndorfer im CvD-Büro der StZ erfinden lassen hat, konsequent: alle Blümchen zu einem Strauß zusammen und jeweils ein anderes Schleifchen drum rum binden.

Finden die Zusammenlegung gar nicht gut: Journalisten. Foto: Joachim E. Röttgers
Finden die Zusammenlegung gar nicht gut: Journalisten. Foto: Joachim E. Röttgers

Prosaischer nennt man das die Fusion zweier Redaktionen unter Beibehaltung zweier Zeitungstitel. Und die Kunst wird sein, sagt Rebmann, jeden Tag eine "möglichst unterscheidbare" Zeitung heraus zu bringen. Über das Wie zerbricht sich das journalistische Personal jetzt den Kopf beziehungsweise fasst sich an denselben, weil es die Sinnhaftigkeit der Unternehmung noch nicht durchdrungen hat. Die Chefredakteure überraschen ihr Fußvolk mit der Aufforderung, sich eine "intelligente Arbeitsorganisation" einfallen zu lassen, was jenem schwer fällt, weil es nicht weiß, wie das gehen soll, wer gehen muss und wer bleiben darf. 35 von 240 Vollzeitstellen sollen weg fallen, alle sollen sich neu bewerben, auch die Ressortleitungen, und nur die Chefredakteure bleiben. Vorläufig.

Gefordert sind "Change- und Prozessoptimierungs-Gedanken"

Die Ressortchefs müssen sich dabei vom alten Denken lösen. Wer weiter das Feuilleton führen will, muss kein Petras-Kenner sein, sondern, laut Stellenausschreibung, ausgeprägte "Change- und Prozessoptimierungs-Gedanken" im Kopf haben, einen "Medienkanal-übergreifenden Workflow" aufbauen sowie "journalistische Sonderformate" konzeptionieren. Wie zum Beispiel den "Kulturreport", die gemeinsame Beilage von StZ und StN, in der die Theater über den Inhalt mitbestimmen, weil sie dafür zahlen. Von unabhängigem Journalismus steht nichts in der Stellenausschreibung. Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier meint, die Pressehaus-Manager täten auch Aale verkaufen.

Wer das alles nicht mehr mag, muss nur das "außerordentliche Abfindungsangebot" bis zum 31. August 2015 unterschreiben, und erhält dann 25 000 Euro (bis zum 40. Lebensjahr), bis zum 60. das Doppelte, und danach wieder 25 000. Dazu kommen 0,75 Prozent des durchschnittlichen Bruttomonatsgehalts pro Dienstjahr sowie eine Turboprämie von 22 500 Euro. Alles voll zu versteuern, woraus folgt, dass die Bereitschaft, seinen Redaktionssessel zu verlassen, offenbar noch zu schwach ausgeprägt ist, um die Zahl 35 zu erreichen. Stärker scheint der Wille zu sein, sich mehr einzubringen, etwa via Facebook, das zur Markenbildung beiträgt.

Das hat mit dieser Unterschiedlichkeit, mit dem eigenständigen Profil zu tun, worauf Geschäftsführer Rebmann abhebt. Dazu muss man wissen, dass eine Zeitung früher eine Zeitung war. Die "Stuttgarter Zeitung" zum Beispiel eine, die auf ihre Liberalität stolz war und einen Herausgeber hatte, der einst Lesern wegen erwiesener Blödheit das Abonnement gekündigt hat. Heute soll eine Zeitung eine Marke sein, die sich im Warengeschäft behaupten und ihre Kundschaft mit hübschen Auslagen binden soll. Besonders gut ist es, wenn auch deren Produzenten, sprich die Journalisten, eine Marke sind. Und wie schaffen Frau und Mann das, wenn sie nicht schon Joe Bauer sind? Am besten über die so genannten sozialen Medien, in denen sie erzählen, mit wem sie alles befreundet sind und was sie gerade so machen. In Baden-Württemberg ist Boris Palmer gut, Bernd Riexinger schlecht.

Wolfgang Molitor muss unbedingt Profilautor werden

Auf dem Weg in die digitale Zukunft ist das unabdingbar und vom Arbeitgeber auch gefordert. Für die Profilsicherung braucht es Profilautoren, zwölf für jede Zeitung, die den LeserInnen signalisieren sollen: du bist jetzt bei der "Zeitung" und du bei den "Nachrichten". Konkret: Wolfgang Molitor, der stellvertretende StN-Chef, muss unbedingt Profilautor werden, weil er a) schon viele Facebook-Freunde hat und b) auf alles eindrischt, was nach linken Umtrieben riecht. Joachim Dorfs wiederum, der StZ-Chef, ist zwar schon gesetzt, aber niemand weiß so recht warum. Es sei denn, dass a) das Amt qualifiziert und b) sein Verweis auf Wolf Biermann, mit dem er die Zusammenlegung der Redaktionen (treu bleibt sich nur, wer sich ändert) rechtfertigte, Ausweis genug ist.

Voll profiliert: Wolfgang Molitor (links) und Joachim Dorfs. Foto: Joachim E. Röttgers
Voll profiliert: Wolfgang Molitor (links) und Joachim Dorfs. Foto: Joachim E. Röttgers

Apropos Amt: Es gab bei den Zeitungen früher Chefredakteure, die sich nicht als verlängerter Arm der Verleger verstanden haben. Und tatsächlich soll es so einen noch geben. In München bei der "Süddeutschen Zeitung". Kurt Kister heißt er, und vor ihm sollen die Herren der SWMH mächtig Mores haben. Dankbar sollen sie sein, heißt es, wenn sie bei ihm einen Termin kriegen, und nicht umgekehrt. Das Dumme ist nur, dass sie sein Blatt als Flaggschiff betrachten, das ihnen zu Ruhm und Ehre gereichen soll, das aber auch für ihre Nöte verantwortlich ist. Hätten sie damals, anno 2008, nicht 60 Prozent der SZ-Anteile für sage und schreibe 720 Millionen Euro gekauft, wären sie heute liquide wie eh und je, und müssten ihren Gesellschaftern von Ulm über Pforzheim bis Heilbronn seitdem nicht vorenthalten, was die über Jahrzehnte gewohnt waren: die Millionen-Dividende. Stattdessen mussten die Teilhaber mehr als 100 Millionen Euro nachschießen. "Die SWMH steht mit dem Arsch an der Wand", sagt ein Insider, und das ist der eigentliche Grund für das ganze Gedöns um die "flexible Gemeinschaftsredaktion", die Geschäftsführer Rebmann als neuen Weg ohne Vorbild preist. Es ist nichts anderes als Sparen auf Kosten der Stuttgarter Blätter, und das wird weiter gehen.

Entsprechend sauer sind die KollegInnen in Möhringen - auch auf die in München. Von bayerischen Weltblatt komme keine Unterstützung, heißt es, bestenfalls ein Artikel ("Eine ganz neue Nähe"), in dem sich die Autoren über die einstige Sitzordnung bei der Daimler-Pressekonferenz lustig machten. Dort der StZ-Kollege, weit entfernt der StN-Mensch. Danach durften die Chefredakteure Christoph Reisinger ("Der Weg hat Charme") und Dorfs ("eine Herausforderung") das Ihre sagen, und mit dem Fazit enden: Unterschiede ja, aber keine Fehde mehr. Da hätten sie mal besser in die letzte Betriebsversammlung rein gehört, in der Dorfs behauptete, seine Leute hätten einst die Einstellung der "Nachrichten" ins Gespräch gebracht. Da war kurz Rambazamba.

Das kann also heiter werden, wenn die Großredaktion von April 2016 an, so der Plan, in einem gemeinsamen Newsroom sitzen wird. Das müsste eigentlich der weltweit größte sein. In dem dann der Ressortleiter Lokales mit seinen "Change- und Prozessoptimierungs-Gedanken" entscheidet, welche Geschichte in welchem Blatt erscheint. Der S-21-Skandal vielleicht als Dreispalter in der StZ, als Meldung, wenn überhaupt, in der StN? Auf diesen behördlichen Schwergang darf man gespannt sein.

Eine Idee wäre auch, die treuen LeserInnen zu pflegen

Aber das macht erst mal nichts, weil dahinter das große Ganze steckt. "Wirtschaftliche Erwägungen" nämlich, wie Rebmann in einem Gespräch mit dem Mediendienst "Kress" verriet. Es habe keinen Sinn, in jeden Titel getrennt zu investieren, das sei zu teuer, rausgeschmissenes Geld, weil die mediale Zukunft digital sei, meint er. Deshalb wird das künftig wichtigste Ressort auch "multimediale Reportagen" heißen, in dem "neue Workflows mit Reportern, Videospezialisten und Web-Designern bzw. -Entwicklern" ausprobiert werden. Dafür werden noch 15 Fachleute gesucht.

Ob die LeserInnen diesen Weg mitgehen wollen? Ausschnitt aus dem "Strategieprozess SWMH 2020".
Ob die LeserInnen diesen Weg mitgehen wollen? Ausschnitt aus dem "Strategieprozess SWMH 2020".

Nun könnten "wirtschaftliche Erwägungen" auch bedeuten, das zu sichern, was man hat. Die gedruckten Zeitungen etwa, die immer noch das Geld bringen. Sprich die LeserInnen, die treu und brav ihre Abos bezahlen, Jahr für Jahr fast zehn Prozent mehr. 275 Euro kostete die StZ im Jahr 2008, heute sind es bereits 435 Euro. Immerhin: Die verkaufte Auflage von StZ und StN liegt noch knapp über 180 000 im ersten Quartal 2015, vor sieben Jahren waren es fast 220 000. Ein dramatischer Rückgang gewiss, aber immer noch das Rückgrat der Bilanz. Doch irgendwie scheint diese Kundschaft eine Restgröße, eine aussterbende Spezies, zu sein, der so ziemlich alles zuzumuten ist. Oder hat sich irgendeiner der hoch bezahlten Manager in Möhringen mal überlegt, was die LeserInnen denken? Die einen lesen seit Jahren die "Zeitung", weil sie ihnen liberal erschien, die anderen die "Nachrichten" wegen ihrer konservativen Grundhaltung. Jetzt sollen sie alles in einem kriegen, nur unter ihrem vertrauten Etikett. Als Blumengruß zum Frühstücksei.

Dem Oberndorfer Blumenhändler wird dabei am wenigsten passieren. Er hat seine Schafe im Trockenen. Er vertraut einfach darauf, dass alles ruhig bleibt. Draußen und in seinem Laden. Man stelle sich mal vor, der VfB Stuttgart und die Stuttgarter Kickers würden fusionieren, um mit dem ersparten Geld Bayern München zu finanzieren.


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