Ausgabe 220
Editorial

Lebensmittel Pressefreiheit

Von Gerhard Manthey
Datum: 17.06.2015

Es ist wie mit allen Dingen unseres Lebens. Wenn wir sie nicht mit Sorgfalt, Achtsamkeit, Energie und Ausdauer pflegen, werden sie sich so verändern, dass wir eines Tages feststellen: "Das ist nicht mehr das, was wir gewollt haben!" Dies ist dann meist ein Zeitpunkt, an dem es schon zum Schlechten steht. Wegwerfen, neu kaufen ist der nächste Gedanke in unserer Wegwerfgesellschaft. Oder einfach Abo abbestellen.

Demo vor dem Pressehaus. Fotos: Joachim E. Röttgers
Demo vor dem Pressehaus. Fotos: Joachim E. Röttgers

Mit der Pressefreiheit geht das nicht. Wenn die alte verschwunden ist, können wir uns keine neue kaufen. Aber es steht nie so schlecht, dass es nicht den Versuch wert wäre, wieder etwas zu verändern und zu verbessern. Im Kleinen wie im Großen. Kontext, die Bewegung, die Redaktion, die Leserinnen, Förderer, Sympathisanten haben festgestellt: Eine neue Zeitung muss her, die Pressefreiheit im Kleinen wieder praktiziert. Kapitalinteressen haben hier keinen Einfluss auf den redaktionellen Inhalt. Deshalb kämpft David für Goliath.

So wie jeden Montag auf den Demos gegen S 21 Demokraten gegen ein Bauwerk kämpfen, das mit allen Gesetzen des Staates gebaut wird. Und gleichzeitig muss ein Bürger Zorn, Ohnmacht und Empörung empfinden, wie wenig die einst blutig vom Volk gegen die Obrigkeit erkämpfte Demokratie wirklich stattfindet und fundierter Widerspruch ungehört bleibt. Mit der täglich anzutreffenden Pressefreiheit um uns herum ist es das Gleiche.

Etwa 60 Redakteurinnen und Redakteure, Beschäftigte, Gewerkschafter protestierten vergangenen Freitag gegen den "Irrweg von Stuttgart", nämlich die beiden Redaktionen von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" zusammenzulegen – bis zum März 2016. Das ist der Stichmonat für den neu zu wählenden Landtag in Baden-Württemberg.

Pressefreiheit ist nicht umsonst

Es geht um Pressefreiheit in diesem Land, in dieser Stadt, in dieser Politik. Und wenn wir dieses Lebensmittel Pressefreiheit nicht noch mehr verderben lassen wollen, dann müssen wir uns regen. Dabei wird auch mit dem weit verbreiteten Irrtum aufgeräumt werden müssen, dass es Pressefreiheit umsonst gäbe, dass sie nichts koste.

Pressefreiheit kostet erheblich. Doch der bezahlte Preis für sie fließt nicht in ihre Pflege, sondern zum Zukauf neuer Zeitungen für wenige Konzernbesitzer. Unabhängigkeit in der Pressefreiheit kostet sehr viel. Denn um dem Anspruch der Pressefreiheit zu genügen, braucht es ausreichend vernünftig bezahlte freie Mitarbeiter, Redakteurinnen, Angestellte, Autorinnen, die uns die komplizierte und so vielfach verwobene Welt ablichten und von allen Blickwinkeln nachvollziehbar bewerten.

"David kämpft für Goliath" hat auch zum Ziel, Kontext größer und besser werden zu lassen und dabei alle auch dafür zu begeistern, politisch den Weg zu beschreiten, dass die Rückeroberung der Pressefreiheit in dieser Stadt und in diesem Land gelingt. Und dazu brauchen wir viele Bürgerinnen und Bürger, die dabei helfen, diese Interessen in die Politik zu tragen. Der Landtagswahlkampf ist die beste Zeit, jene, die im Namen der Bürgerinnen und Bürger regieren wollen, beim Wort zu nehmen: Politiker, wie hältst du es mit der Pressefreiheit?

Wolfgang Molitor, Leni Breymaier und Joachim Dorfs (v. l. n. r.).
Wolfgang Molitor, Leni Breymaier und Joachim Dorfs (v. l. n. r.).

Joachim Dorfs, Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", hat den Protestierenden vor dem Werkstor des Druckzentrums in Stuttgart-Möhringen mit Überzeugung erklärt, dass der Schritt der Zusammenlegung der beiden Zeitungsredaktionen, die als ein gemeinsames Redaktionsorgan weiter die beiden Zeitungen unterscheidbar bedienen sollen, der erfolgreiche "neue Stuttgarter Weg" sei. Es werden siebenstellige Summen investiert werden, es verlieren auch Beschäftigte ihre Arbeit, aber auch einige wenige, etwa Programmierer, Journalisten, die noch mehr Technik beherrschen, sollen eingestellt werden, um die Zeitung per Papier und online erfolgreich in die Zukunft zu bringen.

Zeitungen als Wurstfabrik

Ein aus der Verlegersicht betriebswirtschaftlich schlüssiges Konzept. Verdi-Landesbezirksleiterin Leni Breymaier, die solidarisch die Protestierenden besuchte, stellte die gleiche Frage, die auch alle Beschäftigen in den Redaktionen der Zeitungen sich stellen: Warum wird der "neue Stuttgarter Weg" nicht mit den Redaktionen, den freien Mitarbeitern im Dialog begangen, warum sind die Abonnenten und Käuferinnen nicht mit einbezogen? Auch wenn dies ein mühsamer Weg ist. Die Pressefreiheit und deren Produkt ist es wert.

Aber daran hat der Chef der Südwestdeutschen Medien-Holding (SWMH), Dr. Rebmann, noch nie gedacht. Hier liegt der Fehler im System: Eine SWMH wird nur nach dem betriebswirtschaftlichen Gusto der Kapitaleigner geführt, aber nicht wie ein Lebensmittel behandelt, von dem unser Leben und unsere Demokratie abhängt. Als wär's eine Wurstfabrik.

Die Auseinandersetzung hat begonnen, und sie wird in den kommenden Wochen mit Inhalten zur Realisierung der Pressefreiheit angereichert werden. "David kämpft für Goliath" soll eine Interessenvertretung für die Pressefreiheit in unserer Stadt und unserem Land werden. Danke, Gudrun und Werner Schretzmeier, danke, Dr. Klaus Kunkel, Renate Angstmann-Koch, danke an alle anderen. Wir müssen noch viel mehr werden!

Wir brauchen uns alle in diesem Wahlkampf für unsere Forderungen an die Politik und die künftige Landesregierung und an die Besitzer der Pressefreiheit in Baden-Württemberg zum Thema Presse- und Medienfreiheit und Unabhängigkeit der Medienschaffenden. Denn nicht nur in Stuttgart sollen die Zeitungen besser, die Redaktionen unabhängig werden und die Konsumenten mitbestimmen. Online, Papier, auf dem iPhone – Pressefreiheit ist ein Grundnahrungsmittel.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!