Worms 2013. Foto: Jivee Blau, CC BY-SA 3.0

Ausgabe 272
Gesellschaft

Auen statt Bauen

Von Gastautor Kai Baudis
Datum: 15.06.2016
Nach den Hochwässern der vergangenen Wochen ist man sich vor allem in der Politik einig: Der Klimawandel ist maßgeblich schuld an den Katastrophen, die Unwetter und starke Regenfälle auslösen. So einfach ist es aber nicht.

Denn diese Argumentation greift zu kurz. Dass der Klimawandel der maßgebliche Grund für die aktuellen und vergangenen Hochwasserereignisse ist, lässt sich derzeit nicht eindeutig belegen, das zumindest vermelden das Umweltbundesamt und der Deutsche Wetterdienst. Aber die Argumentation ist eine bequeme, vor allem für die Politik: Wenn der weltweite Klimawandel an den Hochwässern schuld ist, so die Botschaft, können wir hier vor Ort ja ohnehin nichts unternehmen. Aber gerade auf kommunaler Ebene kann vielmehr dafür getan werden, dass extreme Überschwemmungen wie die der vergangenen Wochen wieder weniger werden.

Hochwasser hängen nicht nur von der Stärke und Dauer des Regens, sondern von zwei weiteren Faktoren ab: dem Einzugsgebiet des Flusses und dem Fluss selbst. Seit dem 19. Jahrhundert wurden Flüsse und Bäche in großem Stil begradigt, im Irrglauben, man könne sie dadurch beherrschbar machen, und um Raum für Siedlungsbau und Landwirtschaft zu gewinnen – eine Praxis, die bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts (und teilweise darüber hinaus) fortgesetzt wurde. Bis heute sind die allermeisten unserer Fließgewässer durch Begradigungen verkürzt und mit Befestigungen aus Stein und Beton gesichert. Die Folge: Die Fließgeschwindigkeit nimmt zu, Abflüsse aus Seitengewässern gelangen schneller in den Fluss und überlagern sich, bündeln sich zu einer schnelleren, steileren und höheren Hochwasserwelle: Das Hochwasser steigt.

80 Prozent des natürlichen Hochwasserschutzes sind schon weg

Flussbegradigungen und das Bauen von Deichen zur Landgewinnung bedeuten, dass natürliche Überschwemmungsgebiete in den Flussauen verloren gehen. In einem intakten Flusssystem sorgen diese Flächen für einen natürlichen Hochwasserrückhalt, indem sie die Wassermassen aufnehmen und speichern; gehen sie verloren, schwillt das Wasser in Bächen und Flüssen immer weiter an. Etwa 80 Prozent dieses natürlichen Hochwasserschutzes sind in Deutschland bereits verschwunden, an manchen Flüssen sogar noch mehr.

"Den Flüssen mehr Raum geben" – nach diesem Credo fordern Umweltverbände schon lange, Flüsse zu renaturieren und Deiche rückzuverlegen, um diese gefährliche Entwicklung umzukehren. Doch geschehen ist bislang wenig, die nötigen Maßnahmen scheitern allzu oft am Widerstand vor Ort sowie am fehlenden politischen Willen. Auch die grün geführte Landesregierung hat hier kein wirkliches Umdenken gezeigt, wie sich beispielhaft am Rheinpolder Bellenkopf/Rappenwört zeigte, bei dem die Chance für eine Deichrückverlegung und damit eine Reaktivierung der Au verschenkt wurde.

Als Reaktion auf die Hochwasserereignisse der vergangenen Jahre bauen die Kommunen immer noch mehr Deiche, um neue Baugebiete oder auch nur den Fußballplatz des örtlichen Sportvereins zu schützen. Dabei nehmen diese vermeintlichen Schutzmaßnahmen dem Hochwasser noch mehr Raum und verstärken dadurch die Gefahr für die Menschen, die weiter flussabwärts wohnen.

Auch der Umgang mit dem gesamten Einzugsgebiet eines Gewässers ist für Hochwasser verantwortlich. Stark vereinfacht kann man sich ein solches Einzugsgebiet wie einen Trichter vorstellen, der den gefallenen Niederschlag in das Gewässer leitet. Wie viel Wasser wie schnell im Fließgewässer ankommt, hängt vom Boden des Einzugsgebiets ab, der Niederschläge wie ein Schwamm aufnehmen und langsam wieder abgeben kann. Die Wassermenge, die ein Boden aufnehmen kann, hängt dabei stark von der Bodennutzung ab: Wälder und natürliche Grünflächen verfügen über eine sehr hohe Aufnahmekapazität, die ein Mehrfaches über der von landwirtschaftlichen Intensivflächen liegt. Versiegelte Flächen wie Straßen oder Industrieflächen können überhaupt kein Wasser aufnehmen. Das Wasser landet über die Kanalisation vollständig als Abfluss im Gewässer.

Das Zauberwort heißt Renaturierung

Ein Extrembeispiel für diesen Einfluss ist die Körsch, ein Seitengewässer des Neckars, deren Einzugsgebiet den Flughafen Stuttgart und die Fildern umfasst, das also von starker Bebauung und intensiver Landwirtschaft geprägt ist. Durch diese hohe Flächenversiegelung, so eine Untersuchung im Auftrag des Umweltbundesamts, liegen die Abflüsse der Körsch bei Starkregenereignissen heute um das Sechsfache über der natürlichen Abflussmenge.

Ein solches extremes Überlaufen eines Flusses, der Aach, hat 1988 in Radolfzell am Bodensee zum Umdenken geführt. Der Fluss darf sich seitdem sein eigenes, natürliches Flussbett schaffen. Auch die Zugwiesen bei Ludwigsburg sind ein gutes Beispiel dafür, wie die Natur vor Hochwasser schützen kann, wenn man sie gewähren lässt. 17 Hektar Auenfläche können im Notfall nicht nur viel Wasser speichern. Sie sind gleichzeitig auch Lebens- und Erholungsraum für Tier und Mensch.

Die Auswirkungen des Flächenverbrauchs auf die Hochwasserentstehung sind unbestritten. Obwohl Maßnahmen wie in Ludwigsburg oder Radolfzell zeigen, wie wichtig es ist, dem Wasser natürliche Rückzugsmöglichkeiten zu bieten, hat bislang kein umfassendes Umdenken stattgefunden. Allein in den letzten 15 Jahren haben die Verkehrs- und Siedlungsflächen in Baden-Württemberg um mehr als elf Prozent zugenommen. Täglich kommen mehr als fünf Hektar hinzu.

 

Kai Baudis ist stellvertretender Vorsitzender des BUND-Landesverbands Baden-Württemberg und der Gewässerexperte des Vereins.


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3 Kommentare verfügbar

  • Karl Käfer
    am 16.06.2016
    Lieber Horst Ruch,

    wer lesen kann ist klar im Vorteil: Der Artikel leugnet keinesfalls den Klimawandel - bestritten wird nur, dass er für die aktuellen(!) Hochwasserereignisse der maßgebliche Faktor ist, bzw. dass es nur diesen Faktor gebe.
  • Hartmann Ulrich
    am 15.06.2016
    Im Prinzip hat Herr Baudis vollkommen recht; überhaupt ist der ungezügelte Flächenverbrauch (schon das Wort zeigt an, wie problematisch die Sache ist) ein viel zu wenig beachteter Mißstand.
    Die jüngsten Hochwasser taugen aber nur sehr bedingt als Beleg dafür: sie gingen - etwa hier im Hohenlohischen - nicht von den Flüssen aus, sondern von Bächen. Die Verwüstungen sind in den Ortskernen entstanden, die bebaut sind, seit das Land besiedelt ist. Die Hänge dahinter, von denen das Wasser herunterkam, sind bewaldet. Natürlich wird zu untersuchen sein, ob der Umgang mit den Gewässern, Verbauung oder auch der zunehmende Maisanbau die Schäden verschlimmert haben. Vermeiden ließen sie sich wohl nicht.
  • Horst Ruch
    am 15.06.2016
    ...der Klimawandel, das 2. Unwort des Jahres... Hört sich wunderbar überirdisch an. Man lese doch mal in alten Chroniken aus dem Mittelalter nach, z.B. Stuttgart, als die Erdbeeren schon im Januar geerntet wurden, und dafür alles andere im Mai durch extremen Dauerfrost nutzlos geworden war, oder das Augustunwetter 1562. Klima der Dauerwandel in unsrer Erdgeschichte....zeigt zumindest eins, daß der Mensch auch mit und ohne CO2 und Treibhausgas nicht Gedankenlos die Flußniederungen versiegeln, die bewaldeten Hänge abholzen darf. Allerdings gehört dazu ein sachverständiger politischer und nicht wie in Stuttgart einzig der wirtschaftspolitische Wille dazu.

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