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Neuer Wehrdienst

#HustChallenge

Neuer Wehrdienst: #HustChallenge
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Deutschland macht ernst: Ab Januar bekommen 18-Jährige Vorladungen zur Musterung – und Soziale Medien damit eine Flut an Videos einer Generation, die sich nicht unwidersprochen an die Eier fassen lässt.

Im Post-Neujahrsnebel bin ich mit einer Freundin in unserer Heslacher Stammkneipe versumpft und wir haben gemacht, was wir dort immer machen: Schorle saufen und uns vom Hundertsten ins Tausendste katapultieren, während wir ketterauchend zwischen Mikro-, Meso- und Makroebenen switchen, um die großen Fragen der Menschheit zu besprechen. Wer sind wir – und wenn ja, warum sind wir so unfassbar dumm? Und warum ist es auf allen denkbaren Ebenen logisch, richtig und geboten, dass ich mir morgen ne Playstation 5 kaufe? Sie Sozialpädagogin M. A., ich Philosophin M. A.. Beide kinderfrei. Beide bald nicht mehr im gebärfähigen Alter. Also bald nutzlos für den deutschen Staat und ein Bruttoinlandsprodukt. Denn vom Prinzip Lohnarbeit halten wir auch nicht viel. Ganz im Gegensatz zur Generation vor uns, die sich völlig selbstverständlich über Lohnarbeit und Familiensinn definiert hat und das Wort "Teilzeit" nicht kannte. Was für ein Wahnsinn! Neben so viel anderem Irrsinn der Boomer und vorigen Generationen, von dem wir heute glücklicherweise nicht mehr direkt betroffen sind: Paragrafen, die Homosexualität mit Gefängnis bestrafen; Gesetze, die es Frauen verbieten zu wählen, ohne die Zustimmung ihres Ehemannes einer Arbeit nachzugehen, ein Konto zu eröffnen. Komplett irre und unvorstellbar heute. Manchmal muss ich fast lachen, wie absurd manche gesellschaftlichen Normen und Gesetze heute erscheinen, die für meine Eltern und Großeltern Normalität waren.

Zur Normalität unserer Opas und Uropas gehörte es, als kaum 20-Jährige in den Krieg zu ziehen. Zu töten. Zur Normalität unserer Väter gehörte es, nach der Schule Wehrdienst leisten zu müssen. Töten zu lernen. Selbst in meiner Generation gab es Teenager, die davon noch betroffen waren. Obwohl wir die letzte Generation waren, in der es für viele 18-Jährige noch eine Wehrpflicht gab, hatte diese Normalität bereits große Risse. Späte Jahrgänge von uns Millennials sind bereits in einem Deutschland Jugendliche gewesen, in dem es nicht mehr normal war, nach der Schule zum Militär zu müssen. Die Generation nach uns wiederum, die Gen Z, hatte mit Wehrpflicht gar nix mehr am Hut. Bis jetzt. Denn Deutschland hat mal wieder Bock auf Krieg. Seit Januar 2026 ist das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz (WDModG) in Kraft getreten. Bereits Mitte Januar sollen erste Briefe verschickt werden, in denen männliche 18-Jährige unter Androhung von 1.000 Euro Strafe zur Musterung gezwungen werden, um ihre "Wehrtauglichkeit" prüfen zu lassen. Frauen dürfen freiwillig mitmachen. Bummbumm statt Tiktok. Briefpost statt Whatsapp. Eine Nachricht aus einer anderen Welt, in der Telefone noch Schnüre hatten und das Internet ein Geräusch: Üüüüüü-Lülülülülü.

Die erste fremde Hand im Schritt

Hey Kids, legt die Vapes beiseite, der "Neue Wehrdienst" ist da! Neu ist daran vor allem, dass sich dieser Brief für heutige Teenager anfühlen muss wie ein ganz, ganz schlechter Witz. Musterung? What? Während große Teile der Männer meiner Generation noch wissen, was "Husten Sie mal" konkret bedeutet, ist Gen Z bereits so weit weg von Übergriffen auf Genitalien, dass sie gar nicht mal weiß, was da auf sie zukommt. Während 18-jährige Frauen meist schon mehrfache freiwillige gynäkologische Untersuchungen hinter sich haben, werden Abertausende von jungen Männern das erste Mal eine Hand zwischen ihren Beinen spüren, die nicht ihre eigene oder die einer Situationship ist. Gegen ihren Willen. Unter Androhung von Strafe. Dabei ist der staatlich angeordnete "Eierkontrollgriff", um den Generationen von Männern einen heroischen Wehleidigkeitsmythos gesponnen haben, bei Weitem nicht die größte Sauerei bei der Erfassung zur Tauglichkeit von menschlichem Schlachtvieh.

Doch wenn die ersten 18-Jährigen dieses Jahr in den geplanten 24 Musterungszentren und acht "Karrierecenter mit Assessment" eintrudeln, um sich auf ihre Kanonenfuttertauglichkeit hin prüfen lassen zu müssen, wird ein patriarchaler Boomer-Staat und sein Militär auf eine Generation treffen, für die "Consent" kein Trendwort, sondern ein völlig normaler Mindeststandard ist. Klar, hier und da wird es auch ein paar autoritäre Charakter geben, die glauben, dass es mannhaft sei, ein Soldat zu werden; es gibt ja auch viele Kids, die sich von rechten Influencern verblöden haben lassen. Die große Mehrheit der 18-jährigen Deutschen, aufgewachsen mit Pronomen, Triggerwarnungen, Awareness-Teams, Queerness und "My body, my choice", wird den obligatorischen "EKG" zwischen die Beine von Bundeswehrsanitätern jedoch nicht mehr für einen normalen männlichen Initiationsritus halten, der den Boomern angeblich "auch nicht geschadet" hat.

Wenn die ersten 18-Jährigen bei der Musterung erscheinen müssen, wird das Internet brennen. Denn neben dem Fakt, dass hier eine Generation auf ein Relikt aus einer gefühlten Steinzeit trifft, wird die Bundeswehr auf eine Generation treffen, die es gewohnt ist, Bullshit outzucallen und die Sozialen Medien mit ihrem Privatleben zu bespielen. Und ich bezweifle, dass die Regierung auf das vorbereitet ist, was passiert, wenn heutige Teenager von einem Staat an den Eiern gepackt werden, der ihnen gar nichts, aber auch gar nichts anzubieten hat: Sie werden ihn auslachen. Einfach auslachen. Und das Internet mit Tausenden Videos und Memes bespielen. Während auch wir Millennials es noch eher gewöhnt waren, cholerische Lehrer, Chefs, Mobbing, autoritäre Führungsstile oder narzisstische Eltern zu ertragen, weil wir noch viele Narrative gefressen hatten, sind 18-Jährige heute in einigen Dingen weiter und haben am eigenen Leib bereits erfahren, dass rosige Erzählungen von Aufstieg, traditionellen Familienkonzepten, 40-Stunden-Wochen und Volksdenken Quatsch sind. Dass dieser Staat ihnen faktisch die Zukunft versaut hat und sie nun weiter versauen will.

Deutschlandfunk-Rückblick ist Brainrot

Wie weit der Boomer-Staat von der Lebensrealität von Jugendlichen entfernt ist, kann man etwa im Jahresrückblick des Deutschlandfunks vom Dezember in einer Grausamkeit erleben, auf die auch ich als Millennial mit Übersprungslachen reagiert habe. Unter dem Titel "Bröckelnde Gewissheiten" diskutieren hier Robin Alexander, Ulf Buermeyer, Anne Will, Tina Hildebrandt, Nadine Lindner und Katharina Hamberger über einen "Epochenumbruch" und kommen irgendwann auch auf die neue Wehpflicht zu sprechen. Und wie hier versucht wird, die Wehrpflicht als eine gute Sache, ja eine Entscheidung "für die junge Generation" zu framen, lässt sich wirklich nur mit einem Wort beschreiben: Brainrot. Absolute und weit fortgeschrittene Gehirnfäule. "Zeit"-Journalistin und -Podcasterin Tina Hildebrandt hält die Wehrpflicht nicht für eine "Belastung" für die junge Generation, sondern für eine "Investition in die eigene Zukunft", ja ein "Engagement". Und allen am Tisch leuchtet das ein. Denn es ist ja klar, dass es für heute 18-Jährige völlig einsichtig ist, dass sie nach 18 Jahren in einem neoliberalen System, das keinen Gemeinsinn lehrt, jetzt für ein abstraktes Deutschland und einen Volkskörper an der Waffe ausgebildet werden müssen. "Welt"-Gewächs und "Machtwechsel"-Podcaster Robin Alexander glaubt dann wirklich, einen taff-jovialen Micdrop abzuliefern, wenn er den Jugendlichen, die sich für Klimaschutz einsetzen, aber nicht zur Bundeswehr wollen, "viel Spaß mit Klimaschutz unter russischer Besatzung" wünscht. Ganz so, als wären es eben nicht gerade die Boomer, die sich mit Händen und Füßen gegen Klimaschutz wehren. Ganz so, als würde sich das urplötzlich ändern, wenn Jugendliche für diese Boomer in den Krieg ziehen.

Alle in der Jahresabschlusssendung des Deutschlandfunks sind sich einig: Hey Kids, wir scheißen seit 18 Jahren auf euch und jetzt auf euer Bedürfnis, nicht erschossen zu werden. Ihr müsst jetzt einfach Deutschland sein und im Zweifel dafür sterben, okay? An dieser Stelle sei dringend der Podcast "Die Neuen Zwanziger" von Wolfgang M. Schmitt und Stefan Schulz empfohlen, die den Deutschlandfunk-Jahresrückblick des Deutschlandfunk in ihrem Dezember-Salon besprechen und brillant kommentieren, was angebliche Chefdenkerinnen und -denker da für eine völlig kaputtindoktrinierte Scheiße reden.

Man darf also gespannt sein auf die ersten paar Tausend Jugendlichen, die sich in Musterungszentren für "tauglich" oder "untauglich" befinden lassen müssen. In jedem Fall kann sich Deutschland auf eine Flut an Social-Media-Content gefasst machen, der die Absurdität der neuen Wehrpflicht flächendeckend anprangern wird. Was dann passieren wird? Vielleicht wird Kriegsminister Boris Pistorius Workshops einführen. Tralalero Tralala erklärt den Eierkontrollgriff. Mit Flipcharts und Lachgas aus dem Flecktarn-Stanley-Cup. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sich die Regierung die Haare raufen wird, wenn sie feststellt, dass Gen Z mit Volk und Vaterland nix anfangen kann und gelernt hat, dass es nichts von Deutschland bekommen wird, für das es sich zu sterben lohnt. Dann ist die Katze aus dem Sack und sie werden mit Waffen an die Waffen gezwungen.

Das eigentlich Absurde ist nicht der Gedanke, dass Deutschland sich verteidigen können will. Jeder Staat will das. Das Absurde ist die Vorstellung, heutige junge Menschen ließen sich für ein System gewinnen, dem sie emotional längst den Rücken gekehrt haben. Aber ja, vielleicht haben meine Lieblingspädagogin und ich ne Schorle zu viel getrunken und uns zwischen Mikro-, Meso- und Makroebenen verrannt. Am Ende wollen doch alle zur Bundeswehr, weil die ja auch irgendwie voll retro ist und die Grundausbildung auch ironisch als gratis Gym-Ersatz dienen kann. Oh, boy. Geraucht haben wir auf jeden Fall zu viel. Was für ein Wahnsinn. In diesem Moment gehen die ersten Briefe zur Musterung raus. Und mit ihnen die Frage: Wie viel Vergangenheit verträgt die Zukunft?

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2 Kommentare verfügbar

  • General Motors
    13 hours ago
    Reply
    Die Bundeswehr hat mir damals auch nicht geschadet. Was ich da alles gelernt habe: Wie viele rechte Idioten es in der Bundeswehr gibt (ja, Lebach hätte man schon vor über 20 Jahren wissen können), wie man sich am besten verpissen kann, was man werden sollte, wenn man nichts kann und Geld braucht,…
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