Der einheimische Friedensforscher Johan Galtung hat einst aufgeschrieben, warum die Leute so werden. Seine Story in Kürze: Norwegische Eltern packen ihre kleinen Kinder morgens in ein paar Lagen Kleidung ein und werfen sie raus in den Schnee. Dort bauen sie Schneemänner und zwar so lange, bis man die Kids von den Schneemännern kaum noch unterscheiden kann. Am späten Nachmittag holen die Eltern die Schneemänner rein, die sich noch bewegen. Diese werden unter die Dusche gestellt, von den Kleiderschichten entpellt und gründlich gebadet. Was us der Wanne steigt, so erzählt es Galtung, sind dann echte Norwegerinnen und Norweger.
Medaillenregen
Aus sportlicher Perspektive ist anzufügen: Die derart abgehärteten Athletinnen und Athleten brachten aus Olympia in Pyeongchang 39 Medaillen zurück, aus Peking 37 Medaillen. Keine 30 Tage, dann wird Team Wickie in diesem Sinne weitermachen. Und ganz egal, wie der Wind in den Dolomiten steht: Norwegen gilt als sichere Wette auf Platz eins im Medaillenspiegel. Wenn du diesen Medaillenregen auf die Bevölkerung umrechnest, macht das ungefähr eine Medaille pro 150.000 Einwohner:innen. Anders gesagt: Hätten wir hierzulande ein eigenes Team bei Olympia und dabei eine norwegische Erfolgsquote, könnten wir mit 75 mal Gold, Silber oder Bronze rechnen. Und ich mein jetzt nicht ganz Deutschland, sondern nur Team Baden-Württemberg.
Nicht dass du jetzt denkst, das liege an unserem Winter, der halt längst kein arktischer mehr ist. Von wegen. Norwegen gewinnt ja auch im Sommer nach Belieben, also draußen in den Stadien, drinnen in der Halle oder überall, wo man die großen Nationen in ihre Schranken weisen kann. Beispiele? Bitteschön. Erling Haaland (weltbester Mittelstürmer), Magnus Carlsen (weltbester Schachspieler). Karsten Warholm (400-Meter-Hürden). Jakob Ingebrigtsen (1.500 Meter flach). Anders Mol und Christian Sørum (Beachvolleyball). Gustav Iden und Kristian Blummenfelt (Triathlon), Team Uno-X (Radsport). Und wer hat neulich die deutsche Handballfrauen kurz vor dem WM-Titel noch eingebremst? Eben. Vom Nachwuchs ganz zu schweigen.
Nehmen wir nur mal die deutsche Nummer-eins-Sportart Fußball. Auf der aktuellen Golden-Boy-Liste der 100 vielversprechendsten Talente stehen fünf Norweger. Also mehr als Brasilianer, Argentinier oder Deutsche. Die Polarkicker von Bodø/Glimt in der Championsleague sind wirklich keine exotische Erscheinung. Neulich haben die Wikinger in der WM-Quali die Italiener rausgeworfen. Alles kein Zufall. Der Einzige, der hier völlig unnorwegisch daherkommt, das bin ich mit meiner Auflistung der Helden und ihrer Taten. Mit Erfolgen zu protzen, das geht gar nicht, sagt man im Norden. Klar freut man sich, aber bitte dezent. Man will ja auf keinen Fall so rüberkommen wie Bayern München. Gerade im Sieg ist Zurückhaltung geboten. Also bloß nicht "We Are The Champions" grölen. Typisch norwegisch ist eher der Nobelpreis. Man zeigt, für was man steht, indem man andere aufs Podest stellt. Nicht die einzige noble Strategie, die man sich abschauen könnte.
Geldquellen
Nur eines wirst du hierzulande nicht kopieren können. Du kannst ja nicht einfach in entlegenen Gegenden bohren, sagen wir in Hohenlohe, und mit der Erdölförderung beginnen. Da hat das Emirat des Nordens schon Glück gehabt. Inzwischen ist Norwegen der neuntgrößte Erdöl- und der zweitgrößte Gasexporteur der Welt. Was dort allerdings so viel geschickter vonstatten geht als in den anderen fossil-gestopften Ländern: Norwegen legt die Rendite schlau an. Bloß kein Protz, es könnten härtere Zeiten kommen. Das unermessliche Vermögen ist in einem Ölfonds angelegt, der funktioniert wie der Geldspeicher von Onkel Dagobert. So hat es König Harald einmal beschrieben. Aber im Gegensatz zum Geldspeicher in Entenhausen wirft der norwegische Fonds Zins, Dividende und Wertsteigerung ab. Und das nicht zu knapp.
Dem norwegischen Staat gehören schätzungsweise 1,5 Prozent aller Aktien, die sich weltweit im Umlauf befinden. Angezapft wird kaum etwas. Maximal drei Prozent der Rendite der riesigen Investment-Badewanne fließen in die Staatskasse. Das reicht ja schon um Bildung und Gesundheit, Kultur, Nobelpreise und eben den Sport großzügig zu finanzieren.
Damit du jetzt nicht neidisch wirst, will ich auch die Trottel erwähnen. Trotz überschäumenden Wohlstands gibt's selbst dort diesen Haufen an Leuten mit Dauerfrost in den Hirnen. Fortschrittspartei nennen sie sich. Einer von denen hat mal allen Ernstes gefordert, dass man Straßen gefälligst so breit baut, dass man selbst im betrunkenen Zustand keinen Unfall baut. Aber bevor du dich über solche ärgerst, besser zurück zum Sport. Und zur Frage, wie wir von Norwegen lernen können.
Kinder. Kinder.
Und jetzt wird's spannend, wenn du mich fragst. Denn das sportliche Erfolgsgeheimnis liegt nicht nur im schieren Reichtum. Das Budget ist das eine. Das andere ist, wie du es einsetzt. Natürlich kannst du Sportplätze, Turnhallen und Infrastruktur bauen. Aber du musst halt auch wissen, wie du aus deinen Leuten das Beste herausholst. Und ich red jetzt nicht von Doping oder versteiften Anzügen von Skispringern. Los geht's bei den Kids, die aus der Badewanne steigen. 93 Prozent der norwegischen Kinder machen Sport. Nicht irgendwie, sondern organisiert. In Deutschland sind nur 58 Prozent der Kids Mitglied in Sportvereinen. Hierzulande wird ein Kulturkampf vom Zaun gebrochen, wenn jemand bei den Bundesjugendspielen die Urkunden anpassen will. In Norwegen erhalten alle Kids wie selbstverständlich dieselben Urkunden. Begründung: Bei den Kleinen geht es in erster Linie um die Freude an der Sache, nicht um Leistung.
So geht Norwegen ran: mit Rücksicht darauf, dass sich Kinder eben unterschiedlich entwickeln. In Deutschland schreien sogar vernunftbegabte Leute (Baumgart, Rangnick, Helmer) Zeter und Mordio, wenn im Jugendfußball die Spielformen in Richtung Spaß am Spiel verbessert werden: mit kleinen Toren und kindgerechten Spielfeldern. In Norwegen weiß man, dass es erstmal um den Spaß an der Sache geht. Und sich Selektion nach Leistung erst ab einem Alter von zwölf Jahren wirklich lohnt. Kindern, die einen bestimmten Sport machen wollen, darf bis dahin nichts verboten werden. Schließlich entdecken manche ihr Potenzial erst spät. Kennst du den inoffiziellen Europarekordhalter im Standweitsprung der Fünfjährigen? Kein geringerer als Erling Haaland. Wer weiß, ob er ein guter Weitspringer geworden wäre.
Ganz persönlich muss ich sagen: Dieser norwegische Sport macht mir gute Laune. Weil er erst den Athletinnen und Athleten Spaß machen soll und dann den Zuschauern. Außerdem ist es ein gutes Beispiel für alle die meinen, Drill und Demütigung müssten eben sein auf dem Weg nach oben. Klar, Ausnahmen gibt's auch in Norwegen. Papa Ingebrigtsen beispielsweise, der seine Söhne ein paarmal zu oft in die Kälte gescheucht hat. Und bei Sivert Bakken, dem kürzlich im Trainingslager gestorbenen Biathleten, weiß man ja nicht, was passiert ist. Aber abgesehen davon: Wenn du ein Musterbeispiel brauchst, warum solidarisches Engagement mehr Erfolge bringt als autoritäre Besserwisserei, dann befass dich ruhig näher mit dem norwegischen Ansatz.
Weltpokal
Apropos Solidarität. Das funktioniert sogar im Fußball. Insgesamt 32 Profiklubs gibt's in Norwegen. Und obwohl die untereinander im Wettbewerb stehen und Geld verdienen müssen, haben sie vor ein paar Jahren beschlossen, gemeinsame Sache zu machen. Undenkbar in der Bundesliga. Die norwegischen Proficlubs haben gemeinschaftlich beschlossen, 20 Prozent der Einsatzminuten Spielern unter 21 Jahren zuzugestehen. Ebenfalls im Gentlemen's Agreement enthalten: Ausländische Spieler werden bitteschön nur verpflichtet, wenn sie eine wichtige Rolle einnehmen und langfristig bleiben. Auch Bodö/Glimt hat sich dran gehalten. Mehr als 80 Prozent der Spielminuten entfallen auf einheimische Kicker. Bodö wurde in den vergangenen Jahren viermal norwegischer Meister.
Jetzt könntest du dich natürlich wundern, wieso wir in Deutschland die Ideen nicht übernehmen. Allen voran die aufrechte Haltung der Verbandspräsidentin Lise Klaveness, die sich als einzige in der gesamten FIFA traut, dem Despotenkriecher Infantino die Stirn zu bieten. Klaveness ist im Weltverband die Einzige, die Menschenrechte und Schiebereien offen anspricht. Aber wahrscheinlich wunderst du dich längst nicht mehr. Schließlich kennst du unsere Sportverbände und ihre altvorderen Lobbyisten.
Es gäbe ja so viele Ansätze, die man sich abschauen könnte. Und die meisten ließen sich bewerkstelligen, bevor man in Hohenlohe auf Öl stößt. Aber lassen wir das, ich wollte dir ja nicht die Laune verderben. Freuen wir uns erstmal auf 2026, auf den verdienten Medaillenregen im Winter, auf die neuen Fußball-Weltmeister aus Norwegen im Sommer. Und darauf, dass nach dem Finale Gianni Infantino persönlich den Weltpokal überreicht: an seine Erzfeindin Lise Klaveness.
2 Kommentare verfügbar
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Der Medaillenspiegel, den Sauter anführt, ist in sich höchst zweifelhaft und führt zu vielem Missbrauch im Sport. (Eindrucksvoll bei der Winterolympiade in Sotschi? )
Kommentare anzeigenGattermann Helmut
13 hours agoAber auch so: Wie oft wurden bei den hochgelobten Norwegern Regelverstöße nachgewiesen: Nicht nur bei den Anzügen der Skispringer,…