KONTEXT:Wochenzeitung
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In Kooperation mit Theater Stuttgart

Die blöde Grenz'

In Kooperation mit Theater Stuttgart: Die blöde Grenz'
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Das Theater tri-bühne zeigt Ödön von Horváths "Hin und Her". Die Komödie über Grenzen und Nationalismus ist in vieler Hinsicht höchst aktuell. Doch in Stuttgart geht die ernste Thematik im Klamauk unter.

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Auf zehn Millionen weltweit wird die Zahl der Staatenlosen geschätzt. Sie können nicht reisen und haben keinen Anteil an der politischen Willensbildung der Länder, in denen sie leben. In Deutschland gibt es rund 30.000 Staatenlose und fast 100.000 Menschen mit "ungeklärter Staatsangehörigkeit". Was noch schlimmer ist, denn über ihnen schwebt ständig das Damoklesschwert der Abschiebung, während Staatenlose wenigstens unter dem Schutz eines UN-Abkommens stehen.

Kulturelle Partnerschaft

Theater lebt vom Diskurs – auf der Bühne, im Publikum und in der Öffentlichkeit. Mit der Kooperation zwischen Theater-Stuttgart.de und Kontext:Wochenzeitung wird dieser Dialog künftig um eine spannende Facette erweitert. Theaterkritiker:innen von Kontext besuchen Premieren an den Stuttgarter Bühnen, veröffentlicht werden die Kritiken in Kontext und auf der Plattform Theater Stuttgart. Die Entscheidung, welche Premieren besucht und rezensiert werden, trifft Kontext als unabhängige Zeitung autonom.

Damit reagieren beide Partner auf eine seit Jahren laufende Entwicklung: In vielen großen Tageszeitungen wird der Platz für Theaterkritik immer kleiner, Premierenberichte verschwinden aus den Feuilletons und die Vielfalt des Stuttgarter Theaterlebens findet dort kaum noch Resonanz. Theater Stuttgart und Kontext möchten die künstlerische Arbeit der Stuttgarter Bühnen sichtbarer machen und sie mit journalistischer Qualität begleiten. (lee)

Ödön von Horváth setzt in seinem 1933 geschriebenen Stück "Hin und Her" die Situation der Staatenlosen sinnbildlich in Szene. Ein Mann, Havlicek, wird aus einem Land ausgewiesen, in dem er den größten Teil seines Lebens verbracht hat. Er soll zurück in sein Geburtsland, doch das will ihn nicht aufnehmen. Das Stück spielt auf einer Brücke, die auf eine Drehbühne montiert ist. Es ist der ernsten Thematik zum Trotz eine Posse, ein komisches, volkstümliches Bühnenstück. Und so legt es Regisseur Florian Dehmel auch an. 

"Ohne Grenzen, ohne Grenzen gäb es keinen Staat und keine Ordnung in der Welt", singen die sieben Darsteller:innen schon vorab das Lied aus Horváths Schlussszene. "Wir tun von den Grenzen leben. Also muss es Grenzen geben." Und : "So ziehen wir die Konsequenz: Es lebe hoch die schöne Grenz!" "Wir" sind in diesem Fall die beiden Grenzwächter Thomas Szamek (Manuel Krstanovic) auf der einen und Konstantin (Philip Süs) auf der anderen Seite. "Grenzorgan" nennt Horváth die beiden. Er trennt zwischen Person und Funktion. "Dieses Grenzorgan ist ein fescher Mann mit einer schneidigen Uniform", beschreibt ein Ausrufer Konstantin vor seinem ersten Auftritt, "und er macht einen freundlichen Eindruck." Immer wieder steht mal rechts, mal links am Bühnenrand eine:r der Schauspieler:innen und kündigt an, was passiert, während die Drehbühne mal in die eine, mal in die andere Richtung gedreht wird. Konstantin mag freundlich sein, aber: "Gesetz ist Gesetz."

Die kleinen Ungerechtigkeiten

Der Gendarm Mrschitzka (Sebastian Huber) eskortiert Havlicek – mit traurigem, müdem Gesichtsausdruck, hängendem Kopf und Schultern überzeugend gespielt von Aki Tougiannidis – zur Grenze. Havlicek ist für ihn nur eine dienstliche Angelegenheit. Szamek, Mrschitzkas alter Bekannter, versteht: "Aha! Ein Ausgewiesener!” Havlicek beklagt sich: "Übermorgen wird's ein halbes Jahrhundert, dass ich hier leb' – dreißig Jahr habe ich Steuer gezahlt, ohne zu zucken, und jetzt, wo mich mein Unglück trifft, da schmeißt man mich raus mit Bajonett auf!" Szamek fällt dazu nichts Besseres ein als: "Das sind halt so die kleinen Ungerechtigkeiten des menschlichen Lebens."

Auf der anderen Seite der Grenze weist Konstantin den Ausgewiesenen zurecht: "Sie gehören doch nicht unserem Staatsverbande an." Havlicek versteht nicht. "Aber die Herren Grenzorgane drüben behaupten, dass ich hier herüber zuständig bin infolge meiner seinerzeitigen hiesigen Geburt." Der Grenzposten belehrt ihn: "Das allein genügt noch nicht. Wir haben bereits vor zwanzig Jahren ein Gesetz erlassen, dass sich ein jeder Staatsbürger, der dauernd im Ausland lebt, innerhalb von fünf Jahren beim zuständigen Konsulat melden muss, widrigenfalls er seine Staatsbürgerschaft verliert, und zwar automatisch." Havlicek war das nicht klar. "Aber solche Gesetze sind doch unmenschlich", ruft er aus. "Im allgemeinen Staatengetriebe wird gar oft ein persönliches Schicksal zerrieben", weicht Konstantin aus.

Szamek hat eine Tochter, Eva (Natalja Maas). Sie ist die Geliebte des Grenzwächters Konstantin, was dem Vater gar nicht gefällt. "Ich kenn die Leut' da drüben seit sechsundfünfzig Jahren", erklärt er. "Die haben alle einen falschen Charakter, alle!" Später gibt er zu: “Mein Kind. Ich möcht mit dir mal offen reden: Gegen deinen Konstantin hab ich nur das eine, dass er nämlich kein Geld hat. Schau, du bist doch ein hübsches Kind, ein frisches, und ich möchte', dass du glücklich wirst." Doch eigentlich denkt er nur an sich selbst: "Reich sollst du heiraten, sehr reich, damit auch dein armer alter Vater was von dir hat." Eva lässt sich nicht beeindrucken und besucht nachts ihren Konstantin. Havlicek kommt dazwischen und wird von Eva verteidigt: "Er ist halt arm. Immer hin und her – da muss ein Mensch verblöden." "Ich wasch meine Hände in Unschuld", gibt Konstantin zurück. "Zu was haben wir die blöde Grenz?" Eva, erstaunt: "Das sagst du? Als Grenzorgan?” Konstantin: "Das sag ich privat.”

Plötzlich finden alle die Grenze unsinnig

Horváth richtet den Blick nicht auf die große Politik, sondern auf die kleinen Leute. In "Hin und Her" treffen sich die Ministerpräsidenten von dies- und jenseits der Grenze heimlich, um ihre Grenzstreitigkeiten zu besprechen. Sie halten die Grenzen für eine Plage. "Aber wenn wir das nun laut sagen würden, dann würden unsere gesamten öffentlichen Meinungen laut aufzischen vor Wut." Der Autor zeigt, dass die Missstände aus den alltäglichen Handlungen und Haltungen der Durchschnittsbürger resultieren. "Wie in allen meinen Stücken versuche ich möglichst rücksichtslos gegen Dummheit und Lüge zu sein", hat Horváth zu seinem bekanntesten Stück "Geschichten aus dem Wienerwald" gesagt. Nicht nur in "Hin und Her" spricht er Ungerechtigkeiten an. "Das seh' ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss", sagt die Elisabeth in "Glaube Liebe Hoffnung", "weil halt die Menschen keine Menschen sind – aber es könnt' doch auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen."

"Glaube Liebe Hoffnung" hätte im Januar 1933 im Deutschen Theater in Berlin Premiere feiern sollen, wurde jedoch auf Druck der Nationalsozialisten vom Spielplan genommen. Horváth, 1901 als Sohn eines Diplomaten in Fiume geboren, verließ nach einem Konflikt mit der SA Deutschland. Fiume, heute Rijeka in Kroatien, gehörte damals zum Königreich Ungarn und damit zu Österreich-Ungarn, das allerdings im Ersten Weltkrieg zerfallen war. Horváth musste deshalb seinen Pass in Ungarn verlängern. Dies ist der biografische Hintergrund des Stücks.

"Hin und Her" ist eine Komödie, aber mit ernstem Hintergrund. Horváth nutzte die populäre Form, um seine Anliegen einem breiten Publikum nahezubringen, nicht nur einem klassischen Bildungsbürgertum. Das Thema bleibt aktuell: Auch heute werden Menschen abgeschoben. Nur wie inszeniert man das Stück heute? Aktualisieren? An die Fragen der Gegenwart anpassen? Eine junge Regisseurin hat dies in Frankfurt 2015, auf dem Höhepunkt der so genannten Flüchtlingskrise, versucht – und das Happy End weggelassen. "Zu sehen ist eine Posse, in der es nichts zum Lachen gibt", urteilte die Offenbach-Post.

Mehr Spaß als Inhalt

Die Inszenierung der tri-bühne hält sich dagegen weitestgehend an das Original, bis hin zur Drehbühne, die schon Horváth vorschreibt. Die Thematik mag weiterhin höchst aktuell sein, doch lässt sich das Stück nicht ohne Weiteres in die heutige Zeit übertragen. Bewachten zu Horváths Zeiten obrigkeitshörige Staatsdiener die Grenzübergänge, so zieht heute die Agentur Frontex durchs Mittelmeer, um Geflüchtete vom Betreten europäischen Bodens abzuhalten. Das passt nicht in ein so schlichtes wie anschauliches Bühnenbild: eine Brücke über einen Grenzfluss, zwei Grenzposten links und rechts. 

Die tri-bühne versucht gar nicht erst, das Stück ins Heute zu übertragen. Sie verlässt sich darauf, dass Bezüge zur Gegenwart auch so erkennbar bleiben: etwa die fremdenfeindliche Haltung, die Szamek vertritt, oder die Angst der Ministerpräsidenten vor der öffentlichen Meinung. Stattdessen schildert das Programmheft auf zwei Seiten die Situation in Europa im Jahr 1934, als das Stück im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde. Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, Ungarn und anderen Ländern befand sich der Faschismus auf dem Vormarsch. "Es ist der Moment, in dem Europa sichtbar in eine autoritäre Konstellation kippt, während die demokratischen Kräfte schwächer werden", heißt es da. "Die politischen Brüche, die wenige Jahre später zum Krieg führen, sind bereits klar erkennbar."

Nun hat Horváth die ernste Thematik aber in eine klassische Verwechslungskomödie verpackt mit allen Ingredienzien des Genres: Die Tochter will heiraten, der Vater ist dagegen; Szamek und Mrschitzka besaufen sich, schlafen ein und sind kaum mehr in der Lage, die Grenze zu bewachen. Eine Kranke und ihre Krankenschwester sind in Wirklichkeit Rauschgiftschmuggler, der Ministerpräsident hält Havlicek für seinen Amtskollegen, während Szamek den Ministerpräsidenten mit einem der Schmuggler verwechselt. Das gibt Anlass für allerlei spaßige Pointen, wenn etwa der Ministerpräsident Konstantin bittet, unbedingt sein Inkognito zu wahren, und der laut ausruft "Können sich auf mich verlassen, Herr Ministerpräsident!"

Das siebenköpfige Ensemble spielt mit Verve und Begeisterung. Nur rutscht dabei der Ernst des Themas ein wenig in den Hintergrund. Am Ende haben die Zuschauer:innen viel gelacht und fangen allenfalls auf dem Heimweg an, über die angesprochenen Probleme nachzudenken. Das war wohl auch Horváths Absicht: kein politisches Theater, das die Mächtigen anklagt, sondern den einfachen Menschen einen Spiegel vorzuhalten. Was freilich schon 1934, als die angesprochenen Probleme noch viel präsenter waren, nicht ganz funktioniert hat: Das Stück wurde nur zweimal aufgeführt und fand wenig Beachtung.

"Hin und Her" so zu spielen, dass die Wucht der beginnenden Nazi-Zeit spürbar bleibt, und zugleich die Horváthsche Leichtigkeit zu bewahren: Das ist eine Gratwanderung, die der tri-bühne nicht ganz gelingt. Im Stück lösen sich alle Probleme am Ende ganz einfach: Zwei Paare werden verheiratet, alle Geldsorgen gelöst, und Havlicek darf in sein Geburtsland einreisen. Horváth selbst hat das so erklärt: Das Stück "soll zeigen, wie leicht sich durch eine menschliche Geste unmenschliche Gesetze außer Kraft setzen lassen". Gemeint ist: Wenn alle – vom Ministerpräsidenten bis zum einfachen Grenzposten – das Einzelschicksal, verkörpert durch Havlicek, mit ein wenig mehr Empathie statt Regeltreue angehen würden, wäre alles ganz einfach. Diese utopische Pointe geht im Klamauk der Inszenierung allerdings ein wenig verloren.


Das Stück "Hin und Her" steht am heutigen Mittwoch, 7. Januar, und morgigen Donnerstag, 8. Januar wieder auf dem Programm. Beginn jeweils 19 Uhr.  

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