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Jagd auf Wolf, Biber und Krähe

Von Schrot und Schrott

Jagd auf Wolf, Biber und Krähe: Von Schrot und Schrott
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Der Umgang mit geschützten Tieren, die Schäden anrichten, ist nicht geeignet für platte Parolen. Baden-württembergische Christdemokrat:innen mit einem Hang zum Populismus können der Versuchung trotzdem nicht widerstehen.

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Schon Rotkäppchen machte keine guten Erfahrungen mit einem Problemwolf, das vor Schrecken bleich gewordene, friedliche Lamm am Flussufer auch nicht und die sechs verspeisten der sieben Geißlein mussten ihm zwecks Wiederbelebung aus dem Bauch geschnitten werden. Gruselgeschichten über Meister Isegrim sind Teil der deutschen DNA bis ins dritte Jahrtausend. Märchen und Fabeln reichen bis nach Baden-Württemberg. Derzeit besonders, denn die CDU will die Grünen vor sich hertreiben. Wölfe, Biber und Saatkrähen sollen leichter getötet werden dürfen, "letal vergrämt", wie es in der Fachsprache heißt.

Das Thema ist komplex und das Spannungsfeld – etwa zwischen den Rechten von Weidetierhalter:innen und der Bedeutung ehedem ausgerotteter Tiere für ihre angestammte Heimat – einer breiten Öffentlichkeit im Detail kaum zugänglich. Wer kann schon unterscheiden zwischen Naturschutz-, Jagdgesetz oder Jagd- und Wildtiermanagement (JWMG)? Kaum jemand dürfte auch das wachsweiche Versprechen im CDU-Landtagswahlprogramm richtig deuten können, "bei Konflikten mit dem Wolf praxistaugliche Lösungen für unsere Landwirte zu ermöglichen".

Zum fehlenden Fachwissen gesellen sich die tradierten diffusen Ängste. Ihnen mit Hilfe seriöser Information entgegenzuwirken, daran sind die Protagonist:innen der verschärften Regelungen desinteressiert. Dabei betont sogar Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, zwar erst im Kleingedruckten in seiner Mitteilung, aber immerhin, dass "der Schutzstatus des Wolfs auch bei Aufnahme ins JWMG unangetastet bleibt". Seine Taten sprechen eine andere Sprache.

Der gelernte Förster musste sich erst kürzlich stellvertretend für alle Kolleg:innen in Bund und Ländern wegen dezidiert rückwärtsgewandter Politik mit dem Negativpreis "Dinosaurier" des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) auszeichnen lassen. Er hat dennoch gehandelt und zwar tricky, weil im Alleingang, ohne Absprache mit den Koalitionspartner:innen sowie "offenkundig rechtswidrig" – jedenfalls aus der Sicht von Nabu-Landeschef Johannes Enssle. Per Rechtsverordnung habe Hauk "eigenmächtig und ohne regierungsinterne Abstimmung" den Wolf ins baden-württembergische Jagdrecht aufgenommen, klagt er. Und das auch noch "geschmacklos und populistisch" am 24. Dezember.

Der Nabu fordert von Kretschmann Widerstand ein

Der Naturschutzverband mit landesweit mehr als 130.000 Mitgliedern aus allen politische Lagern – eines davon ist seit Kindestagen, wie er immer wieder erwähnt, CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel – wird das Vorgehen rechtlich prüfen lassen. Hauk habe "die medienfreie Weihnachtszeit und die Geburt des Christkindes auf schäbige Weise ausgenutzt, um Fakten zu schaffen", sagt Enssle und verlangt vom Noch-Amtsinhaber Winfried Kretschmann (Grüne) Widerstand gegen die "rechtswidrige Verordnung". Konkret würde sich allerdings erst einmal gar nichts ändern, weil vor einem konkreten Abschuss weiterhin hohe Hürden stünden, allen voran der Nachweis, dass ein Wolf wirklich ein Problemwolf ist und mehrfach Tiere gerissen hat. Vorstellbar sei sogar, befürchtet der Nabu-Chef, "dass Jäger persönlich haftbar gemacht werden könnten, falls ein Abschuss nicht rechtssicher erfolgt".

Die CDU setzt mit Bedacht auf Emotionen. Wie beim Verbrenner, der Abschiebung nach Syrien oder der Weigerung, sich für die Aufnahme jesidischer Ehemänner und Brüder stark zu machen, wie in der Energiewende, der Verkehrspolitik oder beim Gendern zählt die Betrachtung der Fakten und der sachliche Austausch von Argumenten immer weniger. Vermutungen, bloßes Bauchgefühl, die Beschwörung eines von ganz rechtsaußen in den politische Diskurs eingeführten "gesunden Menschenverstands" sollen Wissen ersetzen. Nicht nur die Jäger:innen in der Landtagsfraktion hoffen darauf, dass die allgemeine Skepsis sich nicht mehr nur gegen Klima-, sondern zusätzlich gegen Natur- und Artenschutzbelange richtet und bei der Landtagswahl am 8. März auszahlen könnte.

Hagel tut so, als würde er regieren

Deutlich über seine Rolle als Landes- und Fraktionsvorsitzender hinaus agiert Hagel. Im November legte er ausdrücklich Wert auf die Feststellung, seinen Parteifreund im Agarressort mit einer Gesetzesänderung "beauftragt" zu haben, um den Abschuss von Wolf, Biber und Saatkrähe zu erleichtern. Ein solches Vorgehen überschreitet seine Zuständigkeiten bei Weitem, denn weder ein Abgeordneter noch ein Parteifunktionär ist befugt, der Exekutive "Aufträge" zu erteilen – Stichwort Gewaltenteilung. Aber es passt zum Holzschnitt. "Da hilft Schrot und Blei", greift er zudem einmal mehr zu markigen Sprüchen, wie schon zu seiner Zeit als Generalsekretär der Partei (2016 bis 2021). Damals rief er sogar – "und das sage ich als Jäger" – das "Ende der Schonzeit" für Kretschmann aus.

Mit Hauk spielt Hagel mutmaßlich über Bande. Denn sogleich nutzte der Minister die vorgebliche Beauftragung zu einem Vorwurf der "Blockade" an die Adresse der Grünen. Wenig bis nichts hilft da, dass sich deren Spitzenkandidat Cem Özdemir in seiner Zeit als Bundeslandwirtschaftsminister erfolgreich für eine 2024 von Österreich gestartete Initiative zur Absenkung des Schutzstatus von Wölfen auf europäischer Ebene eingesetzt hatte. Nichts fruchtete, auch Kretschmanns Mahnung nicht, in dieser Debatte nicht mit immer neuen Forderungen "einen Anschein zu erwecken, der nachher nicht erfüllt werden kann". Stattdessen verlangte der Ministerpräsident mehrfach nach mehr Sachlichkeit, denn die zu lösenden Fragen seien "sehr komplex". Und im Übrigen sei die Frage angebracht, "ob das eine Regierung in der Endphase einer Legislaturperiode wirklich machen soll".

Am Beispiel Biber kann Kretschmann die Notwendigkeit neuer Vorschriften gut erläutern. Es sei völlig klar, "dass wir nicht zusehen können, wie der Dämme unterhöhlt, das muss man regeln". Aber eben immer im Bewusstsein, dass die Tiere streng geschützt sind. Dass Grünen-Umweltministerin Thekla Walker einen neuen, der CDU entgegenkommenden Verordnungsentwurf vorgelegt hat, ändert auch nichts an der Pauschalkritik der Schwarzen. Vielmehr hat sie jetzt zusätzlich Ärger mit den Umwelt- und Naturschutzverbänden. Statt Konflikte zu lösen, klagt Nabu-Chef Enssle, würden sie verstärkt. Vorstellbar sei sogar, dass Jäger persönlich haftbar gemacht werden könnten, falls ein Abschuss nicht rechtssicher erfolgt.

Aber nur keine Details, lautet die Devise. Traditionell will die Union das Thema Jagd nutzen, um pauschal zu punkten. Schon vor gut zehn Jahren sah sich Alexander Bonde (Grüne) als Agrarminister monatelang dem Zorn von Waidmännern und -frauen ausgesetzt, als er EU-Recht umsetzen musste und der Tatsache gerecht werden wollte, dass "Tier- und Naturschutz inzwischen Staatsziele mit Verfassungsrang geworden sind". Gelohnt hat sich der Aufstand – mehrfach sogar vor dem Landtag untermalt von Jagdhörnern – kaum: 2016 wurden die Grünen bekanntlich erstmals stärkste Partei in Baden-Württemberg und das neue Jagdrecht im Koalitionsvertrag mit der CDU als "wegweisend" eingeordnet.

Wieder zwei Schafe und zwei Ziegen

Zwischen Mai 2023 und Mai 2024 wurden in Baden-Württemberg 106 Fälle toter Nutztiere – Schafe und Ziegen – mit Verdacht auf Riss durch einen Wolf registriert. 17 Fälle sind bestätigt. Gerade wird ermittelt, ob für den Tod von zwei Schafen im Landkreis Freudenstadt sowie von zwei Ziegen bei Forbach ein Wolf verantwortlich ist. Seit 2018 sind vom Umweltministerium spezielle Fördergebiete – zuerst im Nordschwarzwald, dann erweitert auf den ganzen Schwarzwald – ausgewiesen. Unter anderem werden die Gesamtkosten für die Anschaffung von Materialien für Herdenschutzmaßnahmen beim Halten von Schafen, Ziegen oder Gehegewild übernommen. Ein von diversen Naturschutzverbänden getragener "Ausgleichsfonds Wolf" entschädigt Halter:innen außerdem für den Verlust oder die Verletzung von Nutztieren. 90 Prozent dieser Entschädigung übernimmt das Land und damit die Steuerzahler:innen.

Der Mitte des 20. Jahrhunderts ausgerottete Biber hat sich an Rhein, Donau, Neckar und zahlreichen Nebenflüssen wieder angesiedelt. Die geschätzt mehr als 10.000 Tiere sind streng geschützt. Im Rahmen eines Modellprojekts sind nach Angaben des Umweltministeriums bisher 37.000 Euro an Schadensausgleichszahlungen angefallen. Die geschützten Saatkrähen fressen Saatgut und Keimlinge und laut Landesbauernverband und einer Auswertung des Landwirtschaftlichen Technologiezentrums Augustenberg gab es im vergangenen Jahr 198 Schadensmeldungen. Aus Sicht des Ministeriums für ländlichen Raum sei es "höchste Zeit", Biber und Saatkrähe in das JWMG aufzunehmen, sagt ein Ministeriumssprecher. Der Waschbär dagegen könne bereits "im Rahmen der Jagd- und Schonzeiten in Baden-Württemberg bejagt werden".  (jhw)

Problemwölfe dürfen schon jetzt getötet werden

Nach der Wahl fünf Jahre später spielt es wieder eine Rolle. Das Team um den damaligen Landeschef Thomas Strobl und Hagel als Generalsekretär, das unbedingt mitregieren wollte, versprach im grün-schwarzen Koalitionsvertrag, das Jagd- und Wildtiermanagement an wissenschaftlichen Erkenntnissen auszurichten. Und an aktuellen Entwicklungen. Regelmäßig kommen um Weihnachten neue Zahlen. Gegenwärtig sind vier genetisch gekennzeichnete Wölfe in Baden-Württemberg unterwegs, im vergangenen Jahrzehnt wurden insgesamt 27 Einzeltiere erfasst. "Acht dieser Wölfe sind tot, über den Verbleib der anderen Tiere ist nichts bekannt", heißt es auf der Seite des Umweltministeriums. Erklärt wird unter vielem anderen, bei welchen "unterschiedlichen Fallkonstellationen" Wölfe nach geltendem Recht ohnehin schon abgeschossen werden dürfen: bei "auffälligem Verhalten gegenüber Menschen" und bei "wiederholtem Überwinden" von Maßnahmen zum Schutz von Weidetieren.

Vielleicht sollten solche FAQs künftig durch Positivgeschichten ergänzt werden: über die Intelligenz der Wölfe, ihr Verhalten in der Aufzucht des Nachwuchses oder ihren Instinkt, vor allem schwache und kranke Tiere zu jagen und damit Wildbestände zu regulieren. In Sergei Prokofjews sinfonischem Märchen stoppt Peter sogar die Jäger, um zu triumphalen Klängen in den Zoo einzuziehen. Und in der Welt feinsinniger Witze ist Isegrim dem homo sapiens ohnehin weit überlegen: "Geht ein Wolf durch den Wald und trifft auf einen Wolf, sagt der: aha, ein Wolf. Geht ein Mensch durch den Wald und trifft auf einen Menschen, sagt er: oje, ein Mörder."

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1 Kommentar verfügbar

  • Peter
    12 hours ago
    Reply
    Eine grundsätzliche Frage: Warum werde ich in englischer Sprache angesprochen?

    Zum Thema: Wo liegt der nachweisliche Schaden für das Ökosystem, wenn Biber, Wolf und Krähe etwas kürzer gehalten werden?
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