Karikatur: Oliver Stenzel

Karikatur: Oliver Stenzel

Ausgabe 435
Politik

Der Einpeitscher

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 31.07.2019
Manuel Hagel ist 31 und CDU-Generalsekretär von Baden-Württemberg. Die Zunge des Hobbyjägers sitzt locker, bisweilen schießt er übers Ziel hinaus. Nun hat er den Ministerpräsidenten wüst attackiert; selbst Parteifreunden geht das zu weit. In der Union werden Wetten abgeschlossen, ob ihn dieser Stil zu Höherem qualifiziert, oder ob er sich gerade die eigene Karriere verbaut.

Thomas Strobl hat's vor Jahren vorgemacht. Der CDU-Landeschef war Diener zweier Herren – Günther Oettinger und Stefan Mappus -, und zuständig für Zuspitzung und Konfrontation mit einer SPD, die er als "rote Socken" karikierte, mit Grünen, die ihm zu weltfremd waren und überheblich, nicht zuletzt mit Stuttgart-21-GegnerInnen. Einmal wurde es ihm auf Druck der Öffentlichkeit dann selbst zu viel: In seinem Internet-Newsletter hatte er den Schauspieler Walter Sittler als "S21-Propagandisten" verunglimpft und mitgeteilt, schon dessen Vater habe einst Stimmung für die Nazis gemacht. Da sei er wohl "in der von beiden Seiten emotional geführten Debatte über das Ziel hinausgeschossen", räumte Strobl ein. Sittler nahm die Entschuldigung an.

Jetzt steht Winfried Kretschmann ziemlich weit oben auf Liste jener, die Manuel Hagel zwecks Vergebung aktuell kontaktieren müsste. Der 31-Jährige CDU-Generalsekretär von Baden-Württemberg, der Österreichs umstrittenen Ex-Kanzler Sebastian Kurz als Vorbild nennt, hat eben beim Heilbronner CDU-Parteitag – "und das sage ich auch als Jäger" – das "Ende der Schonzeit" für den Regierungschef verkündet. Der ist bekanntlich Ministerpräsident einer grün-schwarzen Koalitionsregierung, aber deshalb noch lange nicht sicher vor Schmähungen, die die Schwarzen ihrerseits einem Koalitionspartner nie durchgehen ließen. Hagel verglich in seiner überlangen Begrüßungsrede, wie immer in breitem Schwäbisch, den Koalitionspartner mit einer Melone, "außen grün und innen tiefrot", er sprach von grüner Doppelmoral, davon, dass die CDU den Koalitionspartner jetzt "aufdecken und stellen muss". Denn es reiche nicht, "wenn uns jeden Tag ein Problem beschrieben wird, es geht um aktive Lösungen und nicht darum, nur einem bestimmten Publikum auf der Stuttgarter Halbhöhlenlage zu gefallen". Und er warf Kretschmann vor, das zu tun, "was er im Grunde ziemlich souverän am besten kann: nichts."

Der trägt – nach außen – Langmut zur Schau. In Umfragen trägt ihm so viel Nachsicht persönliche Bestnoten ein. "Was wäre noch ärger in diesen Zeiten als ein Krawallbruder?" fragt ein Kommentator im Netz mit Blick auf Hagel, "das wären zwei Krawallbrüder." Der Ministerpäsident habe es "nicht nötig, auf dieses Niveau herunterzusteigen". Auf einer Entschuldigung besteht die grüne Landesvorsitzende Sandra Detzer allerdings weiterhin. "Das Zitat deiner Rede ist absolut unangemessen in Zeiten rechtsextremer Gewalt gegen Politiker*innen", twittert die promovierte Volkswirtschaftlerin zu "#jägergate, das sich nicht aussitzen lässt". Noch schärfer formuliert der frühere Sprecher des CDU-Landesverbands Tobias Brinkmann. Der Schonzeitenvergleich werde durch den Zusatz, er äußere dies bewusst als Jäger, "zum Sprachbild mit einer Waffe in der Hand", so Brinkmann, der im bundesweiten CDU-internen Netzwerk "Union der Mitte" aktiv ist. Spätestens seit dem Mord am CDU-Politiker Walter Lübcke sei diese Wortwahl "einfach nur dumpf, dumm und geschmacklos".

Es gab schon schlauere Ausreden

Der solcherart Kritisierte bleibt auf der Pirsch: "Nachdem ich vor einigen Monaten aufgefordert worden bin, den MP mehr zu schonen, lag der Begriff der Schonzeit einfach nahe. Ich habe daher bewusst auch von politischer Schonzeit gesprochen. Die Formulierung des Jägers habe ich gewählt, weil der Jäger in der Schonzeit auf ganz besonders achtsame Weise hegt und pflegt. Diese besondere politische Pflege des MPs endet hier und heute – das war meine Botschaft. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Alle anderen Interpretationen sind absurd."

Es gab schon schlauere Ausreden und glaubwürdigere Selbstrechtfertigungen. "Christdemokrat zu sein ist eine Lebenshaltung", deklamiert Hagel und feuert zugleich Breitseiten ab, die ganz bewusst unter die Gürtellinie zielen. Zum Beispiel unter die von Karl Lauterbach. Zwischen Hagel und dem SPD-MdB, der sich als SPD-Linker um die Führung der Bundespartei bewirbt, gibt es nur sehr spärliche Berührungspunkte. Abgesehen davon, dass der Gesundheitsexperte der Sozialdemokraten ein früheres Leben als Konrad-Adenauer-Stiftungs-Stipendiat und CDU-Mitglied hat. 2001 trat er in die SPD ein, diente sich hoch im Bundestag, ist heute, wiewohl vom Koalitionspartner argwöhnisch beäugt, eine der Stützen der Großen Koalition in Berlin. "Er ist verlässlich, kompromissfähig – und er hat den Rückhalt seiner Partei", rühmt Gesundheitsminister Jens Spahn den Mediziner. Lauterbach sei Teil einer "vorbildlichen Achse", und im Übrigen verbinde ihn mit dem Genossen "der Spaß an der Debatte".

Ein sehr anderes Bild zeichnet Hagel mit seinem ferndiagnostischen, postfaktischen Kristallkugelwissen von dem Linksintellektuellen klassischer Prägung. Für ihn ist das ein "lustiger Mann mit der kleinen roten Fliege", der sich seit 15 Jahren, sobald ein Amt oder Mandat freigeworden sei, selbst beworben habe, "aber dann leider immer zurecht übersehen worden ist". Jetzt wolle er als Arzt die SPD kurieren und er, sagt der Generalsekretär, habe nicht eine Sekunde Zweifel, dass die SPD mit Lauterbach an der Spitze nicht zögern würde, "bei all ihrem fadenscheinigen Getue" die Linke, "diese Mauerschützen und zurückgebliebenen SED-Erben wieder in die Regierung zu führen". Deren Exponenten wie Bernd Riexinger, Dietmar Bartsch und Katja Kipping warten auch vergeblich auf eine Entschuldigung für solche Dreistigkeiten. Ebenso der SPD-Landesvorsitzende Andreas Stoch, den Hagel, wehe wenn er losgelassen, einen "vollkommen gescheiterten Kultusminister" nennt, der in seiner Regierungszeit für "panikartige Zustände" bei Lehrern, Schülern und Eltern gesorgt habe.

Der Haudrauf soll den Wahlkampf managen

Panik? Zumindest himmelangst müsste dem CDU-General selber werden angesichts seiner überdrehten Performance. Er ist jung, smart – so smart, dass er auch schon mal in Flip-Flops zum Botschafter-Essen geht -, und er will Karriere machen. Das Internet vergisst nichts, Fehltritte nicht und nicht große Sprüche. Aus der CDU möchte er "die Mitmach-Partei Nummer eins" und aus dem Landesverband den "Think-Tank" der Union machen, er wollte beweisen, dass "konservativ nie etwas Verstaubtes von gestern ist, sondern hochaktuell und auch modern und frisch in der Erscheinungsform sein kann".

Parteiintern punkten konnte der diplomierte Bankbetriebswirt, der für seine Fans eins der größten politischen Talente im Land ist, schon im Bundestagswahlkampf. Jubelnde Jungunionisten mag er weniger, lieber coole Aktionen mit Stil, sagt er, der sich selbst als "modernen Traditionalisten" rühmt . Als ihn die "FAZ" begleitete, verriet er ihr, wie er sich die neuen niederschwelligen Angebote vor Ort vorstellt: "Koi Handtäschle, koi Stöckelschuh, kein vorgestanztes Zeug vom Zettel ablesen." Immerhin, 2017 schaffte der junge Parteimanager eine Art Nichtangriffspakt mit der "Werte-Union" vom rechten Rand der CDU, bei der er als Redner auftrat: Zumindest vorübergehend und bis zum Wahltag stellte die schräge Truppe ihre Angriffe auf die eigene Kanzlerin ein.

Die Show, die Hagel in Heilbronn abzog, trübte nicht nur die Krönung der Kultusministerin zur Spitzenkandidatin. Sie offenbarte auch eine Orientierungslosigkeit, die wenig Gutes erwarten lässt. Susanne Eisenmann, die Frau, die Kretschmann früher oder später aus der Villa Reitzenstein vertreiben soll und will, hat den CDU-General mit dem AfD-Sprech zu ihrem Wahlkampfmanager ausgerufen. Die Rollenverteilung ist klar. Er muss holzen, und die Chefin beantwortet JournalistInnenfragen danach mit einem abgeklärten: "So sind Generalsekretäre halt." Intern, so heißt es, wird dem jungen Vater, der das Amt mit gerade mal mit 26 übernahm, von Freunden geraten, auf seinen eigenen Werdegang zu achten und sich einen Namen zu machen; nicht oder nicht nur als Haudrauf von Strobl oder Eisenmann, sondern Schritt für Schritt wichtige Parteiämter anzupeilen – mittelfristig mindestens das des Bezirksvorsitzenden von Württemberg-Hohenzollern.

Bibel, Salomo und das Liaga-Briggle

Schon nach dem bemerkenswerten Heilbronner Auftritt wurde im Foyer gemunkelt, dass der "eigentlich" gar nicht dem Naturell eines Landtagsabgeordneten und wiedergewählten Gemeinderats entspricht. "Mit seiner Ausstrahlung kann er Stadt und Land zusammenführen wie wenig", sagte einer in Anspielung auf den Gegensatz zwischen Hagels Outfit und Dialekt. Einer der Fraktionskollegen empfiehlt, sein Bekenntnis zum christlichen Menschenbild "sehr ernst" zu nehmen. Die Nachfrage, warum das achte Gebot dann so gar keine Rolle spielte in seiner Rede, blieb unbeantwortet.

In der Abgeordneten-Bibel, in der 90 VolksvertreterInnen ihre bevorzugten Textstellen auswählen und erläutern, gibt Hagel einen Einblick in sein Politikverständnis: "Ich erkenne in einem politischen Mandat eine Aufgabe, die zu erfüllen ein großes Maß an Demut, Engagement, Präsenz sowie Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein für das öffentliche Wohl bedarf." Dazu gehöre auch das Zuhören, dass man sich "über das Gehörte Gedanken macht und mit in die politische Arbeit hinein trägt". Leiten lasse er sich dabei von dem Spruch Salomo 1, 5: "Wer weise ist, der höre zu und wachse an Weisheit, und wer verständig ist, der lasse sich raten." Passender wäre wohl Psalm 34, 13: "Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden." Oder auf Schwäbisch: "Zum Glick gibt s koi Liaga-Briggle, sonschd wärescht scho lang nabgfloga!"


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4 Kommentare verfügbar

  • Paul Stefan
    vor 2 Wochen
    Zur Wortwahl Hagels in seiner Kritik an Kretschmann fällt mir das schwäbische Sprichwort ein: An Hond ko dr Mond a-belle, a-saiche kann er'n net.
  • Klaus Konold
    vor 3 Wochen
    Der war gut!

    "Denn es reiche nicht, "wenn uns jeden Tag ein Problem beschrieben wird, es geht um aktive Lösungen und nicht darum, nur einem bestimmten Publikum auf der Stuttgarter Halbhöhlenlage zu gefallen"."

    (Aus obigem Beitrag)
  • Jue.So Jürgen Sojka
    vor 3 Wochen
    Fortsetzung mit anderen Gesichtern – Helmut Kohl in den 90ern „Ich wollte meiner Partei dienen.“ [1]
    Belehrung und Erklärung zur Verfassungstreue und Amtseid verpflichten dem Staat, Land und der Gemeinde zu dienen, nicht einer Partei oder einer sonstigen Gruppierung gegenüber!!!
    http://up.picr.de/31201052ve.pdf
    OB Wolfgang Schuster in der StN 01. Februar 2010 Schuster warnt: Bürgermeisterjob ist kein Parteiamt
    „Schuster erinnerte auch daran, dass es sich um ein öffentliches Amt handle, nicht um ein
    Parteiamt. Es gelte auch den Anschein der Parteilichkeit zu vermeiden. Der Gemeinderat
    habe nach öffentlicher Ausschreibung gemäß der fachlichen Qualifikation zu entscheiden.“

    [1] Frühere Zitate Kohls zur Spendenaffäre: http://archiv.rhein-zeitung.de/on/00/06/29/topnews/kohlzit2.html
    • "… Dies habe ich nicht gewollt, ich wollte meiner Partei dienen." (Kohl am 30. Nov. in einer Erklärung)
    • Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mich ausschließlich der Verantwortung für das Wohl unseres Landes verpflichtet sah und auch weiterhin sehe." (Kohl ebenfalls am 30. November)
    • Jue.So Jürgen Sojka
      vor 2 Wochen
      Ein CDU-Grande hat sich verbissen – Walter Sittler verzeiht's. Fotos: Joachim E. Röttgers
      Nun, es sollte mit "verzeihen" äußerst umsichtig umgegangen werden, denn allzu leicht wird daraus die Aufforderung verstanden, genau so weiter machen zu können – es wird ja (wieder) verziehen!

      Und? Es werden die Granden durch die in den Startlöchern stehenden abgelöst, die sich ja noch »im Sinn und zum Schutz _ihrer_ Vorgänger« zu bewähren haben. Folglich vom Leder ziehen müssen, um sich den notwendigen RESPEKT zu verschaffen!!!

      Die hier machen ebenso weiter - mit anderen Gesichtern https://up.picr.de/36425520in.pdf

      Aufrecht geh'n erfordert Menschen mit Rückgrat https://up.picr.de/36425294rr.pdf
      darin Bettina Wegener "Menschen ohne Rückgrat gibt es schon genug!" 1978

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