Ausgabe 435
Editorial

Läddagschwätz

Von unserer Redaktion
Datum: 31.07.2019

Heieiei, da hat sich doch glatt einer mit einem anderen über Klimaschutz unterhalten. Wäre eigentlich zu begrüßen, wenn es auf der einen Seite nicht jugendliche Schulschwänzer von Fridays for Future (FfF) und auf der anderen Seite kreuzgefährliche Linksextremisten gewesen wären – solche von "Ende Gelände" etwa ("Kohle stoppen. Klima schützen!"). Nä! Ist das denn die Möglichkeit? Das war am vergangenen Freitag in den "Stuttgarter Nachrichten" zu lesen – Titelseite unten, Pole-Position und damit auch in allen Partnerzeitungen der Region. Die absolut hochbrisanten Infos aus der Schülerszene hat StN-Profilautor Nils Mayer aus der Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage von Daniel Rottmann, Landtags-AfD, extrahiert. Rottmann wollte wissen, inwieweit "Linksextremisten" die FfF-Bewegung infiltrieren. Geht so, antwortete das Innenministerium, Rottmann macht es dennoch "fassungslos", schreibt Mayer, der seinen Beitrag standesgemäß mit "Linksextremisten unterwandern Fridays for Future" betitelt.

Das wird gern gelesen vom StN-Publikum, das klingt schön gefährlich, so total nach RAF 2.0, so voll Umsturz und kurz vor Kommunismus und linksextremer Übermacht, die – natürlich gewaltbereit – versucht, Luft vor Kohleverpestung, Bäume vor dem Tod und die Gesellschaft vor dem turbokapitalistischen Burnout zu retten.

Mayer verweist in seiner Suada auch auf den Verfassungsschutz. Nicht unbedingt die verlässlichste Quelle, wenn man bedenkt, dass dem Amt unter Umständen schon die Teilnahme an einem Erwerbslosenbrunch reicht, um als linksextrem zu gelten.

Apropos extrem: Extrem spendenfreudig waren bisher die Fans von Bildhauer Peter Lenk. 50 000 Euro für seinen S-21-Laokoon sind mittlerweile erfolgreich gecrowdfundet. Und damit die Hälfte der Kosten für das Denkmal, das Stuttgart verschönern soll. 100 000 Euro braucht Lenk insgesamt, wer noch spenden möchte, kann hier klicken.

Und dann der Günther Oettinger. Zum Interview mit Stefan Siller in der vergangenen Kontext-Ausgabe hielt sich der ehemalige Ministerpräsident noch bedeckt, was seine post-EU-kommissarische Zukunft betrifft. Nun kam es doch schon vor seinem Brüsseler Amtsende heraus: Er gründet mit Lebensgefährtin Friederike Beyer die Oettinger Consulting, Wirtschafts- und Politikberatung GmbH. Beratungsfelder: "Endlich so schnell sprechen wie ein Maschinengewehr". Wer das Wochenendseminar "Wie mache ich kreative rhetorische Pausen" bucht, kriegt den Workshop "How to high perform in Läddagschwätz" umsonst dazu, und bereits nach einem Monat regelmäßiger Teilnahme sollen so bekannte Klassiker möglich sein wie "Westlich von Pariss gibt’s nur Kühe und Atlantik". Ne, war nur Spaß. Momentan hat Oettinger ganz andere Sorgen und den unabhängigen Ethikausschuss der EU-Kommission am Hacken. Der prüft noch, ob die Consulting-Nummer überhaupt zulässig ist. Wir sind gespannt und verabschieden uns gewohnt beratungsresistent mit einem kräftigen "Wi ar oall sitting in won boht"!


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2 Kommentare verfügbar

  • a dabei
    vor 3 Wochen
    Links ist natürlich immer eine Frage des eigenen Standorts. Das gilt eben sowohl für AfD-Rottmann als auch für die StN. Und wohl auch für den Verfassungsschutz. Und wer ganz weit rechts steht, für den sind schon die FfF-Schüler potenzielle Linksextremisten. Und braune Netzwerker, die gelegentlich auch schon mal einen allzu linken CDU-Regierungspräsidenten hops nehmen, werden eher bei heimatverbunden Traditionsvereinen verortet.
    So ist es eben in diesem unserem Land: Der wahre Feind steht grundsätzlich links, basta.
  • Jue.So Jürgen Sojka
    vor 3 Wochen
    Wie herrlich doch die Aussagekraft unseres Schwäbischen ist. Mit einem Wort " Läddagschwätz" wird mehr ausgesagt, als so manch andere Dialekte erst durch Wortaneinanderreihungen hinbekommen.
    Wir in unserer Grundschulzeit, erhielten für das Verwenden unseres Schwäbischen von den Lehrkräften noch Eckenstehen, Strafarbeiten und… [1]

    Zum Vorwurf "Linksextreme unterwandern Fridays for Future"
    Nun, die RECHTEN und ewig Gestrigen versuchen mit althergebrachtem, das in der Vergangenheit Wirkung gezeigt hat, die Heutigen zu verwirren und vom Tatsächlichen abzubringen!

    Wir hatten für unsere Klasse die Möglichkeit einen Film, der sich als dreiteilig herausstellte, uns anzusehen – mussten diesen jedoch selbst vom Landesfilmdienst in der Wolframstraße abholen.
    Amerika während der Kommunistenverfolgung zu Zeiten von Edgar Hoover¹:
    Alle drei Filme in Originalsprache mit Untertiteln – Neutral, aus Linker Sicht und aus Rechter Sicht, die drei großen Filmrollen.
    Unsere Mädchen und wir Buben kamen einhellig zu der Überzeugung, dass es dabei nicht um die "Kommunisten-Hatz" ging, sondern um das generelle Ausschalten "Andersdenkender"!!!

    [1] März 2014 Dialekt in der Schule? – Ja, unbedingt! https://www.klett.de/sixcms/media.php/321/KTD%2063%2015-16.pdf
    (nis) Ob „Grüß Gott!“, „Moin!“ oder „Guude!“ – neben der Hochsprache wartet die
    deutsche Sprache mit einer Vielzahl an regionalen Dialekten auf. Früher war die
    Mundart an Schulen verpönt, galt gar als Zeichen mangelnder Intelligenz. Heute ist
    die Wissenschaft weiter: Sie geht davon aus, dass Dialekte für Kinder einen großen
    sprachbildenden Wert haben.

    Edgar Hoover¹ Von 1935 bis zu seinem Tod im Mai 1972 der erste Direktor des Federal Bureau of Investigation (FBI).

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