Das Gespräch im Video.

Ausgabe 434
Politik

Mit Volldampf zur Weißwurst

Von Stefan Siller (Interview)
Datum: 24.07.2019
Am Tag nach der Wahl der EU-Kommissionspräsidentin ist Günther Oettinger in der Kontext-Redaktion. Klar, dass er nach von der Leyen und Kramp-Karrenbauer gefragt wird. Aber was sagt er zu Wolfgang Dietrich, dem VfB und zu Stuttgart 21?

Überraschung: Der EU-Kommissar für Haushalt und Personal findet beide Parteifreundinnen gut, die frisch gewählte Präsidentin sogar sehr gut und die flink nachgerückte Verteidigungsministerin ziemlich gut. Dass letztere noch jüngst verkündet hatte, auf keinen Fall ins Kabinett einrücken zu wollen – Schwamm drüber, manchmal geht’s eben schnell in der Politik.

Siller fragt: Gestern sagt sie, ich will nicht ins Kabinett, dann werde ich gebraucht und dann gehe ich. Das ist verzeihbar?

Oettinger antwortet: Das muss sie abwägen. Die CDU braucht eine Vorsitzende, die das Profil der Partei stärkt, neben dem Kanzleramt, und sie wird es geprüft haben, ob sie es zeitlich hinbekommt, sowohl die Bundeswehr zu führen, im Kabinett mitzuwirken und die Partei zu stärken.

Siller antwortet: Sie hat es doch vor allem gemacht, damit sie sich besser als Kanzlerkandidatin aufbauen kann.

Oettinger einsilbig: Mag sein …

Siller setzt nach: Aber das sollte jetzt nicht das entscheidende Kriterium dafür sein, wer der beste Verteidigungsminister oder die beste Verteidigungsministerin ist.

Oettingers Ratschlag im Guten: Geben Sie ihr 100 Tage und lassen sie sich mit ihren Generälen beraten, und dann werden wir sehen, ob sie ein Programm hat und ob sie mit Verve reingeht, dass sie die Menschen überzeugen kann.

Logo: Siller fragt

Alle Folgen von "Siller fragt" gibt es hier.

Also warten wir doch mal ab, ob der Nachfolgerin von "Ja, ja, ja- Ursula" ("Bild"-Zeitung) noch mehr einfällt, als eine Erhöhung der Rüstungsausgaben anzukündigen. Statt 1,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts möchten’s schon zwei sein, wie von Trump gefordert. In Euro: 72 statt 47 Milliarden.

Weil die CDU immer wieder wackelt, wenn es um die Abgrenzung zum rechten Rand geht, will Siller wissen: Sie schließen aus, dass die CDU sich der AfD bedient?

Eindeutig ja, sagt Oettinger, das hätte er zusammen mit Erwin Teufel bereits 1992 vorexerziert. Mit den Republikanern. Die AfD sei eine erschreckende Partei, die menschenverachtend agiere und an rechtsradikale Parolen anknüpfe. Nach den Wahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg müssten im Notfall drei oder auch vier Parteien eine Regierung bilden – ohne die AfD. Im Übrigen glaubt er, dass die Rechtspopulisten ihren Höhepunkt "hinter sich haben". Auch Italiens Salvini werde über kurz oder lang "entzaubert" werden, seine Rolle als "begnadeter Populist" trage nicht über mehrere Jahre.

Sichtlich entspannter betrachtet der 65-Jährige seine eigene Perspektive. Offiziell ist Ende Oktober Schluss mit dem EU-Kommissar, bis September will er sich für einen neuen Job entschieden haben. Es wird etwas in der Wirtschaft werden mit Wohnsitz womöglich in Frankfurt, von wo aus er flugs in die USA jetten kann. So viel verrät er. Gazprom ist es jedenfalls nicht, das dementiert er sofort, auch wenn er zu Gerd Schröder inzwischen ein gutes Verhältnis habe.

Ebenfalls nicht zur Debatte steht eine Präsidentschaft beim VfB Stuttgart. Das wünsche sich zwar sein Sohn, aber er habe andere Präferenzen.

O-Ton Oettinger: Eigentlich würde es mich reizen, Mittelstürmer beim VfB zu werden, aber ich bin auch nicht schneller als Gomez.

Krisenberater beim retirierten Präsidenten Dietrich wäre vielleicht erfolgreicher gewesen. Schließlich hat er seit 1992 mit ihm auf der Tribüne zusammen "gebibbert" und viele Gespräche geführt – über den VfB und Stuttgart 21. Sein Rat: Über die Begründung für den Rücktritt hätte er zwei Tage schlafen sollen. Seine Erklärung hat mir aber auch gezeigt, dass es gut ist, dass es einen Wechsel gibt.

Stefan Siller hat den Ball aufgenommen und gefragt: Sie haben eben selbst erwähnt, dass Sie Herrn Dietrich auch von Stuttgart 21 her kannten. Sind Sie immer noch ein glühender Verfechter dieses Projekt?

Kurze Antwort, aber man beachte die Differenziertheit: Nicht glühend, aber überzeugt davon, ja.

Siller hakt nach, sichtlich erstaunt: Tatsächlich? Herr Grube als ehemaliger Bahnchef hat schon vor drei Jahren gesagt, er hätt’s nicht nur nicht erfunden, er hätt’s auch nie gemacht.

Das überzeugt Oettinger nicht, im Gegenteil, es lässt ihn einen wunderbaren Schlusssatz formulieren: Ich bin mir sicher, wenn wir 2024 noch putzmunter sein sollten, und wir steigen gemeinsam ein und fahren nach München und dann zurück nach einer Weißwurst, und wir kommen in einer Stunde dreißig an und erleben einen völlig neuen leistungsfähigen Bahnhof – dann werden die Vorzüge erkennbar.

Der Satz ist so zauberhaft wie jener vor zehn Jahren, als Oettinger den damaligen französischen Präsidenten mit Angela Merkel nach Bratislava fahren ließ, und befürchtete, dass Sarkozy beim Gezuckel über die Geislinger Steige der Kanzlerin Rotwein auf das Jackett schütten könnte. Jetzt geht’s also nur noch bis München. CO2-freundlicher ist das allemal.


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5 Kommentare verfügbar

  • Peter Meisel
    am 27.07.2019
    Mit Volldampf ins Weinberghäussle? Günter Oettinger unterschreibt am 2. 4. 2009 den Finanzierungsvertrag für Stuttgart 21 über 4.526 Mrd. Euro und ist sich heute noch sicher:
    „Wenn wir 2024 noch putzmunter sein sollten, und wir steigen ein und fahren nach München und dann zurück nach einer Weißwurst, und wir kommen in einer Stunde dreißig an und erleben einen neuen Bahnhof - dann werden die Vorzüge erkennbar.“
    Ich empfehle dazu den Blick auf das Denkmal von Peter Lenk zum „Neuen Bahnhof Stuttgart S21 - Das Denkmal“ unter www.lenk-in-stuttgart.de
    Die Chronik einer grotesken Entgleisung:
    „Ein irrer Tunneltrip durch Gipskeuper und Mineralbäder. Ungebremst durch Wasserwerfer, vorbei an Parkschützern, Kommunikationsexperten und verdächtigem Juchtenkäferkot. Mit einem schwäbischen Laocoon mitten hinein in die griechische Mythologie und hoch hinaus ins Wolkenkuckucksheim, dem Ort der Wünsche und in Beton gegossene Sehnsüchte.“ (Peter Lenk)
    Dafür habe ich gern gespendet:
    Spendenkonto: BFS IBAN DE 04 1605 0000 3527 0018 66 Betreff „Lenk in Stuttgart“

    Die Vorzüge dieser Anregung „Denk - mal“ ist mir mehr wert als eine schnelle Weißwurst in München!
  • Alfred Nicklaus
    am 26.07.2019
    Stefan Siller fehlt mir bei SWR1 Leute nahezu täglich. (Ich habe die "Leute" Sendung schon gehört, als sie noch beim SDR 3 lief). Aber dieses Gespräch mit dem stets als Oberlehrer auftretende Oettinger, der nur mangelnde Geschichtskenntnisse (Filbinger Widerstandskämpfer) mangelnde Geografiekenntnisse (westlich von Paris sind nur Wiesen und Kühe) miserable Englisichkenntnisse hat, der sich seinerzeit (nach der Filbinger Trauerrede) von der Stuttgarter Zeitung dazu drängen lies Riesensummen Landesvermögen für S21 zu verbuddeln tröpfelte nur vor sich hin...
    Schade...vertane Zeit...
    • Jue.So Jürgen Sojka
      am 27.07.2019
      @Alfred Nicklaus,
      nicht ganz zutreffend: „… als sie noch beim SDR 3 lief).“ Tatsächlich die Kurzbezeichnung "SWF3" – Südwestrundfunk. SDR ist die Kurzbezeichnung für "Süddeutscher Rundfunk" [1]

      Im Januar 2015 feierte die Leute-Sendung ihr 30-jähriges Bestehen mit den Moderatoren und der Moderatorin Petra Zundel – ist zur Nachrichtenredaktion gewechselt (schade – Vom Regen in die Traufe).
      30 Jahre Promis, Politiker und Persönliches
      Am 7. Januar 1985 fing alles an: Talk im Radio. Die erste Gesprächssendung im damaligen Programm "Südfunk 3" lief noch unter dem Titel "Von zehn bis zwölf". Tausende Sendungen und Gäste später feiert "SWR1 Leute" nun das 30-jährige Jubiläum. https://c.web.de/@337901998990951104/Rf-znC6YQZ-JhCIzwCd7fg/337901998999346098

      [1] 1924-2010 Jahreschronik_ Radio Stuttgart, SDR, SWF und SWR.pdf https://c.web.de/@337901998990951104/Rf-znC6YQZ-JhCIzwCd7fg 4,7 MB
  • Lowandorder
    am 24.07.2019
    Also - in Ton. Tu ich’s mir gar net erscht aa. Gellewelle.
    Aach zuu heiß derfür.

    Erschreckt hat mich aber die - 65.
    Öttel kommt mir ab sei Denglish&0/1-Performance.
    Immer - Wie sei eig'ner Großvater vor.
    &
    Ha noi & Der Bub - is fast zeh' Jahre jünger wie i.
    Nich to glöben. Rein tonn katolsch warrn.
    Njorp.
  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 24.07.2019
    Tja Stefan Siller,
    Ihre Medien-Zeit hat mit sich gebracht, dass Gespräche mit "hochgelobten" – und auch weggelobten – ihr täglich Brot zu sein hatte. ¹
    Informativ, erbauend, vielsagend und… jedenfalls kurzweilig und nah an den aktuellen Themen | :-)

    ¹ Diese _kleine_ Auswahl denkwürdiger «und dankenswert» geführter Gespräche:
    10.05.2013 Volker Kauder (CDU-Politiker) – In "Petition B-W" V.1-V.4 - 2014.09.02 Di. 2te Petition.pdf https://c.gmx.net/ernest.petek@gmx.de/11nmor25RQiAdxT55s_U1g/703419917243779056

    22.03.2011 Stefan Mappus (Ex-Ministerpräsident)
    13.11.2009 Stefan Mappus (CDU-Fraktionschef)
    https://c.web.de/@337901998990951104/Rf-znC6YQZ-JhCIzwCd7fg/337901998999346098
    03.11.2008 Robert Zollitsch (Erzbischof von Freiburg und Vors. der Deutschen Bischofskonferenz)
    17.01.2008 Johannes Schmalzl (Stuttgarter Regierungspräsident)
    25.09.2007 Giesela Friedrichsen (Gerichtsreporterin)
    31.05.2007 Peter Boudgoust (SWR-Intendant)

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