Ausgabe 417
Kultur

Zug entgleist beim Zähneputzen

Von Stefan Siller (Interview)
Datum: 27.03.2019
Der Aufstieg der Rechtspopulisten sei auch der Amygdala zuzuschreiben. Das Angst-Zentrum im Hirn korrespondiere trefflich mit der Vorliebe der Medien, möglichst schnell viel Negatives zu berichten, sagt "Stern"-Autor Walter Wüllenweber im Gespräch mit Stefan Siller. Dabei lohne es sich, das Gute zu betrachten. Zur Schonung der Nerven und für eine lebenswerte Zukunft.

Feigheit sei das Erfolgsprinzip der Spezies Mensch, sagt Walter Wüllenweber. "Die Mutigen unter unseren Vorfahren haben es nicht bis zur Fortpflanzung geschafft, die hat der Säbelzahntiger vorher geholt." Der Mensch, ein Fluchttier, dessen Wahrnehmung alleine aus Gründen des Selbstschutzes für alle Formen von Alarm sehr viel besser empfänglich sei als für andere Formen der Information. "Unser Gehirn scannt ununterbrochen unsere Umwelt nach Gefahrenmöglichkeiten ab", sagt Wüllenweber, dafür hätte es mit der Amygdala sogar ein eigenes Hirn-Zentrum, und wenn die loslegt, heißt es: 'Alles hört auf mein Kommando! Lasst alles stehen und liegen! Jetzt ist grade Alarm!'"

Und genau da, sagt Wüllenweber, setzen die Medien an: "Die Menschen haben das Bedürfnis, informiert zu werden über das, was gefährlich für sie sein könnte. Und diese Art der Information liefern wir, die Medien, ihnen. Und zwar in einem Ausmaß, wie das bislang noch nie da gewesen ist." Das Angebot an Informationen habe sich in den vergangenen Jahrzehnten vermilliardenfacht, weil mittlerweile nahezu jeder Anbieter von Information sein kann. gleichzeitig verbringe der Mensch immer mehr Zeit mit Medien - Handy, Computer, Radio, Fernsehen.

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"Wir wachen morgens auf, und der Radiowecker klärt uns schon drüber auf, wo es einen Bombenanschlag gegeben hat. Beim Zähneputzen gibt es einen entgleisten Zug oder eine Naturkatastrophe und natürlich ununterbrochen, was der Verrückte im Weißen Haus wieder von sich gegeben hat. Wir sind noch nicht mal im Büro, da sind wir schon vollgestopft mit Horrormeldungen. All das ist früher auch passiert. Nur früher haben wir es nicht so sehr wahrgenommen." 

Rechtspopulisten manipulierten das Angstzentrum der Gesellschaft, indem sie behaupten, heute sei alles schlechter, die Entwicklung sei katastrophal, wir stehen kurz vor dem Abgrund. Das nenne ich die Mutter aller Fake News. Wenn wir erkennen würden, dass das falsch ist, wenn wir erkennen würden, dass die Entwicklung in den letzten Jahren sensationell positiv war, dann würden den Rechtspopulisten auch nicht so viele Leute hinterherrennen."

Stefan Siller nennt Wüllenweber eine "seltene Art von Journalist". 

Herr Wüllenweber, sie sagen: "Es ging uns noch nie so gut wie heute." 

Als Journalist berichte ich überwiegend über Negatives. Jetzt bin ich schon ein paar Tage Journalist und stelle fest, über dieses und jenes Problem habe ich schon einmal geschrieben, aber damals war es noch schlimmer als heute. Und so hat sich bei mir der Wunsch festgesetzt, auch mal darüber zu schreiben, was heute positiv ist. Und wenn man einmal anfängt, in diese Richtung zu recherchieren, hat man plötzlich das Gefühl, da ist ein riesengroßes Reservoir an Geschichten, an Fakten. Das hat meine Sicht auf die Welt ein bisschen gedreht.

Und tatsächlich hat der "Stern"-Autor eine Menge Zahlen und Daten zusammengetragen, die seine These stützen: Die UN hofft, dass in den 2030er-Jahren Hunger vollkommen besiegt ist. Bis in die 50er-Jahre waren 2/3 der Menschen Analphabeten, heute sind es noch 16 Prozent. "Von existenziell bedrohlichre Armut waren in der gesamten Menschheitsgeschichte immer mehr als 90 Prozent betroffen, jetzt geht man davon aus, das es zwischen sechs und acht Prozent sind. Kindersterblichkeit hat sich seit den Neunzigern halbiert." 

Journalismus versetze die Menschen in die Lage, aus Fehlern zu lernen. Das sei dessen Aufgabe, gut und richtig so, aber für einen Fortschritt der Menschheit, meint Wüllenweber, müsse die auch lerne, an Erfolgen zu wachsen. "Dazu müssen wir sie aber wahrnehmen." 

Walter Wüllenweber. Foto: Martin Storz

Foto: Martin Storz

Walter Wüllenweber, Jahrgang 1962, ist seit 1995 Autor beim Stern. 2005 hat er den Deutschen Sozialpreis bekommen, 2007 war er Reporter des Jahres. Seine Themen sind unter anderem Finanzbetrug und Steuertricksereien. Über seine Recherchen zum Positiven und Guten hat er das Buch "Frohe Botschaft" geschrieben. (red)

Wie ernst muss man berechtigte Ängste nehmen und wie bekommt man Leute von unberechtigten Ängsten wieder auf den richtigen Trip? 

Als Journalist denke ich, wir dürfen uns von den falschen Themen nicht die Agenda bestimmen lassen. Nehmen wir das Flüchtlingsthema. Ich habe gerade ein größeres Stück geschrieben über die Ungerechtigkeit der Reichtumsverteilung und des Steuersystems. Für die Reichen ist das eine großartige Sache, wenn wir permanent über Flüchtlinge reden. Da sagen die: "Toll. In dem Jahr, in dem Flüchtlinge das Hauptthema sind, werden die Steuern für uns nicht erhöht.

Wer der Politik misstraut und den Politikern, der glaubt auch eher an Fake News, besagt eine Studie. Sie haben die Aufgabe der Medien angesprochen. Aber Politiker haben auch eine: Nicht nur aus Gier und Machtstreben Politik zu machen. 

Ja, es ist so. Was mich richtig geschockt hat: In München hat das Oberverwaltungsgericht entschieden, das die Stadt ein Fahrverbot für Diesel verhängen muss. Die bayrische Landesregierung sagt einfach: 'Ne, das machen wir nicht.' Das Oberverwaltungsgericht ist die letzte Instanz. Ein konservativeres Gericht als das in München werden sie in Deutschland schwer finden. Dass da eine Landesregierung sagt, wir halten uns nicht an die Entscheidungen des obersten Gerichts, finde ich skandalös. Das zersetzt das Vertrauen in Politik, keine Frage. 

Sind Sie auch mal Journalist geworden, um die Welt zu verbessern? 

Ja klar, deswegen bin ich immer noch Journalist. Es ist ja nicht so, dass wir alle Probleme gelöst haben. Es gibt ja weiterhin große existenzielle Gefahren, der Klimawandel ist eine davon.Wenn wir nur mal überlegen, wie unsere Gesellschaft über die Jahrzehnte liberalisiert und freier geworden ist. Was das für eine Sensation war, als Hape Kerkeling von Rosa von Praunheim geoutet wurde. Oh Gott, der arme Kerkeling, kann der denn jetzt noch ins Fernsehen, wenn der schwul ist? Heute ist schwul sein normal. Selbst bei Konservativen. Wenn ich mir das anschaue, dann bin ich wieder optimistisch gesinnt, was die Zukunft angeht. 


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1 Kommentar verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 28.03.2019
    @Walter Müllenweber,
    @Stefan Siller,
    ein Umfassender Blick auf uns Hominiden, die wir uns selbst Homo sapiens nennen, dabei meinend den Begriff "Mensch" in Anwendung bringen zu dürfen.
    Sind wir MENSCHEN?

    Würden wir erreicht haben Menschen zu sein, dann würde es menschlich auf diesem Planeten Erde zugehen – es geht nicht menschlich auf unserer Mutter Erde zu <Pachamama>.

    Sich frei machen von Scheren, Maulkörben und… [b][1][/b]

    Zitat aus Ihrem Artikel: „Feigheit sei das Erfolgsprinzip der Spezies Mensch, sagt Walter Wüllenweber.“
    Nun könnte Stefan Siller sich zu dieser Ihrer Aussage konstruktiv und positiv äußern, so er sich erinnern wollte! [b][2][/b]
    Bascha Mika hat Unrecht, so sie meint das Wort "Feigling" auf die weiblichen unserer Spezies in Anwendung bringen zu können. Es geht schon rein grammatikalisch nicht:
    Der Feigling = maskulin – Die Feiglinge = maskulin | Es entsteht lediglich der Eindruck, die weiblichen…

    [b][1][/b] KONTEXT Ausgabe 414 Rettet endlich die Welt! https://up.picr.de/35287057oa.pdf
    Meine Kommentare…

    [b][2][/b] Bascha Mika am 11.05.2011 zu Gast bei Petra Zundel SWR1 Leute-Sendung http://up.picr.de/33848592vi.pdf meine sechs Mails ins Studio
    S. Siller bis 2015 im SWR1-Team http://www.science-skeptical.de/energieerzeugung/erneuerbare-energien/schlechter-journalismus-am-beispiel-stefan-siller/0011747/
    „Hier wurde dann nur zu offensichtlich, dass der Moderator permanent darauf hin arbeitete, dass Oehler die ihm, Sillers, genehmen Antworten und Aussagen lieferte. “
    Subjektiv gefärbt sind die Aussagen hier – Meinungsfreiheit schon noch zu nennen (GG Art. 5).

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