Die Spuren des Kolonialismus in Stuttgart sind kaum sichtbar. Deshalb hier: Reiterstandbild von Graf Eberhard im Bart. Fotos: Jens Volle

Ausgabe 417
Gesellschaft

Die drei Möhren

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 27.03.2019
Ein kritischer Stadtspaziergang zu den Spuren des Kolonialismus in Stuttgart fördert wenig Habhaftes zutage. Außer der Erkenntnis, dass schlechte Vorbereitung der guten Sache schadet.

Das Interesse ist groß. Mindestens 50 Personen kommen im Hof des Alten Waisenhauses zusammen, um am kritischen Stadtspaziergang zu den "Kolonialen Spuren in Stuttgart" teilzunehmen, den die Initiative Heimat im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus organisiert hat. Sie müssen eng zusammenrücken, um Sebastian Sprute zu verstehen. Der Afrikanist will nicht fotografiert werden, und falls Journalisten da sind: die sollen bitte, bevor sie etwas veröffentlichen, ihren Text der Dreiergruppe vorlegen, die sich nun mit dem Tross auf die Suche nach den Spuren des Kolonialismus begibt.

Der Spaziergang startet beim ifa. Das heutige Institut für Auslandsbeziehungen wurde 1917 als Deutsches Auslands-Institut gegründet, also eigentlich in dem Moment, als es mit der Kolonialherrlichkeit vorbei war. Es hat vor zwei Jahren sein 100-jähriges Bestehen gefeiert und dabei seine Geschichte nicht verschwiegen. Sprute verweist auf die wirtschaftspolitischen Interessen, aus denen heraus sich das ifa einst gegründet hatte. Das wäre zu diskutieren, denn die spielen immer noch eine Rolle, aber das Thema wird nicht weiter verfolgt. Und die Sprachkurse, die Bibliothek, die Ausstellungen globaler Kunst, die Cross-Culture-Praktika, die das ifa anbietet, sind sicher nicht mit Kolonialismus gleichzusetzen. 

Zu sehen ist also nur das Gebäude. Und zwei hölzerne Mohren-Pagen im Grand Café Planie. Nur kann eine fünfzigköpfige Gruppe schwerlich durch das gut besuchte Café filieren, um diese Relikte kolonialer Attitüden in Augenschein zu nehmen. Auch sonst fördert der Stadtspaziergang wenig Sichtbares zutage. Offenbar hat sich ein Großteil der kolonialen Spuren verflüchtigt.

Könige zu Herzögen

Im Hof des Alten Schlosses erzählt Sprute die Geschichten einiger afrikanischer Kammerdiener am württembergischen Hof. An dieser Stelle hätte man, Ehre wem Ehre gebührt, darauf hinweisen können, dass Monika Firla-Forkl, die Ehefrau des früheren Leiters der Afrika-Abteilung im Linden-Museum, diese in jahrelanger Arbeit recherchiert hat. "Exotisch, höfisch, bürgerlich – Afrikaner in Württemberg vom 15. bis 19. Jahrhundert", hieß die Ausstellung zum Thema im Hauptstaatsarchiv 2001. Und eigentlich war dies die Zeit vor dem Kolonialismus. Die Männer waren zwar Diener, aber nicht schlechter gestellt als Einheimische, wie Sprute hinzufügt, der sich wiederholt von älteren Teilnehmern korrigieren lassen muss, wenn er Baden-Württemberg statt Württemberg sagt oder die Könige zu Herzögen macht und umgekehrt.

Auch im Stadtgarten ist weder von der Kolonialausstellung, die dort 1928 stattfand, noch von der Gewerbehalle etwas übrig, die sich ungefähr an der Stelle der heutigen Universitätsbibliothek befand. Lisa Tuyala, Kontext-LeserInnen bekannt durch ihren Auftritt zum fünfjährigen Jubiläum im Theaterhaus, trägt aus der Eröffnungsrede des damaligen Oberbürgermeisters Karl Lautenschlager vor: "Durch seine Forscher, seine Wirtschafts- und Kulturpioniere, seine allezeit regsamen und wanderlustigen Söhne, ist das Schwabenland auf Engste mit unserer kolonialen Entwicklung verknüpft gewesen." Das wars, sie geht dann direkt über zu May Ayim, der 1996 tragisch durch Freitod aus dem Leben geschiedenen Lyrikerin und wegweisenden Aktivistin der Afrodeutschen-Bewegung.

Als sichtbare Spur der kolonialen Epoche bleibt nur das Portal des Linden-Museums und das Restaurant "Drei Mohren" im Bohnenviertel. Hier kommt auch die dritte Stadtführerin, Josephine Jackson zur Sprache, die in Tübingen mit schwarzen Jugendlichen arbeitet und daher weiß, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt, angestarrt oder nach seiner Herkunft befragt zu werden, obwohl man in Deutschland geboren ist. Darüber mehr zu erfahren, wäre interessant gewesen. Aber sie arbeitet nun mal nicht auf dem Spielplatz gegenüber den Drei Mohren und kann daher eigentlich nur mutmaßen, was dunkelhäutige Kinder empfinden, wenn sie die drei Mohrenfiguren mit dem um die Hüfte geschlungenen goldenen Tuch sehen.

Keine/r der drei weiß etwas zur Geschichte des Gebäudes zu sagen, das bis 1977 in der Friedrichstraße stand, an der Rückseite des Königsbau-Areals. Der damalige Besitzer, die Brauerei Dinkelacker, wollte den Bau abreißen, erklärte sich jedoch bereit, die Balken der Fachwerkfassade einzulagern. Zehn Jahre später erstand die Fassade im Bohnenviertel neu. "An der Außenwand der Drei Mohren ist nach wie vor die Skulptur mit den drei schwarzen Jungs in den goldenen Lendenschürzen zu sehen", schreibt Joe Bauer 2013 in einer seiner Depeschen. "Man muss befürchten, eines Tages könnte ein ­Tugend- oder Nachtwächter politische Korrektheit einfordern. Dann würde die Kneipe nach ihrer alten Heimat auch ihren Namen verlieren."

Joe Bauer rät zu 'Drei Ohren'

Susanne Belz arbeitet daran. Die Bildungsreferentin im Büro für Antidiskriminierungsarbeit des Stadtjugendrings, die den Stadtspaziergang organisiert hat, hat im Januar den Pächter des Restaurants angeschrieben, ob er sich nicht von dem Namen distanzieren wolle. "Und falls Sie Ärger bekommen mit den Drei Mohren", riet dagegen Joe Bauer dem Pächter, "nennen Sie Ihren Laden einfach 'Drei Ohren'. In der Altstadt weiß man, was damit gemeint sein könnte."

Der Bau wie die Figurengruppe dürften aus dem früheren Barock stammen. Damals befand sich der afrikanische Kontinent bis auf einzelne Stützpunkte noch keineswegs unter europäischer Herrschaft. Man kann Kolonialismus als die Epoche des späteren 19. und früheren 20. Jahrhunderts betrachteten, als die europäischen Mächte die Welt untereinander aufteilten, oder ihn bereits mit der Entdeckung der "Neuen Welt" ab 1492 beginnen lassen. Dazu äußert sich Sprute nicht. Aber dass die drei Mohren außer Hüfttuch und Schmuck nichts am Leib tragen, ist für ihn ein Zeichen von Diskriminierung.

Eigentlich spricht viel dafür, dass sie zur Zeit, als das Gebäude entstand, eher positiv gesehen wurden. Das Land jenseits der Sahara galt als eine Region sagenumwobenen Reichtums, aus dem auch die europäischen Goldreserven stammten. Es gibt mittelalterliche Heilige mit dunkler Gesichtsfarbe und afrikanischen Zügen wie Mauritius, eingedeutscht Moritz, den Schutzpatron Magdeburgs und des Burgund. Die Heraldik ist voll von schwarzen Köpfen, darunter so kuriose Figuren wie eine 'Mohrin' mit Mitra, also der bischöflichen Kopfbekleidung, im Wappen der Fugger, während die Mohrin im Wappen des Kardinals Ratzinger und Papsts Benedikts XVI eine Krone trägt.

Wäre die Figur des Mohren nicht positiv besetzt gewesen, hätten ihn sicher nicht zahllose Apotheken und Wirthäuser zu ihrem Aushängeschild erkoren. Aber da es keine Gasthäuser gibt, die sich nach dem N-Wort benennen, richtet sich der Umbenennungsfuror nun gegen die Häuser, die in aller Regel nach alter Tradition den Mohren im Namen tragen.

Eine Frankfurter Apotheke wurde im Vorjahr attackiert. In Augsburg gibt es ein Fünf-Sterne-Hotel, das sich, obwohl in der Nachkriegszeit neu errichtet, nach dem Vorgängerbau ebenfalls "Drei Mohren" nennt. Die lokale Amnesty-Jugendgruppe startete im Juni 2018 eine Petition, um das Hotel in "Drei Möhren" umzubenennen, erreichte jedoch nur ein Viertel der erforderlichen Stimmen. Das Hotel selbst führt seinen Namen auf die Gastfreundlichkeit zurück, die ein Wirt namens Minner um 1495 drei äthiopischen Mönchen entgegengebracht habe. Zur selben Zeit, als die Amnesty-Gruppe ihre Petition startete, hat das Hotel Buchungen für Alexander Gauland und Alice Weidel storniert. Gäste, die "unseren Grundwerten" widersprächen, seien nicht erwünscht.

Dann doch lieber ins Museum

Sprute meint, der Begriff Mohr leite sich von zwei griechischen Worten ab, nämlich μαῦρος (mauros) für dunkel oder braun, und μωρός (moros), dumm. Das ist sprachgeschichtlich Unsinn, es kann nur eines von beiden sein, und die zahllosen Varianten, die sich mit dem ersten Wort verbinden, darunter dunkelhäutige Heilige wie Maurus oder Mauritius, die Mauren im mittelalterlichen Spanien und Mauretanien, dem heutigen Marokko, sprechen klar für mauros: einen Begriff, der die Hautfarbe meint.

Man kann es auch ganz anders betrachten, wie der amerikanische Afrikanist Ivan van Sertima, der an der Rutgers University in New Jersey gelehrt und 1993 ein Buch unter dem Titel "The Golden Age of the Moor" veröffentlicht hat. Van Sertima unterschied nicht zwischen Mohren und Mauren. Er sah vielmehr im maurischen Spanien und Nordafrika eine afrikanische Kultur, der Europa das Papier, Musikinstrumente wie Gitarre und Violine, die arabischen Ziffern und damit die Mathematik, das Destillieren von Alkohol, den Aristoteles und letztlich die Aufklärung verdankt.

Der einzige Ort, an dem Spuren der Kolonialgeschichte wirklich sichtbar werden, ist das Portal des Linden-Museums, wo der Spaziergang endet. Die zwei Atlanten am Bogen über dem Portal, die für Afrika und Asien stehen, tragen nun wirklich die Last der kolonialen Geschichte. Inés de Castro, die Direktorin, findet das Portal schrecklich und will gern das Gebäude verlassen. Sprute schlägt vor, den gesamten Bau zu einer Gedenkstätte zu machen. Ob die Teilnehmer der Führung es auf sich nehmen wollen, durch dieses Portal zu schreiten, um die zahlreichen in der Kolonialzeit angeeigneten Objekte zu betrachten, möchte er ihnen gern selbst überlassen.

Sprute muss das Portal selbst oft genug durchschritten haben. Er war Volontär am Linden-Museum und hat dort die Internationalen Wochen gegen Rassismus 2018 mit einem Vortrag bereichert. Dass hier just am Vortag eine Afrika-Ausstellung neu eröffnet wurde, die den Akzent auf die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte legt, wäre schon erwähnenswert gewesen. Schließlich beschäftigt sich das Museum hier erstmals selbst kritisch mit dem Thema. Und während es im Stadtbild kaum noch Spuren der Kolonialgeschichte zu sehen gibt: Hier sind sie in Hülle und Fülle vorhanden.


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4 Kommentare verfügbar

  • Marion Jackson
    am 30.03.2019
    ist halt von einem "alten weißen Mann" geschrieben", einer der der Betroffenehit Betroffener mal wieder nicht gerecht wird
  • Charlotte Rath
    am 27.03.2019
    Zu Kolonien, also abhängigen Gebiete ohne eigene wirtschaftliche und politische Macht, findet man in Stuttgart möglicherweise wenig in der weiteren Vergangenheit, dafür aber in der Neuzeit: So wurden beispielsweise am 1. April 1942 unter Nazi-Herrschaft die bis dahin selbständigen Orte Möhringen und Vaihingen a.d.F eingemeindet. Die Einwohner der beiden Orte wurden dazu weder damals noch später gefragt. Ihnen verblieb als politisches Plazebo jeweils ein Bezirksbeirat, welcher selbst bei einstimmig gefassten Beschlüssen konsequent vom Stuttgarter Gemeinderat übergangen wird. Möhringen und Vaihingen dürfen zwar mit ihrem deutschlandweit einmaligen Überhang an Arbeitsplätzen das Stuttgarter Stadtsäckel füllen, doch für die daraus resultierenden Verkehrsprobleme bekommen sie keine Lösung. Bemühen sie sich selbst um Abhilfe, wie mit dem mühsam angestrebten Regionalbahnhalt in Vaihingen, nutzt die Stadt Stuttgart das als willkommene Gelegenheit, um mit weiteren 4.500 Arbeitsplätzen kostengünstige Wohnungen und eine Frischluftschneise platt zu machen. Geht es um Belastungen wie aktuell mit Luftschadstoffen, dann schützen sich die Stuttgarter Innenstadtlagen dagegen, während Möhringen und Vaihingen als abseits gelegene Gebiete die P+R-Anlagen aufnehmen dürfen, zu welchen eine Zufahrt selbstverständlich auch mit Euro-4-Norm zulässig ist.
    Die zwei Bezirke Möhringen und Vaihingen haben mittlerweile mehr als 76.000 Einwohner, doch weniger Rechte als z.B. Gröde in Schleswig-Holstein, das sich mit 9 Einwohnern selbst verwalten darf. Bei „Raubkunst“ bemühen sich staatliche Stellen von Rechts wegen längst um eine Rückübertragung an die ursprünglichen Eigentümer. Der Raub kommunaler Hoheitsrechte ist dagegen bis heute ein Tabu - es lebt sich ja so bequem damit, zumindest für die Kolonialherrin Stuttgart.
    • Waldemar Grytz
      am 28.03.2019
      Ein ganz schräger Vergleich liebe Brüder/Schwestern im Geiste der Hereros: wie wäre es eine Nummer kleiner? Was sollen da die Neckarvororte und Zuffenhausen, Feuerbach sagen? Und das ärmste Dorf von allen (Botnang) habt Ihr auch noch durchfüttern müssen. Wohin Lokalpatriotismus so alles führen kann, Frau Rath, fast witzig …
      Gruß an die "Verdammten dieser Filder-Erde"
    • cannstatter urbanaut
      am 29.03.2019
      Na, dann wirds aber Zeit, dass sich die Kolonien endlich von Stuttgart befreien. Als autochthoner Cannstatter kenne ich dieses binnenkolonialistische Problem. Viele Cannstatter habens bis heute auch nicht überwunden, dass sie einst eingemeindet wurden...Aber ich fürchte das ist eine gänzlich andere Baustelle...

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