Krankenschwester Doris Röck (links) arbeitet Serena Pia Germano ein. Fotos: Jens Volle

Ausgabe 417
Gesellschaft

Das Pflegekarussell rotiert

Von Gesa von Leesen
Datum: 27.03.2019
Pflegekräfte aus dem Ausland, um den deutschen Notstand zu bekämpfen – der Weg ist umstritten. Im Christophsbad in Göppingen wurden junge Frauen aus Süditalien angeworben. Die müssen nun Deutsch lernen und zunächst als Pflegehelferinnen arbeiten.

Serena Pia Germano kommt aus San Giovanni Rotondo, ein apulisches Städtchen am Sporn des italienschien Stiefels. In ihrer Heimat hat sie Krankenpflege studiert, gearbeitet hat sie dort nie. Zwar würden an italienischen Krankenhäusern auch Pflegekräfte benötigt, erzählt die 26-Jährige. Aber der Staat gebe dafür zu wenig Geld, also fänden die vielen jungen studierten Pflegekräfte keine Jobs. "Wenn es eine öffentliche Ausschreibung zum Beispiel für 300 Stellen gibt, bewerben sich 1500 Leute."

Also machte sich Germano gleich nach ihrem Studium auf den Weg nach Australien. "Dort habe ich drei Jahre lang als Krankenpflegehelferin gearbeitet", erzählt sie. Doch auf Dauer, "war das zu weit weg". So informierte sie sich schon von Australien aus darüber, wie sie in Deutschland arbeiten könnte. "Ein Freund von mir hat das schon gemacht. Er arbeitet in Münster." Als sie in Italien dann eine Anzeige in der Zeitung sah, in der um Krankenpfleger nach Deutschland geworben wurde, meldete sie sich. Es klappte und seit einem knappen halben Jahr lebt Serena Pia Germano in Stuttgart und soll demnächst im Klinikum Christophsbad in Göppingen arbeiten.

"Wir freuen uns über die Verstärkung", betont Personalchef Roland Gutt, der gemeinsam mit Pflegedirektorin Birgit Gambert bereits drei Mal nach Neapel gereist ist, um dort Vorstellungsgespräche zu führen. Organisiert wird die Anwerbeprozedur vom Internationalen Bund (IB). "Wir werden von einer ganzen Reihe von Kliniken in Baden-Württemberg beauftragt und bezahlt", erklärt IB-Mitarbeiterin Nora Hillegart.

Erst deutsch büffeln, dann pflegen

2013 und 2014 konnten zehn junge Menschen gewonnen werden, den Weg nach Göppingen anzutreten. Acht sind immer noch da. Das sei eine hohe Quote, sagt Gutt stolz. "Es ist ja keine Selbstverständlichkeit, dass die jungen Leute bei uns bleiben." Dass es in Göppingen eine größere italienische Gemeinde gibt, sei hilfreich. Zudem könne das Christophsbad hauseigene Unterkünfte stellen. Nun kommen also drei weitere Italienerinnen dazu.

Serena Pia Germano lernt seit Dezember in Stuttgart intensiv deutsch, lebt im Gästehaus des IB. Anfang April muss sie die Prüfung für das Level B1 ablegen. Dann geht´s ins Krankenhaus, wo sie zunächst als Pflegehilfskraft arbeiten wird und parallel weiter einen Deutschkurs besuchen bis zum Niveau B2, das ist Voraussetzung für die Anerkennung der italienischen Ausbildung. Anschließend würden sie und ihre zwei Kolleginnen als reguläre Krankenpflegerinnen beschäftigt und bezahlt, so Gutt.

Auf etwa 6000 Euro pro Person beliefen sich die Kosten für das gesamte Verfahren, sagt der Personalchef. "Wir finanzieren das alles vor. Wenn die neuen Kräfte dann hier arbeiten, zahlen sie die Hälfte davon in Raten von etwa 120 Euro pro Monat über zwei Jahre lang zurück."

Serena Pia Germano findet das alles okay. Sie möchte auf der Stroke Unit arbeiten, also auf der Schlaganfallabteilung. Auf die Frage, wie die ersten sechs Monate waren, schüttelt sie die rechte Hand, schaut skeptisch. Die Sprache sei ein Problem, "ein großes." Aber die Betreuung sei gut. 

Wenn sie in diesen Tagen im Christophsbad anfängt, wird die Italienerin zunächst in der Geriatrischen Reha eingesetzt. Dort könnten die neuen Kolleginnen ein breites Spektrum an Aufgaben kennen lernen, erläutert die Pflegedirektorin Birgit Gambert. Vor allem die direkte Pflege des Patienten, denn die ist in der akademischen Ausbildung in Italien nicht vorgesehen, dafür gibt es dort PflegehelferInnen. Die meisten angeworbenen Pflegekräfte gehen wieder zurück in ihre Heimat. 

Bei einem ersten Rundgang zeigt Pflegechefin Gambert der künftigen neuen Kollegin die Abteilung Geriatrische Reha 1 mit ihren 60 Betten. Während die Stationsleiterin erklärt, wie man eine Infusion vorbereitet, kommt Lucia Vinci dazu. Sie ist seit vier Jahren auf der Station, kommt aus der Provinz Salerno. "Anfangs war es schwer", erzählt die 30-Jährige, "ich habe mich hier nicht so wohl gefühlt. Wegen der Sprache und die Kolleginnen waren nicht alle freundlich." Doch mittlerweile sei es gut, und auch das Heimweh habe abgenommen. "Aber drei Mal im Jahre fahre ich nach Hause", sagt die eher kleine Frau und lächelt schüchtern. 

Nur jede zehnte Pflegekraft bleibt auf Dauer 

Ausländische Pflegekräfte, um den deutschen Pflegenotstand zu bekämpfen – dieser Weg ist umstritten. "Damit behebt man das Problem nicht", stellt Yvonne Baumann fest. Sie ist bei der Gewerkschaft Verdi Baden-Württemberg für die Krankenhäuser im Land zuständig. Dass dort zu wenige Pflegekräfte arbeiten, ist auch für Baumann eindeutig. Wie viele Stellen unbesetzt sind, ist nicht eindeutig, am häufigsten findet sich die Zahl 15 000 bis 20 000. Dass man nach mehreren Jahren des Einsparwahns (siehe Kasten) die offenen Stellen mit Fachkräften aus dem Ausland füllen könnte, propagiert auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). 

Spuren des Sparwahn

Ein Blick zurück lässt erahnen, was in Krankenhäusern zum Mangel an Pflegepersonal beigetragen hat: Laut dem Statistischen Landesamt waren im reichen Baden-Württemberg 1995 etwa 41 000 Pflegekräfte in den Krankenhäusern beschäftigt. Diese Zahl sank dann stetig bis auf knapp 36 000 und steigt erst seit 2007 leicht an, auf 38 300 im Jahr 2017. In der gleichen Zeitspanne stiegen übrigens kontinuierlich sowohl die Anzahl der Ärzte (von 12 700 auf knapp 19 600) als auch die der Patienten (von 1,7 auf 2,1 Millionen). (gel)

Die Idee hatten vor Spahn auch schon andere. Seit 2013 werden unter staatlicher Regie im Ausland Pflegekräfte angeworben. So betreut die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH (GIZ) das Programm "Triple-win". Damit bringe man "gut ausgebildete Pflegekräfte aus Serbien, Bosnien, Herzegowina, den Philippinen und Tunesien nach Deutschland", schreibt die GIZ auf Anfrage. "Das Programm arbeitet ausschließlich mit Ländern zusammen, die einen Überschuss an gut ausgebildeten Pflegekräften aufweisen." Seit Programmbeginn 2013 habe man bereits mehr als 2750 Pflegefachkräfte an Kliniken und Pflegeeinrichtungen in Deutschland vermittelt.  

Über derartige Projekte kann die Gewerkschafterin Baumann nur den Kopf schütteln. Nach ihrer Erfahrung funktionieren diese Anwerbungen nicht. "Um die zehn Prozent bleiben auf Dauer, der Rest geht woanders hin oder zurück in die Heimat." Zu oft werde in Kliniken nicht für Ansprechpersonen gesorgt, in den Teams überwiege eine ablehnende Haltung der Einheimischen, die Ausbildungen seien zu unterschiedlich. Erkenntnisse, die eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung aus diesem Jahr belegt. Nicht kulturelle Unterschiede sorgten in Krankenhausteams für große Unzufriedenheit bei ausländischen und inländischen Beschäftigten, es ist vor allem die unterschiedliche Ausbildung. 

Hoher Druck, schlechte Bezahlung 

Die angeworbenen KollegInnen seien in der Mehrheit akademisch ausgebildet, könnten sich also mit medizinischen Fragen befassen. In Deutschland jedoch werden sie zunächst fürs Waschen und Betten machen eingesetzt. Das unterfordert die Angeworbenen, die sich damit nicht wertgeschätzt fühlen und führt andererseits schnell dazu, dass einheimische KrankenpflegerInnen die Neuen als arrogant empfinden, schreibt die Böckler-Stiftung. 

Baumann ärgert vor allem, dass die angeworbenen jungen Leute anfangs nicht wie ausgebildete Fachkräfte bezahlt würden. "Ein Jahr lang spart der Arbeitgeber Geld." Der Knackpunkt des deutschen Pflegeproblems seien die schlechten Arbeitsbedingungen. "Irgendwann merken das auch die angeworbenen Beschäftigten und gehen." So wisse sie von philippinischen Krankenschwestern, die eine große Uni-Klinik wieder verlassen hätten, weil die Bedingungen nicht stimmten. "Hoher Druck, Überstunden, zu viel Dokumentation, zu wenig Arbeit am Patienten. Da wandern die Leute ab", fasst Baumann zusammen. 

Und das gelte auch für einheimische Pflegekräfte. Dabei würden viele ihren Beruf gerne ausüben, wie eine Studie der Hartmann-Group aus dem vorigen Jahr zeigt. KrankenpflegerInnen, die aus ihrem Beruf ausgestiegen sind, wurden gefragt, unter welchen Bedingungen sie wieder zurückkehren würden. Ergebnis: Bei anderen Strukturen und Arbeitsbedingungen, mehr Personal und besserer Bezahlung würden sehr viele ihren eigentlichen Traumberuf wieder ausüben. 

Das Rückkehrerinnen-Potential beträgt demnach zwischen 120.000 und 200.000 Fachkräfte. Für die Gewerkschafterin Baumann ist die Ansage an die Arbeitgeber klar: "Sie müssen endlich etwas ändern: Verlässliche Dienstpläne und mehr Beschäftigte sind ein Muss. Denn bei den derzeitigen Arbeitsbedingungen werden die Krankenhäuser auch in Zukunft keine Leute finden." 


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1 Kommentar verfügbar

  • Ruby Tuesday
    am 28.03.2019
    Warum denn Pflegekräfte 6.000 Euro in 120 Euro - Raten zurückzahlen müssen, ich verstehe das wohl nie. Gleiches gilt ja für RettungsanitäterInnen bei den sogenannten karikativen Einrichtungen ebenso, dass die Fortbildungen durch Mehrarbeit o.ä. erstattet werden müssen. Es würde sich also mal lohnen die Profitraten, auch des IB, näher zu betrachten. Wenn immer wieder von Rückkehrprämien für PflegerInnen und Ähnlichem die Rede ist, kann ich nur jeder Pflegekraft raten, sich auf möglichst viele Stellen zu bewerben. Mit der Bedingung, dass die Rückzahlung der Ausbildungskosten 6.000 Euro vom neuen Arbeitgeber übernommen werden. Beim Fußball klappt das inzwischen reibungslos mit dem Menschenhandel, der sich dort wohl Ablösesumme nennt.

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