Eine empirische Untersuchung, die den Fachkräftemangel belegt, existiert nicht. Fotos: Joachim E. Röttgers

Eine empirische Untersuchung, die den Fachkräftemangel belegt, existiert nicht. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 366
Debatte

Es mangelt an Arbeit, nicht an Fachkräften

Von Martin Staiger
Datum: 04.04.2018
Geradezu fanatisch malen Arbeitgeber das Gespenst des Fachkräftemangels an die Wand. Mit unseriösen Zahlen und falschen Schlussfolgerungen. In Wahrheit mangelt es nicht an Fachkräften, sondern an anständig bezahlter Arbeit.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht der Fachkräftemangel beschworen wird. Die Gleichung geht so: Zurückgehende Arbeitslosenzahlen bei gleichzeitig steigender Zahl der offenen Stellen ist gleich Fachkräftemangel. "Händeringend", berichtete Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer vergangene Woche, suchten die Unternehmen nach Arbeitskräften. Dass es keine einzige empirische Untersuchung gibt, die einen Fachkräftemangel belegt oder wenigstens überwiegend wahrscheinlich macht, scheint in Zeiten von Fake News unwichtig.

Wie man die Meinung, es herrsche Fachkräftemangel, "macht", hat kürzlich in vorbildlicher Weise der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vorgeführt. Am 13. März veröffentlichte er seinen Arbeitsmarktreport 2018 und eine Pressemitteilung mit dem Titel "Fachkräfte gesucht wie nie!". Die zentrale Botschaft: Für 60 Prozent der Betriebe ist der Fachkräftemangel das "Geschäftsrisiko Nummer eins". Die zentrale Zahl: 1,6 Millionen. So viele Stellen können, so der DIHK "längerfristig nicht besetzt werden". Kaum war die Pressemitteilung in der Welt, rauschte es im elektronischen Blätterwald. "DIHK ermittelt. In Deutschland fehlen 1,6 Millionen Fachkräfte", titelte "faz.net". Von der "Zeit" bis zur "Heilbronner Stimme" war als Headline zu lesen: DIHK – Fachkräftemangel belastet Unternehmen immer stärker.

Hintergrund der Pressemitteilung war eine Umfrage des DIHK, an der sich 24 000 Unternehmen beteiligt haben. Der DIHK stellte vier Fragen, für die drei bis acht vorgegebene Antwortmöglichkeiten sowie bei zwei Fragen außerdem "Sonstiges" angekreuzt werden konnten (hier die Ergebnisse als PDF).

Ominöse 1,6 Millionen offene Stellen

Das auf 31 Seiten publizierte Ergebnis des Fragebogens stimmt nun aber nicht mit der Pressemitteilung überein. Dass 1,6 Millionen Stellen längerfristig nicht besetzt werden können, wird vom DIHK zwar im Arbeitsmarktreport 2018 behauptet, aber es wird nicht erklärt, woher diese Zahl kommt – es gibt nicht einmal eine unplausible Erklärung, sondern einfach gar keine.

Lieblingsthema der Politik: Landes-Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (rechts, CDU) mit Staatssekräterin Bärbel Mielich (Grüne) 2016 bei einer Veranstaltung der Fachkräfteallianz.
Lieblingsthema: Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (rechts, CDU) mit Staatssekräterin Bärbel Mielich (Grüne) 2016 bei einer Veranstaltung der Fachkräfteallianz.

Außerdem bejahten lediglich 48 Prozent der befragten Unternehmen die Frage, ob sie derzeit offene Stellen länger als zwei Monate nicht besetzen können – und nicht, wie die Pressemitteilung nahelegt, 60 Prozent. Diese Zahl hatte man aus einer früheren Umfrage eingefügt, in der der DIHK seine Mitgliedsunternehmen unter anderem fragte, wo die Unternehmen die "größten Risiken bei der wirtschaftlichen Entwicklung ... in den kommenden 12 Monaten" sehen. Auf diese Frage, auf die auch mehrere Antworten gegeben werden konnten, hatten die befragten Unternehmen zu 60 Prozent "Fachkräftemangel" angekreuzt.

Da in der aktuellen Umfrage außerdem nicht nach der Zahl der Stellen, die nicht besetzt werden können, gefragt wurde, ist es durchaus möglich, dass eine Reihe von Unternehmen mit Ja geantwortet haben, die nur wenige Stellen, im Minimalfall zwei, nicht besetzen können, was nicht unbedingt für einen Fachkräftemangel spricht. Außerdem ist es durchaus üblich, dass die Besetzung einer Stelle länger als zwei Monate dauert.

Nach der Stellenerhebung des Instituts für Arbeitsmarkts- und Berufsforschung (IAB) gab es im vierten Quartal 2017 insgesamt rund 1 184 000 offene Stellen, davon waren 200 000 später zu besetzende Stellen. Rund 20 Prozent der offenen Stellen erfordern keinen Berufsabschluss – bei diesen Stellen kann also nicht davon gesprochen werden, dass sie aufgrund eines Fachkräftemangels nicht besetzt werden können. So bleibt von den angeblich 1,6 Millionen Fachkraftstellen, die laut dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag längerfristig nicht besetzt werden können, noch rund die Hälfte übrig. Und da nach den Erkenntnissen des IAB etwas mehr als die Hälfte der offenen Stellen nicht einmal bei der Agentur für Arbeit gemeldet ist, scheint sich bei einer ganzen Reihe von Unternehmen, die neue MitarbeiterInnen suchen, das Händeringen in Grenzen zu halten.

Dem angeblichen Mangel an Fachkräften steht ein großes Überangebot an Arbeitskräften gegenüber. 2,46 Millionen offiziell Arbeitslose, von denen mehr als die Hälfte eine abgeschlossene Berufsausbildung hat, und etwa weitere 960 000 beschönigend als "unterbeschäftigt" bezeichnete, in Wahrheit ebenfalls arbeitslose Menschen, zu denen unter anderem über 58-jährige Langzeitarbeitslose und 1-Euro-Jobber gehören, haben keinen Arbeitsplatz. Außerdem ist eine unbekannte Zahl von Menschen, die nicht bei der Agentur für Arbeit gemeldet sind, ebenfalls auf der Suche nach einer Anstellung. Zum Beispiel Eltern, die wegen der Betreuung ihrer Kinder ausgesetzt haben, oder Kleinselbständige, die sich mangels einer Anstellung selbstständig gemacht haben, aber lieber angestellt arbeiten würden. Dazu kommt eine unbekannte Zahl von Teilzeitbeschäftigten, die ihre Arbeitszeit gerne aufstocken würden.

Jeder Fünfte verdient unter 10 Euro die Stunde

Schaut man sich die Struktur des Niedriglohnsektors an, die vom Institut Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen im jährlich erscheinenden Niedriglohnreport beschrieben wird, bleibt von der Botschaft vom Fachkräftemangel endgültig nichts mehr übrig. 2015 – neuere Informationen liegen noch nicht vor – verdienten 22,6 Prozent aller abhängig Beschäftigten weniger als 10,22 Euro brutto pro Stunde. 63 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten hatten eine Berufsausbildung und elf Prozent sogar einen Hochschulabschluss. Wenn es tatsächlich einen Fachkräftemangel gäbe, müssten sich diese mehr als fünf Millionen im Niedriglohnbereich tätigen Fachkräfte vor besser bezahlten Angeboten eigentlich kaum retten können. Aber nichts passiert. Trotz sinkender Arbeitslosenzahlen verharrt die Niedriglohnbeschäftigung auf fast unverändertem Niveau.

Schlechte Arbeitsbedingungen machen Jobs unattraktiv.
Schlechte Arbeitsbedingungen machen Jobs unattraktiv.

Zwei interessante Zitate aus dem Arbeitsmarktreport 2018 des DIHK zeigen, dass das von den Arbeitgebern beklagte Problem zum großen Teil selbstgemacht ist: "Stellenbesetzungsprobleme bestehen häufig bei Zeitarbeitsunternehmen (83 Prozent)... Auch die Sicherheitswirtschaft (78 Prozent), Gesundheits- und Sozialdienstleister (73 Prozent), der Straßengüterverkehr (63 Prozent) sowie das Gastgewerbe (62 Prozent) sind besonders betroffen. Hier handelt es sich zumeist um Stellen, die eine berufliche Ausbildung voraussetzen, aber keine Hochqualifizierten erfordern." Und: "Das zweithäufigste Motiv der Unternehmen für die Fachkräftesuche ist die Fluktuation von Arbeitskräften (39 Prozent). Hier sind in erster Linie die Dienstleister betroffen (45 Prozent)."

Im Klartext: Branchen mit miesen Löhnen haben Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu bekommen. Und wer schlecht bezahlt wird, ist schnell wieder weg, wenn er etwas besser Bezahltes findet. Die Therapie des Problems ist naheliegend. Wenn – insbesondere im Dienstleistungsbereich – bessere Löhne bezahlt werden, werden auch die Stellenbesetzungsprobleme geringer. Und wenn nicht nur einzelne, sondern alle Personalabteilungen die Fantasie aufbringen würden, dass man auch Über-50-Jährige, nur in Teilzeit Leistungsfähige, Schwerbehinderte, Langzeitarbeitslose oder (ehemals) Wohnungslose einstellen kann, würde man nicht mehr von Fachkräftemangel sprechen.

Stattdessen rufen die Unternehmen lieber nach dem Staat. So bejahten 55 Prozent der befragten Unternehmen bei der Frage, welche Rahmenbedingungen verändert werden sollen, den Vorschlag "Qualifikation der Schulabgänger verbessern". Bei "Berufliche Bildung stärken (z.B. Berufsorientierung an Gymnasien, Stärkung der Berufsschulen)" kreuzten 58 Prozent Ja an. An dieser Stelle haben die Unternehmen ja Recht. Bei der Bildung liegt hierzulande vieles im Argen. Was vor allem damit zusammenhängt, dass Deutschland einen deutlich geringeren Anteil seines Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgibt als die meisten anderen OECD-Länder. Wie sich das ändern soll, sagt der DIHK allerdings nicht. Im Gegenteil: Er fordert regelmäßig Steuersenkungen.

Aus Steuersenkungen lässt sich mehr Bildung allerdings nicht bezahlen. Doch doch, lautet die Milchjungenrechnung der Angebotstheoretiker: Weil dann mehr Arbeitsplätze entstehen und trotz niedrigerer Steuersätze mehr Steuern reinkommen. Es bleibt die Frage, wer diese schönen, neuen Arbeitsplätze besetzen soll, wenn doch der Fachkräftemangel angeblich jetzt schon so groß ist. Die Antwort ist einfach: Diese Rechnung geht nicht auf.


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