Warnstreik bei Vollmond. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 358
Politik

Auf in eine neue Welt

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 07.02.2018
Baden-Württembergs Metaller haben wieder einmal Tarifgeschichte geschrieben. Mit dem Anspruch auf individuelle Arbeitszeitverkürzung erkennen die Arbeitgeber ihre Mitverantwortung an. Dafür, dass gesellschaftliche Herausforderungen nicht auf Beschäftigte, einzelne Unternehmen und schon gar nicht nur auf den Staat abgewälzt werden.

Roman Zitzelsberger, der IG-Metall-Bezirksleiter, lobt die Einigung in sechs Verhandlungsrunden, begleitet von Warnstreiks, als Meilenstein. Er hat Recht. Zum einen mit Blick auf eine gerechtere Balance zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen im zunehmend digitalisierten Alltag. Zum anderen hinsichtlich von Erziehungs- und vor allem Pflegeleistung in unzähligen Familien. Seine Gewerkschaft wollte ursprünglich sogar einen finanziellen Teilausgleich für die neue verkürzte Vollzeit erstreiten. Herausgekommen sind immerhin zwei zusätzliche freie Tage, die die Unternehmen allein zu finanzieren haben für alle, die vorübergehend kürzertreten wollen oder müssen, die Kinder bis acht Jahren betreuen, die in Schicht arbeiten, oder die Angehörige pflegen. Zwei Drittel dieser Pflege-Arbeit wird in der Bundesrepublik von der Familie und nicht in Pflegeheimen geleistet.

"Zeit statt Geld" heißt die neue Zauberformel. In Umkehr zu der bis heute propagierten Ansicht der Kapitalseite, die weit überwiegende Mehrzahl der Beschäftigten wolle lediglich mehr arbeiten, um sich einen Urlaub oder ein dickeres Auto leisten oder das eigene Häusle schneller abbezahlen zu können. Eine Gewerkschaftsumfrage aus dem vergangenen Jahr zeichnet ein anderes Bild: 83 Prozent der MitarbeiterInnen wünschten sich, die Arbeitszeit vorübergehend absenken zu können, um Arbeit und Privatleben besser zu vereinbaren. 62 Prozent der Frauen mit Kindern unter 14 Jahren arbeiten bisher in Teilzeit zwischen 21 und 34 Stunden in der Woche, in der Regel ohne Anspruch auf Rückkehr zur Vollzeit. Deshalb war es auch wenig elegant, dass Südwestmetall-Chef Stefan Wolf seit Beginn der Tarifrunde die Ablehnung neuer Zeitmodelle immer wieder mit dem Hinweis auf eine angebliche Diskriminierung von Frauen begründete. Sein Argument hieß, sie seien ja nicht in Vollzeit tätig und könnten deshalb von einer 28-Stunden-Woche nicht profitieren.

Sie profitieren doch. Zwischen Vollzeit -und Teilzeit-Beschäftigten wird bei der neuen Regelung zur Reduzierung kein Unterschied gemacht. "Vernünftig" nennt Wolf das neue Tarifsystem inzwischen, allerdings werde es "in seiner Komplexität für viele Betriebe schwer zu tragen sein". Was wiederum nur ein Teil der Wahrheit ist, denn schon seit Jahrzehnten lassen sich gerade im Südwesten Betriebe für Familien- und Frauenfreundlichkeit auszeichnen. "Unternehmen positionieren sich zunehmend als familienbewusst im sich verschärfenden Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte", sagte Stefan Küpper, der Geschäftsführer Politik, Bildung und Arbeitsmarkt der Arbeitgeber Baden-Württemberg, als vor acht Wochen 58 Unternehmen im Land prämiert wurden.

Einmal mehr hat der Südwesten mit der nächtlichen Einigung seinem Ruf als Pilotbezirk alle Ehre gemacht. Ellenlang ist das Register wegweisender Weichenstellungen, die in Baden-Württemberg für die gesamte bundesrepublikanische Metallbranche ausgehandelt wurden. Gestreikt wurde schon Mitte der Fünfziger, damals aus Solidarität mit Schleswig-Holstein, wo es in einem erbitterten, 16 Wochen andauernden Arbeitskampf um das immergrüne Thema Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ging. 1963, im Streit um eine gestaffelte Lohnerhöhung, griffen die Arbeitgeber sogar – wie davor zuletzt 1928 – zum Instrument der Aussperrung im ganzen Tarifgebiet. 1967 wurde unter dem legendären Willi Bleicher die 40-Stunden-Woche eingeführt und wenig später die Forderung nach "Humanisierung der Arbeitswelt" zum Abbau gesundheitsgefährdender und belastender Arbeitssituationen erhoben.

Noch ein Meilenstein wurde im damals noch eigenständigen Tarifgebiet Nordwürttemberg-Nordbaden erstritten. Er hatte mit dem immer wichtiger werdenden Themen Zeitsouveränität und Selbstbestimmung zu tun. 1973 wurden die Erholungspausen für ArbeiterInnen am Fließband neu geregelt und die Steinkühler-Pause eingeführt – fünf Minuten pro Stunde –, benannt nach dem damaligen Stuttgarter IG-Metall-Bezirksleiter Franz Steinkühler. Sie gilt noch heute, wenn auch nurmehr für Beschäftige im Akkord. 1984 schließlich wurde in Baden-Württemberg Historisches geschafft: Nach sechs Wochen Streik samt Schlichtung durch den früheren Bundesminister Georg Leber (SPD) der Einstieg in die 35-Stunden-Woche anstelle der bis dahin üblichen 40 Stunden. Wobei sich am Zusatz "bei vollem Lohnausgleich" bis heute die Geister scheiden. Denn logischerweise verzichteten die Beschäftigten für mehr Freizeit auf Lohn, weil die Arbeitgeber das Gesamtvolumen ihrer Belastung, hätte es keine Wochenarbeitszeitverkürzung gegeben, in eine Erhöhung der Bezüge hätten fließen lassen.

Dieses Gesamtvolumen beziffern die Arbeitgeber bei dem jetzt erzielten Abschluss mit 3,45 Prozent. Gewerkschafter wiederum hören die Zahl nicht so gern, denn das erstrittene Lohn-Plus von 4,3 Prozent nach einer Forderung von sechs Prozent klingt deutlich stattlicher. Die gibt es ab 1. April 2018, dazu einmal hundert Euro Einmalzahlung für Januar bis März 2018, und im Juli 2019 ein sogenanntes tarifliches Zusatzgeld von 27,54 Prozent des Monatsgehalts plus 400 Euro, das auch noch dauerhaft wirksam bleibe soll. Doch wie kommt es zu den unterschiedlichen Prozentwerten, die Arbeitgeber und Gewerkschaften verkünden? Der neue Tarifvertrag läuft bis zum 31. März 2020, weshalb der Zuwachs umgelegt werden müsste auf 27 Monate. Aufs Jahr gerechnet – wie es früher Brauch war – liegt das reale Plus beim Lohn logischerweise deutlich unter den von der IG Metall hochgelobten 4,3 Prozent.

Bis 2020 wird auch klarer sein, ob und wie sich der Anspruch auf die neue verkürzte Vollzeit von 28 Stunden, die – immer wieder übrigens – für 24 Monate gewährt werden müssen, tatsächlich auswirken wird. Dasselbe gilt für die im Gegenzug vereinbarte Öffnung der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 35,9 bis auf 40 Stunden. Sie soll, bei entsprechenden Nachweisen im einzelnen Betrieb, Problemen entgegenwirken, die sich zunehmend als Folge des Facharbeitermangels bemerkbar machen. Südwestmetall-Chef Wolf spricht von "Chancen und Risiken für die betriebliche Praxis", Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger sogar von einem "Grundstein für ein flexibles Arbeitszeitsystem für das 21. Jahrhundert". Was zu beweisen sein wird, wenn es tatsächlich an eine gerechte Verteilung der Digitalisierungsrenditen geht.

Viele der Regelungen für den Südwesten wurden in der Vergangenheit bundesweit übernommen, manche nicht, wie etwa die "Steinkühler-Pause". Der erste Lakmustest steht noch in dieser Woche in den Verhandlungen für Bayern an: "Wir hätten uns einen weniger komplexen Tarifvertrag gewünscht", konnte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie, seine Begeisterung gerade noch zügeln. Aber der Druck auf die Arbeitgeber ist groß, auf dem Weg "in eine moderne, selbstbestimmte Arbeitswelt" mitzugehen, wie IG-Metall-Chef Jörg Hofmann formuliert. Denn viel zu lange sei "Flexibilität bei der Arbeitszeit allein ein Privileg der Arbeitgeber gewesen".

An den realen wie an den digitalen Werktoren ist die Einschätzung einhellig. "Das ist der beste Abschluss seit Einführung der 35-Stunden-Woche", kommentiert einer, dessen Vater schon "beim Daimler" geschafft hat, und der jetzt darauf hofft, so viel Zeit für seine Kinder zu haben "wie keine Arbeitergeneration vor mir".


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3 Kommentare verfügbar

  • Spartakus 2.0
    am 11.02.2018
    An dieser neuen Welt werden 9 von 10 Arbeitnehmer nicht teilhaben können.
    Wenn Sie das Kleingedruckte gelesen hätten wüssten Sie das die Möglichkeit auf diese Teilzeit auf 18 % begrenzt ist.Also 82 Prozent sie nicht in Anspruch nehmen können.
    Da man wohl davon ausgehen kann das kleinere Betriebe sicher Probleme mit der Umsetzung haben werden und Sonderregelungen bekommen werden oder der Arbeitnehmer sein Recht einfach nicht durchsetzen kann werden sich diese 82 % noch erhöhen.
    Darüber hinaus werden die Arbeitgeber sicher ungerne für Arbeitszeitverkürzer neue Leute einstellen.
    In der Realität wird man sehen das auch keine Produktion abgesenkt wird sondern die verbleibenden Kollegen das Arbeitspensum zusätzlich bewältigen müssen.
    Was 5 arbeiten müssen dann halt zukünftig 4 schaffen.

    4,3% sieht erstmal stattlich aus.
    Sind bei einer Laufzeit von 2 Jahren aber lediglich ein Inflationsausgleich.
    6 % (Bodenpersonal Lufthansa) macht sich noch besser in fetten Lettern.
    Sind aber bei einer Laufzeit von 33 Monaten so ziemlich die gleiche Verarsche.

    Berichten Sie doch mal über die Arbeitsbedingungen die beim beliebtesten Arbeitgeber am Fliessband herrschen.In was für einem Takt da die Leute im Schichtdienst für ein Leben fristen.
    Wenn man solche Bedingungen Tieren im Zoo zumuten würde gäbe es einen Aufschrei.
    Greenpace würd sich am Gehege anketten.
  • Dr. Diethelm Gscheidle
    am 08.02.2018
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    leider wird hier aus Umfragen ein falscher Schluss gezogen: Wenn lt. einer Gewerkschafts(!)-Umfrage 83% der Beschäftigten eine Absenkung der Arbeitszeit möchten, dann zeigt dies für mich das, was ich schon immer wusste: Dass Gewerkschaftsmitglieder zum größten Teil faul sind und eigentlich nicht arbeiten wollen. Dies ist ja auch ganz logisch: Wer gut und fleißig arbeitet, braucht keine Gewerkschaft; solche Angestellte wird der Arbeitgeber auch ganz freiwillig besser bezahlen. Wer dagegen faul ist, benötigt eine Gewerkschaft, um durch Streik-Erpressung (Streik - also schon wieder nicht arbeiten wollen! Ich sage es doch: die sind einfach nur faul!) Lohnerhöhungen durchzubekommen.

    Glücklicherweise habe ich durch Einstellungs-Tests bisher vermeiden können, dass in meinem Institut irgendwelche Gewerkschaftsmitglieder arbeiten - würde ich von einer Gewerkschaftsmitgliedschaft erfahren, könnte sich dieser Angestellte sofort seine Papiere abholen! Leider bin ich dennoch mit faulen Angestellten geschlagen, so dass eine Lohnerhöhung selbstverständlich nicht in Frage kommt - schließlich bezahle ich meinen faulen Angestellten von MEINEM Geld fürstliche Gehälter!

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Diethelm Gscheidle
    (netter, toleranter und sozialer Scheff, Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)
    • Peter Kurtenacker
      am 09.02.2018
      Einerseits kann ich diese polemische Antwort von Gscheidle verstehen. Gewerkschaft ist nicht nur Solidarität, sondern teilweise knallharter Kampf um Einzelinteressen von Mitarbeiter der Konzerne. Die großen Boni der Damiler-Mitarbeiter werden zum Beispiel bei Zulieferer wie Mahle mit erwirtschaftet. Und wenn es geht bis hin zu Lasten von Menschen in Bangladesch oder sonst wo. Und die bekommen nichts von den voraussichtlichen ca.5000€ Extrazahlungen. Das ist bei Mindestlohn allein ein halbes Jahresgehalt.
      Andererseits ohne den Kampf der Gewerkschaften würden die Masse der Menschen immer noch im Elend leben und ein paar "Kapitalisten" würden alles verprassen. Diese Gegensätze setzen sich dann in anderen Bereichen fort.
      Selbst die sogenannten Rechten und Linken bauen auf egoistischen Interessen einzelner Gruppen. Warum sollen normale Menschen für Güter von korrupten Adligen uä. in Pommern auch nur nachdenken? Zumal danach der Krach wegen irgendwelcher Dinge im Elsaß ansteht? Ach ja, dann kommen die Mailänder und wollen die heiligen drei Könige aus Köln haben, usw. Und die Kirche hat eh immer alles zusammen geklaut nach Meinung der Linken. Alle sind verlogen, auch die zuletzt genannten Kirchen.
      In den polemischen Beitrag von sogenannten Dr. Diethelm Gscheidle wird das schön aus Sicht eines sogenannten Chefs auf die Spitze getrieben. Gleichzeitig ist der Fehler dieser Denkweise auch im Text: Er spricht von seinen Institut. Und das wird letztendlich wieder von der Gemeinschaft finanziert. Ab gesehen das jeder sofort weiß, so jemand ist gar nicht fähige gute Leute zu bekommen.
      Als Gewerkschafter der IG BAU könnte ich noch eine viel tiefere und fundierter Kritik abliefern. Warum tut das niemand mehr? Noch mehr Öl in unsere zerrissene Gesellschaft schütten? Jeder sollte sich einmal genau überlegen ob er will das unser jetziges System den Bach her untergeht? Das dringend zum Teil tiefgreifende Veränderungen nötig sind unterschreibe auch ich sofort. Aber wollt Ihr wirklich Lösung in Richtung Links oder Rechts, wie wir sie schon einmal hatten? Und seht ihr nicht was in der übrigen Welt abläuft?
      Es sollte eigentlich eine Transformation der Gesellschaft zu humaneren Lösungen stattfinden. Keine Zerstörung und von der jeweiligen Gruppe erhofften Neuaufbau in ihren Sinne. Klappt eh nicht.
      Mit diesen Tarifabschluss bin ich auch nicht so glücklich. Ich darf nur erinnern das die IG Metall zb. eine 35 Stunden-Woche hat und andere Berufe dagegen sogar eine 42 Stunden-Woche haben. Jetzt bekommen sie sogar noch andere feine Dinge dazu. Aber jeder weiß: Beim Damiler kann ich "Urlaub" für die Pflege bekommen. Schon der Leiharbeiter daneben kann davon nur träumen. Und die Krankenschwester erzählt uns wahrscheinlich eine noch schlimmere Geschichte. Gleichzeitig wissen die Reichen nicht mehr wo sie ihr Geld "sinnvoll investieren" können. Allein das man so etwas inzwischen formulieren kann hätte vor 40-50 Jahren niemand geglaubt.
      Unsere ganzes System ist sehr krank und der Beitrag Gscheidle muss so eingeordnet werden, er ist Satire. Die Linken Argumentationen anderer sind nur der Gegenpol einer nicht funktionierten Zukunftsschau.
      Sollte Gescheidle wieder Erwarten tatsächlich irgendwo etwas zu melden haben, wird er Gnadenlos scheitern. Ich hoffe er sich wenigstens etwas gedacht als er den "Unsinn" niederschrieb. Vielleicht war es ja ein Test.
      Weil mich jetzt viele entsprechend in einen Gutmenschen oder ähnliches einordnen: Bin ich nicht und ich hoffe das die SPD-Basis die Koalition ablehnt. Ich gehöre keiner Partei an, nur der IG BAU und den Sozialverband VdK. Da sieht man dann genug Elend. Und es nimmt sprunghaft zu. Das einzige wo ich mit Rechten und Linken voll übereinstimme: Noch einmal Merkel und ihre Alterstruppe hält das Land nicht aus. Da werde auch ich notfalls mit Krückstock auf die Demo gehen müssen.

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