Ausgabe 358
Editorial

Raus aus den Gräben

Von unserer Redaktion
Datum: 07.02.2018

Immerhin: Mit dem Eispickel hat niemand zugeschlagen. Die Kombattanten leben noch. Das ist ein erstes, beruhigendes Fazit der Debatte, die erfahrungsgemäß trotzkistisch-tödlich enden kann: die Lage der Linken. In Kontext haben wir sie zuletzt mit den Texten "Die Lücke der Linken" und "Verquere Kopfgeburt" geführt. Beide haben sich mit Sarah Wagenknecht/Oskar Lafontaine und der Frage beschäftigt, was nun gebraucht wird: eine linke Bewegung oder Bewegung in der Linken?

Locker auf dem Hocker würden wir jetzt für beides plädieren, aber das geht so einfach nicht. Dazu ist die Gemengelage in den Kommentarspalten zu aufgewühlt, fast glaubenskriegerisch. Da haben wir die "5. Kolonne", die "voll auf Angriff" gebürstet ist. Namentlich wird die Parteispitze Kipping/Riexinger genannt und als Krönung Michael Weingarten, der Kontext-Autor. (Wir erinnern uns, es war Heiner Geißler, der den Begriff benutzte, um die SPD in den 1980er-Jahren als Agentin des Ostblocks zu diffamieren). Da gibt es die Vorstöße aus dem Saarland, die entweder "antiemanzipatorisch, antisolidarisch und kapitalismusapologetisch" oder nur deshalb auf dem Markt sind, weil "jedes Paar ein gemeinsames Projekt" benötigt. Letztere Vermutung äußert die grüne Böll-Stiftungsvorsitzende Heike Schiller ("ein anderes geht kegeln") und lässt offen, was besser ist. Und außerdem ist da der Kommentator, der angesichts der vielen widerstreitenden Meinungen sicher ist, dass sich der "neoliberale Mainstream" wieder einmal "auf die Schenkel klopfen kann". Das wollen wir natürlich nicht.

Wir hätten es, jetzt aber ganz ernst, gerne etwas cooler beziehungsweise wie Lena M., die Antoine Saint-Exupéry zitiert: "Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer". Also raus aus den Gräben, mit offenem Blick und viel Phantasie. Dazu passt der Beitrag des Hamburger Soziologen Frank Adloff, der uns gefragt hat, ob er sich an der Debatte beteiligen kann. Mit seiner Forderung nach "Konvivalität" wolle er sich gegen die politische und intellektuelle Ideenlosigkeit wenden, schrieb er. Ein spannendes Stück und so ganz ohne Schaum vor dem Mund.

Oberschwäbische Sumpfgebiete

Völlig andere Probleme hat man im oberschwäbischen Ravensburg. Wie berichtet, wollen dortige Schuldirektoren nur noch Trommler beim Rutenfest mitmarschieren lassen, die gute Noten haben.

Eckart Schlotke heute (links) und 1955 (zentral) mit dem Ravensburger Trommelkorps vor dem Stuttgarter Neuen Schloss.
Eckart Schlotke heute (links) und 1955 (zentral) mit dem Ravensburger Trommelkorps vor dem Neuen Schloss.

Das ist einem Alt-Trommler sauer aufgestoßen: Eckart Schlotke, einst stolzes Mitglied des 16-köpfigen Korps, das sogar in der Landeshauptstadt aufgetreten ist. 1955 war's, vor dem Neuen Schloss, das nur noch aus einer Fassade bestand. "Die Lehrer haben da nichts zu sagen", betont der 80-Jährige, "das hat's in 130 Jahren nicht gegeben". Tatsächlich schreibt es die Tradition der Trommler vor, dass sie ihre Truppe selbst zusammenstellen. Und dabei ging es, erinnert sich Schlotke, nie um Zeugnisse und auch nicht um burschenschaftliches Gewese. Der Schlag bei den Frauen war wichtig. Später wurde er Architekt, unter anderem bei Lothar Späth. Der war damals Geschäftsführer bei der gewerkschaftseigenen Neuen Heimat und hat sich Grundstücke gerne vom Hubschrauber aus angeschaut. Manches ausgeguckte Stückle konnte Schlotke nicht beplanen, weil es ein Sumpfgebiet war. Eines davon war nicht weit weg von Ravensburg.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:







Ausgabe 402 / Feel the Schpirit / Gunther Bauer / vor 1 Tag 33 Minuten
facepalm....






Ausgabe 402 / Feel the Schpirit / Karl Krützmann / vor 2 Tagen 9 Stunden
Kleine Korrektur - Feel the Sprit



Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!