Ausgabe 355
Editorial

Protest gegen Bullshit

Von unserer Redaktion
Datum: 17.01.2018

Natürlich waren wir dort! Bei der 400. Stuttgarter Montagsdemo, deren Geschichte wir in der vergangenen Woche erst gewürdigt haben. Die komplette Kontext-Redaktion sowie die Vorstände Anni Endress, Jürgen Klose und Johannes Rauschenberger verteilten Kontext in gedruckter Version und standen am Kontext-Stand Rede und Antwort. Dabei ging es erstaunlicherweise nicht nur um unsere Berichterstattung über den Tiefbahnhof – eine aus Ravensburg angereiste Demonstrantin freute sich, dass in der letzten Kontext "Manne Lucha eins draufgekriegt hat". Einige Male wurden wir auch darauf hingewiesen, dass Kontext doch noch zum einen oder anderen Aspekt von Stuttgart 21 etwas bringen könnte.

Weil der Irrwitz des Bahnhofsverbuddelungsprojekts so ungeheuer facettenreich ist, können wir nicht ganz ausschließen, dass es noch ein paar von uns unbeackerte Felder, pardon, Baugruben gibt. Aber viele sicher nicht, die in den über 500 Kontext-Texten zu S 21 nicht schon Thema waren. Die wichtigsten davon haben wir vor kurzem in einem Dossier zusammengefasst und unseren Lesern zu Weihnachten geschenkt. Neben sieben anderen Dossiers zu den wichtigsten Kontext-Themen. Wir wollen an dieser Stelle nur nochmal dezent erinnern... Auch übrigens an den am Montag vorgestellten Appell von 160 Wissenschaftlern, Politikern und Kulturschaffenden an Kanzlerin Angela Merkel, S 21 jetzt zu stoppen.

Seit 400 Wochen demonstrieren Menschen montags in Stuttgart gegen S21. Foto: Joachim E. Röttgers
Zum 400. Mal demonstrierten Menschen auf der Montagsdemo gegen S 21. Foto: Joachim E. Röttgers

Warum es so wichtig ist, Stuttgart 21 weiterhin im Auge zu behalten – und kritischer zu begleiten als die Landesregierung – machte auf der 400. Montagsdemo die Kabarettistin Christine Prayon deutlich. Sie sieht in dem Projekt ein "praktiziertes Fallbeispiel", eine Blaupause, "wie man sukzessive in Verhältnisse rutscht, welche der Ausspruch 'Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf' beschreibt." Uns hat ihre Demo-Rede so gut gefallen, dass wir sie in unsere Ausgabe genommen haben.

Mafia

Vor zwei Wochen war Sandro Mattioli, Mafia-Experte und Kontext-Gründungsredakteur im Jahr 2011, für eine Mikrosekunde im Ludwigshafener Tatort zu sehen, weil er für den Drehbuchautor als wissenschaftlicher Berater gearbeitet hat. Die Mikrosekunde war zwar so kurz, dass keiner von uns ihn entdeckt hat, aber dafür kam Mattioli einige Tage später zu ausgiebigerer Fernsehpräsenz, als Experte unter anderem für den SWR angesichts der Razzia gegen Mafia-Angehörige in Deutschland. Für Kontext stellt er fünf Thesen auf, warum die Mafia hierzulande immer noch massiv unterschätzt wird. Und wie man dies ändern könnte.

50 Jahre 68

Protest in Stuttgart, manche mögen sich erinnern, gab's auch vor Stuttgart 21 schon. Zum Beispiel 1968. Das zur Chiffre für eine Protestgeneration gewordene Jahr wird angesichts des 50. Jubiläums noch ausgiebig medial rauf- und runtergenudelt werden. Bevor sich also ein allzu großes Völlegefühl einstellt, haben wir unseren Kolumnisten Peter Grohmann schon jetzt gebeten, einen kleinen subjektiven Rückblick zu schreiben. Wie es überhaupt zu diesem komischen 68 kam, was das Besondere in Stuttgart war. Und wie es kam, dass damals die Dutschkes manchmal in seiner WG wohnten. Gegen die "Meinungsdiktatur der 68er" hat ja CSU-Lautsprecher Alexander Dobrindt vor kurzem eine "konservative Revolution" gefordert. Warum das "Bullshit" ist, erläutert für Kontext Philosophieprofessor Michael Weingarten.

Nachruf

Im Alter von 58 Jahren ist der Kollege Thomas Leif gestorben. Der SWR-Chefreporter zählte zu den nachfragenden Journalisten, die sich mit schnellen Antworten nicht zufrieden gaben. Das galt im Übrigen auch für den eigenen Arbeitgeber, dem er kein pflegeleichter Mitarbeiter war. Leif hat auch das Netzwerk Recherche mitbegründet. Wir von Kontext werden ihn als kritischen Wegbegleiter und Ratgeber vermissen.


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