Ausgabe 355
Politik

La Mafia non esiste

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 17.01.2018
Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen: Die Mafia-Razzien mit 169 Verhaftungen und der Beschlagnahme von 50 Millionen Euro konfrontieren Baden-Württemberg mit einem ganz alten Thema. Das Land ist seit Jahrzehnten mehr als nur Rückzugsraum für die italienische organisierte Kriminalität.

Nirgendwo in Deutschland, wissen die Fahnder des Landeskriminalamts (LKA), leben mehr Mafiosi als im Südwesten. Mit "circa 140 mutmaßlichen Mitgliedern" wird ihre Zahl im Bericht für das Jahr 2015 angegeben. Schon seit den 60er- und 70er- Jahren seien "einhergehend mit der Anwerbung von Gastarbeitern, Stützpunkte gebildet worden", heißt es weiter. Aufgeführt werden die kalabrische 'Ndrangheta, die Stidda und die Cosa Nostra aus Sizilien, die Camorra aus Neapel und Kampanien und diverse Clans aus Apulien.

Ein Jahr später bringen LKA-Experten ein neues "brisantes Thema" und unglaubliche Summen ins Spiel: "Mit dem Begriff Agro-Mafia bezeichnet die Polizei organisierte Straftaten im Zusammenhang mit dem italienischen Lebensmittelmarkt." Der Umsatz sei nach Untersuchungen des italienischen Bauernverbandes Coldiretti und des römischen Forschungsinstitutes Eurispes "in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und beträgt aktuell rund 15 Milliarden Euro" pro Jahr.

Oettinger ist nie was aufgefallen

Zu den in der vergangenen Woche Verhafteten gehört auch Mario Lavorato, der sich bekanntermaßen Günther Oettinger verbunden fühlte. Und umgekehrt. Viele Dutzend Male ging der CDU-Politiker in dem Weilimdorfer Lokal an Lavoratos Olive fritte vorüber, den Involtini di Melanzane, den gefüllten Pomodori und vielen weiteren Köstlichkeiten. Nirgendwo sonst in der Stadt war das Vorspeisenangebot exquisiter als im Stammlokal des aufstrebenden Jungunionisten. 15 Jahre lang, wird Oettinger später im Untersuchungsausschuss des Landtags zur Praxis der Telefonüberwachung aussagen, war er bis zum Herbst 1992 regelmäßig Gast. Verdächtiges sei ihm damals nicht aufgefallen – weder am Wirt selbst noch in seinem Lokal oder im Umfeld –, "das auf etwaige Kontakte zur Mafia hingewiesen hätte".

Dabei war das herausragende Preis-Leistung-Verhältnis erstaunlich und die Diskussion um die Einführung eines Geldwäsche-Paragrafen seit Jahren im Gange. Bei einem Journalistenabend mit dem damals frischgekürten CDU-Fraktionschef Oettinger, Anfang der 90er Jahre, gab der Wirt aufgeräumt Auskunft darüber, wie das aus- und einladende Antipasti-Angebot entstand: Seine Familie habe viele Rezepte gesammelt, Tanten und Großtaten gingen ihm gern zur Hand.

Schon zu diesem Zeitpunkt hatten Ermittler längst einen ganz anderen Eindruck: Dass Lavorato seinerseits Dritten zur Hand ging, der Familie, die genetisch betrachtet nicht die seine war. Seit den Achtzigern in Kassel und danach in Stuttgart wurde gegen den Italiener ermittelt, Abhörmaßnahmen inklusive. Er stand im Verdacht, der "Cosca Farao" anzugehören. Pentiti, auspackende Aussteiger also, hatten als mutmaßlichen Boss Giuseppe Farao genannt, einen Unternehmer aus der Provinz Cosenza, und dazu zwei Stützpunkte in Melsungen bei Kassel und in Stuttgart. "Nebenräume von Pizzerien und Eisdielen würden als Rauschgiftdepots, Waffenlager und Organisationszentralen benutzt", zitiert der "Spiegel" damalige LKA-Erkenntnisse.

Entscheidende Ermittlungserfolge blieben allerdings aus. "Solange die Polizei einschließlich des Bundeskriminalamts wegen Personalmangel, fehlender Dolmetscher und wegen nicht funktionierender internationaler Zusammenarbeit an relevante Informationen nicht herankommt, so lange werden Fahndungserfolge Zufallstreffer bleiben", urteilte der Grünen-Abgeordnete Rezzo Schlauch in seinem Votum zum Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses.

Lavorato holt sich einen renommierten Presserechtler

Tatsächlich war nicht nur das Telefon in der Pizzeria abgehört worden, das auch Oettinger nutzte, zum Beispiel vor 27 Jahren, an den Tagen rund um den Rücktritt von Lothar Späth. Abgehört wurde auch die Telefonzelle auf der anderen Straßenseite. Und sogar eine Kamera war im Einsatz. Dass Lavorato einen Anschluss für ein Faxgerät besaß, entging den Fahndern allerdings zumindest vorübergehend. Ohnehin wussten die Kollegen aus Hessen längst, dass Entscheidendes nicht am Telefon verhandelt wurde. In Melsungen war eine Spielhalle am Marktplatz täglicher Treffpunkt.

Es ist viel geschrieben worden über Oettingers Verbindungen zu Lavorato. Manche Details könnten komisch sein. Als im Herbst 1993 öffentlich wird, dass die Behörden den Gastronomen im Fadenkreuz haben, geht der Italiener in die Offensive, engagiert den renommierten Stuttgarter Medienrechtler Karl Egbert Wenzel und lädt Journalisten in die Eckkneipe an der Solitudestraße, um seine weiße Weste zu präsentieren und sogar einen Teil seiner Vermögensverhältnisse offenzulegen. Das ruft erst recht Ermittler auf den Plan, diesmal die der Steuerfahndung. Tatsächlich wird der Wirt Anfang 1995 vom Landgericht Stuttgart wegen Steuerhinterziehung zu einer Bewährungsstrafe und einer Geldbuße von 250 000 Mark verurteilt.

O-Ton Bundeskriminalamt am 9. Januar: "Ziel der Anti-Mafia-Ermittler ist es, die kriminellen Aktivitäten sowie die Funktionsweisen und die Strukturen des Clans Farao-Marincola der kriminellen Gruppierung 'Ndrangheta festzustellen. Die Gruppierung aus der kalabrischen Gemeinde Cirò gilt als übergeordnete Gruppierung mit großem Einfluss über die benachbarten Regionen hinaus. Die einzelnen Strafvorwürfe reichen von versuchtem Mord, Erpressung, Geldwäsche und Verstoß gegen das Waffengesetz, internationaler Kfz-Verschiebung, illegalem Handel und illegale Verschiebung von Müll bis hin zu unlauterem Wettbewerb. Der Gruppierung sei es darüber hinaus gelungen, Einfluss auf bedeutende italienische Wirtschafts- und Handelszweige, wie zum Beispiel die Herstellung und den Verkauf von Fisch, Wein und Backwaren zu nehmen und den Gewinn aus diesen Geschäften auch in Norditalien und Deutschland zu investieren."

In dem Buch "Wir können alles – Korruption & Kumpanei im Musterländle" beschreiben die Autoren, wie der Oettinger-Freund im Zuge der "Operation Galassia" gegen die 'Ndrangheta wenig später verhaftet, ausgeliefert und schlussendlich 1999 freigesprochen wird vom Vorwurf der Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung. Wieder lud er JournalistInnen in sein Lokal, wollte sich feiern wegen erwiesener Unschuld.

Vor zwei Jahrzehnten hatte sich der Innenausschuss des Landtags vor Ort ein Bild machen wollen von den Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden. Seit Herbst 1992 war für "Geldwäsche; Verschleierung unrechtmäßig erlangter Vermögenswerte" ein neuer Paragraph 261 ins deutsche Strafgesetzbuch aufgenommen worden. In Palermo erfuhren die Abgeordneten, wie es dazu kommen konnte, dass die Mafia "Eckpfeiler der Gesellschaft" ist, dass in Italien überhaupt erst 1982 der Strafrechtstatbestand der Zugehörigkeit geschaffen wurde. Aus der ältesten Altstadt, der Albergheria, hatten sich öffentliche Hand und Verwaltung damals längst zurückgezogen, selten gab es Wasser und Müllabfuhr nahezu nie, aber eine Arbeitslosenquote von über 70 Prozent. Und es gab tapfere Männer und Frauen, etwa die Donne contra la Mafia, die die Verstrickungen zwischen Staat und organisierter Kriminalität offenlegen wollten. Mehr als die Hälfte der Mitglieder im Anti-Mafia-Ausschuss des palermitanischen Parlaments, der Vorsitzende inklusive, hatten seinerzeit selbst ein einschlägiges Verfahren am Hals.

Keine Landesregierung hat gegen die Mafia gearbeitet

Jahrelang blieb das Thema auf der Tagesordnung, aber nicht in den Schlagzeilen. Trotz einschlägiger Erkenntnisse, siehe die LKA-Berichte, sah sich keine Landesregierung aufgerufen, einer Entwicklung entgegenzuarbeiten, die der "Corriere della Sera" nach der erfolgreichen "Operation Stige" im Morgengrauen des 9. Januar 2018, aus den Ermittlungsakten zitierend, in folgende Worte fasste: "Im Gebiet von Stuttgart" habe "jedes italienische Restaurant" die Waren der Agro-Mafia beziehen müssen. Der Markt für halbfertige Pizzaprodukte und für Wein sei "kontrolliert und monopolisiert" worden.

Geradezu seherisch machte sich Dominik Straub, Italien-Korrespondent mehrerer deutschsprachiger Tageszeitungen, im Dezember auf ins kalabrische San Luca, der "ärmlichen Kleinstadt", in der "fast jeder mit einem Mafioso verwandt ist und ein Bürgermeister mangels unverdächtiger Kandidaten nicht mehr gewählt wird". Auch Straub beschreibt unter vielem anderen die seit Generationen bestehenden kriminellen Verbindungen, den Kollaps der Verwaltung und dass die Mafia in diesen armen Gegenden oft die einzige Organisation sei, "die den arbeitslosen Jugendlichen eine Arbeit vermitteln könne – entweder in Form von kriminellen Aktivitäten wie Drogenhandel oder Schutzgelderpressung oder legal und schlechtbezahlt in den von ihr kontrollierten Betrieben". Nur neun der jetzt Verhafteten seien "bekannte Kriminelle" gewesen. Bei fast allen anderen habe es sich "um vermeintlich honorige Lokalpolitiker und Unternehmer gehandelt, unter anderem der halbe Gemeinderat von Cirò Marino und der Präsident der Provinz Crotone Nicodemo Parrilla". Die Ermittler seien überzeugt, berichtet die "Süddeutsche Zeitung", Parrilla habe "während seiner gesamten politischen Karriere dafür gesorgt, dass dem Clan der Farao und der Marincola und deren Strohfirmen alle fetten Aufträge zugeschanzt wurden".

Mit dem berühmten Mafia-Spruch "La Mafia non existe" überschreiben die LKA-Experten eine ihrer Analysen. In der Tat ist für die übergroße Mehrheit der deutschen Italien-Fans das Thema Mafia nicht existent. Selbst Restaurants von zweifelhaftem Ruf, gegen deren Betreiber schon mal wegen Geldwäsche oder Steuerhinterziehung ermittelt wurde, erfreuen sich beträchtlichen Zuspruchs. Eine Tochtergesellschaft des Rems-Murr-Landkreises hat Lavoratos Ehefrau Magdalena Gleboczyk "als Unterpächterin", wie die Sprecherin im Landratsamt erläutert, das Restaurant im neuen Gesundheitszentrum in Winnenden vermietet. Auf der Facebook-Seite wirbt "Prego da Mario" wiederum im vergangenen April damit, dass Vincenzo Paradiso ein Fünf-Gang-Menü für 45 Euro anbietet. Paradiso betreibt eine "Genussakademie" und "Kochschule" namens "Targa Florio" in Böblingen, deren Gästeliste sich liest wie ein "Who is Who" der heimischen Wirtschaft.

Alle drei, Gleboczyk, Lavorato und Paradiso, sind Mitglieder der "Armig", der Associazione Ristoratori Italiani in Germania, einer Vereinigung kalabrischer Gastronomen. Nach Ansicht der italienischen Staatsanwaltschaft, schreibt das Recherchenetzwerk correctiv, soll ihr Lavorato "Produkte von Unternehmen zugestellt haben, die auf den Clan zurückzuführen waren". Darüber zeigt sich der Offenbacher Gastronom und Armig-Chef Cristofaro Amodeo "völlig überrascht". Sein Verein habe "nichts mit Kriminalität und Vergehen zu tun", betonte er gegenüber correctiv.

Die Zahl der Armig-Mitglieder wird mit 33 angegeben. Nur Lavorato taucht zweimal auf, dank des "Da Prego" in Winnenden und seiner Campinganlage "Villaggio Camping da Mario" in Mandatoriccio Mare. Mit warmen Worten und in der dritten Person schreibt er über sich selbst: "Am Sandstrand stehen Sonnenschirme, Liegestühle und Duschen sowie WC zur Verfügung (...) Die Ferienanlage wird von Mario Lavorato geleitet, mit seiner über 30-jährigen Gastronomieerfahrung in Weilimdorf leitete er das Ristorante Da Mario und richtete viele Feste in Stuttgarter Firmen und Familien aus, er ist weit über die Grenzen von Stuttgart bekannt und beliebt. Er achtet besonders auf Qualität und Sauberkeit."

Ob Oettinger sich davon vor Ort überzeugt hat – immer wieder erwähnt wurde in diesem Zusammenhang ein Campingurlaub mit seinem Sohn im Jahr 2008 –, steht bis heute ungeklärt im Raum. Ganz sicher hat er, da schon als Ministerpräsident, Urlaub bei einem anderen Italiener gemacht, Maurizio Oliveri auf Mallorca. Auch der ist nach staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und jahrelanger Abwesenheit wieder zurück in Stoccarda, hat inzwischen das "Primafilia" übernommen. Der Pächter sei "stadtbekannt und bietet italienische Klassiker an", schreibt die "Stuttgarter Zeitung". Auch diese Trattoria ist Armig-Mitglied. Der Blick in die Statuten der Associazione eröffnet angesichts der auf 1300 Seiten zusammengetragenen Erkenntnisse der mutigen kalabrischen Staatsanwälte zur Agro-Mafia und den erzwungenen Ankäufen eine ganz besondere Perspektive. Alle Betreiber verpflichten sich, "vorrangig" italienische Produkte, zu 70 Prozent italienische Weine und "ausschließlich hochwertigen, italienischen Kaffee" zu verwenden.


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2 Kommentare verfügbar

  • Gerald Fix
    am 20.01.2018
    Ich denke, diesem wichtigen und durchaus guten Artikel würde nichts fehlen, wenn der Name Oettinger nicht neunmal auftauchen würde.
    • Andromeda Müller
      am 22.01.2018
      Sehr geehrter Herr Fix ,
      warum keine Namen nennen ? Das wäre doch der erste kleine und richtige Schritt .
      Im Übrigen verweise ich , um nicht zu langweilen auf :
      https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/319/mafia-vernetzt-im-laendle-4359.html
      Es gäbe Weiteres hinzuzufügen.

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