Am Theater Konstanz wird zurzeit "Gomorrah" aufgeführt. In der Realität ist die Mafia in Baden-Württemberg auch aktiv – aber unsichtbar. Fotos: Bjørn Jansen

Am Theater Konstanz wird zurzeit "Gomorrah" aufgeführt. In der Realität ist die Mafia in Baden-Württemberg auch aktiv – aber unsichtbar. Fotos: Bjørn Jansen

Ausgabe 319
Politik

Mafia: Vernetzt im Ländle

Von Sandro Mattioli
Datum: 10.05.2017
Die Mafia ist flexibel, anpassungsfähig und sie hat ihre Finger längst nach Süddeutschland ausgestreckt. Ein Grund zur Sorge, aber vor allem für politische Konsequenzen, meint unser Autor. Er ist Vorsitzender von Deutschlands einzigem Antimafia-Vereins.

Im Jahr 2009 konnten die Beamtinnen und Beamten der Antimafia-Staatsanwaltschaft in Reggio Calabria live miterleben, wie sich ein neues Mafiamassaker in Deutschland ankündigt. Im Fokus dabei: Baden-Württemberg. Die Erinnerung an den Sechsfach-Mord in Duisburg war noch frisch – damals, in der Nacht des 14. August 2007, lagen nach der rituellen Aufnahme eines Zöglings in die Mafia sechs tote Männer auf dem Gehweg vor dem Restaurant Da Bruno in Duisburg, hingerichtet von einem gegnerischen Clan. Zwei Jahre später hörten die Antimafia-Ermittler mit, wie sich zwischen den 'Ndrangheta-Zelle im schweizerischen Frauenfeld und der Zelle im deutschen Bodenseeraum ein Konflikt anbahnte.

Der Clan aus Frauenfeld wollte sein Machtgebiet ausdehnen und Richtung Süddeutschland expandieren. Eine Delegation fuhr nach Konstanz, zeigte sich dort öffentlich und brachte damit den Fehdehandschuh persönlich vorbei, als Machtdemonstration. Innerhalb der Zelle rund um Singen war der Ärger darüber groß. Was nun aber passierte, überraschte vermutlich auch die süditalienischen Ermittler: Die Expansionslust der schweizerischen Mafiosi wurde gänzlich unblutig beendet, per Schlichterspruch in der Heimat der Clans.

Was hier passiert ist, zeigt, dass die 'Ndrangheta in der Lage ist, die gegebene Situation zu analysieren und Schlüsse daraus zu ziehen. Und genau dies macht ihre Gefährlichkeit aus. Sie passt sich immer an die gegebenen Bedingungen an. Ließ sich mit Entführungen Geld verdienen, entführte sie reiche Industrielle oder deren Kinder und versteckte sie im Aspromonte-Gebirge mit seinen unzugänglichen Höhlen. Der Einstieg ins Kokainbusiness ließ eine völlig neue Klasse von Mafiosi wachsen: stinkreich (auch wenn sie es oft nicht zeigen), international operierend und mit Verbindungen zu den oberen gesellschaftlichen Schichten. Ließ sich mit Müll gerade viel Geld machen, entsorgte sie eben Abfall. Und große Bauprojekte wie die Autobahn von Salerno nach Reggio Calabria und andere schafften erneut Spezialisierungen. Das ist bekannt.

Die Spur des Geldes führt nach Baden-Württemberg

Warum ist diese Entwicklung für die Menschen in Baden-Württemberg wichtig? Zum einen, weil das Ländle mit am stärksten in Deutschland mit Mafiosi kontaminiert ist. Die Mafia bleibt hierzulande aufgrund fehlender Gesetze weitgehend unbehelligt: Die Mitgliedschaft in der Mafia ist in Deutschland anders als in Italien nicht strafbar, die Anti-Geldwäsche-Gesetzgebung ist bestenfalls als löchrig zu bezeichnen. Auch die so wichtige Beweislastumkehr – also dass die Polizei Investoren zwingen kann, die Herkunft des investierten Kapitals zu erklären – fehlt bisher, auch wenn diesbezüglich eine Gesetzesänderung in Arbeit ist. Zudem wird die Möglichkeit, kriminelle Gewinne einzuziehen, nur äußerst unzureichend genutzt, so dass Deutschland ein Paradies für Gruppen der Organisierten Kriminalität allgemein ist, nicht nur der Italiener. Daran ändern auch gelegentliche Festnahmen, etwa wie im Fall einer Singener 'Ndrangheta-Zelle im Jahr 2011, nichts. Fast immer gehen sie auf italienische Initiativen zurück.

Vor allem diese ständige Entwicklungsfähigkeit, die kontinuierliche Anpassung an veränderte Bedingungen, ist es, die die größte Gefahr für das demokratische Gemeinwesen durch die Mafia darstellt. Die Clans haben inzwischen viele Aufgaben wie etwa ihre wirtschaftliche Weiterentwicklung zentralisiert, sie sind damit nicht mehr in der Hand der einzelnen Clans, sondern erfolgen unter der Ägide des übergeordneten Kollektivs. Zudem wirbt die 'Ndrangheta Kompetenz gezielt an. Die Clans sind bestens vernetzt und interagieren mit sämtlichen relevanten gesellschaftlichen Schichten, auch in Deutschland und im Besonderen in Baden-Württemberg. "Die 'Ndrangheta ist eine bedeutende wirtschaftliche Macht", sagt etwa der ehemalige Mafiaboss Luigi Bonaventura, der die Seiten gewechselt hat und nun mit den Ermittlern zusammenarbeitet. "Ginge man ihr wirklich ans Geld, zöge sie ihr ganzes Kapital aus Deutschland ab." Dann aber hätte das Land ein Problem. Baden-Württemberg ist für sie wegen der wirtschaftlichen Stärke und Solidität hochinteressant. Die Betrachtung der Mafia als eine Bauernbande ist infolgedessen hochgefährlich.

Die Politik im Land muss aufwachen

Auch in Baden-Württemberg funktioniert die Anpassung an vorhandene Situationen: Wenn die Clans wissen, dass ihre einzelnen – polizeibekannten – Mitglieder unter Beobachtung stehen, finden sie eben andere Wege, ihre Gelder ins Ländle zu bringen und zu investieren. Beispielsweise haben Ermittlungen ergeben, dass tatsächlich Bargeld in großem Stil mit Koffern nach Deutschland gebracht wird. Im Übrigen reden wir hier von Geldern im bis zu dreistelligen Millionenbereich, so ein Informant, der nicht genannt werden will. Die dazu nötigen Netzwerke haben die Clans längst aufgebaut, und es sind keineswegs rein italienische Netzwerke.

Weil zugleich Baden-Württemberg auch darin spitze ist, die Clans zu unterschätzen, bekommen diese dabei keine größeren Probleme: Die Landespolitik, egal welcher Couleur, ignoriert die Mafia-Präsenzen zuverlässig.

Man muss hier nicht all die ollen Kamellen hervorholen, die hinreichend bekannt sind, wie etwa die Freundschaft des damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden und heutigen EU-Kommissars Günther Oettinger zu einem italienischen Gastwirt aus Stuttgart, die aber, so Oettinger, inzwischen nicht mehr bestehe. Dieser war zwar nie als Mafioso verurteilt worden, an seiner Zugehörigkeit zu der Organisation hatten Insider jedoch nie Zweifel.

Es gibt genügend aktuelle Fälle. Die Stuttgarter Oberstaatsanwaltschaft, die europäische Haftbefehle gegen Mafiosi im Land nicht anerkennt (und damit ihre Kollegen in Italien erzürnt), Staatsanwaltschaften, die verheißungsvolle Ergebnisse von Vorermittlungsverfahren nicht zum Anlass nehmen, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Gut situierte Investoren aus Stuttgart, die auf Vermittlung von Stuttgarter Gastwirten in Photovoltaik-Anlagen der Mafia in Italien investieren . Die Projekte sind dort in Reggio Emilia gerichtskundig geworden, in Deutschland von den Sicherheitskräften auch beobachtet worden

Allerdings wäre es nun an der Landespolitik, sich zu fragen, wie es sein kann, dass Stuttgarter Honoratioren in Mafia-Unternehmungen investieren – und wie sie etwas dagegen tun kann. Doch immer noch ist die Mafia kein politisches Thema im Südwesten. Eine Verstärkung der Abteilungen für Organisierte Kriminalität bei der Polizei wäre ein erster Schritt, entsprechende Kommunikationen an die Staatsanwaltschaften ein weiterer.

In Konstanz, also just dort, wo sich 2009 ein erneutes Gemetzel ankündigte, wird nun das Theaterstück Gomorrha, nach Roberto Savianos Buch gleichen Titels, in seiner deutschen Fassung aufgeführt. Es ist ein erster kleiner Schritt. Es bleibt zu hoffen, dass irgendwann die baden-württembergische Regierung aufwacht, bevor hier norditalienische Verhältnisse herrschen. Im Norden Italiens sind manche Geschäftszweige, etwa die Erdbewegungen, aber auch große Teile der Baubranche, fest in der Hand der Mafia und mehr Gemeinderäte von der Mafia infiltriert als in Süditalien. Im Übrigen haben seriöse Studien der Universität Turin dort bewiesen, dass die Wirtschaftsleistung sinkt, wenn die Infiltrationen durch die Mafia wachsen.

 

Info:

Sandro Mattioli ist Vorsitzender von "Mafia? Nein Danke!", dem einzigen deutschen Antimafia-Verein, mit Sitz in Berlin. Der Journalist und frühere Kontext-Redakteur beschäftigt sich seit Jahren mit den Machenschaften der Mafia. Er ist Co-Autor des 2011 erschienen Buches "Die Müllmafia: Das kriminelle Netzwerk in Europa". Am 12. Mai ist er zum Theatertalk nach Konstanz eingeladen, um über das internationale Netzwerk von Mafia und Wirtschaft zu sprechen. Am Theater Konstanz wird derzeit das Theaterstück "Gomorrha" nach Robert Savianos Bestseller aufgeführt.


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